Im Gespräch mit Stephan Voß über Jugendgewalt

Im letzten Jahr öffnete die verstorbene Jugendrichterin Kirsten Heisig mit ihrem Buch Das Ende der Geduld einer breiten Öffentlichkeit...

Felix Menzel

Felix Menzel ist Chefredakteur des Schülerblogs blauenarzisse.de.

die Augen über das Aus­maß an Gewalt in Ber­lin. Vor knapp zwei Mona­ten koch­te das The­ma wie­der hoch, weil es in der Haupt­stadt erneut zu einer Serie von bru­ta­len Über­fäl­len in U‑Bahnhöfen kam. Sezes­si­on im Netz sprach über die­ses Pro­blem mit dem Sozio­lo­gen Ste­phan Voß, dem Lei­ter der Geschäfts­stel­le Ber­lin gegen Gewalt.

SEZESSION: Sehr geehr­ter Herr Voß, bru­ta­le U‑Bahnschläger sind seit eini­gen Wochen wie­der in den Schlag­zei­len. Dabei ist doch davon aus­zu­ge­hen, daß die­se Fäl­le nur die Spit­ze des Eis­ber­ges sind. Kön­nen Sie uns die All­tags­ge­walt unter Jugend­li­chen in Ber­lin etwas genau­er schildern.

VOSS: Gewalt­ta­ten, die den Weg in die Medi­en fin­den, sind immer nur eine Spit­ze des Eis­ber­ges. Die von Ihnen erwähn­ten Taten im öffent­li­chen Per­so­nen­nah­ver­kehr, die per Video auf­ge­zeich­net und einer brei­ten Öffent­lich­keit zugäng­lich gemacht wur­den, lösen bei vie­len Men­schen, auch wegen des bru­ta­len Vor­ge­hens der Täter, ver­ständ­li­cher­wei­se Angst und Unsi­cher­heits­ge­füh­le aus. Den­noch ist es erst ein­mal wich­tig fest­zu­stel­len, dass mit Blick auf alle Straf­ta­ten die abso­lu­te Zahl tat­ver­däch­ti­ger jun­ger Men­schen unter 21 Jah­ren in Ber­lin und auch ihr Anteil an allen Tat­ver­däch­ti­gen seit 1991 noch nie so nied­rig waren wie heute.

Dar­über hin­aus ist zum Bei­spiel im Bereich der Jugend­grup­pen­ge­walt die Anzahl der Tat­ver­däch­ti­gen zu Roh­heits­de­lik­ten von 2.671 im Jahr 2008 auf 2.177 zurück­ge­gan­gen und die Anzahl der regis­trier­ten ent­spre­chen­den Straf­ta­ten von 3.495 auf 2.583. Die­se erfreu­li­chen Ent­wick­lun­gen wer­den jedoch ange­sichts der erwähn­ten bru­ta­len und in allen Ein­zel­hei­ten von jedem nach­zu­ver­fol­gen­den Gewalt­ta­ten kaum mehr wahrgenommen.

Von All­tags­ge­walt unter Jugend­li­chen zu spre­chen, erweckt den Ein­druck, daß alle jun­gen Ber­li­ner all­täg­lich mit Gewalt­ta­ten kon­fron­tiert sind. Die­ser Ein­druck ent­spricht so nicht der Rea­li­tät, auch wenn natür­lich immer noch viel zu vie­le jun­ge Men­schen in Ber­lin Täter oder auch Opfer von Gewalt, z.B. durch das „Abzie­hen“ von Han­dys, durch ande­re Raub­de­lik­te oder durch Kör­per­ver­let­zun­gen, werden.

SEZESSION: Nun fällt in der Sta­tis­tik die hohe Anzahl an „Tätern mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund“ auf. Wor­an liegt das?

