Christenverfolgung

pdf der Druckfassung aus Sezession 40 / Februar 2011

Wie viele Christen weltweit verfolgt werden, kann man nur schätzen. Am größten sind die Einschränkungen der Religionsfreiheit in islamischen Ländern. Dramatisch ist die Lage im Nahen Osten, vor allem im Irak: Dort lebten unter dem zwar diktatorischen, jedoch konsequent säkularen Regime Saddam Husseins rund 1,2 Millionen Christen. Ihre Zahl ist aufgrund eines beispiellosen Exodus auf derzeit rund 300 000 gesunken.

Felix Menzel

Felix Menzel ist Chefredakteur des Schülerblogs blauenarzisse.de.

Open Doors, ein Hilfs­werk für ver­folg­te Chris­ten (www.opendoors-de.org), erstellt Jahr für Jahr einen Welt­ver­fol­gungs­in­dex. Für 2011 ste­hen auf den ers­ten zehn Plät­zen acht Staa­ten, in denen der Islam die Reli­gi­on der Mehr­heits­be­völ­ke­rung ist. Die Beein­träch­ti­gun­gen rei­chen vom Ver­bot, eine Bibel zu besit­zen, über Fest­nah­men und Todes­stra­fen für Kon­ver­ti­ten bis hin zu sys­te­ma­ti­schen Fol­te­run­gen und Mor­den. Auf Platz eins des Index steht jedoch das nicht­is­la­mi­sche, son­dern athe­is­tisch-kom­mu­nis­ti­sche Nord­ko­rea. Es fol­gen der Iran, Afgha­ni­stan, Sau­di-Ara­bi­en und Soma­lia. Eben­falls auf der Lis­te der 50 gefähr­lichs­ten Län­der für Chris­ten taucht die Tür­kei auf (Platz 30). Ihr wird vor­ge­wor­fen, daß sie christ­li­chen Kir­chen kei­ne Rechts­ge­schäf­te, etwa den Erwerb neu­er Grund­stü­cke, erlaubt und aus­län­di­schen Chris­ten häu­fig eine Arbeitsund Auf­ent­halts­ge­neh­mi­gung verweigert.

Das Chris­ten­tum ist mit rund 2,2 Mil­li­ar­den Gläu­bi­gen die welt­weit größ­te Reli­gi­ons­ge­mein­schaft (Mos­lems: rund 1,4 Mil­li­ar­den) und gleich­zei­tig die am stärks­ten ver­folg­te Grup­pe. Der Umgang der Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen mit der Tat­sa­che ist in zwei­fa­cher Hin­sicht erstaun­lich: Wäh­rend etwa Amnes­ty Inter­na­tio­nal nach dem jüngs­ten Anschlag auf kop­ti­sche Chris­ten in Ägyp­ten davor warn­te, die Chris­ten­ver­fol­gung als Phä­no­men über­zu­be­wer­ten, bemüht sich Open Doors in gera­de­zu pani­scher Vor­sicht dar­um, nicht islam­kri­tisch zu wir­ken. So wur­de die Bit­te unse­rer Zeit­schrift um Abdruck­ge­neh­mi­gung für eine Gra­phik abge­lehnt. Die Pres­se­stel­le von Open Doors begrün­de­te dies in einem Tele­fon­ge­spräch damit, daß man für die Atten­tä­ter beten und kei­nes­falls im Islam den Hin­ter­grund für Chris­ten­ver­fol­gun­gen suchen wol­le, und zwar auch dann nicht, wenn der eige­ne Welt­ver­fol­gungs­in­dex die­sen Zusam­men­hang mehr als nahe­le­ge. Viel­mehr gehe es um den Dia­log und eine ent­waff­nen­de Fried­fer­tig­keit. Man kön­ne sich beim Blick auf die Sezes­si­on nicht sicher sein, daß auch dort die­se Linie ver­tre­ten würde.

