Das Blutbad von Norwegen

Ich bin wohl nicht der einzige, der heute morgen angesichts der entsetzlichen Nachrichten aus Norwegen fast vom Stuhl gefallen ist.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Ich kann jetzt noch kaum fas­sen, was da gesche­hen ist. Eine Auto­bom­be im Regie­rungs­vier­tel von Oslo töte­te ges­tern sie­ben Men­schen, kurz dar­auf lief ein 32jähriger Nor­we­ger Amok und rich­te­te in einem sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Feri­en­la­ger ein unbe­schreib­li­ches Blut­bad an, das über 80 Todes­op­fer, die meis­ten von ihnen Jugend­li­che, for­der­te. Eine alp­traum­haf­te Tat von einer solch unvor­stell­ba­ren Bös­ar­tig­keit, daß es einem den Atem verschlägt.

Wie die Bom­be, die ursprüng­lich der Al-Kai­da zuge­schrie­ben wur­de, und das Mas­sa­ker in Zusam­men­hang ste­hen, scheint noch unklar. Jeden­falls ver­brei­ten die Medi­en die Nach­richt, der Täter sei ein “Rech­ter” und von der in Skan­di­na­vi­en recht star­ken “Coun­ter­ji­had”-Sze­ne beein­flußt gewe­sen (deren bekann­tes­ter Autor ein Nor­we­ger, der bril­lan­te Blog­ger Fjor­d­man ist). Beson­ders der Spie­gel hat in Win­des­ei­le eine Haß-Iko­ne gezim­mert, in der kein Kli­schee aus­ge­las­sen ist:

blond, blau­äu­gig, skru­pel­los… kon­ser­va­tiv, christ­lich, natio­na­lis­tisch… islamkritisch…

Ich möch­te mir den Sturm aus Dreck, der nun der islam­kri­ti­schen Rech­ten in Skan­di­na­vi­en (und nicht nur dort) ent­ge­gen­schla­gen wird, gar nicht aus­ma­len. Daß er kom­men wird, ist so sicher wie das Amen im Gebet. Auch wir in Deutsch­land wer­den die zu erwar­ten­de Het­ze hart zu spü­ren bekom­men. Der Täter war prak­ti­scher­wei­se nicht ein­mal ein “Nazi”; sie wird sich gegen alles rich­ten, was “rechts” ist.  Das ist nun qua­si der Reichs­tags­brand oder der Bolo­gna-Anschlag des “Coun­ter­ji­hads”.

Daß die­se scho­ckie­ren­de Tat nicht den gerings­ten Fun­ken eines poli­ti­schen Sin­nes oder gar einer inne­ren Logik erken­nen läßt, nicht im Ent­fern­tes­ten “christ­lich”, “kon­ser­va­tiv”, “natio­na­lis­tisch” oder “islam­kri­tisch” genannt wer­den kann,  son­dern alle Züge eines wahn­haf­ten Cha­rak­ters zei­tigt, wird nie­man­dem beküm­mern, der nun ein saf­ti­ges Fres­sen zum Aus­schlach­ten wit­tert. Die Lin­ke hat eine mäch­ti­ge Pro­pa­gan­da­waf­fe gegen ihre Geg­ner in die Hand bekom­men, die sie scham­los aus­nüt­zen wird. Im Gegen­zug wird die Fra­ge des “cui bono?” unver­meid­lich gestellt wer­den, auch wenn jetzt noch kei­ner weiß, wie man ihre Impli­ka­tio­nen schlüs­sig beant­wor­ten soll.  Ver­schwö­rungs­theo­rien wer­den wuchern, aber über den lun­a­tic frin­ge des Net­zes kaum hinauskommen.

