Neues zu Ernst Jünger

pdf der Druckfassung aus Sezession 39 / Dezember 2010

Von allen Autoren der Konservativen Revolution hat Ernst Jünger wohl die steilste Karriere gemacht. Bis in die späten achtziger Jahre galt er als Wegbereiter des Nationalsozialismus und ewiggestriger Konservativer, heute erfreut er sich allgemeiner Wertschätzung. Diesen Status hat Jünger nicht zuletzt einigen Autoren zu verdanken, die Jünger immer für einen herausragenden Schriftsteller hielten und diese Auffassung unermüdlich verbreiteten. Dazu gehört auch Heimo Schwilk, der vor drei Jahren seine Jünger-Biographie vorlegen konnte. Bereits 1988 hatte Schwilk einen opulenten Band über Jüngers Leben und Werk in Bildern und Texten zusammengestellt, der jetzt in einer überarbeiteten und erweiterten Neuausgabe (Stuttgart: Klett-Cotta 2010. 336 S., geb, 49.95 €) erschienen ist.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

Der Band darf nun als voll­stän­dig gel­ten, die Ereig­nis­se seit 1988 sind doku­men­tiert: Bis zu sei­nem Tod 1998 hat­te Ernst Jün­ger nicht nur wei­te­re Tage­bü­cher (Sieb­zig ver­weht III–V), son­dern auch den wich­ti­gen Band Die Sche­re publi­ziert. Er unter­nahm noch eini­ge Rei­sen und füg­te der gro­ßen Samm­lung an Aus­zeich­nun­gen wei­te­re hin­zu. Doch nicht nur das: Jün­ger konn­te sei­nen 100. Geburts­tag fei­ern. Die Bericht­erstat­tung in allen Medi­en und rang­ho­her Besuch führ­ten dazu, daß Jün­ger eine Art Kano­ni­sie­rung wider­fuhr. Daß Jün­gers Meis­ter­schaft auch in den neun­zi­ger Jah­ren noch nicht unum­strit­ten war, zeigt die Debat­te in der Zeit­schrift Sinn und Form, die Tage­buch­aus­zü­ge von Jün­ger ver­öf­fent­lich­te und sich dar­auf­hin von Wal­ter Jens, der dar­an einen Rechts­ruck in der Bun­des­re­pu­blik fest­ma­chen woll­te, an den Pran­ger gestellt sah. Das hin­der­te Frank­reich nicht dar­an, Jün­ger 2008 in die »Biblio­t­hè­que de la Plé­ia­de« auf­zu­neh­men und damit sein Werk neben das von Brecht, Kaf­ka und Ril­ke zu stel­len – neben dem Nobel­preis die größ­te Ehre, die einem Schrift­stel­ler wider­fah­ren kann.

Neben der Voll­stän­dig­keit bie­tet die Neu­aus­ga­be vie­le neue Brief­zi­ta­te und Bil­der. Aller­dings hat die Qua­li­tät bei eini­gen Bil­dern stark gelit­ten, und ins­ge­samt ist der Band, des­sen alte Struk­tur bei­be­hal­ten wur­de, nicht so gelun­gen wie der Bild­band über Gott­fried Benn, der vor drei Jah­ren im sel­ben Ver­lag erschien.