Chro­nik mar­kan­ter Fäl­le 2010

Ägyp­ten – 6. Januar

Sechs christ­li­che Kop­ten und ein Wach­mann kom­men bei einer Schie­ße­rei nach einer Weih­nachts­mes­se ums Leben. Drei Mus­li­me hat­ten wahl­los auf die Besu­cher der Mes­se geschos­sen, nach­dem die­se die St.-Johannes-Kirche in Nag Ham­ma­di ver­lie­ßen. Trotz vor­he­ri­ger War­nun­gen lehn­te die Poli­zei den ver­stärk­ten Schutz der Kir­che ab. Einer der mut­maß­li­chen Täter, Moham­med Ahmed Hus­sein, soll bereits vor­her Ver­bre­chen began­gen haben. Er wur­de jedoch nicht ver­haf­tet, weil er in Kon­takt zu ein­fluß­rei­chen Mit­glie­dern der Regie­rungs­par­tei steht.

Nige­ria – 7. März

Das Gebiet um die Haupt­stadt Jos des zen­tral­ni­ge­ria­ni­schen Bun­des­staa­tes Pla­teau ist immer wie­der Schau­platz blu­ti­ger Angrif­fe von Mus­li­men auf Chris­ten. In der Nacht des 7. März grei­fen Hun­der­te Mus­li­me die drei Dör­fer Dogo Naha­wa, Zot und Ras­tat an, in denen haupt­säch­lich christ­li­che Berom woh­nen. Laut Berich­ten wur­den unter »Alla­hu Akbar«-Rufen (»Allah ist grö­ßer«) bin­nen weni­ger Stun­den mehr als 500 Chris­ten getö­tet – dar­un­ter auch Schwan­ge­re und Kin­der. Die Gegend um Jos ist die Schnitt­stel­le des isla­mis­ti­schen Nor­dens und christ­li­chen Südens Nige­ri­as. Regel­mä­ßig kommt es hier zu gewalt­tä­ti­gen Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit Hun­der­ten Toten. Bereits im Janu­ar 2010 und Novem­ber 2008 hat­te es grö­ße­re Gewalt­wel­len gege­ben. Gegen­über der Tages­schau erklär­te Corin­ne Duf­ka von der Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­ti­on Human Rights Watch zu die­sen Mas­sa­kern: »Nicht ein ein­zi­ger, der damals getö­tet oder Gewalt­ta­ten ver­übt hat, wur­de zur Ver­ant­wor­tung gezo­gen. Wir sind der fes­ten Über­zeu­gung, daß die Straf­lo­sig­keit die­sen Teu­fels­kreis der Gewalt hervorbringt.«

Nord­ko­rea – Mit­te Mai

23 Chris­ten ver­sam­meln sich in einer Haus­ge­mein­de in Kuwal-dong (Pro­vinz Pyon­gan) zu einem Got­tes­dienst. Die Poli­zei ent­deckt ihn und bringt die Grup­pe in das Arbeits­la­ger Nr. 15 in Yodok (Kwan-li-so). Die drei mut­maß­li­chen Lei­ter der Grup­pe wer­den sofort zum Tode ver­ur­teilt und hin­ge­rich­tet. Die Hilfs­or­ga­ni­sa­ti­on Open Doors schätzt, daß in Nord­ko­rea von den 400 000 Chris­ten etwa 70 000 in Arbeits­la­gern ein­sit­zen und zum Teil gefol­tert wer­den. Nord­ko­rea belegt 2011 zum neun­ten Mal in Fol­ge Platz eins im Welt­ver­fol­gungs­in­dex von Open Doors.

Paki­stan – 21. Juni

Mus­li­me ermor­den eine Frau und ihre vier Kin­der. Der zurück­ge­blie­be­ne Fami­li­en­va­ter Jam­s­hed Masih, ein Poli­zei­of­fi­zier, war zuvor in die isla­mi­sche Pro­vinz Pun­jab ver­setzt wor­den. Der geist­li­che Füh­rer die­ser Pro­vinz, Mau­la­na Mah­fooz Khan, woll­te ihn dort nicht dul­den. Er soll gesagt haben: »In die­ser Kolo­nie hat noch nie­mals ein Nicht-Mus­lim woh­nen dür­fen. Wir wol­len in unse­rem Ort kei­nen Abschaum.« Zu dem Mord an der Fami­lie Masih kommt es, als der Sohn in einem Geschäft die Fra­ge nach sei­ner Reli­gi­on wahr­heits­ge­mäß beant­wor­tet. Dar­auf­hin macht sich ein Mob aus der Nach­bar­schaft, der von Khan ange­führt wird, auf den Weg zum Haus der Fami­lie Masih und tötet sie. Der Vater, Jam­s­hed Masih, und die Poli­zei kom­men zu spät und kön­nen die Gewalt­tat nicht mehr ver­hin­dern. Zu einer Anzei­ge gegen Khan wegen Mor­des kommt es nicht. Die ört­li­chen Behör­den wei­gern sich, die­se aufzunehmen.

