Kopftuchmädchen

pdf der Druckfassung aus Sezession 40 / Februar 2011

Es ist rund 50 Jahre her, daß über ein Stückchen Stoff ähnlich heiß debattiert wurde wie derzeit über das Kopftuch.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

1962 tauch­te im ers­ten James-Bond Film (»Dr. No«) mit einer dem Meer ent­stie­ge­nen Ursu­la And­ress der – schon Jahr­zehn­te vor­her wohl von einem Deut­schen »erfun­de­ne« – Biki­ni auf. Die Rede von ver­füh­re­ri­schen, spär­lich geklei­de­ten Frau­en als »Sex­bom­ben« wur­de sei­ner­zeit popu­lär. Bemer­kens­wer­ter­wei­se hat­te der fran­zö­si­sche Mode­schöp­fer des Zwei­tei­lers sei­ne Krea­ti­on nach dem Biki­ni-Atoll benannt, wo die US-Armee ihre berüch­tig­ten Atom­bom­ben­tests durch­ge­führt hat­te. Ein eben­falls in Paris wir­ken­der Kon­kur­rent hat­te zeit­gleich an zwei­tei­li­gen Bade­des­sous gear­bei­tet, die er unter dem Namen L ’Ato­me auf den Markt brin­gen woll­te: Die explo­si­ve, im Ver­gleich zur Atom­bom­be aber doch ver­lo­ckend hand­hab­bar erschei­nen­de Wir­kung des Tex­til­teils ist über­deut­lich, und der damals beliebte»Atombusen« tauch­te erst jüngst auf einer Roten Lis­te vom Aus­ster­ben bedroh­ter Wör­ter auf. Noch 1968 ver­füg­ten eini­ge deut­sche Schwimm­bä­der ein Ver­bot für »das Tra­gen soge­nann­ter Biki­ni-Bade­an­zü­ge«, die man als »weder anstän­di­ge noch sport­ge­rech­te Bade­klei­dung« empfand.

Dies, Kopf­tuch- ver­sus über­kom­me­ner Biki­ni­de­bat­te, wäre ein unzu­läs­si­ger Ver­gleich? Weil das Kopf­tuch eben kei­ne Mode­er­schei­nung sei, son­dern dar­an ein gan­zer Kom­plex an kul­tu­rel­len und mora­li­schen Ver­wick­lun­gen hän­ge? Wie kern-abend­län­disch ist eigent­lich die umfas­sen­de Entschleierung?

In der Tat ist die Sach­la­ge ver­zwickt, und je genau­er wir hin­schau­en, des­to viel­fäl­ti­ger wer­den die Ver­äs­te­lun­gen. Es herrscht kein Man­gel an Büchern, die sich in aller Gründ­lich­keit mit einer befürch­te­ten Isla­mi­sie­rung (»Ver­kopf­tu­chung«) Deutsch­lands und den damit ein­her­ge­hen­den Ver­wer­fun­gen aus­ein­an­der­set­zen. Nicht ein­mal den links­li­be­ra­len, über Jahr­zehn­te mul­ti­kul­tu­rell inspi­rier­ten Leit­me­di­en hier­zu­lan­de wird man vor­wer­fen kön­nen, die­sen umfas­sen­den The­men­kom­plex tot­zu­schwei­gen. Die kri­ti­sche Bericht­erstat­tung über Ehren­mor­de, über mus­li­mi­sche Schul­ver­sa­ger und Zivi­li­sa­ti­ons­ver­wei­ge­rer der zwei­ten und drit­ten Ein­wan­de­rer­ge­nera­ti­on sowie über deren »frau­en­ver­ach­ten­des« Geba­ren waren bereits vor Sar­ra­zin kei­ne Tabu­the­men, schon gar nicht die Debat­te über die mut­maß­li­che Bedro­hungs­la­ge, die vom Kopf­tuch aus­ge­he. Der grö­ße­re Teil der Bun­des­län­der ver­bie­tet das Kopf­tuch im öffent­li­chen Dienst. Nein, »gehät­schelt« wer­den unse­re (?) Kopf­tuch­mäd­chen und ‑frau­en gewiß nicht.