Was Schwilk für das Leben Jün­gers getan hat, ver­sucht die Lite­ra­tur­wis­sen­schaft für das Werk: Bilanz zie­hen. Nann­te sich die inter­na­tio­na­le Kon­fe­renz, die im Juni 2009 in Bres­lau statt­fand »Ver­such einer Bilanz«, prä­sen­tie­ren die Her­aus­ge­ber um Wojciech Kuni­cki die gesam­mel­ten Bei­trä­ge jetzt selbst­be­wußt unter dem Titel Ernst Jün­ger – Eine Bilanz (Leip­zig: Leip­zi­ger Uni­ver­si­täts­ver­lag 2010. 536 S., geb., 99 €). Der »Ver­such« scheint also gelun­gen zu sein, und die Befürch­tung, Jün­ger sei nicht mehr aktu­ell, hat sich wohl nicht bestä­tigt. Kuni­cki, ein pol­ni­scher Ger­ma­nist, der seit vie­len Jah­ren als Jün­ger-Über­set­zer und For­scher tätig ist, stellt im Vor­wort die Fra­ge, was aus den erbit­tert geführ­ten Debat­ten um Jün­ger gewor­den sei. Davon ist, wenn man den Band als Maß­stab nimmt, nicht viel geblie­ben. Das Spek­trum der 39 Bei­trä­ge reicht von Unter­su­chun­gen zu ein­zel­nen Büchern, Begrif­fen und The­men Jün­gers bis hin zu Über­blicks­dar­stel­lun­gen zu ver­schie­de­nen Aspek­ten sei­nes Wer­kes. Dabei vari­iert auch die Her­an­ge­hens­wei­se stark, vom Kurz­essay bis zum umfang­rei­chen Auf­satz ist alles ver­tre­ten. Ein Man­gel liegt in der Lite­ra­tur­wis­sen­schaft selbst, die zwar viel aus­deu­tet, aber sel­ten mit neu­en Fak­ten auf­war­ten kann. Her­vor­zu­he­ben ist des­halb der mate­ri­al­rei­che Bei­trag von Hubert van den Berg »Lothar Schrey­ers Bei­trä­ge in Die Unver­ges­se­nen «. Dahin­ter ver­birgt sich die inter­es­san­te Lebens­ge­schich­te des viel­sei­ti­gen Künst­lers, der nicht nur bei der avant­gar­dis­ti­schen Zeit­schrift Sturm schrieb, son­dern auch lan­ge Autor des Deut­schen Volks­tums war. Aller­dings offen­bart der Auf­satz eine wei­ter­hin, trotz der all­ge­mei­nen Sym­pa­thie für Jün­ger, bestehen­de Schwä­che des Wis­sen­schafts­be­triebs: Anstatt Schrey­er eben als eine Per­son in sei­ner Zeit zu sehen, wird ihm der Sta­tus Avant­gar­de unter Hin­weis auf sei­ne spä­te­ren Ver­öf­fent­li­chun­gen im Umfeld der KR abge­spro­chen, Schrey­er damit zum Reak­tio­när umeti­ket­tiert. Was den Band ins­ge­samt wert­voll macht, sind weni­ger sei­ne Wer­tun­gen als eini­ge Bei­trä­ge zur Jün­ger-Rezep­ti­on etwa in Frank­reich, Ruß­land, Polen und Rumä­ni­en. Wie eine Art Zusam­men­fas­sung liest sich schließ­lich der Bei­trag von Hel­muth Kie­sel, der die Ten­den­zen in der Aus­ein­an­der­set­zung mit Jün­ger zusam­men­faßt und dabei die »Re-Inte­gra­ti­on« Jün­gers in das Kor­pus der Moder­ne kurz beleuch­tet. Um dar­an wei­ter­zu­ar­bei­ten, for­dert er ein Peri­odi­kum, in dem die wei­te­re wis­sen­schaft­li­che Aus­ein­an­der­set­zung statt­fin­den sollte.

Ein Peri­odi­kum hat es mitt­ler­wei­le auf den vier­ten Band gebracht: die Jün­ger-Stu­di­en, die das jähr­li­che Sym­po­si­on des Freun­des­krei­ses der Gebrü­der Jün­ger doku­men­tie­ren. Im neu­es­ten Band, her­aus­ge­ge­ben von Gün­ter Figal und Georg Knapp, geht es um Autor­schaft Zeit (Tübin­gen: Attemp­to 2010. 170 S., kt, 32 €). Her­vor­zu­he­ben sind dabei die Auf­sät­ze von Micha­el Klett, der aus der Sicht des Ver­le­gers über Jün­gers Autor­schaft reflek­tiert, von Bar­ba­ra von Wul­f­fen über die Sich­tung der Brie­fe ihres Vaters (Graf Pode­wils) sowie Stef­fen Dietzsch, der eine der sel­te­nen gehalt­vol­len Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit dem Werk von Fried­rich Georg Jün­gers beisteuert.

