Fjordman antwortet

Lange ließ der Spiegel nicht auf sich warten, um im Fall Breivik zu einem Generalschlag auszuholen: "Der Attentäter und die Haßblogger" gibt sich redlich Mühe,...

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

so unfair wie nur mög­lich die islam­kri­ti­sche Netz­sze­ne als geis­ti­ge Brand­stif­ter anzu­pran­gern. Da hat es Poli­ti­cal­ly Incor­rect nicht nur nicht gehol­fen, daß sie schon mal prä­ven­tiv Asche auf ihr Haupt gestreut und sich in die Mea-Cul­pa-Pose gewor­fen haben, obwohl sie nun wirk­lich am wenigs­ten für die Untat kön­nen.  Der Spie­gel hat die­se Ges­te im Gegen­teil gleich freu­dig auf­ge­grif­fen, um die Sei­te umso mehr platt­zu­ma­chen, nach dem Mot­to “Sie sagen es ja selber.”

(“Wir dür­fen uns vor lau­ter Auf-ande­re-mit-dem Fin­ger-Zei­gen nicht unse­rer Eigen­ver­ant­wor­tung ent­zie­hen. Wir ste­hen in der Ver­ant­wor­tung für unser Han­deln und Den­ken”, heißt es auf PI. Schön, Genos­sen, ihr hät­tet zum Bei­spiel längst dar­an arbei­ten kön­nen, euren berüch­tig­ten Kom­men­tar­be­reich von kras­sen Ent­glei­sun­gen reinzuhalten.)

Immer­hin hat es der Spie­gel geschafft, den bis­her nur weni­gen Men­schen bekann­ten “Counterjihad”-Blogger “Fjor­d­man” als Autor “ele­gant for­mu­lier­ter lan­ger Essays” vor­zu­stel­len.  Das über 1500 Sei­ten dicke “Mani­fest” Brei­viks dürf­te in ers­ter Linie ein “pas­te & copy”-Konvolut von Tex­ten sein, die er über Jah­re im Netz gesam­melt hat, dar­un­ter offen­bar sehr vie­les von Fjor­d­man, aber auch von unzäh­li­gen ande­ren Autoren (sogar Hen­ryk Bro­der taucht via Fjor­d­man-Zitat dar­in auf).

Berich­ten zufol­ge wur­de das Kon­vo­lut zusätz­lich mit stra­te­gi­schen Ent­wür­fen und auto­bio­gra­phi­schen Auf­zeich­nun­gen ange­rei­chert, die von einem kras­sen, patho­lo­gi­schen Nar­ziß­mus zeu­gen.  Ich sel­ber habe noch kei­nen Blick hin­ein­ge­wor­fen, und wer­de das auch in abseh­ba­rer Zeit nicht tun, und geden­ke auch sonst, mich nicht mehr als not­wen­dig mit die­ser Hor­ror­ge­stalt und sei­ner wider­li­chen Foto­stu­dio-Gor­go­nen­fres­se zu beschäftigen.

Der Spie­gel muß­te aller­dings ein­räu­men, daß es kei­ne Bewei­se für eine direk­te Ver­bin­dung von Fjor­d­man (“der intel­lek­tu­el­le Stich­wort­ge­ber”) zu Brei­vik gibt, und der Miß­brauch sei­ner Tex­te “mög­li­cher­wei­se ohne sein Ein­ver­ständ­nis” statt­ge­fun­den hat.

Von letz­te­rem kann man mit Sicher­heit aus­ge­hen. Nun hat sich Fjor­d­man selbst zu Wort gemel­det. Sei­ne ers­te län­ge­re Ant­wort sei hier auf Deutsch doku­men­tiert, das eng­li­sche und nor­we­gi­sche Ori­gi­nal kann man hier einsehen.

***

Offen­sicht­lich hat die Per­son, die momen­tan unter Ver­dacht steht, die­se Gräu­el­ta­ten began­gen und bei­nah 100 Men­schen kalt­blü­tig ermor­det zu haben, Anders Beh­ring Brei­vik, mich und die­se Netz­sei­te (“Gates of Vien­na”) in einem Buch zitiert.