Man braucht sich gar nicht durch die Archi­ve reich fre­quen­tier­ter, ein­schlä­gi­ger Netz­por­ta­le- und Sei­ten zu wüh­len, um einen Hauch der kal­ten Ver­ach­tung, ja des Abscheus zu spü­ren, die hier kei­nes­falls von einem halb­al­pha­be­ti­sier­ten Mob, son­dern von anschei­nend min­des­tens durch­schnitt­lich gebil­de­ten Bür­gern arti­ku­liert wird. Selbst in den Kom­men­ta­ren zu Inter­net­aus­ga­ben gro­ßer Zei­tun­gen und Zeit­schrif­ten aus der poli­ti­schen Mit­te schafft sich das Unbe­ha­gen an Kopf­tuch­trä­ge­rin­nen (vul­go »Pin­gui­ne«, »wan­deln­de Ein­zel­zel­len«, »Mina­ret­te«, Sär­ge« etc.) brei­ten Raum.

Ich stieß auf eine Netzs­sei­te, die eine Samm­lung an Wit­zen über Kopf­tuch­frau­en bereit­hielt. Was für eine Häme, wie­viel Schlä­ge unter die Gür­tel­li­nie! Am Ende des bös­ar­ti­gen Ergus­ses dann der Aber­witz, das »Ande­rer­seits «: »Hier­bei han­delt es sich aus­schließ­lich um ›alte‹ Wit­ze, bei denen das Objekt ›Blon­di­ne‹ durch ›Kopf­tuch­frau‹ aus­ge­tauscht wor­den ist.«

Gut: Blon­di­nen sind kei­ne Min­der­heit. Sind es aber die zwei Mil­lio­nen Frau­en aus dem isla­mi­schen Kul­tur­kreis, die in Deutsch­land leben? Oder nur die viel­leicht 500 000 unter ihnen, die ein Kopf­tuch tra­gen? Aus­gren­zungs­ge­füh­le zäh­len unter den nega­ti­ven Emo­tio­nen zu den popu­lärs­ten. War­um soll­ten Gefühls­mo­den Halt machen vor mus­li­mi­schen Frau­en, zumal vor den soweit west­lich angepaß­ten, daß sie die­ses Unbe­ha­gen arti­ku­lie­ren können?

Feind­se­li­ge Bli­cke, ein abfäl­li­ger Spruch, kopf­schüt­teln­de Pas­san­ten, ein sich her­vor­ra­gend ver­kau­fen­des Büch­lein mit hämi­schen »Zelt­frau­en«– Zeich­nun­gen – wie haben wir das zu wer­ten? Von tät­li­chen Über­grif­fen auf Kopf­tuch­frau­en (aus der auto­chtho­nen Bevöl­ke­rung her­aus!) lesen wir wenig. Da geht es die­sen »Dis­kri­mi­nier­ten« ähn­lich wie unzäh­li­gen ande­ren Grup­pen von Normab­weich­lern, die man­geln­de gesell­schaft­li­che Akzep­tanz bekla­gen: den Voll­zeit­vä­tern, den kin­der­lo­sen Frau­en, den Groß­fa­mi­li­en, den Gesichts­ge­pierc­ten und den knut­schen­den Homo­se­xu­el­len. Ob das öffent­li­che Nase­rümp­fen und die anony­me Netz­pö­be­lei gegen all jene ein instink­ti­ves Reflex­ver­hal­ten, res­sen­ti­ment­ge­la­de­ne Spie­ßig­keit oder gar »grup­pen­be­zo­ge­ne Men­schen­feind­lich­keit« ist, sei dahingestellt.

