1. Februar 2011

Islam und Christentum

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 40 / Februar 2011

von Karl-Heinz Kuhlmann

Die Ausgangslage ist mit einem Satz beschrieben: Für Kirche und Christenheit ist der Islam historisch wie sachlich eine religiös-politische Fremdgestalt. Er wird als das weltkirchengeschichtliche Rätsel zu gelten haben, das sich einer eigentlich theologischen Beurteilung noch immer entzieht. Die bisher entwickelten Einordnungskriterien – der Islam sei eine christliche Heterodoxie, Paganismus oder eine autonome Weltreligion – sind theologisch nicht ohne weiteres ineinander zu vermitteln. Dem Wunschbilde weltweiter Religions- und Menschenrechtskompatibilität entspricht es freilich, die theologischen Fragen ganz fallen zu lassen und den Islam einfach als die »andere« Religion Europas hinzunehmen.

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So wird der Islam mehr oder weniger autochthonisiert, als sei er da, wo er heute steht, schon immer gewesen; er wird zugleich temporalisiert, in seiner Existenz von den Kreuzzügen und der spanischen Reconquista her begriffen und damit überwiegend als Opfer hingestellt. Es kommt aber darauf an, den Islam aus seinem ursprünglichen Expansionswillen zu begreifen und seinen Anspruch, Vollendung des Gottesglaubens zu sein, theologisch ernstzunehmen. Die beispiellosen Eroberungen gerade des frühen Islam gelten ihm selbst ja als der große Gcschichtsbeweis für seine Überlegenheit; sie und der Koran bilden das göttliche Doppelwunder, mit dem die islamische Weltzeit angebrochen und zugleich durch eine neue Zeitrechnung dokumentiert sei.

Damit tritt der Islam dem Christentum in ausdrücklicher Rivalität gegenüber; er beansprucht, mit dem Christlichen auch Jesus Christus selbst überboten zu haben. Hier zum »Dialog« aufzurufen bleibt schwierig. Es dürfte sinnvoller sein, statt eine dialogische Situation zu unterstellen, von Begegnung und Konfrontation zu sprechen und auch deren Scheitern einzurechnen: Es gibt keine christliche Begegnung mit dem Islam, geschweige einen Dialog, ohne daß die Notwendigkeit christlicher Selbsterhaltung klargestellt und der absolute Geltungsanspruch des Christentums deutlich gemacht würde.

Die allgemeine geistige Leere bezüglich des religiösen Wissens in der heutigen Generation Deutschlands ist in der Geschichte ohne Beispiel. So sind die beiden letzten Generationen in Deutschland, besonders in der DDR, praktisch als religiöse Analphabeten aufgewachsen. Indem die Religion erfolgreich aus dem öffentlichen Bereich verbannt wurde, sind die meisten Deutschen in Sachen Religion entweder irritiert oder sie weichen jeder Diskussion darüber aus. Die Teilnahme von »hochrangigen« christlichen Politikern und Kirchenleuten bei der Einweihung der größten Moschee Deutschlands in Duisburg, deren Bau außerdem noch von 3 Millionen Euro öffentlicher Mittel gefördert wurde, belegt das nachdrücklich.

Und so stehen wir am theologischen Scheideweg. Wollen wir den Weg des traditionellen Christentums gehen, das den Islam als eine falsche Religion abgelehnt hat (siehe die Regensburger Rede Papst Benedikts XVI., der später leider wieder »zurückruderte«) Wollen wir die Verteidigung unseres Glaubens betonen? Oder sollen wir die Rolle des sogenannten »fortschrittlichen « oder liberalen Christentums übernehmen, das bestimmte Wahrheiten und Gemeinsamkeiten im Islam erkennen will und damit nur noch zu einer »sanften« Verteidigung bereit ist?

Es gibt kein authentisches christliches Zeugnis, das sich nur auf individuelle Glaubenssicherheit beruft. Immer muß es sich auf die Kirche beziehen, die wiederum in der Lage sein muß, ihre Existenz zu begründen. Von daher kann eine einleuchtende Begründung des christlichen Glaubens nicht auf dem Altar der »politischen Korrektheit« oder der »kulturellen Gleich-Gültigkeit« geopfert werden. Was also ist zu tun? Ich möchte im folgenden zwei Schritte vorschlagen, die wir gegenüber dem Islam zur Kenntnis nehmen und gehen müssen. Das sind die Lehre von Gott und die Lehre von Christus.