VOSS: Zunächst ein­mal ist es wich­tig fest­zu­hal­ten, daß der bei wei­tem über­wie­gen­de Teil von jun­gen Men­schen mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund nicht wegen Gewalt­ta­ten poli­zei­lich regis­triert ist. Rich­tig ist, daß z.B. jun­ge männ­li­che Per­so­nen mit einem tür­ki­schen, liba­ne­si­schen oder paläs­ti­nen­si­schen Migra­ti­ons­hin­ter­grund oder mit einem aus den Län­dern des ehe­ma­li­gen Jugo­sla­wi­ens in Ber­lin – gemes­sen an ihrem Bevöl­ke­rungs­an­teil – über­pro­por­tio­nal an Gewalt­de­lik­ten betei­ligt sind. Die Ursa­chen hier­für sind viel­fäl­tig. Sie haben vor allem mit sozia­len Fak­to­ren, also sol­chen, die in den spe­zi­fi­schen Lebens­la­gen die­ser jun­gen Men­schen begrün­det sind, zu tun. Kul­tu­rel­le und migra­ti­ons­be­ding­te Fak­to­ren kön­nen ver­stär­kend auf die Häu­fig­keit und Inten­si­tät gewalt­för­mi­gen Ver­hal­tens wir­ken. Wich­tig ist es vor die­sem Hin­ter­grund, einer Eth­ni­sie­rung der Pro­ble­me entgegenzutreten.

Wie gesagt, bestehen die Ursa­chen für gewalt­tä­ti­ges Ver­hal­ten in einem gan­zen Bün­del von Fak­to­ren. Dabei spie­len sowohl Dis­kri­mi­nie­rungs­er­fah­run­gen als auch man­geln­de Per­spek­ti­ven im Hin­blick auf Aus­bil­dung und Beruf eine Rol­le. Die­se wie­der­um haben unter ande­rem etwas mit man­gel­haf­ten Sprach­kennt­nis­sen sowie mit einer unzu­rei­chen­den Unter­stüt­zung der Kin­der durch ihre Eltern im Hin­blick auf Bil­dungs­pro­zes­se zu tun. Das heißt nicht, daß Eltern etwa nicht wol­len, daß ihre Kin­der in der Schu­le und spä­ter im Beruf erfolg­reich sind, son­dern es bedeu­tet, daß Eltern oft ein­fach die Kom­pe­ten­zen feh­len, um ihre Kin­der in aus­rei­chen­dem Maße zu unterstützen.

Zu den Ursa­chen von Gewalt gehört häu­fig auch die Erfah­rung inner­fa­mi­liä­rer Gewalt und zwar sowohl von Gewalt, die Eltern ihren Kin­dern gegen­über aus­üben als auch von Gewalt zwi­schen den Eltern, die von Kin­dern mit­er­lebt wird. Die­ser Aspekt ist nicht zu unter­schät­zen, da Kin­der sozu­sa­gen am Modell ler­nen. Wir spre­chen des­halb auch von einem Kreis­lauf der Gewalt. Unter­schätzt wer­den darf auch nicht, daß sich männ­li­che Jugend­li­che oft­mals an Gewalt legi­ti­mie­ren­den Männ­lich­keits­bil­dern ori­en­tie­ren, die etwas mit patri­ar­cha­lisch gepräg­ter Geschlechts­rol­len­iden­ti­tät zu tun hat. Die­se Männ­lich­keits­bil­der sind für unse­re Gesell­schaft nicht mehr zeit­ge­mäß. Sie füh­ren jedoch unter ande­rem dazu, daß sich männ­li­che Jugend­li­che – und nicht nur sol­che mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund – oft­mals an gewalt­tä­ti­gen Grup­pen Gleich­alt­ri­ger ori­en­tie­ren. Dies kann fata­le Aus­wir­kun­gen haben, da die­se Grup­pen, die ja für das Auf­wach­sen von jun­gen Men­schen von zen­tra­ler Bedeu­tung sind, eine Dyna­mik ent­fal­ten, die sich auf die Ent­wick­lung der jun­gen Men­schen sehr nega­tiv aus­wir­ken kann.

SEZSSION: Wodurch unter­schei­den sich deut­sche von aus­län­di­schen Tätern? Gibt es typi­sche Kri­mi­na­li­täts­kar­rie­ren bzw. Hand­lungs­mus­ter der Taten?