Irak – 31. Oktober

Der Al Qai­da nahe­ste­hen­de Ter­ro­ris­ten beset­zen die syrisch-katho­li­sche Saj­ji­dat-al-Nad­scha-Kir­che in Bag­dad und neh­men Gei­seln. Als die Poli­zei ein­trifft, zün­den die Atten­tä­ter ihre Spreng­stoff­gür­tel und rei­ßen 58 Men­schen mit in den Tod. Wei­te­re 60 Men­schen wer­den verletzt.

Im Irak ver­üben immer wie­der fun­da­men­ta­lis­ti­sche Mus­li­me Anschlä­ge auf Chris­ten. Open Doors zufol­ge kam es 2010 zu min­des­tens 90 Mor­den. Im Mai ster­ben bei einem Atten­tat auf einen Bus drei christ­li­che Stu­den­ten, 180 wer­den ver­letzt. In der zwei­ten Febru­ar­wo­che fin­den in der nord­ira­ki­schen Stadt Mosul sys­te­ma­ti­sche Hin­rich­tun­gen von Chris­ten statt. Über vier Tage wird jeweils einer erschos­sen. Mitt­ler­wei­le leben im Irak nur noch etwas mehr als 300 000 Chris­ten. 1991 waren es noch mehr als dop­pelt so vie­le. Im Welt­ver­fol­gungs­in­dex belegt der Irak Platz 8 (Vor­jahr: 17).

Nige­ria – 24. Dezember

Am Hei­li­gen Abend deto­nie­ren Bom­ben in Jos, in Mai­d­ugu­ri wer­den Kir­chen mit Hand­feu­er­waf­fen ange­grif­fen. 38 Chris­ten kom­men ums Leben. Ein Augen­zeu­ge berich­tet der Nach­rich­ten­agen­tur Reu­ters: »Hier bren­nen Häu­ser, und ver­letz­te blut­über­ström­te Men­schen wer­den von Freun­den und Ange­hö­ri­gen ins Kran­ken­haus geschleppt. « Zu den Anschlä­gen und Angrif­fen bekennt sich eine bis­her unbe­kann­te »Grup­pe der Anhän­ger der Sun­na für Mis­si­on und Dschi­had «. In Mai­d­ugu­ri sind seit August somit mehr als 50 Chris­ten Opfer reli­gi­ös moti­vier­ter Angrif­fe geworden.

Die Anschlä­ge vom Hei­li­gen Abend lösen Unru­hen aus, bei denen rund 50 Chris­ten und Mos­lems ums Leben kom­men. Die Zahl der Opfer auf bei­den Sei­ten erhöht sich für das Jahr 2010 damit auf rund 500.

Ägyp­ten – 31. Dezember/1. Janu­ar 2011

Das Jahr endet für die Kop­ten, wie es begon­nen hat: 20 Minu­ten nach Mit­ter­nacht deto­niert vor der christ­li­chen Saints Church in Alex­an­dria eine Auto­bom­be. 21 Men­schen ster­ben, mehr als 40 wer­den ver­letzt. Der ägyp­ti­sche Staats­prä­si­dent Muham­mad Hus­ni Muba­rak betont unmit­tel­bar nach dem Anschlag auf die christ­li­chen Kop­ten, daß die­ser die Hand­schrift aus­län­di­scher Täter tra­ge. In der Fol­ge bre­chen in Alex­an­dria Unru­hen aus, die von auf­ge­brach­ten Kop­ten getra­gen werden.

Felix Menzel

Felix Menzel ist Chefredakteur des Schülerblogs blauenarzisse.de.

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