Sezession
21. Juli 2011

Patrick Bahners und die „Campus Drei“

Martin Lichtmesz

Eine unerwartete und vorzüglich argumentierte Schützenhilfe bekamen heute in der FAZ die "Campus Drei" (Martin Böcker, Felix Springer, Larsen Kempf) ausgerechnet von Patrick Bahners.  Sie wiegt umso mehr, als sich Bahners nicht von politischen Sympathien leiten läßt, sondern die Sache ganz grundsätzlich und prinzipiell abklopft. Das bedeutet erstmal, die Reizwörter und Klingelphrasen links liegen zu lassen, und sich beispielsweise anzusehen, was in der inkriminierten Zeitschrift "Campus" denn nun wirklich drinnen steht, seit die Bösewichter sie übernommen haben.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Und dort entdeckt Bahners zu unser aller größten Verblüffung kein "ultrakonservatives" (O-Ton Spiegel) Gedöns, sondern einen nüchternen, offenen Tonfall und Plädoyers für "ehrliche Debatten", mitsamt Pro- und-Contra-Meinungsbeiträgen zu einem Thema, das auch er selbst als "heißes Eisen" anerkennt, dessen Diskussion durchaus legitim sei.

Der Chefredakteur von „Campus“, Martin Böcker, teilt im Editorial über die Absicht hinter dem Disput mit: „Wir fassen auch das heiße Eisen der misslungenen Integration der Frau in den Streitkräften an: Bei Lob und Kritik gilt die Diskussion jeweils der Struktur, nicht der Kameradin - auch ihr Dienst ist dankenswert, edel und gut.“ In Loriots Film „Ödipussi“ wird ein Verein zur Integration der Umwelt und der Frau in den Karneval aus der Taufe gehoben, dessen Gründer überzeugt sind, „drei ganz heiße Eisen“ angefasst zu haben. Böcker hat gelernt, dass man sich tatsächlich die Finger verbrennt, wenn man das Scheitern der Integration der Frau in die Bundeswehr als Tatsache und Ausgangspunkt einer Strukturdiskussion hinstellt. Doch der Ort für den Widerspruch zu diesen Ansichten des Chefredakteurs wäre ein Leserbrief oder Gegenartikel.

Stattdessen wurde versucht, Böcker wegen seiner konservativen politischen Ausrichtung zu stigmatisieren und damit zur Unperson zu erklären. Zwei antifantische Repräsentanten des Genres schafften es sogar, sich als "Reporter" des  Bayrischen Rundfunks zu verkaufen und sich von dieser Plattform aus in gewohnt mieser Weise ("Unterlaufen Neonazis Studentenzeitung?") über die "Campus"-Redakteure auszulassen.  Dabei durften die beiden munter von der Leber weg phantasieren:

Die Bundeswehr ist gerade in einem Umbruch, die Wehrpflicht ist abgeschafft, wir haben die Berufsarmee . Viele haben schon im Vorfeld der Reform befürchtet, wir könnten hier so eine Art Staat im Staate bekommen, mit autoritären Zügen, und da ist es natürlich besonders problematisch, wenn sich Offiziere mit ganz offensichtlich einem rechtem Hintergrund dann auf einmal breitmachen...

Klar, all das kann ja nur dazu führen, daß Martin Böcker zu einem General Franco oder Pinochet aufsteigt und eines Tages gegen die hilflose Republik putscht, was ohne Zweifel sein insgeheimes Langstreckenziel ist. Komischerweise hat gerade die Junge Freiheit, für die Böcker gelegentlich Kolumnen schreibt, in einer ganzen Artikelserie gegen die Aussetzung der Wehrpflicht angeschrieben, aber das ist wohl nur Teil einer abgefeimten Täuschungsstrategie.

Dies sind die altbekannten Waffen aus dem Arsenal der "Herrschaft des Verdachts", oder wie Mathias Brodkorb sagen würde, der "Mimikry-Entlarvung":

In ihrem Elektrobrief führt die Präsidentin (der Universität, Merith Niehuss) aus: „Weder die ,Junge Freiheit' noch das ,Institut für Staatspolitik' sind derzeit Objekt der Beobachtung durch den Verfassungsschutz. Somit kann der Bezug der Schriften grundsätzlich jeder und jedem Einzelnen, auch jeder und jedem einzelnen Studierenden, nicht untersagt werden. Ich möchte dennoch darauf hinweisen, dass nach meiner Auffassung hier eine politische Nähe zum Rechtsextremismus nicht auszuschließen ist und dass diese Affinität zur ,Neuen Rechten', die mit der Schaltung der Anzeige in unsere Universität einzieht, eine politische Richtung auf den Campus bringt, die weder an der Universität noch auch im Bereich des Bundesministeriums der Verteidigung hingenommen werden kann.“