VOSS: Ich glau­be nicht, daß es Sinn macht, zwi­schen Tätern deut­scher Her­kunft und sol­chen mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund in Bezug auf ihr Täter­sein zu unter­schei­den. Was soll­te uns die­se Unter­schei­dung brin­gen? Wenn jun­ge Men­schen von Gewalt­de­lik­ten gepräg­te kri­mi­nel­le Kar­rie­ren durch­lau­fen, dann haben wir es in sehr vie­len Fäl­len mit Jun­gen, männ­li­chen Jugend­li­chen und männ­li­chen Her­an­wach­sen­den zu tun, die aus unter­schied­li­chen Grün­den – eini­ge habe ich oben genannt – in ihrem Leben kei­nen Erfolg hat­ten, kei­ne Selbst­wirk­sam­keit und weder Aner­ken­nung noch Wert­schät­zung in aus­rei­chen­dem Maße erfah­ren haben.

Gewalt bie­tet dann, ohne sich beson­ders anstren­gen zu müs­sen, die Mög­lich­keit, sich selbst als macht­voll erle­ben zu kön­nen. Oft genug bil­det sie das Pen­dant zu der im all­täg­li­chen Leben erfah­re­nen Ohnmacht.

SEZESSION: Die vor­ge­schla­ge­nen Maß­nah­men zur Bekämp­fung der Jugend­ge­walt ähneln sich regel­mä­ßig, wenn die Debat­te dar­über auf­kommt: Die eine Sei­te for­dert mehr gesetz­li­che Här­te, z.B. den Warn­schuß­ar­rest, die ande­re Sei­te setzt auf Bil­dung und Inte­gra­ti­on im Ein­ver­neh­men mit den Jugend­li­chen. Auf wel­cher Sei­te ste­hen Sie?

VOSS: Aus mei­ner Sicht sind die gesetz­li­chen Rege­lun­gen, die wir haben, aus­rei­chend. Bei der Anwen­dung die­ser Rege­lun­gen gibt es sicher an der einen oder ande­ren Stel­le noch Hand­lungs­be­darf, von ent­schei­den­der Bedeu­tung ist es jedoch – und dies hat z.B. die Unter­su­chung von Inten­siv­tä­ter­kar­rie­ren deut­lich gezeigt –, früh­zei­tig zu reagie­ren, wenn sich bei jun­gen Men­schen z.B. in der Schu­le Pro­ble­me oder Auf­fäl­lig­kei­ten zei­gen. Hin­se­hen und Han­deln ist dann gefragt. Abwar­ten oder die Ver­ant­wor­tung von sich zu wei­sen, ist Gift für die wei­te­re Ent­wick­lung der Kin­der und Jugend­li­chen. In die­ser Pha­se geht es noch gar nicht um Delin­quenz geschwei­ge denn um kri­mi­nel­le Kar­rie­ren, son­dern dar­um, die­je­ni­gen, die Pro­ble­me haben, zu unterstützen.

Hier ist eine ver­ant­wort­li­che Zusam­men­ar­beit vor allem zwi­schen Schu­le und Jugend­hil­fe von größ­ter Bedeu­tung, die sicher­stellt, daß für die vor­han­de­nen Pro­ble­me gemein­sam mit den jun­gen Men­schen und – das ist beson­ders wich­tig – mit deren Fami­li­en Lösun­gen erar­bei­tet wer­den. Letzt­lich ist es dabei not­wen­dig, Ein­ver­neh­men zu erzie­len, denn ohne die­ses und ohne daß die Betei­lig­ten von den gefun­de­nen Lösun­gen über­zeugt sind, wird jeg­li­che Unter­stüt­zung ohne den gewünsch­ten Erfolg blei­ben. Dies bedeu­tet jedoch nicht, daß von Eltern und Kin­dern nichts gefor­dert wird, im Gegen­teil. Eltern müs­sen Ver­ant­wor­tung für ihre Kin­der über­neh­men und dies ist ihnen auch sehr deut­lich zu machen. Feh­len die dafür not­wen­di­gen Kom­pe­ten­zen, müs­sen sie bei deren Ent­wick­lung unter­stützt wer­den. Leh­nen sie eine sol­che Unter­stüt­zung ab, muß letzt­lich der Staat sei­ne Wäch­ter­funk­ti­on für das Kin­des­wohl wahrnehmen.

