1. April 2006

Intellektuelle Risikobereitschaft – Multikulturalismusdebatten

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 13/April 2006

sez_nr_13von Michael Paulwitz

„Besondere Achtung bringt der Deutsche dem Fremden entgegen, der fleißig ist und genau arbeitet. Das ist die beste Grundlage, um mit einem Deutschen Freundschaft zu schließen." So heißt es in einem Ratgeber für griechische Arbeitnehmer in der Bundesrepublik aus dem Jahre 1966, also aus der Hochzeit der Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte. Der Ratschlag bezeichnet die Denkweise einer Zeit, in der Ausländer als „Gastarbeiter" betrachtet wurden, als arbeitende Gäste auf Zeit also, von denen zwar angepaßtes Verhalten erwartet wurde, aber keine „Integration" oder „Assimilation" auf Dauer. Vierzig Jahre ist dieses Zitat alt, aber es scheint aus einer fernen, vergangenen Epoche zu stammen, einer Epoche, in der die Idee des Multikulturalismus noch nicht einmal erfunden, geschweige denn nach Deutschland importiert worden war.

Als Konzept zuerst formuliert in Kanada, importierten die USA und Australien den Multikulturalismus und verabschiedeten sich zugleich von ihrem bisherigen Grundsatz, als klassische Einwanderungsländer jeden Ankömmling in die neue gemeinsame Kultur einzuschmelzen. Zukünftig sollte es also ein gleichberechtigtes Nebeneinander von Kulturen geben. Auch in Großbritannien wurde der Multikulturalismus schon frühzeitig praktiziert, frühzeitig wurde hier allerdings auch der kritische Diskurs eröffnet. Enoch Powell, rhetorischer und intellektueller Star der Tory-Partei, hielt 1968 in seinem Wahlkreis Birmingham eine Rede, die unter dem verkürzten Schlagwort „rivers of blood speech" („Ströme von Blut") in die Auseinandersetzung um den Multikulturalismus einging. Powell wollte dem Unbehagen der Einheimischen, seiner Wähler, angesichts der zunehmenden Überfremdung eine Stimme geben, und warnte vor der schleichenden Aushöhlung der repräsentativen Demokratie durch die Fixierung von Sonderrechten für Einwanderer im Rahmen von Antidiskriminierungsgesetzen.
Die Fragwürdigkeit der Ideologie des Multikulturalismus liegt schon in ihrer Entstehung begründet. Erdacht in klassischen Einwanderungsländern, wurde sie als resignative Verlegenheitslösung adaptiert, indem das Scheitern der ursprünglichen Zielsetzung der Einwanderungspolitik, der Assimilation nämlich, zum neuen und eigentlichen Ziel erhoben wurde. Und so ist der Multikulturalismus eine der vielen anglo-amerikanischen Modetorheiten, die mit zeitlicher Verzögerung samt ihren Folgeerscheinungen wie political correctness nach Europa kam und in Deutschland besonders gründlich und inbrünstig aufgegriffen wurde - mit fatalen Folgen.
Für die Bundesrepublik Deutschland der siebziger Jahre war der Multikulturalismus der erste Versuch, der bislang von Improvisation und Abwarten gekennzeichneten Ausländerpolitik ein festes ideologisches Korsett zu geben. Einer der Chefideologen der „multikulturellen Gesellschaft" war der Kirchenrat für Ausländerfragen bei der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Jürgen Miksch.

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