Ernst Nolte zum Historikerstreit

Dieser Tage jährt sich der Auftakt des "Historikerstreits" von 1986 zum 25. Mal. In seinem Verlauf setzte Jürgen Habermas...

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

– unter­stützt von zahl­lo­sen Kom­bat­tan­ten – sei­ne Deu­tungs­ho­heit beim Blick auf die jün­ge­re deut­sche Geschich­te durch. Als Ver­lie­rer ging Ernst Nol­te vom Feld. Ihm war es um die Sache gegan­gen, Haber­mas jedoch um Geschichtspolitik.

Sezes­si­on-Autor Sieg­fried Ger­lich hat schon 2005 einen Gesprächs­band mit Ernst Nol­te ver­öf­fent­licht (Ein­blick in ein Gesamt­werk, Über­set­zun­gen erschie­nen in Ita­li­en und Frank­reich) sowie 2009 die grund­le­gen­de Werk­bio­gra­phie Ernst Nol­te. Por­trait eines Geschichts­den­kers. Aus dem Gespräch sei­en zwei Abschnit­te zitiert, sie doku­men­tie­ren Nol­tes Ein­schät­zung der gro­ßen Auseinandersetzung.

GERLICH: Ist der His­to­ri­ker­streit von Ihnen vor­sätz­lich pro­vo­ziert wor­den, oder waren Sie von Haber­mas’ offen­si­ver Reak­ti­on auf Ihren initia­len Bei­trag und der fol­gen­den Eska­la­ti­on der Debat­te überrascht?
NOLTE: Daß die­ser Streit eine Inten­ti­on von mir gewe­sen wäre, muß ich ent­schie­den ver­nei­nen. Er begann ja gera­de in dem Augen­blick, als ich von der deut­schen Lin­ken wie­der zu Gna­den auf­ge­nom­men wer­den soll­te. So wur­de ich zu den ‘Frank­fur­ter Gesprä­chen’ ein­ge­la­den, um über das The­ma ‘Ver­gan­gen­heit, die nicht ver­ge­hen will’ zu spre­chen, was ein gera­de­zu klas­si­sches lin­kes The­ma war. Aller­dings dach­te ich anders dar­über, als man wohl erwar­tet hat­te, und jeden­falls wur­de mir der Vor­trag wie­der ent­zo­gen. Dar­auf­hin schick­te ich ihn an Joa­chim Fest, der ihn annahm und am 6. Juni 1986 in der FAZ erschei­nen ließ. Wenig spä­ter erschien in Isra­el etwas Kri­ti­sches dazu, aber den ers­ten gewich­ti­gen nega­ti­ven Bei­trag lie­fer­te Jür­gen haber­mas. Und seit­dem bin ich, wenn man so will, von die­sem His­to­ri­ker­streit nich mehr los­ge­ko­men. Wenn ich den Streit also gewiß nicht geplant hat­te, so  muß ich aller­dings ein­räu­men, daß er nicht ohne sach­li­chen Grund aus­ge­bro­chen ist. Im Grun­de hat­te ich ja schon 1980 in mei­nem Auf­sat Zwi­schen Geschichts­le­gen­de und Revi­sio­nis­mus? etwas ganz Ähn­li­ches gesagt, was in der Sache auf eine aus­ge­präg­te His­to­ri­sie­rung des Natio­nal­so­zia­lis­mus hin­aus­lief. Hät­te man bereits die­sen Arti­kel ernst­ge­nom­men, so hät­te man sich gleich sagen kön­nen: der Mann ist für die Lin­ke nicht mehr zurückzugewinnen.