Es kommt also auf das Han­deln in jedem Ein­zel­fall an und die­ses Han­deln muß wei­ter pro­fes­sio­na­li­siert wer­den. Damit will ich die Bedeu­tung von Bil­dung und Inte­gra­ti­on für eine posi­ti­ve Ent­wick­lung jun­ger Men­schen und damit auch ihre Bedeu­tung für die Prä­ven­ti­on von Gewalt kei­nes­falls schmä­lern. Daß es hier noch Eini­ges zu tun gibt, ist offen­sicht­lich. Wenn es aber dar­um geht, wie wir kri­mi­nel­le Kar­rie­ren ver­hin­dern kön­nen, scheint mir die Fra­ge, wie die Ver­ant­wort­li­chen im Ein­zel­fall reagie­ren, der ent­schei­den­de Punkt zu sein.

SEZESSION: Kön­nen Sie uns aus Ihrer per­sön­li­chen Erfah­rung erfolg­rei­che Wege beschrei­ben, wie Jugend­li­che ihr zur Kri­mi­na­li­tät nei­gen­des Milieu (und damit eben auch – und dies dürf­te das schwie­ri­ge sein – ihren Freun­des­kreis) ver­las­sen können?

VOSS: Mit die­ser Fra­ge spre­chen Sie ein zen­tra­les Pro­blem an. Wir wis­sen, daß es für Jugend­li­che – wie für ande­re Men­schen im Übri­gen auch – sehr schwie­rig ist, ihr gewohn­tes Milieu zu ver­las­sen und daß ein delin­quen­ter Freun­des­kreis ein erheb­li­cher Risi­ko­fak­tor für gewalt­tä­ti­ges Han­deln jun­ger Men­schen ist. Ein­zel­ne Jugend­li­che schaf­fen es, sich von sol­chen Freun­den zu tren­nen. Mus­ter dafür, wie so etwas gelingt, sind mir aller­dings nicht bekannt. In die­sem Zusam­men­hang möch­te ich in Erin­ne­rung rufen, daß Jugend­de­lin­quenz im All­ge­mei­nen und auch Gewalt­de­lin­quenz in den aller­meis­ten Fäl­len ein vor­über­ge­hen­des Phä­no­men ist. Das bedeu­tet, daß von Jugend­li­chen und Her­an­wach­sen­den im Erwach­se­nen­al­ter in der Regel kei­ne Straf­ta­ten mehr ver­übt werden.

SEZESSION: Ihre Publi­ka­ti­on, „Ber­li­ner Forum Gewalt­prä­ven­ti­on“, in der Sie ihre Arbeits­er­geb­nis­se dar­stel­len, zeigt dage­gen, daß Sie selbst noch gro­ße Defi­zi­te in der Errei­chung Ihrer Zie­le sehen. Was macht die Arbeit der Gewalt­prä­ven­ti­on so schwierig?

VOSS: Gewalt­tä­ti­ges Han­deln hat – wie gesagt – viel­fäl­ti­ge Ursa­chen. Die­se haben sowohl mit gesell­schaft­li­chen Struk­tu­ren, gesell­schaft­li­chen Wer­ten als auch mit indi­vi­du­el­len Pro­blem­la­gen zu tun. Den­ken Sie z.B. an das The­ma Gewalt in der Erzie­hung. Erst am Anfang die­ses Jahr­tau­sends wur­de im Bür­ger­li­chen Gesetz­buch ver­an­kert, daß Kin­der ein Recht auf gewalt­freie Erzie­hung haben. Oder den­ken Sie an häus­li­che Gewalt. Obwohl sie inzwi­schen gesell­schaft­lich seit vie­len Jah­ren geäch­tet ist, wird sie immer noch und in erschre­cken­dem Maße aus­ge­übt. Vie­le Kin­der erle­ben die­se For­men von Gewalt noch viel zu oft und gleich­zei­tig erfah­ren sie zu wenig Wert­schät­zung und Respekt. Für zu vie­le Kin­der ist die Fami­lie immer noch ein gefähr­li­cher Ort – im Übri­gen auch mit Blick auf sexu­el­le Gewalt.