Um es klar zu sagen: Der Gott Mohammeds ist nicht der Vater Jesu Christi. Dabei geht es hier nicht um Wortklauberei, sondern um eine theologische Angelegenheit mit vielen Verästellungen. Zu sagen, weil Allah ein arabisches Wort für Gott sei und YHWH ein hebräisches für Gott, darum verehren Christen, Juden und Muslime denselben Gott, ist mehr als naiv; ja, ist geradezu gotteslästerlich. Die islamische Theologie verwirft die Göttlichkeit Christi und das Personsein des Heiligen Geistes, – beides wesentliche Teile des christlichen Gottesverständnisses. Kein frommer Muslim kann den Gott Mohammeds – Allah – »Vater« nennen, denn das würde für ihn die göttliche Transzendenz aufs Spiel setzen. Aber kein gläubiger Christ wird sich weigern, mit Vertrauen zu bekennen: »Ich glaube an Gott, den Vater … den Allmächtigen!« Abgesehen von der Menschwerdung und der Dreieinigkeit ist es natürlich möglich zu wissen, daß Gott ist, aber eben nicht, wer er ist, da nach christlicher Auffassung Gott sich in Christus auf einmalige Weise offenbart und festgelegt hat.

So wie der traditionelle Christ die Lehre von Christi Gottheit als unaufgebbar anerkennt, so beharrt der traditionelle Muslim darauf, daß es niemandem erlaubt ist, irgendjemanden oder irgendetwas Gott zuzugesellen und dennoch als einer dazustehen, der den Gott des Islam verehrt. Darüber hinaus lehrt die revisionistische Geschichte des Koran, daß Jesus, Noah und andere Verehrer Allahs waren und nicht des christlichen Gottes. Der Koran erhärtet ferner die Behauptung, daß Christen nicht denselben Gott wie die Muslime verehren. Sure 5,72 verurteilt »andere Götter Allah beizugesellen« und warnt diejenigen, die so etwas tun: »Allah hat ihm (dem Christen/Juden) das Paradies versagt. Das Höllenfeuer wird ihn (den Christen/Juden) dereinst aufnehmen.« Sure 112 trennt Allah vom christlichen Gott, indem sie erklärt: »Sag: Er ist Allah, ein Einziger. Allah, der Ewige, der Absolute; er hat weder gezeugt, noch ist er gezeugt worden. Und keiner ist ihm ebenbürtig.«

Schließlich folgert Sure 4,116: »Gott vergibt nicht, daß man ihm andere Götter beigesellt.« Der bekannte islamische Theologe Abdullah Yusuf Ali erklärt: »So wie in einem weltlichen Königreich das schlimmste Verbrechen der Verrat ist, da er die Existenz des Staates bedroht, so ist auch im geistlichen Königreich die nicht zu vergebende Sünde, die des halsstarrigen Verrats an Allah, Allahs Geschöpfe ihm beizugesellen (Jesus). Dies bedeutet den Aufstand gegen das Wesen und die Quelle des geistlichen Lebens. Es ist, was Plato ›die Lüge der Seele‹ nennen würde. Jedoch sogar hier ist Allahs Gnade immer offen, wenn die Rebellion durch Unwissenheit geschieht und von aufrichtiger Reue und Besserung gefolgt wird«.

Alis Folgerung ist, daß zum Beispiel Petrus diese abscheuliche Sünde beging, als er öffentlich bekannte: »Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes« (Mt. 16,16). Die Kirche selbst jedoch ist auf dieses Glaubensbekenntnis an den Herrn Jesus Christus gegründet; in der Tat an den wahren Charakter Jesu Christi als den Sohn Gottes. Ihn aus der Gottheit zu entfernen, wäre der Todesstoß für die Kirche, das Ende des Christentums. »Denn einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus« (1. Kor. 3,11). Schließlich verwerfen Muslime die Vaterschaft Gottes, die Gottheit Jesu sowie die Person des Heiligen Geistes und ersetzen ihn durch einen Gott, der jenseits der Wesensmerkmale des Monotheismus und der Transzendenz nur entfernt an den Gott der Bibel erinnert.

