Schwermut im Keller

Das, was hier im Bild so große Augen macht (in der Hand unserer Jüngsten), kommt bei uns (fast) täglich auf den Tisch.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Ohne Augen und mitt­ler­wei­le auch ohne Scha­le zwar, aber bäh, wie jüngst ein Besu­cher-Kind anläß­lich einer Vor­rats­kel­ler-Besich­ti­gung arg­wöhn­te, ist das kei­nes­wegs. Viel weni­ger bäh als ein totes Mast­schwein (mit Augen) alle­mal. Schön, wenn man Töch­ter hat, die „Kar­tof­fel­re­zep­te sam­meln und aus­pro­bie­ren” unter ihren Hob­bies anführen!
In frü­he­ren Zei­ten star­ben die Men­schen ver­mehrt in die­sen Mona­ten, da die Vor­rä­te des letz­ten Herbs­tes rar wur­den. Dank Pen­ny und real ist davon kei­ne Rede mehr; für uns sind die haus­ge­mach­ten Vor­rä­te, die es im Regal als Indus­trie­wa­re für ein paar Cent gibt, Gold wert. Die Hüh­ner hat zwar mal wie­der der Mar­der dezi­miert und die Kir­schen (Stand, Juli 2008: 65 Glä­ser) gehen wegen über­gro­ßen Kon­sums zur Nei­ge, aber der Kel­ler ist voll mit Äpfeln, Kon­fi­tü­ren, Saft – und eben Kartoffeln.

Ein Teil ist eige­ne Ern­te aus alten, nicht mehr markt­gän­gi­gen Sor­ten. Die Rie­sen­din­ger aller­dings stam­men aus dem Dop­pel­zent­ner, den Kubit­schek als Tor­wand­schüt­zen­kö­nig zur dörf­li­chen Som­mer­sonn­wend-Fei­er gewon­nen hat­te. Im Jahr davor war für die­se sport­li­che Leis­tung nur eine Fla­sche Sekt her­aus­ge­sprun­gen. Die mach­te froh, aber nicht satt.

Apro­pos froh: Frü­her, als Stadt­pflan­zen, haben wir blind­lings der anthro­po­so­phi­schen Gerüch­te­kü­che ver­traut. Die führt kei­ne Kar­tof­feln im Spei­se­plan: Der Ver­zehr mache angeb­lich schwer­mü­tig und mate­ria­lis­tisch. Ein Irr­glau­be – wir wider­le­gen das hof­fent­lich täglich.

Als ich vor Jah­ren als Leh­re­rin in einer Schu­le mit mul­ti­kul­tu­rel­lem Pro­fil im Rhein-Main-Gebiet arbei­te­te, dien­te „Kar­tof­fel” unter Jung­mi­gran­ten als aller­freund­lichs­te Schmäh­be­zeich­nung für die deut­sche Min­der­heit: Man ist halt, was man ißt – und geht jetzt umgra­ben, denn die Früh­kar­tof­feln schme­cken am besten.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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