Den­ken Sie an das The­ma Gewalt in den Medi­en um ein wei­te­res Bei­spiel zu nen­nen. Auch hier besteht noch gro­ßer Hand­lungs­be­darf. Pro­ble­me im Zusam­men­hang mit Bil­dung, Inte­gra­ti­on und der sozia­len Lage von vie­len Kin­dern und ihren Fami­li­en las­sen sich natür­lich auch nicht auf die Schnel­le lösen. Und zuletzt möch­te ich noch einen ganz wich­ti­gen, wenn nicht sogar den ent­schei­den­den Punkt hin­zu­fü­gen: Das Bewußt­sein dafür, daß prä­ven­ti­ves Han­deln vie­le Pro­ble­me im Zusam­men­hang mit Gewalt erst gar nicht ent­ste­hen las­sen wür­de, ist noch viel zu wenig aus­ge­prägt. Noch immer inves­tie­ren wir im Wesent­li­chen dann, wenn es um Inter­ven­ti­on geht, wenn also das Kind schon in den Brun­nen gefal­len ist. Prä­ven­ti­on im Sin­ne des Vor­beu­gens, ist noch viel zu wenig die Maxi­me unse­res Handelns.

SEZESSION: Herr Voß, vie­len Dank für das Gespräch!

Felix Menzel

Felix Menzel ist Chefredakteur des Schülerblogs blauenarzisse.de.

Nichts schreibt sich
von allein!

Das Blog der Zeitschrift Sezession ist die wichtigste rechtsintellektuelle Stimme im Netz. Es lebt vom Fleiß, von der Lesewut und von der Sprachkraft seiner Autoren. Wenn Sie diesen Federn Zeit und Ruhe verschaffen möchten, können Sie das mit einem Betrag Ihrer Wahl tun.

Sezession
DE58 8005 3762 1894 1405 98
NOLADE21HAL

Kommentare (7)

Theosebeios

1. Juli 2011 14:51

Stephan Voß fasst sehr schön die Auffassung unserer fachlich mit diesen Fragen beschäftigten intellektuellen Eliten zusammen. In dieser lässt sich stets das Bemühen erkennen, den Zusammenhang zwischen Kriminalität / Gewalt und Migration auszublenden. Stattdessen werden (teilweise richtige) soziale Aspekte in den Vordergrund gerückt. Man möchte Probleme durch "mehr Integration" lösen, ohne zu fragen, warum Deutschland überhaupt die zu einem erheblichen Teil unerwünscht Zugewanderten integrieren sollte. Ohne die großen Migrationsschübe nach dem sog. Anwerbestopp hätte man Mitte der 80er Jahre beispielsweise die Abschaffung des (geschlossenen) Jugendstrafvollzuges diskutieren können. Stattdessen 'bevölkern' seit 20 Jahren Anteile von Ausländern zwischen 20-40 % (Erwachsenenstrafvollzug), 30-70% (Jugendstrafvollzug) und bis zu 80% in der U-Haft den deutschen Vollzug. (In Österreich und der Schweiz sieht es noch düsterer aus.) Für diese Gruppen gilt ebenfalls das Resozialisierungsgebot (in die deutsche Gesellschaft). Könnte ein kritischer Soziologe nicht einmal diese absurde Entwicklung 'hinterfragen'? Bei den Tätern führt man Scheingefechte über Prozentwerte und seriös nie aufgestellte Behauptungen (etwa dass Ausländer 'krimineller' seien als Deutsche). Ist es nicht belanglos, ob ausländische Mehrfach- und Intensivtäter 30, 40 oder 50% dieser (polizeilich definierten) Gruppe bilden? Erscheint denn die Überlegung, dass junge Gewalttäter aus anderen Ethnien in anatolischen Dörfern viel besser resozialisiert werden könnten als in sozialpädagogischen ambulanten Maßnahmen in Neukölln, einem kritischen deutschen Soziologen völlig indiskutabel? (Hat man jemals auch nur eine Erörterung in dieser Richtung lesen können?) Mir scheint eher, dass der kritische Soziologe hier eine Denkblockade hat, die er nach seinem eigenen offenen Wissenschaftsanspruch nicht haben dürfte.

