Sezession
24. Juni 2011

Geschichte als Psychogramm

Felix Menzel

Wenn sich DER SPIEGEL zum 70. Jahrestag des „Unternehmen Barbarossa“ einzig der obersten Feldherren der befeindeten Mächte widmet und über die restlichen an diesem Krieg Beteiligten nur Opferzahlen in Millionenhöhe zu vermelden weiß, wird der Krieg nicht anschaulich. Um dies zu vermeiden, hat die BILD einen anderen Weg beschritten: Sie hat in Kooperation mit dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge eine fünfteilige Serie über den Rußlandfeldzug initiiert, in der jeweils ein deutscher und ein sowjetischer Soldat das Geschehen an der Front schildern.

Felix Menzel

Felix Menzel ist Chefredakteur des Schülerblogs blauenarzisse.de.

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Diese Zeitzeugen sind in ihrem Urteil deutlich zurückhaltender als die allwissenden Journalisten und etablierten Historiker von heute. Der Rotarmist Wasir Taschajew berichtet etwa über die Nacht zum 22. Juni 1941: „Den ganzen Tag hatten wir unsere Stellungen in Sichtweite der Deutschen vermint. Stalin hatte zwar noch Tage zuvor vom Frieden mit Hitler gesprochen. Doch irgendetwas war in Gang. Die Wachen standen Tag und Nacht bereit.“ Damit bleibt die Frage nach dem Präventivkrieg ungeklärt. Zugleich deutet diese Aussage an, wie schwierig sich eine Bewertung des Geschehens jener Tage gestaltet, da selbst die direkt an diesem Krieg beteiligten Soldaten nicht genau wußten, welche machtstrategischen Überlegungen die Führung angestellt hatte.

Solcherlei private Erinnerungen sind heute in allen massenmedialen Formaten der Zeitgeschichte repräsentiert. Sie sorgen dafür, daß die als belehrend empfundene öffentliche Erinnerungskultur aufgelockert und persönliche Identifizierung ermöglicht wird. Dennoch können auch diese Elemente zu emotionalen Taschenspielertricks mißbraucht werden. Der Psychologe Donald E. Polkinghorne geht von einer „pränarrativen Qualität“ unserer ursprünglichen Erfahrung aus, die „ein Bedürfnis nach Erzählung nach sich zieht“. Jeder Zeitzeuge legt sich also gerade bei herausragenden historischen Ereignissen bewußt oder unterbewußt kleine Geschichten zurecht, um das Geschehene zu verarbeiten. Gerade an der Schwelle zum Unterbewußten wird es freilich für den Zuschauer bzw. Leser besonders interessant. Das Beste für einen Erzähler ist es also, wenn am Ende des Zeitzeugenberichts noch ein paar Tränen kullern. Sich der Wahrheit verpflichtet fühlende Historiker wie Stefan Scheil haben nun mindestens genauso gute Sensoren für pränarrative Empfindungen von Zeitzeugen. Allerdings nutzen sie sie nicht direkt zur Emotionalisierung, sondern wollen Ängste, Überzeugungen und Absichten ihres Untersuchungsgegenstandes entschlüsseln. Aus diesem Grund fragt Scheil völlig zurecht: „Befürchtete der spätere Kriegsgegner Deutschland einen solchen Angriff bereits Jahre vor dem Kriegsausbruch in öffentlichen wie internen Äußerungen seiner Verantwortlichen? Ja.“

Journalisten und Historiker der Zeitgeschichtsredaktionen gehen anders mit diesen Pränarrativen um. Sie rekonstruieren vermutlich aufgetretene Gefühle von historischen Akteuren, um Psychogramme  zu zeichnen. DER SPIEGEL weiß, daß Hitler am Tag vor dem „Unternehmen Barbarossa“ die „Anspannung anzusehen“ war. Er sei „unruhig in seiner Wohnung in der alten Reichskanzlei umhergetigert“. Später habe er gesagt: „Die Ungewißheit lastete wie ein Grauen auf mir.“ Auch Joseph Goebbels hat seine Antennen auf den Gemütszustand des Führers ausgerichtet. Dieser sei, so erzählt uns DER SPIEGEL, „vollkommen übermüdet“ gewesen, als Goebbels ihn an jenem Abend besuchte. Doch neben dem Propagandaminister muß auch ein Reporter des Nachrichtenmagazins live dabei gewesen sein, denn: „Hitler will noch einige Stunden lang schlafen, doch es gelingt ihm nicht. Auch Goebbels findet keine Ruhe.“ Später stellt sich in dem Beitrag heraus, daß Klaus Wiegrefe auch Stalin in den Kopf schauen kann: „Man wird das Phänomen Stalin nie verstehen können, wenn man nicht jene Prägungen beachtet, die aus der Zeit im Untergrund resultieren: das Misstrauen, die Vorsicht, die Härte.“Test


Felix Menzel

Felix Menzel ist Chefredakteur des Schülerblogs blauenarzisse.de.

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