Sezession
30. Juni 2011

Im Gespräch mit Stephan Voß über Jugendgewalt

Felix Menzel / 7 Kommentare

Im letzten Jahr öffnete die verstorbene Jugendrichterin Kirsten Heisig mit ihrem Buch Das Ende der Geduld einer breiten Öffentlichkeit die Augen über das Ausmaß an Gewalt in Berlin. Vor knapp zwei Monaten kochte das Thema wieder hoch, weil es in der Hauptstadt erneut zu einer Serie von brutalen Überfällen in U-Bahnhöfen kam. Sezession im Netz sprach über dieses Problem mit dem Soziologen Stephan Voß, dem Leiter der Geschäftsstelle Berlin gegen Gewalt.

Felix Menzel

Felix Menzel ist Chefredakteur des Schülerblogs blauenarzisse.de.

  • Sezession

SEZESSION: Sehr geehrter Herr Voß, brutale U-Bahnschläger sind seit einigen Wochen wieder in den Schlagzeilen. Dabei ist doch davon auszugehen, daß diese Fälle nur die Spitze des Eisberges sind. Können Sie uns die Alltagsgewalt unter Jugendlichen in Berlin etwas genauer schildern.

VOSS: Gewalttaten, die den Weg in die Medien finden, sind immer nur eine Spitze des Eisberges. Die von Ihnen erwähnten Taten im öffentlichen Personennahverkehr, die per Video aufgezeichnet und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden, lösen bei vielen Menschen, auch wegen des brutalen Vorgehens der Täter, verständlicherweise Angst und Unsicherheitsgefühle aus. Dennoch ist es erst einmal wichtig festzustellen, dass mit Blick auf alle Straftaten die absolute Zahl tatverdächtiger junger Menschen unter 21 Jahren in Berlin und auch ihr Anteil an allen Tatverdächtigen seit 1991 noch nie so niedrig waren wie heute.

Darüber hinaus ist zum Beispiel im Bereich der Jugendgruppengewalt die Anzahl der Tatverdächtigen zu Rohheitsdelikten von 2.671 im Jahr 2008 auf 2.177 zurückgegangen und die Anzahl der registrierten entsprechenden Straftaten von 3.495 auf 2.583. Diese erfreulichen Entwicklungen werden jedoch angesichts der erwähnten brutalen und in allen Einzelheiten von jedem nachzuverfolgenden Gewalttaten kaum mehr wahrgenommen.

Von Alltagsgewalt unter Jugendlichen zu sprechen, erweckt den Eindruck, daß alle jungen Berliner alltäglich mit Gewalttaten konfrontiert sind. Dieser Eindruck entspricht so nicht der Realität, auch wenn natürlich immer noch viel zu viele junge Menschen in Berlin Täter oder auch Opfer von Gewalt, z.B. durch das „Abziehen“ von Handys, durch andere Raubdelikte oder durch Körperverletzungen, werden.

SEZESSION: Nun fällt in der Statistik die hohe Anzahl an „Tätern mit Migrationshintergrund“ auf. Woran liegt das?

VOSS: Zunächst einmal ist es wichtig festzuhalten, daß der bei weitem überwiegende Teil von jungen Menschen mit Migrationshintergrund nicht wegen Gewalttaten polizeilich registriert ist. Richtig ist, daß z.B. junge männliche Personen mit einem türkischen, libanesischen oder palästinensischen Migrationshintergrund oder mit einem aus den Ländern des ehemaligen Jugoslawiens in Berlin – gemessen an ihrem Bevölkerungsanteil – überproportional an Gewaltdelikten beteiligt sind. Die Ursachen hierfür sind vielfältig. Sie haben vor allem mit sozialen Faktoren, also solchen, die in den spezifischen Lebenslagen dieser jungen Menschen begründet sind, zu tun. Kulturelle und migrationsbedingte Faktoren können verstärkend auf die Häufigkeit und Intensität gewaltförmigen Verhaltens wirken. Wichtig ist es vor diesem Hintergrund, einer Ethnisierung der Probleme entgegenzutreten.