Schopi

1. Juli 2011 20:45

Einige ganz wichtige Aspekte beim Thema "Jugendgewalt" werden immer ausgeblendet.
Warum werden nicht alle aus "schwierigen Verhältnissen" kriminell?

Warum schenkt man denen so viel (auch finanzielle) Aufmerksamkeit, die sich "Ausleben", die Schläger werden belohnt, mit Boxkursen, die teils wesentlich besser ausgestattet sind, als viele Schulen.

Es gibt unendlich viele Biographien, wo Menschen aus schwierigen Verhältnissen und mit Gewalterfahrungen ganz andere Wege eingeschlagen haben, ja, wo sogar dieser schwierige Weg als Antrieb, als Motor gedient hat.

Von den Opfern will ich erst gar nicht reden - eventuell sollten hier für diese Klientel die Boxclubs geöffnet werden, zum "sozialen" Lernen von wichtigen "soft skills" wie Schlagfertigkeit und Durchsetzungsvermögen, wäre doch nicht unlogisch, Herr Soziologe, oder?

Zentralwerkstatt

2. Juli 2011 09:58

>>
Einige ganz wichtige Aspekte beim Thema „Jugendgewalt“ werden immer ausgeblendet. Warum werden nicht alle aus „schwierigen Verhältnissen“ kriminell?
<<

Ich sage es mal autobahn: Weil die Gene das Verhalten maßgeben. Alles andere ist nur noch Prägung. Klar ist in dieser Metapher auch, daß eine Münze aus Mist niemals in der Sonne glänzen wird. Die Sozialpädagogik gebärdet sich stets ideologisch, geht jedoch immer an der Realität vorbei und kann nie das erreichen, was man sich von ihr wünschen würde.

Schopi

3. Juli 2011 21:43

...Weil die Gene das Verhalten maßgeben...

Was war zuerst, die Henne oder das Ei?
"Die Gene" apodiktisch für fast Alles, ja förmlich zu verklären, ist faktisch nur die Kehrseite, der versozial"arbeiterten" Thesen vom Mensch als leeres Blatt, auf das die Kultur ihren Stempel drückt.
Was wir hier wissen, ist, daß wir nicht wirklich wissen.
Die Hirnforschung wäre auch erwähnenswert - in den letzten 20 Jahren hat sich auf diesem Gebiet geradezu epochaler Erkenntnisgewinn den Weg gebahnt.

Auf diese abendfüllenden und kontroversen Themen wollte ich aber nicht hinaus.

Es geht um den aktuellen Stellenwert und die Definition von "Täter" und "Opfer".

In einer Gesellschaft, in der der Kampf jeder gegen jeden nicht nur legal, sondern sogar erwünscht ist, in der "Zuwanderung" den Ausleseprozess für die politisch und wirtschaftlich Mächtigen hocheffizient macht, der Mensch sozusagen "Warencharakter" angenommen hat (hier irrt die radikale Linke nicht, nur das sie selbst es ist, die den Nutznießern mit ihrem Geträllere der Internationale und der Verteufelung von Volk und Vaterland in die Hände spielt, merkt sie nicht).

In diesem Szenario wirkt auch der "Täter" immer bejahend, aktiv, systemimmanent - die Wertschätzung folgt auf dem Fuß, ja mancher verkümmerte Sozialingenieur kann seine "Bewunderung" für diese Menschen kaum verbergen - die Urteile sprechen eine klare Sprache. Auch sexuelle Anziehungskraft die "Täter" ausstrahlen wirkt gerade im verborgenen bei unseren vielen weiblichen SozialklempnerInnen. Das alles ist in der "offenen Gesellschaft" vollkommen tabu, viele handeln hier auch ohne die Zusammenhänge auch nur andeutungsweise zu erahnen, ideologisch verblendet und ihrem "Glauben" folgend.