Woher aber der Spott und der Unwil­len, der dem Auf­tritt einer kopf­tuch­tra­gen­den Hay­rü­nis­sa Güls nicht als migran­ti­sche Inte­gra­ti­ons­ver­wei­ge­rin, son­dern als Gat­tin des tür­ki­schen Staats­prä­si­den­ten ent­ge­gen­schlug? Die Mas­se derer, die höh­nisch an der Frei­wil­lig­keit sol­cher Ver­schleie­rung zwei­felt, stellt nicht in Fra­ge, ob eine 14jährige in Hot­pants und bauch­na­bel­frei­em Ober­teil oder die Was­ser­stoff­blon­de mit den ope­ra­tiv ver­grö­ßer­ten Brüs­ten wirk­lich nur ihren urei­ge­nen Schön­heits­im­pe­ra­ti­ven fol­gen. Auf den gehar­nisch­ten Frau­en­pro­test, der im Iran auf die gesetz­lich erzwun­ge­ne Entschleie­rung durch den Schah folg­te, sei nur am Ran­de hingewiesen.

Grob umris­sen, ste­hen vier Hal­tun­gen zum Kopf­tuch zur Disposition:

Ers­tens: Kopf­tuch­geg­ner, die mit jeg­li­cher Ver­schleie­rung auch der Ein­wan­de­rung gene­rell skep­tisch gegen­über­ste­hen. Rech­te Par­tei­en und Lob­bys sowie viel­ge­stal­ti­ge Stim­men »aus dem Volk« ste­hen für die­se (von den eta­blier­ten Medi­en gemie­de­ne) Hal­tung, für die das Kopf­tuch eine Speer­spit­ze der »mus­li­mi­schen Land­nah­me« dar­stellt. Inte­gra­ti­ons­kon­zep­te wer­den abge­lehnt, allen­falls eine völ­li­ge Assi­mi­lie­rung wür­de akzeptiert.

Zwei­tens: Die, in deren Kul­tur­kreis es gebräuch­lich ist, sind jeder­zeit will­kom­men, jedoch ohne Kopf­tuch, weil dies als Sym­bol der Frau­en­un­ter­drü­ckung und damit der Miß­ach­tung uni­ver­sa­ler Men­schen­rech­te gilt. In Frank­reich, wo der Lai­zis­mus seit über einem Jahr­hun­dert offi­zi­el­le Staats­dok­trin ist, nähert man sich die­ser Hal­tung in voll­ende­ter Kon­se­quenz an: Im Schul­un­ter­richt und in Uni­ver­si­tä­ten ist das Kopf­tuch ver­bo­ten, maß­geb­li­che femi­nis­ti­sche Insti­tu­tio­nen sowie gro­ße Tei­le der Regie­rung stre­ben an, das Kopf­tuch­ver­bot auf den gesam­ten öffent­li­chen Raum auszudehnen.

Drit­tens: Die­je­ni­gen, denen das Kopf­tuch im öffent­li­chen Raum als Zei­chen einer voll­ende­ten Glo­ba­li­sie­rung gilt (etwa in Groß­bri­tan­ni­en, wo auch Leh­re­rin­nen und Poli­zis­tin­nen ihren Beruf mit Kopf­tuch aus­üben dür­fen) oder die es im Rah­men eines Tole­ranz­ge­bots und der Reli­gi­ons­frei­heit dul­den (bei­spiels­wei­se in Öster­reich.) Zahl­rei­che (lin­ke) Femi­nis­tin­nen jen­seits der Emma-Linie befür­wor­ten die­se unter­schied­lich nuan­cier­te Hal­tung: Sie gehen davon aus, daß mus­li­mi­sche Frau­en öfter als ver­mu­tet aus »selbst­be­stimm­ten« Grün­den das Kopf­tuch tra­gen. Vie­le Berufs­kar­rie­ren deut­scher Frau­en sei­en auf dem Rücken von Kopf­tuch­trä­ge­rin­nen erwach­sen, die unge­rech­ter­wei­se aus­ge­grenzt und sozi­al degra­diert wür­den. Zahl­rei­che euro­päi­sche Intel­lek­tu­el­le schlie­ßen sich der Ansicht des ein­ge­schwei­zer­ten ägyp­ti­schen Islam­wis­sen­schaft­lers Tariq Rama­dan an, daß der Islam und damit das Kopf­tuch »bei sie­ben Mil­lio­nen Mus­li­men in Frank­reich, bei drei Mil­lio­nen in Eng­land, vier in Deutsch­land« längst »eine euro­päi­sche Reli­gi­on« sei.