Es ist also nur ange­mes­sen, wenn ich in die­ser Situa­ti­on ein paar Gedan­ken über die­ses ent­setz­li­che Wochen­en­de nie­der­schrei­be, eines der schlimms­ten, das mei­ne klei­ne Nati­on seit lan­ger Zeit erlebt hat. Ich weiß, daß zur Zeit eine Men­ge Jour­na­lis­ten ver­su­chen, mit mir Kon­takt auf­zu­neh­men, aber ich kann nicht allen ant­wor­ten, und will das auch nicht. Ich wer­de mög­li­cher­wei­se nächs­te Woche noch mehr Tex­te publi­zie­ren, möch­te aber erst­mal mit die­sem hier beginnen.

Nein, ich habe Anders Beh­ring Brei­vik nie­mals in mei­nem Leben getrof­fen. Er weiß nicht ein­mal, wie ich aussehe.

Nein, ich habe nicht das Gerings­te mit den Mas­sa­kern zu tun, die sich am Frei­tag im Zen­trum von Oslo und auf Utøya ereig­ne­ten. Ich war nicht ein­mal in der Nähe. Ich woll­te mir mit einem Fami­li­en­mit­glied einen Film in einem ört­li­chen Kino anse­hen, als ich die Nach­richt von einer mas­si­ven Explo­si­on bekam, die das Zen­trum von Oslo erschüt­tert haben soll. Von die­sem Augen­blick an, blogg­te ich zusam­men mit einem Dut­zend ver­schie­de­ner Leu­te auf „Gates of Vien­na“, bis der mut­maß­li­che Täter in Utøya ver­haf­tet wurde.

Wie habe ich auf die Ereig­nis­se die­ses Nach­mit­tags reagiert? Wie jeder­mann, mit abso­lu­tem Ent­set­zen und Abscheu. Zuge­ge­be­ner­ma­ßen dach­te ich zunächst, wir hät­ten es mit einem dschi­ha­dis­ti­schen Angriff zu tun, was Bekennt­nis­se von eini­gen isla­mi­schen Orga­ni­sa­tio­nen zu bestä­ti­gen schie­nen. Die Anschlä­ge von Utøya paß­ten aller­dings nicht in das übli­che dschi­ha­dis­ti­sche Sche­ma, und im Lau­fe des Abends wur­de lang­sam klar, daß wir es mit etwas ande­rem zu tun hat­ten, etwas, das mög­li­cher­wei­se noch viel schreck­li­cher war. Wer die­se unfaß­ba­ren Gräu­el­ta­ten began­gen hat, ist ein Unge­heu­er und ver­dient genau­so­we­nig Mit­leid, wie er für sei­ne unschul­di­gen, unbe­waff­ne­ten Opfer übrig hatte.

Wie füh­le ich mich ange­sichts der Tat­sa­che, daß der mut­maß­li­che Täter die­ser Gräu­el­ta­ten mich in sei­nem viel­dis­ku­tier­ten Buch zitiert hat? Abso­lut furcht­bar. Was soll ich sonst noch sagen? Ich muß fest­hal­ten, daß ich sein sehr lan­ges Buch oder Mani­fest weder gele­sen, noch die Zeit und die Ner­ven habe, dies zu die­sem Zeit­punkt zu tun. Ich kann mich nur auf die Bruch­stü­cke bezie­hen, die in ver­schie­de­nen Zei­tun­gen zitiert wur­den, und von denen mir ande­re berich­ten. Er hat sich offen­sicht­lich aus einer gerau­men Anzahl von öffent­lich zugäng­li­chen Quel­len bedient, dar­un­ter eben auch aus mei­nen Tex­ten. Die Abwe­sen­heit jeg­li­chen Respekts vor dem mensch­li­chen Leben kann er aller­dings nicht von mir haben, oder von irgend­ei­nem ande­ren islam­kri­ti­schen Autor, den ich ken­ne, wie Robert Spen­cer oder Bat Ye’or. In der Tat ist sei­ne Ver­ach­tung des mensch­li­chen Lebens ein häu­fi­ger, ent­schei­den­der Makel der isla­mi­schen Kul­tur, auf den ich immer wie­der hin­ge­wie­sen habe.

