Sezession
23. Juni 2011

Zur intellektuellen Beherrschbarkeit der Geschichte

Felix Menzel

Die Titelgeschichte im SPIEGEL über Stalin und Hitler von Klaus Wiegrefe ist überschrieben mit „Bestie und Unmensch“. Dies geht auf zwei Zitate zurück: Stalin sei eine „Bestie“ (Adolf Hitler), und Hitler sei ein „Unmensch“ (Josef Stalin). DER SPIEGEL nutzt diese Beschreibungen, um seinen Lesern einen psychologisierenden Beitrag mit metaphysischem Sinngehalt in Aussicht zu stellen.

Felix Menzel

Felix Menzel ist Chefredakteur des Schülerblogs blauenarzisse.de.

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Während sich Stefan Scheil dem „Unternehmen Barbarossa“ widmet, indem er die Machtkonstellation zwischen Hitlerdeutschland und Sowjetrußland analysiert und somit die strategischen und diplomatischen Schachzüge nachvollzieht, die zu dem Angriff am 22. Juni 1941 geführt haben, funktioniert die emotionale Argumentation der Medien anders: Sie setzt voraus, daß grundsätzlich die Menschen für einen guten oder schlechten Ausgang der Geschichte verantwortlich seien und letztendlich alles machbar sei, wenn es die historisch handelnden Personen nur ernst genug anstrebten. Eine schicksalhafte Epoche oder ein totalitäres Zeitalter, in dem der angebliche Königsweg einer demokratischen Zivilgesellschaft unmöglich ist, kennt diese Argumentation nicht.

Nun könnte diese überdimensionierte Überschrift genauso wie die im Cicero („Der Herr der Welt“) durchaus geeignet sein, dem Leser schlagartig klar zu machen, daß es sich beim „Unternehmen Barbarossa“ genauso wie beim Holocaust um „historische Ereignisse“ unvorstellbaren Ausmaßes handelte, die mit dem Erfahrungshorizont und der Sprache der Gegenwart nicht zu begreifen sind. Sowohl die Verfasser solcher Beiträge als auch die Leser haben in ihrem Leben nichts auch nur annähernd Vergleichbares erlebt. Sie müßten sich deshalb alle bewußt sein, wie beschränkt ihr Urteil über diese Zeit zwangsläufig ist. Die deutsch-jüdische Philosophin Hannah Arendt ist eine der wenigen, die sich dieser Problematik als Denkvoraussetzung in Über das Böse (1965) genähert hat und zugleich wußte, wie alleine sie damit stünde. „Da es den Menschen schwer fällt – und dies mit Recht –, mit etwas zu leben, das ihnen den Atem raubt und sie sprachlos macht, haben sie allzu oft der offensichtlichen Versuchung nachgegeben, ihre Sprachlosigkeit in alle möglichen auf der Hand liegende Sprachgebilde, die, immer natürlich unangemessen, gefühlsmäßige Erregungen ausdrücken, zu übertragen.“ Die Folge sei, daß „heute die ganze Geschichte gewöhnlich in Begriffen der Gefühlswelt“ erzählt wird. Neben der bloßen Faktendarstellung gibt es somit nur einen Weg, sich dem Unvorstellbaren mit Millionen Toten anzunehmen. Es handelt sich um einen essayistischen Weg, der das Selbstgespräch zwischen innerem sprachlosen Entsetzen und vorsichtigem Urteilen simuliert und sich dieser Simulation bewußt ist.

In Ansätzen gelingt dies Katja Petrowskaja in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 19. Juni 2011. Die 1970 in Kiew geborene Journalistin berichtet von Kindheitserinnerungen an ihre Nachbarn aus der Ukraine. Sie kämpft sich so zu durchaus überraschenden Einsichten zum „Großen Vaterländischen Krieg“ durch: Die großen Verluste der Russen und Stalins Sieg seien zu einer Fessel für die nächste Generation geworden. „‘Hauptsache, es gibt keinen Krieg!‘ Diese Parole half durch den Alltag. Alle Nöte und Zwänge des sowjetischen Friedens waren nichts im Vergleich mit dem deutschen Krieg. Dies stimmte zwar, doch diese Wahrheit wurde ideologisch missbraucht und als staatliches Mittel der Unterdrückung genutzt. Bis heute kann ich beides nicht voneinander trennen“, schreibt Petrowskaja. Sie ist sich auch bewußt, daß nur ein totalitärer Staat Hitler besiegen konnte, weil Demokratien nicht zu solchen Opfern bereit seien. Das sind genauso unbequeme Einsichten wie der dezente Hinweis auf die Überrepräsentation des Holocaust in der deutschen Erinnerungskultur. Nichtsdestotrotz vertritt auch die gebürtige Ukrainerin allein eine russische Perspektive, was insbesondere an ihrem Unverständnis für den späten Widerstand des Stauffenberg-Kreises deutlich wird. Die FAS hätte das „Unternehmen Barbarossa“ deshalb nur dann halbwegs aufarbeiten können, wenn sie auch einer deutschen Perspektive Raum geboten hätte.Test


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Felix Menzel ist Chefredakteur des Schülerblogs blauenarzisse.de.

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