Eine weitere Problematik ist der Begriff der sogenannten Abrahamitischen Religionen. Mit diesem Begriff werden das Judentum, das Christentum und der Islam gerne bezeichnet: Abraham sei der Urvater aller drei monotheistischen Religionen. Ich halte das für naiv, denn der Umgang der Christen mit der Bibel, die postbiblischen jüdischen Traditionen und die Deutung der Abrahamsgestalt im Koran sind nicht miteinander zu vereinbaren. In der arabischen Überlieferung setzt die Beschäftigung mit der Gestalt des Erzvaters im Koran ein. Da vorislamische Erwähnungen Abrahams und seines ihm von der Magd Hagar geborenen Sohnes Ismael bei den Arabern fehlen, liegt die Vermutung nahe, daß Mohammed diesen Aspekt jüdischen Quellen verdankte.

In der islamischen Legende stehen unterschiedliche Erzählungen von Reisen des Patriarchen auf die Arabische Halbinsel unausgeglichen nebeneinander; auch die Frage, ob Ismael oder Isaak, auf dem allein die Verheißung Gottes ruht (1. Mose 21,12), von seinem Vater geopfert werden sollte, bleibt in den Quellen ungeklärt (Sure 37). Bezeichnenderweise wird diese Episode im Koran in einen Traum verlegt – ein Indiz dafür, daß die Tradition den Erzvater von jedem Makel reinhalten will. Im Mittelpunkt des Bildes von »Ibrahim« (Abraham) steht freilich dessen angebliche Reise nach Mekka und Allahs Auftrag an ihn, das dortige Heiligtum, das »Haus« der Kaaba, von der Unreinheit des Götzendienstes zu reinigen und die Wallfahrtszeremonien des monotheistischen Gottesglaubens einzuführen. Historiker sind sich einig, daß die Gestalt dieses koranischen Propheten wenig mit der gleichnamigen biblischen zu tun hat, wie die Abrahamslegenden des nachbiblischen Judentums. Nach dem Tübinger Islamwissenschaftler Rudi Paret ist die islamische Abrahamslegende bloße Ideologie und damit ad acta zu legen. Für heutige Muslime ist dagegen entscheidend, daß die rabbinischen Traditionsbestände im Koran im wörtlich geoffenbarten göttlichen Wort für alle Zeiten fixiert und in eine verbindliche Form gebracht worden sind. Diese erfordert nach islamischer Mehrheitsmeinung ein historisches Für-wahr-Halten und schließt jede Kritik am »Propheten Ibrahim« aus.

Nicht weniger problematisch, sondern eine unhintergehbare Scheidelinie ist der christliche Glaube an Jesus als des Sohnes Gottes. Muslime können zwar darauf hinweisen, daß sie einen großen Respekt vor Jesus haben und daß niemand sich wirklich für einen Muslim halten kann, der Christus nicht verehrt. Und dennoch müssen Muslime, wie auch alle anderen Menschen, sich darüber klar sein, daß es für einen Christen nicht genügt, Jesus nur zu respektieren. Entweder man betet ihn an oder man lehnt ihn ab. Jesus hat auf seine ewige Herkunft hingewiesen indem er sagte: »Ehe Abraham wurde, bin ich« (Johannes 8,58). »ICH BIN« ist der Begriff für Gott selbst, YHWH (2. Mose 3,14). Jesus sprach nicht nur dieses unaussprechliche Wort YHWH aus, sondern er bezog es auf sich im Tempel. »Da hoben sie (die Juden) Steine auf, um auf ihn zu werfen« (Johannes 8,59), – eine logische Konsequenz für jemanden, der der Gotteslästerung beschuldigt wurde.

Betrachtet man diese Szene und behält die Muslime dabei im Blick, so wird klar: Die Göttlichkeit Christi unterscheidet das Christentum deutlich von allen anderen Religionen in der Welt. Sie ist die große Trennlinie, der unüberbrückbare Graben, eine tiefe Kluft. Der Koran identifiziert Jesus mit vielen Begriffen, die auch Christen gebrauchen. Aber diese Worte haben dann weitgehend unterschiedliche Bedeutungen gegenüber denen, die wir in der Bibel finden. Von Jesus wird gesagt, er sei das »Wort« (Sure 3,45), und dabei ist gemeint, daß er einfach das Werk Allahs verkündete. Jesus wird als »Messias« betrachtet (Sure 9,30–31). Damit soll gesagt werden, daß er der gesalbte Prophet sei, dazu befähigt, die Wahrheit Allahs zu verkündigen. Darüber hinaus glauben Muslime, daß Jesus von einer Jungfrau geboren sei (Sure 3,47) und daß er viele Wunder getan habe, einschließlich Totenauferweckungen (Sure 3,49).