Vier­tens: Womög­lich die Außen­sei­ter­po­si­ti­on, eine Melan­ge aus den drei vor­ge­nann­ten Hal­tun­gen und zugleich von jenen abge­grenzt: Krei­se der mar­gi­na­len »tra­di­tio­na­len Rech­ten« nei­gen dazu, den Islam als natür­li­chen Ver­bün­de­ten gegen libe­ra­lis­ti­sche, west­li­che Deka­denz, gegen den euro­päi­schen Athe­is­mus anzu­neh­men. Hin­ge­wie­sen wird hier auf die lan­ge abend­län­di­sche Tra­di­ti­on einer Islam­freund­lich­keit (Tür­ken mit eige­nem Gebets­raum in der Armee Fried­rich Wil­helms I., Moschee­bau durch Kai­ser Wil­helm II.) Sogar Karl Rich­ter, stell­ver­tre­ten­der NPD-Vosit­zen­der und aktiv in der Münch­ner Bür­ger­initia­ti­ve Aus­län­der­stopp zog eine »isla­mi­sche Opti­on« wenigs­tens in Erwä­gung: »Im Zen­trum der isla­mi­schen Welt­sicht steht die Idee der Ord­nung und der Gerech­tig­keit – ein uraltes Zen­tral­the­ma auch des indo­ger­ma­ni­schen Geis­tes (…) Was ist dar­an fremd? Der Unter­schied zwi­schen Ori­ent und Okzi­dent ist ein ande­rer: Wäh­rend sich der Wes­ten im Zuge der Auf­klä­rung und sei­ner fort­schrei­ten­den Ame­ri­ka­ni­sie­rung von jed­we­der Ord­nungs­vor­stel­lung ver­ab­schie­det hat, hält die isla­mi­sche Welt mit gutem Grund dar­an fest.« Das Kopf­tuch ist aus die­ser Sicht kein Pro­blem, son­dern viel­mehr Zei­chen »ver­bor­ge­ner weib­li­cher Macht« und einer »Wie­der­ver­zau­be­rung« der pro­fa­nen Welt. Es taugt kei­nes­falls als Kris­tal­li­sa­ti­ons­punkt der Debat­te, die, solan­ge sie sich an from­mer Sym­bo­lik und Gen­der­pro­ble­ma­tik fest­frißt, ein rei­nes Aus­weich­ma­nö­ver ist.

Die eigent­li­che Fra­ge also wäre: Wie­viel Fremd­heit ver­trägt eine star­ke Nati­on, wie­viel eine aufs äußer­te und über Jahr­zehn­te geschwäch­te? Geht nicht von den gesell­schaft­lich mus­ter­gül­tig inte­grier­ten, in deut­schen Mund­ar­ten par­lie­ren­den Vor­zei­ge­aus­län­dern die grö­ße­re, weil sub­lim wir­ken­de Gefahr aus? Die pro­mo­vier­te Sar­ra­zin-Kon­tra­hen­tin Nai­ka Forou­tan funk­te – selbst­ver­ständ­lich kopf­tuch­los – für ein paar Wochen auf allen Kanä­len ihr Plä­doy­er für eine for­cier­te Beset­zung »gesell­schaft­li­cher Schlüs­sel­po­si­tio­nen« durch Bür­ger mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund: »Wäh­rend wir lang­sam begin­nen, uns als das neue welt­of­fe­ne Gesicht Deutsch­lands zu prä­sen­tie­ren, als mul­ti-eth­ni­sche ›Neue Deut­sche‹, beob­ach­ten wir eine rück­stän­di­ge, rea­li­täts­fer­ne, gries­grä­mi­ge und von Ur-Ängs­ten domi­nier­te Empi­rie der öffent­li­chen Meinung.«

