Sezession
22. Juni 2011

Der 70. Jahrestag des „Unternehmen Barbarossa“ in den Medien

Felix Menzel

Hitler hat es dieser Tage wieder auf die Titelseiten der Magazine geschafft. Anläßlich des 70. Jahrestages des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 machte DER SPIEGEL vom 11. Juni 2011 mit einer Geschichte über Hitler und Stalin auf. Zudem glaubt der Cicero, endlich die ganze Wahrheit herausgefunden zu haben: „Was Hitler wirklich wollte“, teilt die Redaktion um SPD-Mann Michael Naumann mit: die Weltherrschaft.

Felix Menzel

Felix Menzel ist Chefredakteur des Schülerblogs blauenarzisse.de.

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Die BILD dagegen verhält sich erstaunlich ruhig. Sie läßt in einer Serie lediglich jeweils einen deutschen und einen sowjetischen Soldaten zu Wort kommen. Waghalsige Interpretationen überläßt die Boulevard-Zeitung den anderen. Diese versuchen sich zu diesem Jubiläum im Wettbewerb um die höchste Oberflächlichkeit und Überheblichkeit gegenseitig zu übertrumpfen. Es spricht Bände, daß sich die SPIEGEL TV-Dokumentation, die es als DVD gratis zum Heft dazu gibt, dem „barbarischen Krieg im Osten“ differenzierter widmet, als es dem promovierten Historiker Klaus Wiegrefe in seiner Titelstory für das Nachrichtenmagazin gelingt. Dieser Umstand ist durchaus bemerkenswert, da es in den letzten 20 Jahren ein beliebtes Hobby von Journalisten und Wissenschaftlern war, dem Fernsehen mangelnde geschichtsdidaktische Fähigkeiten vorzuwerfen. Dies führte bis hin zum Vorwurf des „Nazikitschs“. Doch dieser bleibt diesmal zum 70. Jahrestag des „Unternehmen Barbarossa“ im Leitmedium Fernsehen aus.

Schaut man hingegen in den SPIEGEL und Cicero, fällt eine erschreckende Tendenz auf. Während Fernsehdokumentationen durch ihre Länge (meist 45 bis 60 Minuten) fast zwangsläufig ein Mindestmaß an Fakten, Zusammenhängen und Meinungen vermitteln müssen, reichen die zwölf Seiten einer Titelgeschichte offenbar nicht aus, um mehrere Standpunkte zu beleuchten. Das liegt daran, daß sich die Printjournalisten zunehmend die Popularisierungstechniken des Fernsehens aneignen.

Die Zeitgeschichtskompanie des SPIEGEL wetteifert also mit ihrem Vorbild Guido Knopp (ZDF) um die eingängigste Geschichtsvermittlung. Insbesondere die erfolgreichen Emotionalisierungsstrategien für die Negativikone Hitler seit Mitte der 1990er-Jahre (Hitlers Helfer I-XXXIII, Hitlers Hunde, Hitlers Unterhosen uvm.) sorgten für eine ungeahnte, massentaugliche Geschichtswelle, die bis heute anhält. In den Jahren 1995 (Hitler – Eine Bilanz) bis ca. 2005 (Bau des Holocaust-Mahnmals und 60 Jahre Kriegsende) brachte dies zugleich eine enorme Konzentration auf das Dritte Reich mit sich. Etwa 40 Prozent aller Geschichtssendungen beschäftigten sich mit dem Nationalsozialismus. In den letzten Jahren ist dieser Schuldkult rückläufig. Dies erkennt man auch an der geringer werdenden Frequenz der Hitler-Titelbilder des SPIEGEL (zuletzt: 21/2009, 45/2008, 3/2008).

Wenn allerdings ein Jubiläum ansteht, holen die Überzeugungstäter ihre Festkleider noch einmal aus dem Schrank, damit sie von der Masse als Zeremonienmeister der Kultveranstaltung anerkannt werden. Alle Beteiligten erleben diese Rituale als hochemotional. Es geht um nicht weniger als um das, was die Welt im Innersten zusammenhält oder aber auch bei ungünstigem Verlauf auseinanderbrechen lassen könnte. Aus diesem Grund sind alle Störenfriede unerwünscht. Dazu zählt etwa der Historiker Stefan Scheil, der „Fragen, Fakten, Antworten“ zum Präventivkrieg Barbarossa am Rande des Festes präsentieren möchte. Ihm wird eine psychologisch-ideologische Manipulationsabsicht unterstellt, die den Verlauf der Feierlichkeiten behindert.

Der an der Wahrheit interessierte Wissenschaftler darf sich von solchen Ausgrenzungen jedoch nicht beirren lassen. Wenn er merkt, daß er bei der Verbreitung seiner Fakten auf Granit beißt, benötigt er allerdings einen weiteren Analyseschritt. Dies soll im Folgenden geschehen. Wir kommen heutzutage nicht umhin, den Zusammenhang von Geschichte in den Medien und Emotionen genau zu untersuchen. Die Titelgeschichten von SPIEGEL und Cicero können dafür als Musterbeispiele dienen.

In den nächsten Tagen erscheinen die drei Teile dieser Analyse:

Teil 1: Zur intellektuellen Beherrschbarkeit der Geschichte oder: Wozu brauchen wir einen „Liveticker“ zum 22. Juni 1941?

Teil 2: Geschichte als Psychogramm oder: Wie nervös war Hitler? Und wie stolz darf ein Russe nach einer Vergewaltigung sein?

Teil 3: Geschichte in den Medien als „Kultur-Über-Ich“ oder: Was der Sozialpsychologe Harald Welzer will.

Und hier geht es zum kaplaken-Band von Stefan Scheil: Präventivkrieg Barbarossa. Fragen, Fakten, AntwortenTest


Felix Menzel

Felix Menzel ist Chefredakteur des Schülerblogs blauenarzisse.de.

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