Sezession
27. Juni 2011

Zweierlei Chaos

Martin Lichtmesz

Letzte Woche erschien in der Welt eine wichtige Reportage von Freia Peters: "So chaotisch geht es an deutschen Schulen zu". Wer den Artikel noch nicht kennt, sollte ihn unbedingt lesen. Peters zeichnet ein recht trostloses Bild der Berliner Klassenzimmer.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Eine beständig gereizte Atmosphäre, aufgeladen mit sozialen, kulturellen und ethnischen Spannungen, Prügeleien, Messerstechereien, niedrige Aggressionsschwellen, Übergriffe, Vandalismus, ein krasser Umgangston gegenüber Mitschülern und Lehrern sowie unterirdische Schulleistungen gehören zum Alltag.

Die Erzieher wie Sozialarbeiter haben weitgehend die Kontrolle verloren, während Polizeieingriffe nicht selten sind. Daß in diesen Schulen der Ausländeranteil exorbitant hoch ist, versteht sich von selbst. Das ist der vorläufige Zwischenstand einer katastrophalen Entwicklung, die man als gravierenden Rückschritt verbuchen muß.

Herr Peuleke ist seit 1979 Lehrer. Besser geworden ist seitdem nichts. „Als ich vor 32 Jahren als Junglehrer anfing, war die Mehrheit meiner Schüler leistungswillig und leistungsfähig. Es gab nur eine kleine Gruppe von Kleinkriminellen, die sich aber innerhalb der Schule im Allgemeinen unauffällig verhielt“, sagt Herr Peuleke.

„Der Anteil sehr leistungsschwacher Schüler ist von Jahr zu Jahr gestiegen. Viele schwänzen. Wenn ein Viertel der Schüler fehlt, ist es ein ganz normaler Tag. Wenn die Kinder nach der sechsten Klasse aus der Grundschule zu uns kommen, beherrschen viele nicht mal den Stoff einer vierten Klasse.“

(...)

Sabine Espe ist seit 20 Jahren Lehrerin. „Die Situation ist deutlich schlechter geworden“, sagt sie. „Die Kinder sind auffälliger, demotivierter.“ Das Problem sei nicht unbedingt, dass die Kinder schlecht deutsch sprächen – sie sprechen genauso schlecht die Sprache ihrer Eltern. Es sind im Grunde sprachlose Menschen.

Das ist die Quittung für dreißig, vierzig Jahre Masseneinwanderung inkompatibler Schichten und halbherzige Integrationspolitik einerseits, für die Auflockerung pädagogischer Prinzipien zu Ungunsten des Leistungs- und Autoritätsprinzips andererseits.

Diese Entwicklungen sind eng verbunden mit einem massiven demographischen Wandel, der die Folge einer multikulturalistischen Politik ist. Es zeigt sich, daß das System ab einer bestimmten Ausländerquote beginnt, dysfunktional zu werden. Und daß "Ausgrenzung" und Gruppenpolarisierungen (also alles das, was die Linken "Rassismus" nennen) auf allen Seiten zu finden sind - in der Tat ist all dies bei den Deutschen, die innerlich versprengt sind und eher auf Abtauchstrategien setzen, am schwächsten ausgeprägt.

Vor 20 Jahren noch gab es an den Schulen Berliner Stadtteile wie Kreuzberg oder Schöneberg eine Quote von rund 30 Prozent Kindern nichtdeutscher Herkunft. Das klappte. Auch die Kinder auf der Hauptschule sprachen gut deutsch. Jetzt, sagt die Deutschlehrerin Sabine Espe, sei das Niveau total abgesackt. Sogenannte Bio-Deutsche, also Kinder zweier deutscher Eltern, gibt es in der 8. ISS kaum.

Dabei liegt die Schule in Friedenau, einem gut bürgerlichen Stadtteil Berlins mit stattlichen Mieten – nicht etwa in den ausgewiesenen „Problemkiezen“ wie Neukölln oder Wedding. Rund 85 Prozent der Kinder sind NDH – nicht deutscher Herkunft.

Wenn im Ethik-Unterricht 25 Kinder sitzen, sind vielleicht drei von ihnen keine Muslime. „Christen gibt es hier nur ganz wenige“, sagt eine Ethiklehrerin. Deutschenfeindlichkeit ist ein Problem, ganz einfach weil die Deutschen in der Minderheit sind. Es gibt eine große Gruppe arabischer Schüler, viele kommen aus dem Libanon, einige von ihnen entstammen den in Berlin bekannten kriminellen Großfamilien.

„Es gibt eine Gruppe von rund 20 Schülern, die sich gar nichts mehr sagen lassen“, sagt Englisch-Lehrer Peuleke. „Sie legen ein schlimmes Verhalten gegenüber Lehrern und Mitschülern an den Tag. Als Gruppe stellen sie einen gewissen Machtfaktor dar. Sie können ihre Mitschüler unterdrücken, da sie auf den Schutz durch die Gruppe zählen können. Die Deutschen halten nicht so zusammen und sind in der absoluten Minderzahl. Wenn sich ein Deutscher etwa mit einem Libanesen anlegt, hat der oft keine Chance.“

Die Araber haben auf dem Schulhof sozusagen Heimvorteil. Als Integrationsschüler Erkan neulich den Hof sauber machte, fluchte er: Wenn jetzt noch ein Deutscher kommt und den Hof wieder dreckig macht!

Da werde er lange suchen müssen, sagte Peuleke. Denn es gibt eben kaum deutsche Schüler an der 8.Integrierten Sekundarschule.

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Lalin ist neu in der Klasse, seit einem Monat, sie ist Analphabetin und erst im vergangenen Jahr aus den Bergen Kurdistans nach Deutschland gekommen. Mena ist gerade verheiratet worden. Daniel, ein Deutscher, ein schüchterner, kräftiger Junge, duckt sich weg. Bloß nicht auffallen, ist seine Devise. „Man muss sich durchbeißen“, sagt er leise.

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An der Wand der Klassenräume hängen noch die Bilder und Texte vom letzten Projektthema: Messer machen Mörder. Messer ist die Tötungswaffe Nummer eins. Fast alle, die ein Messer tragen, waren schon einmal Opfer. Als Alternative werden Kampfsport und Fußballvereine vorgeschlagen.

Einige Schüler haben einen Clan gebildet, üben großen Druck aus und erpressen andere Schüler, ihnen etwa die neuen Turnschuhe für die Sportstunde abzugeben, während diese dann barfuß Fußball spielen müssten. Generell gibt es eine starke Tendenz auszugrenzen. Die Migranten identifizieren sich eher mit ihren Herkunftsländern. Die Araber kämpfen gegen die Türken. Und beide gegen die Deutschen.

Man könnte noch endlos aus diesem Artikel zitieren,  um zu zeigen, daß sich die Analysen, die von Sezession im Netz und anderen Blogs seit Jahren geleistet werden, wieder einmal vollauf bestätigen.
Test


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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