Neben der feh­len­den Zeit­schrift gibt Kie­sel in dem erwähn­ten Auf­satz noch eini­ge edi­to­ri­sche Wün­sche an, von denen er bereits einen selbst erfüllt hat: die Edi­ti­on der unbe­ar­bei­te­ten Tage­bü­cher Jün­gers aus dem Ers­ten Welt­krieg. Mit dem Kriegs­ta­ge­buch 1914–1918 (Stutt­gart: Klett-Cot­ta 2010. 655 S., geb, 32.95 €) liegt ein lan­ge ver­miß­tes Desi­de­rat vor, aus dem zwar in eini­gen wis­sen­schaft­li­chen Arbei­ten aus­führ­lich zitiert wur­de, das aber, außer den For­schern, noch nie­mand in Gän­ze lesen konn­te. Das Medi­en­echo auf die­se Edi­ti­on ist gespal­ten, sicher ist man sich indes, daß die Tage­bü­cher von Hel­muth Kie­sel her­vor­ra­gend ediert sind. Unei­nig­keit herrscht aber über die Bedeu­tung der Tage­bü­cher. Selbst wenn sie nur, wie behaup­tet wur­de, für die Edi­ti­ons­ge­schich­te der Stahl­ge­wit­ter von Inter­es­se sein soll­ten, hie­ße das immer­hin, daß sie das erfolg­reichs­te nicht­ten­den­ziö­se Kriegs­buch beträ­fen. Aber die Bedeu­tung geht weit dar­über hin­aus. Die Tage­bü­cher Jün­gers dürf­ten eines der weni­gen authen­ti­schen Zeug­nis­se in die­sem Umfang sein, das jemals ediert wur­de. In sei­nem Nach­wort »Ernst Jün­ger im Ers­ten Welt­krieg« ver­mag es Kie­sel nicht, einen adäqua­ten Ver­gleich anzu­füh­ren. Was es gibt, ist ent­we­der wesent­lich kür­zer oder bereits vom Ver­fas­ser aus einer Roh­form, die nicht mehr vor­liegt, in eine ers­te Rein­schrift übertragen.

Jün­ger hat­te, bevor er im Janu­ar 1915 an die West­front kam, auf den Rat sei­nes Vaters hin, begon­nen, sei­ne Erleb­nis­se fest­zu­hal­ten, wohl bereits im Hin­blick auf eine spä­te­re Ver­wer­tung. Am Ende des Krie­ges waren es fünf­zehn Hef­te, aus denen Jün­ger dann die Stahl­ge­wit­ter kom­po­nier­te. In die­sen Hef­ten geht es vor allem um die zahl­rei­chen Kampf­hand­lun­gen, an denen Jün­ger betei­ligt war. Dabei gibt es aus­ge­ar­bei­te­te reflek­tie­ren­de Pas­sa­gen und Augen­blicks­auf­zeich­nun­gen, die in einer Art Sekun­den­stil gehal­ten sind. Natür­lich gibt es dar­un­ter Stel­len, in denen sich der Held etwas über­mä­ßig sei­ner Taten rühmt. Erstaun­lich ist den­noch das lite­ra­ri­sche Niveau der Auf­zeich­nun­gen des jun­gen Sol­da­ten und Offi­ziers. Man darf bei der Beur­tei­lung Jün­gers Alter (1895 geb.) nicht ver­ges­sen und auch nicht, daß Jün­ger den Krieg gegen jede Wahr­schein­lich­keit über­lebt hat, was er tat­säch­lich wie einen Auf­trag begriff. Jün­ger war an zahl­lo­sen Stoß- und Späh­trupp­un­ter­neh­men betei­ligt, die oft hohe Ver­lus­te ver­zeich­ne­ten. Nicht zuletzt des­halb war Jün­ger einer von 687 Offi­zie­ren, die im Ers­ten Welt­krieg die höchs­te Tap­fer­keits­aus­zeich­nung, den Pour le Méri­te, erhiel­ten, einer unter nur elf Kom­pa­nie­füh­rern. Das allein macht sei­ne Auf­zeich­nun­gen wert­voll. Viel­leicht sorgt die Edi­ti­on auch dafür, daß uns Deut­schen die­ser Krieg, der die Wei­chen der Geschich­te so unheil­voll gestellt hat, wie­der ins Bewußt­sein rückt. Jün­ger ist, mit all sei­nem gegen­wär­ti­gen Ruhm, der rich­ti­ge Mann dafür, und er hat mit Hel­muth Kie­sel einen Edi­tor und Bio­gra­phen gefun­den, der fin­dig und nüch­tern ist: Nur so blei­ben uns Jün­gers Spra­che und Geist erhalten.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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