Sezession
1. Februar 2011

Kopftuchmädchen

Ellen Kositza

pdf der Druckfassung aus Sezession 40 / Februar 2011

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Es ist rund 50 Jahre her, daß über ein Stückchen Stoff ähnlich heiß debattiert wurde wie derzeit über das Kopftuch. 1962 tauchte im ersten James-Bond Film (»Dr. No«) mit einer dem Meer entstiegenen Ursula Andress der – schon Jahrzehnte vorher wohl von einem Deutschen »erfundene« – Bikini auf. Die Rede von verführerischen, spärlich gekleideten Frauen als »Sexbomben« wurde seinerzeit populär. Bemerkenswerterweise hatte der französische Modeschöpfer des Zweiteilers seine Kreation nach dem Bikini-Atoll benannt, wo die US-Armee ihre berüchtigten Atombombentests durchgeführt hatte. Ein ebenfalls in Paris wirkender Konkurrent hatte zeitgleich an zweiteiligen Badedessous gearbeitet, die er unter dem Namen L ’Atome auf den Markt bringen wollte: Die explosive, im Vergleich zur Atombombe aber doch verlockend handhabbar erscheinende Wirkung des Textilteils ist überdeutlich, und der damals beliebte»Atombusen« tauchte erst jüngst auf einer Roten Liste vom Aussterben bedrohter Wörter auf. Noch 1968 verfügten einige deutsche Schwimmbäder ein Verbot für »das Tragen sogenannter Bikini-Badeanzüge«, die man als »weder anständige noch sportgerechte Badekleidung« empfand.

Dies, Kopftuch- versus überkommener Bikinidebatte, wäre ein unzulässiger Vergleich? Weil das Kopftuch eben keine Modeerscheinung sei, sondern daran ein ganzer Komplex an kulturellen und moralischen Verwicklungen hänge? Wie kern-abendländisch ist eigentlich die umfassende Entschleierung?

In der Tat ist die Sachlage verzwickt, und je genauer wir hinschauen, desto vielfältiger werden die Verästelungen. Es herrscht kein Mangel an Büchern, die sich in aller Gründlichkeit mit einer befürchteten Islamisierung (»Verkopftuchung«) Deutschlands und den damit einhergehenden Verwerfungen auseinandersetzen. Nicht einmal den linksliberalen, über Jahrzehnte multikulturell inspirierten Leitmedien hierzulande wird man vorwerfen können, diesen umfassenden Themenkomplex totzuschweigen. Die kritische Berichterstattung über Ehrenmorde, über muslimische Schulversager und Zivilisationsverweigerer der zweiten und dritten Einwanderergeneration sowie über deren »frauenverachtendes« Gebaren waren bereits vor Sarrazin keine Tabuthemen, schon gar nicht die Debatte über die mutmaßliche Bedrohungslage, die vom Kopftuch ausgehe. Der größere Teil der Bundesländer verbietet das Kopftuch im öffentlichen Dienst. Nein, »gehätschelt« werden unsere (?) Kopftuchmädchen und -frauen gewiß nicht.

Man braucht sich gar nicht durch die Archive reich frequentierter, einschlägiger Netzportale- und Seiten zu wühlen, um einen Hauch der kalten Verachtung, ja des Abscheus zu spüren, die hier keinesfalls von einem halbalphabetisierten Mob, sondern von anscheinend mindestens durchschnittlich gebildeten Bürgern artikuliert wird. Selbst in den Kommentaren zu Internetausgaben großer Zeitungen und Zeitschriften aus der politischen Mitte schafft sich das Unbehagen an Kopftuchträgerinnen (vulgo »Pinguine«, »wandelnde Einzelzellen«, »Minarette«, Särge« etc.) breiten Raum.

Ich stieß auf eine Netzsseite, die eine Sammlung an Witzen über Kopftuchfrauen bereithielt. Was für eine Häme, wieviel Schläge unter die Gürtellinie! Am Ende des bösartigen Ergusses dann der Aberwitz, das »Andererseits «: »Hierbei handelt es sich ausschließlich um ›alte‹ Witze, bei denen das Objekt ›Blondine‹ durch ›Kopftuchfrau‹ ausgetauscht worden ist.«

Gut: Blondinen sind keine Minderheit. Sind es aber die zwei Millionen Frauen aus dem islamischen Kulturkreis, die in Deutschland leben? Oder nur die vielleicht 500 000 unter ihnen, die ein Kopftuch tragen? Ausgrenzungsgefühle zählen unter den negativen Emotionen zu den populärsten. Warum sollten Gefühlsmoden Halt machen vor muslimischen Frauen, zumal vor den soweit westlich angepaßten, daß sie dieses Unbehagen artikulieren können?


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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