Das Kopf­tuch jeden­falls ist dem christ­li­chen Abend­land nicht fremd, womög­lich nicht ein­mal dem vor­christ­li­chen. Chris­ti­na von Braun und Bet­ti­na Mathes wei­sen dar­auf hin, daß schon für die Ger­ma­nen von Frau­en­haar eine magi­sche Kraft aus­ging. Neu­hoch­deutsch Weib lie­ße sich dem­nach auf Wiba, das Ver­hüll­te zurück­füh­ren, und bezeich­ne die Kopf­be­de­ckung der ver­hei­ra­te­ten ger­ma­ni­schen Frau. Auch im anti­ken Grie­chen­land gin­gen die Frau­en der Ober­schicht ver­hüllt, Schlei­er­ver­bot habe nur für Pro­sti­tu­ier­te geherrscht.

Die christ­li­che Bild­kunst zeigt uns nicht nur Maria ver­schlei­ert. Auch im spä­te­ren Ver­lauf der euro­päi­schen Geschich­te sehen wir kei­nes­falls nur Mäg­de und Unter­wor­fe­ne unter dem Kopf­tuch – die heu­te gän­gi­ge Gleich­set­zung von Ent­blö­ßung mit Frei­heit ist eine zeit­geis­ti­ge Hypo­the­se. Unse­re Groß­müt­ter tru­gen Kopf­tuch inmit­ten der Trüm­mer­hau­fen ihres Lan­des, unse­re Müt­ter tru­gen es, weil es Grace Kel­ly so gut stand – wie­so wäre aus­ge­rech­net das Kopf­tuch Aus­weis der Fremdheit?

Die schwarz­äu­gi­ge Kopf­tuch­trä­ge­rin an der Super­markt­kas­se befrem­det mich weni­ger als ihre wild­ge­färb­te, kau­gum­mikau­en­de Kol­le­gin mit all den Ring­lein in Lip­pe und Augen­brau­en. Eben­so wähn­te ich mei­ne Kin­der bei einer Feres­tha Ludin als Eng­lisch­leh­re­rin bes­ser betreut als bei einem fran­se­li­gen Sozi­al­kun­de­päd­ago­gen, der zugleich für Die Lin­ke im Kreis­tag sitzt und in sei­nen Klas­sen­ar­bei­ten Auf­ga­ben stellt, deren Mus­ter­lö­sun­gen hane­bü­chen sind. Inner­halb einer star­ken Gesell­schaft (»selbst­be­wuß­te Nati­on«), die sich sol­che Offen­heit erlau­ben kann, sind alle vier gut aus­zu­hal­ten – bes­ser, im Kon­junk­tiv zu reden: sie wären es.

In Gesell­schaf­ten mit einem aus­ge­frans­ten Rah­men für Nor­men und Wer­te irri­tiert die indi­vi­du­el­le Abwei­chung viel weni­ger als ein kol­lek­ti­ves Sym­bol. Das Kopf­tuch der mus­li­mi­schen Frau ist Teil ihrer gesam­ten Klei­dung, die bestimm­ten Vor­schrif­ten unter­liegt. Klei­dungs­vor­schrif­ten gibt es im Islam sowohl für den Mann als auch für die Frau. Sie die­nen dazu, die Wür­de und Ach­tung vor ein­an­der zu schützen.

