Sezession
1. Februar 2011

Autorenportrait Lawrence von Arabien

Martin Lichtmesz

pdf der Druckfassung aus Sezession 40, Februar 2011

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Hans Magnus Enzensberger bemerkte einmal, die Wissenschaft sei »notorisch« ohnmächtig vor der Macht des »Bilderbogens«, der Kolportage und der Legende über das historische Gedächtnis: »Niemand hat die Historie der Historiker im Kopf.« Diese Sätze könnten auch als Motto über einer Biographie von Thomas Edward Lawrence (1888–1935) stehen, der als »Lawrence von Arabien« zu einem der schillernden Fabelwesen des 20. Jahrhunderts geworden ist. Der junge Archäologe aus Oxfordshire war seit 1914 im Dienst des britischen Geheimdienstes in Kairo; seine ungewöhnliche Fähigkeit, Sprache und Sitten der Araber anzunehmen, ließ ihn schnell deren Vertrauen gewinnen. Lawrence avancierte zu einem bedeutenden Führer und Strategen des arabischen Aufstands (1916–18) gegen das Osmanische Reich, das sich mit Großbritannien im Krieg befand.

Den dazugehörigen Bilderbogen, den heute jeder kennt, hat David Lean 1962 in Form eines Monumentalfilms in Breitwand und Technicolor geschaffen. Peter O’Toole verkörperte den »Gelehrten, Dichter und mächtigen Krieger«, allerdings fern jeder Hollywood-Naivität, als modern-ambivalente Figur zwischen Hybris und Zerknirschung, Edelmut und Ruchlosigkeit, Grazilität und Gewalttätigkeit, Willenstärke und Selbstzweifeln, übermenschlicher Selbstbeherrschung und dunklen Leidenschaften. Was mit der triumphalen Einnahme der jordanischen Hafenstadt Aqaba beginnt, der ein heroischer Gewaltritt durch die Wüste vorangeht, endet schließlich im Grauen des Massakers von Tafas an türkischen Soldaten. »Keine Gefangenen!«, schreit ein vor Blutrausch zitternder Lawrence, ehe er sich persönlich an dem großen Gemetzel beteiligt. So gut wie alles in dem Film ist stark dramatisiert, wenn nicht überhaupt frei erfunden. Die Freunde und Verwandten, die 1962 noch am Leben waren, gaben zu Protokoll, daß die Filmfigur wenig Ähnlichkeit mit ihrem Vorbild habe.

O’Tooles abgründige Interpretation war bereits Folge einer revisionistischen Neubewertung der nationalen Ikone. Lawrence war einer der berühmtesten Menschen der Zwanziger und Dreißiger Jahre gewesen. Michael Korda vergleicht seinen Status mit dem von Elvis, den Beatles oder gar Prinzessin Diana. Als er starb, romantisierten ihn Nachrufe als »Troubadour« und »Ritter in schimmernder Rüstung«. Winston Churchill nannte ihn einen »der größten Menschen unserer Zeit« und fürchtete, man werde »seinesgleichen niemals wiedersehen«. Seine Popularität verdankte er dabei zu einem erheblichen Teil dem amerikanischen Journalisten und Fotografen Lowell Thomas, der 1919/20 mit einer neuartigen Multimedia-Show durch Großbritannien und die USA tourte und Lawrences Abenteuer einem Millionenpublikum präsentierte. Dieser fühlte sich jedoch in der Rolle als Buffalo Bill des Medienzeitalters alles andere als wohl. Auf dem Höhepunkt seines Ruhmes zog sich Lawrence, den viele für einen Selbstdarsteller und Hochstapler hielten, aus der Öffentlichkeit zurück und diente bis knapp vor seinem frühen Lebensende unter einem Inkognito als einfacher Soldat in der Luftwaffe. Als er im Alter von 46 Jahren bei einem Motorradunfall ums Leben kam, war das Interesse an ihm ungebrochen. Bis heute streiten sich seine Biographen leidenschaftlich über Dichtung und Wahrheit seines unwahrscheinlichen Lebens. Schon 1927 warnte Lawrence den jungen Dichter Robert von Ranke-Graves: »Ich bin ein ziemlich komplizierter Mensch, und das eignet sich schlecht für eine einfache Biographie«.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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