Wie gesagt, bestehen die Ursachen für gewalttätiges Verhalten in einem ganzen Bündel von Faktoren. Dabei spielen sowohl Diskriminierungserfahrungen als auch mangelnde Perspektiven im Hinblick auf Ausbildung und Beruf eine Rolle. Diese wiederum haben unter anderem etwas mit mangelhaften Sprachkenntnissen sowie mit einer unzureichenden Unterstützung der Kinder durch ihre Eltern im Hinblick auf Bildungsprozesse zu tun. Das heißt nicht, daß Eltern etwa nicht wollen, daß ihre Kinder in der Schule und später im Beruf erfolgreich sind, sondern es bedeutet, daß Eltern oft einfach die Kompetenzen fehlen, um ihre Kinder in ausreichendem Maße zu unterstützen.

Zu den Ursachen von Gewalt gehört häufig auch die Erfahrung innerfamiliärer Gewalt und zwar sowohl von Gewalt, die Eltern ihren Kindern gegenüber ausüben als auch von Gewalt zwischen den Eltern, die von Kindern miterlebt wird. Dieser Aspekt ist nicht zu unterschätzen, da Kinder sozusagen am Modell lernen. Wir sprechen deshalb auch von einem Kreislauf der Gewalt. Unterschätzt werden darf auch nicht, daß sich männliche Jugendliche oftmals an Gewalt legitimierenden Männlichkeitsbildern orientieren, die etwas mit patriarchalisch geprägter Geschlechtsrollenidentität zu tun hat. Diese Männlichkeitsbilder sind für unsere Gesellschaft nicht mehr zeitgemäß. Sie führen jedoch unter anderem dazu, daß sich männliche Jugendliche – und nicht nur solche mit Migrationshintergrund – oftmals an gewalttätigen Gruppen Gleichaltriger orientieren. Dies kann fatale Auswirkungen haben, da diese Gruppen, die ja für das Aufwachsen von jungen Menschen von zentraler Bedeutung sind, eine Dynamik entfalten, die sich auf die Entwicklung der jungen Menschen sehr negativ auswirken kann.

SEZSSION: Wodurch unterscheiden sich deutsche von ausländischen Tätern? Gibt es typische Kriminalitätskarrieren bzw. Handlungsmuster der Taten?

VOSS: Ich glaube nicht, daß es Sinn macht, zwischen Tätern deutscher Herkunft und solchen mit Migrationshintergrund in Bezug auf ihr Tätersein zu unterscheiden. Was sollte uns diese Unterscheidung bringen? Wenn junge Menschen von Gewaltdelikten geprägte kriminelle Karrieren durchlaufen, dann haben wir es in sehr vielen Fällen mit Jungen, männlichen Jugendlichen und männlichen Heranwachsenden zu tun, die aus unterschiedlichen Gründen – einige habe ich oben genannt – in ihrem Leben keinen Erfolg hatten, keine Selbstwirksamkeit und weder Anerkennung noch Wertschätzung in ausreichendem Maße erfahren haben.

Gewalt bietet dann, ohne sich besonders anstrengen zu müssen, die Möglichkeit, sich selbst als machtvoll erleben zu können. Oft genug bildet sie das Pendant zu der im alltäglichen Leben erfahrenen Ohnmacht.
Test


Felix Menzel

Felix Menzel ist Chefredakteur des Schülerblogs blauenarzisse.de.

  • Sezession

Kommentare (7)

Theosebeios
1. Juli 2011 14:51

Stephan Voß fasst sehr schön die Auffassung unserer fachlich mit diesen Fragen beschäftigten intellektuellen Eliten zusammen. In dieser lässt sich stets das Bemühen erkennen, den Zusammenhang zwischen Kriminalität / Gewalt und Migration auszublenden. Stattdessen werden (teilweise richtige) soziale Aspekte in den Vordergrund gerückt. Man möchte Probleme durch "mehr Integration" lösen, ohne zu fragen, warum Deutschland überhaupt die zu einem erheblichen Teil unerwünscht Zugewanderten integrieren sollte. Ohne die großen Migrationsschübe nach dem sog. Anwerbestopp hätte man Mitte der 80er Jahre beispielsweise die Abschaffung des (geschlossenen) Jugendstrafvollzuges diskutieren können. Stattdessen 'bevölkern' seit 20 Jahren Anteile von Ausländern zwischen 20-40 % (Erwachsenenstrafvollzug), 30-70% (Jugendstrafvollzug) und bis zu 80% in der U-Haft den deutschen Vollzug. (In Österreich und der Schweiz sieht es noch düsterer aus.) Für diese Gruppen gilt ebenfalls das Resozialisierungsgebot (in die deutsche Gesellschaft). Könnte ein kritischer Soziologe nicht einmal diese absurde Entwicklung 'hinterfragen'? Bei den Tätern führt man Scheingefechte über Prozentwerte und seriös nie aufgestellte Behauptungen (etwa dass Ausländer 'krimineller' seien als Deutsche). Ist es nicht belanglos, ob ausländische Mehrfach- und Intensivtäter 30, 40 oder 50% dieser (polizeilich definierten) Gruppe bilden? Erscheint denn die Überlegung, dass junge Gewalttäter aus anderen Ethnien in anatolischen Dörfern viel besser resozialisiert werden könnten als in sozialpädagogischen ambulanten Maßnahmen in Neukölln, einem kritischen deutschen Soziologen völlig indiskutabel? (Hat man jemals auch nur eine Erörterung in dieser Richtung lesen können?) Mir scheint eher, dass der kritische Soziologe hier eine Denkblockade hat, die er nach seinem eigenen offenen Wissenschaftsanspruch nicht haben dürfte.