Ent­spre­chen­de Absät­ze aus Koran­su­ren oder moham­me­da­ni­schen Aha­dith, die sich mit Klei­dungs- und Ver­hal­tens­re­geln für Frau­en befas­sen und für das heu­ti­ge Ver­ständ­nis viel­fach bar­ba­risch anmu­ten, wer­den von Islam­kri­ti­kern und ‑fein­den ger­ne zitiert, um die Unver­ein­bar­keit die­ser Reli­gi­on mit dem auf­ge­klär­ten Wes­ten zu ver­deut­li­chen. Der im Janu­ar ver­stor­be­ne Hada­ya­tul­lah (einst: Paul) Hübsch, Alt-68er, vor über 40 Jah­ren zum Islam kon­ver­tier­te und in der Frank­fur­ter Ahma­di­y­ya-Gemein­de Frei­tags­pre­di­ger, hat eine Syn­op­sis aus einer Viel­zahl bibli­scher und mus­li­mi­scher Tex­te zum jewei­li­gen Frau­en­bild zusam­men­ge­stellt. Und sie­he: Nicht nur im Alten, son­dern auch im Neu­en Tes­ta­ment fin­den sich Stel­len, die in punk­to Geschlech­ter­dif­fe­renz und Ungleich­heit sehr nach Koran klingen:

»Was ist der Mensch, daß er rein wäre, der Weib­ge­bo­re­ne!« (Hi 15,14); (Wenn Unzucht erwie­sen ist) »soll man das Mäd­chen hin­aus­füh­ren (…) Dann sol­len die Män­ner ihrer Stadt sie stei­ni­gen, und sie soll ster­ben.« (Dtn 21:21) »Daß eine Frau lehrt, erlau­be ich nicht(…), sie soll sich still ver­hal­ten« (1. Tim 2, 11.12); oder: »Wenn eine Frau kein Kopf­tuch trägt, soll sie sich doch gleich die Haa­re abschnei­den. Ist es aber für eine Frau eine Schan­de, sich die Haa­re abschnei­den zu las­sen, dann soll sie sich ver­hül­len« (1. Kor 11, 5–6) oder: »Der Mann ist das Haupt der Frau. (…) Die Frau­en sol­len sich den Män­nern in allem unter­ord­nen. (Eph 5,23–24).

Aus Sicht des uni­ver­sa­len Femi­nis­mus und Gen­de­ris­mus ist eine strikt anti­re­li­giö­se Hal­tung des­halb kon­se­quent. Anders als der ega­li­tä­re Femi­nis­mus , der die Kate­go­rie Geschlecht ablehnt, geht jeg­li­che tra­di­tio­na­le Sicht­wei­se von einem grund­le­gen­den Unter­schied zwi­schen Mann und Frau aus. Wir fin­den die rigo­ro­se Tren­nung eines weib­li­chen und männ­li­chen Lebens­prin­zips in bei den (Dif­fe­renz-) Femi­nis­tin­nen neu­heid­ni­scher Kult­ge­mein­schaf­ten, wir fin­den im Hin­du­is­mus eine Abwer­tung der Frau, die sich dras­tisch in Wit­wen­ver­bren­nun­gen und mas­si­ven Abtrei­bungs­zah­len weib­li­cher Föten aus­drückt. Die Neo-Sann­yasins der Bhag­wan-Sek­te, die in den Sieb­zi­gern gera­de von deut­schen Femi­nis­tin­nen regen Zulauf erhielt, drück­te Frau­en in die Pro­sti­tu­ti­on, Frau­en­be­glü­cker und Kult­fi­gur Osho nann­te die Frau­en­be­we­gung und ihr Stre­ben nach Gleich­be­rech­ti­gung »häß­lich«. In den tan­tri­schen Prak­ti­ken des Bud­dhis­mus wer­den Mäd­chen ab acht, bevor­zugt mit zwölf zum Sexu­al­ver­kehr her­an­ge­zo­gen und das tibe­ti­sche Wort für Frau bedeu­tet zugleich »Niedrig­ge­bo­re­ne«.

Ali­ce Schwar­zer als einer der pro­mi­nen­tes­ten Kopf­tuch­geg­ne­rin­nen geht es dar­um, »Glau­bens­fra­gen« jeg­li­cher Cou­leur aus der Poli­tik her­aus­zu­hal­ten, des­halb setzt sie die Kopf­tuch­fra­ge aus­drück­lich mit dem von hier eben­falls seit je vehe­ment kri­ti­sier­ten Abtrei­bungs­ver­bot gleich. Weil »die Poli­tik« »nicht nur in Got­tes­staa­ten, son­dern auch in Demo­kra­tien« sich gegen die Lebens­rea­li­tät von Frau­en und zuguns­ten von Kir­chen­ver­tre­tern ent­schei­de, spre­che sie sich gegen Abtrei­bung aus – genau wie die Ver­tre­ter Moham­meds für das Kopf­tuch: eine schla­gen­de Analogie!