GERLICH: Kön­nen Sie Hin­ter­grün­de und Ver­lauf des His­to­ri­ker­streits kurz schildern?
NOLTE: Der gan­ze His­to­ri­ker­streit war ein mix­tum com­po­si­tum. Es fing damit an, daß die Bun­des­re­gie­rung ein Muse­um für Deut­sche Geschich­te eröff­nen woll­te. Und das paß­te sehr vie­len, ins­be­son­de­re vie­len Lin­ken nicht, die befürch­te­ten, dadurch wür­de die deut­sche Geschich­te in ein zu posi­ti­ves Licht gestellt. Durch die­sen poli­ti­schen Hin­ter­grund bekam die gan­ze Sache eine aktu­el­le Bri­sanz, die ein Arti­kel eines ein­zel­nen His­to­ri­kers gar nicht hät­te haben kön­nen. Ohne die­se Vor­ge­schich­te wäre ‘der His­to­ri­ker­streit’ wohl kaum zu einem all­be­kann­ten Ter­mi­nus gewor­den. Als ers­ter wur­de Micha­el Stür­mer ange­grif­fen, weil er die Kon­zep­ti­on der Bun­des­re­gie­rung am ent­schie­dens­ten ver­trat: ‘Geschich­te in geschichts­lo­sem Land’. Und die Muse­ums­grün­dung soll­te aus dem geschichts­lo­sem Land wie­der ein geschichts­be­zo­ge­nes Land machen. Der nächs­te Angriff rich­te­te sich gegen Andre­as Hill­gru­bers Publi­ka­ti­on Zwei­er­lei Unter­gang, eine Buch­bin­der­syn­the­se von zwei ohne jeden Zusam­men­hang ent­stan­de­nen Auf­sät­zen: Der eine über das Ende des euro­päi­schen Juden­tums war völ­lig ortho­dox und auf einer gro­ßen Tagung von Holo­caust­for­schern bereits vor­ge­tra­gen wor­den. In dem ande­ren Auf­satz Die Zer­schla­gung des Deut­schen Rei­ches aller­dings hat er auch aus sei­nem per­sön­li­chen Leben erzählt, und das war wäh­rend des Krie­ges das Leben eines nor­ma­len deut­schen Sol­da­ten an der Ost­front gewe­sen. Über die Abwehr­kämp­fe im Osten sag­te Hill­gru­ber daher unge­fähr das, was damals Mil­lio­nen deut­scher Sol­da­ten emp­fun­den hat­ten: “Wir ver­tei­di­gen die Hei­mat. Wir haben kene Angriffs­ab­sich­ten gegen die Sowjet­uni­on oder die Rus­sen. Wir ver­tei­di­gen schlicht unse­re Müt­ter, unse­re Väter, unse­re Kin­der, und ermög­li­chen es der Bevöl­ke­rung der öst­li­chen Gebie­te sich in den Wes­ten zu ret­ten.” Das aus­zu­spre­chen galt schon als etwas Schlim­mes. Und dann kam ich mit mei­nem Arti­kel in der FAZ. Damit gelang­te eine ganz ande­re Dimen­si­on ins Spiel, weil hier die Fra­ge anders gestellt wur­de – und weil Ausch­witz ein The­ma war. Das war natür­lich der emp­find­lichs­te aller Punk­te: daß ich hier, und sei es nur als Fra­ge, ange­deu­tet habe, daß mög­li­cher­wei­se die Moti­ve der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Mas­sen­mör­der immer­hin ver­steh­bar waren, weil sie näm­lich ande­re Mas­sen­mör­der im Auge hat­ten, denen gegen­über sie Angst, Haß und Erbit­te­rung emp­fan­den. Und das konn­te zu einer ande­ren Auf­fas­sung des Natio­nal­so­zia­lis­mus im gan­zen füh­ren, den ich kei­nes­wegs apo­lo­ge­tisch weiß­wa­schen woll­te; den ich aber doch in einer umfas­sen­de­ren, nicht exklu­siv deut­schen Sicht­wei­se beur­teilt wis­sen woll­te. Und so rich­te­te sich der Zorn nicht ohne Grund ganz über­wie­gend gegen mei­nen Artikel.

In sei­ner Bio­gra­phie ver­weist Ger­lich dar­auf, daß Nol­te mit einer Erwar­tung in den Streit gegan­gen sei, die auf die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­theo­rie von Jür­gen Haber­mas bau­te: dem ande­ren zuhö­ren, eige­ne Argu­men­te prü­fen, Feh­ler zuge­ben, For­mu­lie­run­gen nach­bes­sern, kurz – herr­schafts­frei um die Wahr­heit rin­gen. Jedoch: Dem war natür­lich nicht so:

Nol­te selbst hät­te eine herr­schafts­freie Kom­mu­ni­ka­ti­on durch­aus begrüßt, aller­dings hielt er eine sol­che nur für mög­lich “als wis­sen­schaft­li­che Erör­te­rung unter gleich­mä­ßig qua­li­fi­zier­ten und ori­en­tier­ten Wis­sen­schaft­lern oder aber als Stamm­tisch­ge­re­de über Fra­gen all­ge­meins­ter Bedeu­tung”. Zwar wur­den von eini­gen His­to­ri­kern auch qua­li­fi­zier­te Ein­wän­de gegen Nol­te vor­ge­bracht, aber die lau­tes­ten Stim­men der Gegen­sei­te waren nicht ein­mal sol­che von His­to­ri­kern, und so ver­fiel der Streit wirk­lich zuwei­len auf Stammtischniveau.

Manch­mal fragt man sich, war­um nicht die­ser ein­zi­ge Streit aus­ge­reicht hat, um Haber­mas und sei­ne Metho­den ad absur­dum zu füh­ren. Oder anders aus­ge­drückt: Haber­mas hat sein Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mo­dell durch sei­nen Sieg im “Hys­te­ri­ker­streit” (Imma­nu­el Geis) selbst beerdigt.

Das Gesprächs­bänd­chen Gerlich/Nolte wird der­zeit redu­ziert für 5 € ange­bo­ten (frü­her: 12 €).
Und mehr Infor­ma­tio­nen zu Ger­lichs Nol­te-Bio­gra­phie fin­det man hier.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

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