Sezession
25. Juni 2011

Geschichte in den Medien als „Kultur-Über-Ich“

Felix Menzel

Wer die für die meisten wohl angenehme „Erfahrung des transzendentalen Einsseins mit allen anderen empfindungsfähigen Geschöpfen“ (Aldous Huxley) machen möchte, muß das mythische Geschichtsbild seiner Zeit teilen. Andererseits droht Gewissensangst, weil die Idealforderungen des „Kultur-Über-Ich“ (Sigmund Freud) nicht befolgt wurden. Dieser ausgrenzende Mechanismus ist im Umgang mit dem Dritten Reich besonders wirkmächtig, so daß es bereits eine Grenzüberschreitung ist, wenn man in diesem Zusammenhang von bundesrepublikanischen Mythen spricht.

Felix Menzel

Felix Menzel ist Chefredakteur des Schülerblogs blauenarzisse.de.

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Zieht man eine wissenschaftliche Definition des Mythos heran, zeigt sich jedoch sehr schnell, wie berichtigt die Rede davon ist. Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler hat in seinem Buch Die Deutschen und ihre Mythen drei Elemente des Mythos unterschieden. Jeder bestehe aus narrativer Variation, ikonischer Verdichtung und ritueller Inszenierung. Stehen dabei Narrationen im Mittelpunkt, würden eher gesellschaftliche Veränderungen in nächster Zeit zu erwarten sein. Überwiegen jedoch die ikonischen und rituellen Elemente verfestige sich der status quo. Münkler mutmaßt, daß in der Gegenwart die ikonische Verdichtung gegenüber der narrativen Variation dominant werde. Dies dürfte insbesondere an der Omnipräsenz der Fernsehbilder, aber auch an der Einfallslosigkeit des Printjournalismus liegen.

Leider ist Münkler nun zu feige, mit diesem theoretischen Fundament die Zeit des Nationalsozialismus ins Visier zu nehmen. Anscheinend darf sich in Deutschland nur der ehemalige grüne Außenminister Joschka Fischer erlauben, Auschwitz als Gründungsmythos der Bundesrepublik zu bezeichnen. In Die Deutschen und ihre Mythen geht es um die Nibelungen, Doktor Johann Faust, Luther, Preußen, die Währungsreform in der BRD sowie selbst um so lächerliche Kampagnen wie „Du bist Deutschland“. Die Idee, daß auch negative Ereignisse im Nachhinein mythisch aufgeladen werden können, vermeidet der Politologe jedoch.

An den Jubiläumsinszenierungen zu „70 Jahre Unternehmen Barbarossa“ lassen sich dennoch alle Elemente des Mythos nachweisen. Die narrative Variation ist in der gesamten Erinnerungskultur relativ gering, was auf eine Verfestigung des status quo schließen läßt. Große rituelle Inszenierungen beschränken sich auf Magazine und Zeitschriften sowie ein paar Fernsehdokumentationen, in denen allesamt sehr ähnliche Pathosformeln zum Einsatz kommen. Die Bildsprache (ikonische Verdichtung) schließlich ist einerseits geprägt von anachronistischen Archivbildern (z.B. Panzer), die wenig Aussagekraft haben und nur als Bilderteppich verwendet werden können, weil sich mit ihnen weder die eine noch die andere These (z.B. Präventivkrieg) belegen läßt. Andererseits setzen die Medien, die in der Erinnerungskultur als „Mythomotoren“ wirken, zuhauf Sinnbilder von Adolf Hitler ein, die seinen bösen Charakter belegen sollen. Damit dies auch wirklich deutlich wird, hat DER SPIEGEL ein Bild des Führers von einem Reichsparteitag in Nürnberg eingesetzt, auf dem er mit Hitlergruß vor Hakenkreuzfahnen und einer Menschenmasse zu sehen ist. Hitler ist darauf ohne jegliche Regung oder gar Wortgewalt zu sehen, dennoch wählt DER SPIEGEL die Bildunterschrift: „Der ‚Führer‘ tobt und brüllt, um Gesprächspartner zu beeindrucken“.Test


Felix Menzel

Felix Menzel ist Chefredakteur des Schülerblogs blauenarzisse.de.

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