Schopi
1. Juli 2011 20:45

Einige ganz wichtige Aspekte beim Thema "Jugendgewalt" werden immer ausgeblendet.
Warum werden nicht alle aus "schwierigen Verhältnissen" kriminell?

Warum schenkt man denen so viel (auch finanzielle) Aufmerksamkeit, die sich "Ausleben", die Schläger werden belohnt, mit Boxkursen, die teils wesentlich besser ausgestattet sind, als viele Schulen.

Es gibt unendlich viele Biographien, wo Menschen aus schwierigen Verhältnissen und mit Gewalterfahrungen ganz andere Wege eingeschlagen haben, ja, wo sogar dieser schwierige Weg als Antrieb, als Motor gedient hat.

Von den Opfern will ich erst gar nicht reden - eventuell sollten hier für diese Klientel die Boxclubs geöffnet werden, zum "sozialen" Lernen von wichtigen "soft skills" wie Schlagfertigkeit und Durchsetzungsvermögen, wäre doch nicht unlogisch, Herr Soziologe, oder?

Zentralwerkstatt
2. Juli 2011 09:58

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Einige ganz wichtige Aspekte beim Thema „Jugendgewalt“ werden immer ausgeblendet. Warum werden nicht alle aus „schwierigen Verhältnissen“ kriminell?
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Ich sage es mal autobahn: Weil die Gene das Verhalten maßgeben. Alles andere ist nur noch Prägung. Klar ist in dieser Metapher auch, daß eine Münze aus Mist niemals in der Sonne glänzen wird. Die Sozialpädagogik gebärdet sich stets ideologisch, geht jedoch immer an der Realität vorbei und kann nie das erreichen, was man sich von ihr wünschen würde.

Schopi
3. Juli 2011 21:43

...Weil die Gene das Verhalten maßgeben...

Was war zuerst, die Henne oder das Ei?
"Die Gene" apodiktisch für fast Alles, ja förmlich zu verklären, ist faktisch nur die Kehrseite, der versozial"arbeiterten" Thesen vom Mensch als leeres Blatt, auf das die Kultur ihren Stempel drückt.
Was wir hier wissen, ist, daß wir nicht wirklich wissen.
Die Hirnforschung wäre auch erwähnenswert - in den letzten 20 Jahren hat sich auf diesem Gebiet geradezu epochaler Erkenntnisgewinn den Weg gebahnt.

Auf diese abendfüllenden und kontroversen Themen wollte ich aber nicht hinaus.

Es geht um den aktuellen Stellenwert und die Definition von "Täter" und "Opfer".

In einer Gesellschaft, in der der Kampf jeder gegen jeden nicht nur legal, sondern sogar erwünscht ist, in der "Zuwanderung" den Ausleseprozess für die politisch und wirtschaftlich Mächtigen hocheffizient macht, der Mensch sozusagen "Warencharakter" angenommen hat (hier irrt die radikale Linke nicht, nur das sie selbst es ist, die den Nutznießern mit ihrem Geträllere der Internationale und der Verteufelung von Volk und Vaterland in die Hände spielt, merkt sie nicht).