Auf der anderen Seite jedoch ist er im Islam nur Mensch, ein »Bote« (Sure 5,75), der unerbittlich jede Form von Anbetung zurückwies (Sure 4,157). Ganz besonders deutlich wird diese Unterscheidung vom Christentum, wenn der Koran feststellt: »Und weil sie sagten: ›Wir haben Christus Jesus, den Sohn der Maria und Gesandten Allahs, getötet.‹ Aber sie haben ihn in Wirklichkeit nicht getötet und auch nicht gekreuzigt. Vielmehr erschien ihnen ein anderer ähnlich. Und diejenigen, die über ihn uneins sind, sind im Zweifel über ihn. Sie haben kein Wissen über ihn, gehen vielmehr Vermutungen nach. Und sie haben ihn nicht mit Gewissheit getötet. Nein, Allah hat ihn zu sich in den Himmel erhoben. Allah ist mächtig und weise« (Sure 4,157–158).

Obwohl Muslime glauben, daß das Ende des Lebens Jesu im Geheimnisvollen bleibt, behauptet der Koran mit Bestimmtheit, daß es nicht Jesus war, der da am Kreuz gestorben sei. Wer aber ersetzte Christus? Wann wurde er ausgetauscht? Wurden die Jünger vorsätzlich von Gott getäuscht? Hat die Mutter Christi etwa nicht erkannt, daß ihr Sohn nicht ((dieses »nicht« hatte ich in meiner ersten Korrekturversion bereits als überflüssig angemerkt, aber Du hattest es nicht gestrichen. Warum?)) von der Strafe der Kreuzigung befreit worden war? Ließ Gott sie um ihren Sohn weinen, obwohl er nicht auf so schreckliche Weise gestorben war? Wer rief am Kreuz:

»Es ist vollbracht«! und warum wurde ihm gestattet, die Menschen zu täuschen, daß sie nicht länger in ihrer Schuld blieben?

Und schließlich glauben Muslime, daß Jesus wiederkommen werde. Sure 43,61 stellt fest: »Und Jesus ist ein Erkennungszeichen der Stunde des Gerichts. Seid deshalb ja nicht im Zweifel über sie und folgt mir. Das ist ein gerader Weg.« Der Hauptgrund für die Wiederkunft Jesu sei die Vorbereitung des Weges der weltweiten Annahme des Islam und dadurch die Schaffung des Friedens auf Erden. Obwohl muslimische Theologen hier unterschiedlicher Meinung sind, so glauben doch viele, daß der Vers, der sagt: »Die Leute der Schrift müssen an ihn vor seinem Tod glauben«, die Tatsache erklärt, daß die Christen bei Christi Wiederkunft zu dem einen wahren Weg des Islam zurückkehren werden. Andere Traditionen erwähnen, daß Jesus zur Erde zurückkehren, andere über den Koran und die Hadithe (Mitteilungen über Aussprüche und Handlungen Mohammeds) belehren, die Leute im Gebet anführen, Frieden und Wohlstand bringen, den Verzehr von unreinen Tieren beenden und abgöttische Bilder einschließlich der Kreuze entfernen werde.

Christen müssen angesichts solcher Schilderungen ihre Überzeugung über die Person und das Werk Christi am Kreuz sowie die Wiederkunft Christi bekennen. Christus ist der Wiederkommende – »Von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten« – und wird sein Reich errichten. Vielleicht haben es viele Christen vergessen, aber es stimmt wohl, was der englische Erweckungsprediger Charles Haddon Spurgeon (1834–1892) einmal geschrieben hat: »Wir müssen die Wiederkehr des Herrn predigen und das mehr, als wir es getan haben. Zu viele (Pastoren) haben diese Wahrheit zurückgehalten und damit dem Evangelium das Rückgrat entnommen. Es ist zerbrochen worden. Die Lehre vom kommenden Gericht ist die Kraft, durch welche die Menschen wieder aufgerüttelt werden müssen. Es gibt ein anderes Leben; der Herr wird wiederkommen; es wird ein Gericht geben, und der Zorn Gottes wird sich offenbaren. Wo man das nicht predigt – und ich bin so kühn das zu sagen – da wird das Evangelium nicht gepredigt«.


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