Sezession
23. Juli 2011

Das Blutbad von Norwegen

Martin Lichtmesz

Ich bin wohl nicht der einzige, der heute morgen angesichts der entsetzlichen Nachrichten aus Norwegen fast vom Stuhl gefallen ist. Ich kann jetzt noch kaum fassen, was da geschehen ist. Eine Autobombe im Regierungsviertel von Oslo tötete gestern sieben Menschen, kurz darauf lief ein 32jähriger Norweger Amok und richtete in einem sozialdemokratischen Ferienlager ein unbeschreibliches Blutbad an, das über 80 Todesopfer, die meisten von ihnen Jugendliche, forderte. Eine alptraumhafte Tat von einer solch unvorstellbaren Bösartigkeit, daß es einem den Atem verschlägt.    

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Wie die Bombe, die ursprünglich der Al-Kaida zugeschrieben wurde, und das Massaker in Zusammenhang stehen, scheint noch unklar. Jedenfalls verbreiten die Medien die Nachricht, der Täter sei ein "Rechter" und von der in Skandinavien recht starken "Counterjihad"-Szene beeinflußt gewesen (deren bekanntester Autor ein Norweger, der brillante Blogger Fjordman ist). Besonders der Spiegel hat in Windeseile eine Haß-Ikone gezimmert, in der kein Klischee ausgelassen ist:

blond, blauäugig, skrupellos... konservativ, christlich, nationalistisch... islamkritisch...

Ich möchte mir den Sturm aus Dreck, der nun der islamkritischen Rechten in Skandinavien (und nicht nur dort) entgegenschlagen wird, gar nicht ausmalen. Daß er kommen wird, ist so sicher wie das Amen im Gebet. Auch wir in Deutschland werden die zu erwartende Hetze hart zu spüren bekommen. Der Täter war praktischerweise nicht einmal ein "Nazi"; sie wird sich gegen alles richten, was "rechts" ist.  Das ist nun quasi der Reichstagsbrand oder der Bologna-Anschlag des "Counterjihads".

Daß diese schockierende Tat nicht den geringsten Funken eines politischen Sinnes oder gar einer inneren Logik erkennen läßt, nicht im Entferntesten "christlich", "konservativ", "nationalistisch" oder "islamkritisch" genannt werden kann,  sondern alle Züge eines wahnhaften Charakters zeitigt, wird niemandem bekümmern, der nun ein saftiges Fressen zum Ausschlachten wittert. Die Linke hat eine mächtige Propagandawaffe gegen ihre Gegner in die Hand bekommen, die sie schamlos ausnützen wird. Im Gegenzug wird die Frage des "cui bono?" unvermeidlich gestellt werden, auch wenn jetzt noch keiner weiß, wie man ihre Implikationen schlüssig beantworten soll.  Verschwörungstheorien werden wuchern, aber über den lunatic fringe des Netzes kaum hinauskommen.

Wenn der Täter wirklich auf eigene Faust und aus den politischen Motiven gehandelt hat, die ihm nun unterstellt werden, dann ist er entweder bodenlos schwachsinnig - man könnte sich nichts Effektiveres, nichts Schrecklicheres, nichts Böseres ausdenken, das sich besser instrumentalisieren ließe, um die politische Rechte flächendeckend zu diskreditieren und plattzuwalzen.  Oder aber wir haben es mit einem lupenreinen Psychopathen zu tun, der sich in nichts von den Amokläufern von Columbine, Winnenden, Virginia Tech, und so weiter unterscheidet.

Die Frage beantwortet sich natürlich von selbst. Diese teuflische, grotesk irrationale Tat ist ohne jeden Zweifel einem zutiefst kranken Gehirn entsprungen,  der Täter ohne Zweifel einer jener Soziopathen, die aus dem Abtauchen in die virtuellen Tiefen und von Dämonen bewohnten Irrgärten des Internets nicht mehr gesund wiederkommen.  Was eine aus dem hintersten Arsch der Hölle hinaus geschissene Kreatur wie der Täter von Utoya sonst noch so gedacht, gesagt, geschrieben, "gepostet" und gemeint hat, ist von sekundärer Bedeutung, diente seinem pathologischen Hirn nur als Futter, um seinen Wahn zu nähren, diente nur dem Teufel, der von ihm Besitz ergriffen hat, und sonst niemanden. Wer solche Taten und Drachensaaten in sich birgt, wird immer den Brennstoff finden, der sie nährt und ihnen die Bahn freimacht.

Das gehäufte Auftauchen von amoklaufenden Psychotikern in bald allen europäischen Ländern ist dennoch ein ernstzunehmendes, zutiefst beunruhigendes Symptom für den inneren Zerfall unserer Zivilisation. Ich habe diesen Umstand bereits 2007 in einem Artikel für die JF skizziert.  Die Autoren der "Counterjihad"-Szene wie Fjordman gehören zu den wenigen, die es wagen, diesen Zerfall offen zu beschreiben, um Europa vor dem Marsch in den Bürgerkrieg warnen.  Wer auf sie einschlägt, sieht nur die Barometer, nicht den herankommenden Sturm. Sie sind es, die den Nährboden für den Bürgerkrieg aufdecken, den andere unseren Blicken zu entziehen suchen, eben in der wilden Hoffnung, ihn durch die Vernunft trockenlegen zu können. Es ist derselbe Nährboden, der Bestien wie den norwegischen Attentäter hervorbringt. Wer weiß, wieviele seiner Art bereits gleich scharfen Bomben darauf warten, bis ein Erdbeben sie zum Explodieren bringt. Wer weiß, an wievielen Stellen und in wievielen Menschen in den liberalsten und aufgeklärtesten und wohlständigsten und "demokratischen" Ländern der Welt die Schicht zwischen Zivilisation und Barbarei schon morsch ist - und es sind beleibe nicht "die Rechten", die dafür die Verantwortung tragen.

Mehr dazu zu sagen bin ich noch nicht imstande. Tiefer und gründlicher hat bereits unser Sezession-Mitarbeiter Manfred Kleine-Hartlage nachgedacht, der auf seiner Netzseite eine lesenswerte erste Analyse gebracht hat, das Beste, was es bisher im ganzen Netz dazu gibt.
Test


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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