Der letzte Halbsatz hat Mitglieder des Lehrkörpers zu der Vermutung angeregt, dass die Präsidentin auf Aufforderung aus Berlin tätig geworden sein könnte. Das Spektrum der politischen Richtungen, an denen sich Soldaten orientieren dürfen, ohne dienstliche Nachteile fürchten zu müssen, deckt sich mit dem Verfassungsbogen. Den „Staatspolitikern“ vom Rittergut müsste Frau Niehuss also staatsfeindliche Betätigung oder Gesinnung vorwerfen können. Doch die Begründung ihres Verweises beschränkt sich auf ein Hantieren mit Reizwörtern. Dass „derzeit“ keine Beobachtung durch den Verfassungsschutz stattfindet, bedeutet den Anfang eines Anfangsverdachts. Antifa-Aktivisten mögen sich einer solchen wahnhaften Logik der Verdächtigung um jeden Preis hingeben. Hier haben wir es aber mit der Äußerung einer Universitätspräsidentin in Wahrnehmung ihrer dienstlichen Aufgaben zu tun.

Wobei Niehuss' Vorgehen durchaus eine gewisse Methode hat:

Gemeinsam mit seinem politikwissenschaftlichen Kollegen Carlo Masala hat es Wolffsohn als „Systembruch im Rahmen der Demokratie“ gerügt, dass die Präsidentin unliebsame, aber unspezifizierte Meinungen per Anordnung vom Campus verbannen will. In der amerikanischen Rechtsprechung zur Redefreiheit gibt es den Begriff des „chilling effect“. Vage Umschreibungen des Unsagbaren durch die Autoritäten senken die Gesprächstemperatur und führen auch ohne ausdrückliche Redeverbote dazu, dass ein Untergebener seine Zunge hütet. Ein eisiger Wind weht einen an, wenn Frau Niehuss über ihre Pressestelle mitteilen lässt, dass sie die Meinungsfreiheit verteidige. Dieser Zeitung stand sie für ein Gespräch nicht zur Verfügung.

Bahners sieht die Präsidentin also eindeutig um Unrecht, und kann den Angegriffenen seinen Respekt für ihre Standhaftigkeit nicht versagen:

In der Mitteilung von Frau Niehuss heißt es weiter: „Wenngleich die Universität die Meinungsfreiheit des Einzelnen als hohes Gut der Demokratie schützt und garantiert, sehen wir doch in einer Verbreitung dieses geistigen Gedankenguts einen potentiellen Herd für eine Näherung an den Rechtsextremismus, die wir schon im Grundsatz verhindern wollen.“ Man muss die Geistesstärke der studentischen Redakteure von „Campus“ bewundern, die durch die eigene Hochschulleitung an den Pranger gestellt werden und sich in ihrer Stellungnahme den Hinweis nicht verkneifen, dass man schon am Sprachlichen, am Pleonasmus des „geistigen Gedankenguts“ das Undurchdachte und Haltlose der Aktion der Präsidentin erkennt.

Da Drohen und "chilling effects" erstmal nicht geholfen haben, hat nun ein Teil der Professorenschaft eine andere Strategie eingeschlagen, und eine alberne Jammer- & Kummerfalten-Resolution verabschiedet, frei nach dem Motto "Was seid ihr doch für böse Kinder, daß ihr uns so weh tun müßt, schämt ihr euch denn gar nicht?"

„Es besorgt uns, dass das Sprachorgan der Studentinnen und Studenten von Studierenden mit extremen Ansichten geleitet wird. Es besorgt uns, dass diese Personen offensichtlich in diese Positionen gewählt wurden. Es besorgt uns, dass die Studentinnen und Studenten ,erst einmal abwarten'. Es besorgt uns, dass es extremistisches Gedankengut überhaupt gibt und dass es bei uns verbreitet wird. Es besorgt uns, dass es in der Studentenschaft keinen ,Aufschrei' gibt.“

Daß es "extremistisches Gedankengut überhaupt gibt"! Oh Weh, welch Schmerz über diese böse, böse Welt!

Bahners kommentiert das gänzlich ungerührt mit einem lakonischen Satz:

Ob Studenten sich von Professoren auf Studenten hetzen lassen werden, steht in Neubiberg noch dahin.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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