Wenn der Täter wirk­lich auf eige­ne Faust und aus den poli­ti­schen Moti­ven gehan­delt hat, die ihm nun unter­stellt wer­den, dann ist er ent­we­der boden­los schwach­sin­nig – man könn­te sich nichts Effek­ti­ve­res, nichts Schreck­li­che­res, nichts Böse­res aus­den­ken, das sich bes­ser instru­men­ta­li­sie­ren lie­ße, um die poli­ti­sche Rech­te flä­chen­de­ckend zu dis­kre­di­tie­ren und platt­zu­wal­zen.  Oder aber wir haben es mit einem lupen­rei­nen Psy­cho­pa­then zu tun, der sich in nichts von den Amok­läu­fern von Colum­bi­ne, Win­nen­den, Vir­gi­nia Tech, und so wei­ter unterscheidet.

Die Fra­ge beant­wor­tet sich natür­lich von selbst. Die­se teuf­li­sche, gro­tesk irra­tio­na­le Tat ist ohne jeden Zwei­fel einem zutiefst kran­ken Gehirn ent­sprun­gen,  der Täter ohne Zwei­fel einer jener Sozio­pa­then, die aus dem Abtau­chen in die vir­tu­el­len Tie­fen und von Dämo­nen bewohn­ten Irr­gär­ten des Inter­nets nicht mehr gesund wie­der­kom­men.  Was eine aus dem hin­ters­ten Arsch der Höl­le hin­aus geschis­se­ne Krea­tur wie der Täter von Utoya sonst noch so gedacht, gesagt, geschrie­ben, “gepos­tet” und gemeint hat, ist von sekun­dä­rer Bedeu­tung, dien­te sei­nem patho­lo­gi­schen Hirn nur als Fut­ter, um sei­nen Wahn zu näh­ren, dien­te nur dem Teu­fel, der von ihm Besitz ergrif­fen hat, und sonst nie­man­den. Wer sol­che Taten und Dra­chen­saa­ten in sich birgt, wird immer den Brenn­stoff fin­den, der sie nährt und ihnen die Bahn freimacht.

Das gehäuf­te Auf­tau­chen von amok­lau­fen­den Psy­cho­ti­kern in bald allen euro­päi­schen Län­dern ist den­noch ein ernst­zu­neh­men­des, zutiefst beun­ru­hi­gen­des Sym­ptom für den inne­ren Zer­fall unse­rer Zivi­li­sa­ti­on. Ich habe die­sen Umstand bereits 2007 in einem Arti­kel für die JF skiz­ziert.  Die Autoren der “Counterjihad”-Szene wie Fjor­d­man gehö­ren zu den weni­gen, die es wagen, die­sen Zer­fall offen zu beschrei­ben, um Euro­pa vor dem Marsch in den Bür­ger­krieg war­nen.  Wer auf sie ein­schlägt, sieht nur die Baro­me­ter, nicht den her­an­kom­men­den Sturm. Sie sind es, die den Nähr­bo­den für den Bür­ger­krieg auf­de­cken, den ande­re unse­ren Bli­cken zu ent­zie­hen suchen, eben in der wil­den Hoff­nung, ihn durch die Ver­nunft tro­cken­le­gen zu kön­nen. Es ist der­sel­be Nähr­bo­den, der Bes­ti­en wie den nor­we­gi­schen Atten­tä­ter her­vor­bringt. Wer weiß, wie­vie­le sei­ner Art bereits gleich schar­fen Bom­ben dar­auf war­ten, bis ein Erd­be­ben sie zum Explo­die­ren bringt. Wer weiß, an wie­vie­len Stel­len und in wie­vie­len Men­schen in den libe­rals­ten und auf­ge­klär­tes­ten und wohl­stän­digs­ten und “demo­kra­ti­schen” Län­dern der Welt die Schicht zwi­schen Zivi­li­sa­ti­on und Bar­ba­rei schon morsch ist – und es sind belei­be nicht “die Rech­ten”, die dafür die Ver­ant­wor­tung tragen.

Mehr dazu zu sagen bin ich noch nicht imstan­de. Tie­fer und gründ­li­cher hat bereits unser Sezes­si­on-Mit­ar­bei­ter Man­fred Klei­ne-Hart­la­ge nach­ge­dacht, der auf sei­ner Netz­sei­te eine lesens­wer­te ers­te Ana­ly­se gebracht hat, das Bes­te, was es bis­her im gan­zen Netz dazu gibt.
Test

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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