In diesem Szenario wirkt auch der "Täter" immer bejahend, aktiv, systemimmanent - die Wertschätzung folgt auf dem Fuß, ja mancher verkümmerte Sozialingenieur kann seine "Bewunderung" für diese Menschen kaum verbergen - die Urteile sprechen eine klare Sprache. Auch sexuelle Anziehungskraft die "Täter" ausstrahlen wirkt gerade im verborgenen bei unseren vielen weiblichen SozialklempnerInnen. Das alles ist in der "offenen Gesellschaft" vollkommen tabu, viele handeln hier auch ohne die Zusammenhänge auch nur andeutungsweise zu erahnen, ideologisch verblendet und ihrem "Glauben" folgend.

Das Opfer ist der "Loser" schlechthin, wer sich in der U-Bahn zusammenschlagen lässt, hat in etwa eine ähnlich große Lobby, wie ein Arbeits"loser" - die Hilfe findet nur auf dem Papier statt.

Diese sich damit beschäftigende Industrie ist parasitär, lügenhaft und beutet mit ihrer "Arbeit" auf der Basis eines irrsinnigen Menschenbildes, diejenigen aus, die in Wertschöpfungsketten tätig sind (im linken Sprech also die Werktätigen).

Frederik Lassnitz
4. Juli 2011 10:17

Ein ermutigendes Büchlein zur Gewaltprävention mit männlichen Jugendlichen dürfte "Mission Boys4peace" sein: hier wird auf die Zusammenhänge zwischen falsch verstandenen Männlichkeitsidealen und Gewalt eingegangen. Ich bin durch die Schule meines Sohnes darauf aufmerksam geworden, wo ein Lehrer damit ein paar Projektstunden machte.

F.Lassnitz

Frank
6. Juli 2011 09:45

"Unterschätzt werden darf auch nicht, daß sich männliche Jugendliche oftmals an Gewalt legitimierenden Männlichkeitsbildern orientieren, die etwas mit patriarchalisch geprägter Geschlechtsrollenidentität zu tun hat. Diese Männlichkeitsbilder sind für unsere Gesellschaft nicht mehr zeitgemäß."

Es sind also die Männlichkeitsbilder schuld. Die müssen wir demnach überwinden. Die SPD hat bereits den Anfang gemacht und in ihr Parteiprogramm den schönen Satz geschrieben, wer die menschliche Gesellschaft wolle, müsse die männliche überwinden. Dieser Satz zeigt, wo die Tendenz hingeht. Eine Diskussion über Integrationsversagen und die Gefahr kultureller Landnahme durch Zugewanderte soll verhindert werden, da zu schmerzlich und zu gefährlich. Statt dessen will man alles, feministisch korrekt, auf die Gender-Schiene abwälzen. Da kennen sich die Sozialingenieure aus, das ist ihr Metier, da tut's auch nicht so weh.

Nun, dennoch könnte man sich die Frage stellen, ob "sowohl Diskriminierungserfahrungen als auch mangelnde Perspektiven" (Voß) nicht auch ein Auslöser dafür sein könnten, dass speziell männliche Jugendliche in kriminelles Verhalten abrutschen. Die Diskriminierung von Jungen in unserem Bildungssystem ist durch Studien belegt; speziell männliche Migrationshintergründler haben es besonders schwer; die Politik ist sehr beflissen und bemüht, die Bildungschancen von Mihigru-Mädchen zu verbessern. Die Jungs sind ihr ziemlich egal.

All das könnte ein zusätzlicher Erklärungsansatz sein für (männliche) Jugendgewalt. Wenn man ihm dem nachgehen wollte. Scheint aber zu sehr weh zu tun, also lässt man es lieber sein.

Zentralwerkstatt
6. Juli 2011 21:56

Was war zuerst, die Henne oder das Ei?

Das Ei war zuerst.

"Die Gene" apodiktisch für fast Alles, ja förmlich zu verklären, ist faktisch nur die Kehrseite, der versozial“arbeiterten“ Thesen vom Mensch als leeres Blatt, auf das die Kultur ihren Stempel drückt.

Ich habe nichts von einem "voll geschriebenen Blatt" geschrieben.

Haben Sie keine Angst vor dem Autobahn-Wort "Gene", und schon gar nicht vor der Wirkung der Gene. Denn die Gene sind es, die Ihnen das individuelle Korsett geben, mit denen Sie der Beliebigkeit des Seinmüssens und damit der Willkür von Sozialmanipulatoren enthoben sind.

Differenziert auf Argumente einzugehen oder eben nicht, hat man in der Hand! Weniger dann schon die Tendenz, eifern zu wollen.

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