Das Opfer ist der "Loser" schlechthin, wer sich in der U-Bahn zusammenschlagen lässt, hat in etwa eine ähnlich große Lobby, wie ein Arbeits"loser" - die Hilfe findet nur auf dem Papier statt.

Diese sich damit beschäftigende Industrie ist parasitär, lügenhaft und beutet mit ihrer "Arbeit" auf der Basis eines irrsinnigen Menschenbildes, diejenigen aus, die in Wertschöpfungsketten tätig sind (im linken Sprech also die Werktätigen).

Frederik Lassnitz

4. Juli 2011 10:17

Ein ermutigendes Büchlein zur Gewaltprävention mit männlichen Jugendlichen dürfte "Mission Boys4peace" sein: hier wird auf die Zusammenhänge zwischen falsch verstandenen Männlichkeitsidealen und Gewalt eingegangen. Ich bin durch die Schule meines Sohnes darauf aufmerksam geworden, wo ein Lehrer damit ein paar Projektstunden machte.

F.Lassnitz

Frank

6. Juli 2011 09:45

"Unterschätzt werden darf auch nicht, daß sich männliche Jugendliche oftmals an Gewalt legitimierenden Männlichkeitsbildern orientieren, die etwas mit patriarchalisch geprägter Geschlechtsrollenidentität zu tun hat. Diese Männlichkeitsbilder sind für unsere Gesellschaft nicht mehr zeitgemäß."

Es sind also die Männlichkeitsbilder schuld. Die müssen wir demnach überwinden. Die SPD hat bereits den Anfang gemacht und in ihr Parteiprogramm den schönen Satz geschrieben, wer die menschliche Gesellschaft wolle, müsse die männliche überwinden. Dieser Satz zeigt, wo die Tendenz hingeht. Eine Diskussion über Integrationsversagen und die Gefahr kultureller Landnahme durch Zugewanderte soll verhindert werden, da zu schmerzlich und zu gefährlich. Statt dessen will man alles, feministisch korrekt, auf die Gender-Schiene abwälzen. Da kennen sich die Sozialingenieure aus, das ist ihr Metier, da tut's auch nicht so weh.

Nun, dennoch könnte man sich die Frage stellen, ob "sowohl Diskriminierungserfahrungen als auch mangelnde Perspektiven" (Voß) nicht auch ein Auslöser dafür sein könnten, dass speziell männliche Jugendliche in kriminelles Verhalten abrutschen. Die Diskriminierung von Jungen in unserem Bildungssystem ist durch Studien belegt; speziell männliche Migrationshintergründler haben es besonders schwer; die Politik ist sehr beflissen und bemüht, die Bildungschancen von Mihigru-Mädchen zu verbessern. Die Jungs sind ihr ziemlich egal.

All das könnte ein zusätzlicher Erklärungsansatz sein für (männliche) Jugendgewalt. Wenn man ihm dem nachgehen wollte. Scheint aber zu sehr weh zu tun, also lässt man es lieber sein.

Zentralwerkstatt

6. Juli 2011 21:56

Was war zuerst, die Henne oder das Ei?

Das Ei war zuerst.

"Die Gene" apodiktisch für fast Alles, ja förmlich zu verklären, ist faktisch nur die Kehrseite, der versozial“arbeiterten“ Thesen vom Mensch als leeres Blatt, auf das die Kultur ihren Stempel drückt.

Ich habe nichts von einem "voll geschriebenen Blatt" geschrieben.

Haben Sie keine Angst vor dem Autobahn-Wort "Gene", und schon gar nicht vor der Wirkung der Gene. Denn die Gene sind es, die Ihnen das individuelle Korsett geben, mit denen Sie der Beliebigkeit des Seinmüssens und damit der Willkür von Sozialmanipulatoren enthoben sind.

Differenziert auf Argumente einzugehen oder eben nicht, hat man in der Hand! Weniger dann schon die Tendenz, eifern zu wollen.

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.