Auch die Koedu­ka­ti­on (erst seit weni­gen Jahr­zehn­ten in Deutsch­land üblich und heu­te von zehn Pro­zent der mus­li­mi­schen Eltern allein für den Schwimm­un­ter­richt abge­lehnt) sei »unver­zicht­bar für jede geschlech­ter­ge­rech­te Erziehung«.

Wäre das Chris­ten­tum hier­zu­lan­de poten­ter, hät­te Schwar­zer – für die eth­ni­sche Zuge­hö­rig­kei­ten an sich kei­ne Rol­le spie­len – wenig Anlaß, aus­ge­rech­net gegen »den Isla­mis­mus« zu trom­pe­ten. In der Tat wird mit ähn­li­chen Argu­men­ta­ti­ons­mus­tern in der aktu­el­len Emma auch Fami­li­en­mi­nis­te­rin Kris­ti­na Schrö­der ver­däch­tigt, even­tu­ell eine »erz­kon­ser­va­ti­ve Chris­tin oder gar Fun­da­men­ta­lis­tin «(!) zu sein.

Es ist ein schma­ler Grat, auf dem sich der Main­stream-Femi­nis­mus hier bewegt. Einer­seits bezieht man seit Jahr­zehn­ten scharf Posi­ti­on gegen jeg­li­che Por­no­gra­phie, Pro­sti­tu­ti­on und gegen kran­ke Kör­per­bil­der jun­ger Mäd­chen und fokus­siert gesell­schaft­lich ver­ur­sach­te Eßstö­run­gen, ande­rer­seits zeigt sich gera­de an sol­chen Sym­pto­men, wie fra­gil das Selbst­bild der aus jeg­li­chem tra­di­tio­na­lem Rah­men frei­ge­las­se­nen Frau ist. So fügt es sich, daß wir in der Emma ein Hohe­lied aus­ge­rech­net auf die Bar­bie­pup­pe fin­den. Bar­bie wird als viel eman­zi­pier­te­res Rol­len­mo­dell ange­se­hen als die bekopf­tuch­te Ful­la, ihr Gegen­bild, das in der isla­mi­schen Welt rei­ßen­den Absatz findet.

Zum 50. Geburts­tag der dün­nen, alters­lo­sen Plas­tik­pup­pe 2009 war fol­gen­des Bekennt­nis in der Emma (und zwar im redak­tio­nel­len Teil und nicht auf der Leser­brief­sei­te) zu lesen: »Mei­ne letz­te Bar­bie-Pup­pe habe ich vor zwei Jah­ren gekauft, da war ich 43 Jah­re alt. (…) Ich war längst erwach­sen, als ich im Spiel­zeug­ge­schäft stand, unter den rosa Schach­teln nach einem Geschenk such­te und mir plötz­lich bewusst wur­de: ›Hey du darfst. Du kannst. Du bist erwach­sen.‹ Seit­her kau­fe ich mir immer wie­der mal eine neue Pup­pe, ein Set Klei­der, ein paar Glit­zer­span­gen (…). Die Welt grö­ßer und glit­zern­der den­ken, die eige­nen Gren­zen spren­gen. Dafür gibt es vie­le Metho­den, vie­le Namen. Ich sage: Dazu braucht man Barbie.«

Welch trau­ri­ges Rin­gen um Aus­druck, Iden­ti­tät, Selbst­bild! Gäbe es das Kopf­tuch auf Rezept (Indi­ka­ti­on etwa: Wie­der­erlan­gung von Wür­de, Gebor­gen­heit und Seins­ge­wiß­heit): Hier möch­te man es verordnen.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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