Ich habe in mei­nen Essays nicht ein ein­zi­ges Mal zur Gewalt auf­ge­ru­fen, und ich habe schät­zungs­wei­se ein bis zwei Mil­lio­nen Wör­ter unter mei­nem Pseud­onym im Netz ver­öf­fent­licht. Ich weiß selbst nicht mehr genau, wie­vie­le es waren, ich habe schon lan­ge den Über­blick ver­lo­ren. Die­se Essays sind kein Geheim­nis. Sie sind offen zugäng­lich und kön­nen von jedem gefun­den wer­den, der eine Such­ma­schi­ne bedie­nen kann. Ich habe nichts zu ver­ber­gen. Ich schrei­be über eine gro­ße Anzahl von The­men, von Astro­phy­sik bis zur Geschich­te der Scho­ko­la­de und des Bie­res. Ich schrei­be aber auch über kon­tro­ver­se und sen­si­ble The­men, und das völ­lig bewußt. Wir kön­nen es uns nicht leis­ten, nicht über auf­ge­la­de­ne, aber wich­ti­ge The­men zu schrei­ben. Men­schen wie ich haben die wach­sen­den eth­ni­schen Span­nun­gen nicht erzeugt, son­dern seit Jah­ren vor ihnen gewarnt. Sie wur­den durch eine zügel­lo­se Mas­sen­ein­wan­de­rung in west­li­che Län­der erzeugt, und solan­ge die­se zügel­lo­se Ein­wan­de­rung fort­ge­setzt wird, fürch­te ich, daß die­se Span­nun­gen wei­ter­hin anwach­sen wer­den. Ich wün­sche mir das nicht; ich war­ne ledig­lich davor, daß dies sehr wahr­schein­lich pas­sie­ren wird.

Bin ich ein Extre­mist? Ich gebe zu, daß ich mich sehr stark der Wahr­heit ver­pflich­tet füh­le. Das ist mei­ne Schuld. Bei­spiels­wei­se muß ich fest­stel­len, daß bis vor kur­zem prak­tisch nie­mand den „gemä­ßig­ten Islam“ vom „radi­ka­len Islam“ oder vom „Isla­mis­mus“ unter­schie­den hat. War­um? Und obwohl nahe­zu alle grö­ße­ren Zei­tun­gen, Fern­seh­sen­der und füh­ren­den Poli­ti­ker der west­li­chen Welt uns ver­si­chern, daß es einen rie­si­gen Unter­schied zwi­schen dem gemä­ßig­ten und dem radi­ka­len Islam gibt, schei­nen weni­ge in der Lage zu sein, zu erklä­ren, wor­in denn nun genau die­ser Unter­schied besteht. Ich bin nicht der ein­zi­ge, der das selt­sam findet.

Läßt mich die­se Fest­stel­lung als sehr extrem erschei­nen? Viel­leicht. Aber wie erklärt man sich dann, daß Recep Tayy­ip Erdo­gan, der Minis­ter­prä­si­dent des NATO-Mit­glieds­staa­tes Tür­kei, öffent­lich erklärt hat, daß es so etwas wie einen gemä­ßig­ten Islam nicht gäbe? Er ist ist ja schließ­lich ein sehr, sehr gemä­ßig­ter Mos­lem, der ein sehr, sehr gemä­ßig­tes mos­le­mi­sches Land regiert, in dem Adolf Hit­lers Auto­bio­gra­phie „Mein Kampf“ noch 2005 ein Best­sel­ler war. Ich weiß, wie gemä­ßigt Erdo­gan ist, weil die west­li­chen Regie­ren­den uns stän­dig an die­se Tat­sa­che erin­nern. Wenn nun also die­ser außer­ge­wöhn­lich gemä­ßig­te Mann uns sagt, daß es einen gemä­ßig­te Islam nicht gibt, dann wird es sich doch wohl loh­nen, ihm zuzuhören?

Das Extrems­te, was ich die­ses Wochen­en­de gemacht habe, war, daß ich zwei Näch­te hin­ter­ein­an­der kaum ein Auge zuge­tan habe, nicht nur wegen der ent­setz­li­chen Ereig­nis­se, deren Zeu­ge ich gewor­den war, und die mich tief erschüt­tert haben, son­dern auch wegen der fal­schen Gerüch­te, die in meh­re­ren Län­dern über mich auf­ka­men, daß die­ser Mann, der fast 100 Men­schen mas­sa­kriert hat, ich gewe­sen sein soll. Ich bin nun schon seit Jah­ren in der Blog­ger­sze­ne und habe schon eini­ge öffent­li­che Aus­ein­an­der­set­zun­gen hin­ter mir, aber noch nie zuvor hat man mich beschul­digt, der schlimms­te Mas­sen­mör­der in der Geschich­te Skan­di­na­vi­ens zu sein. Das ist mir zum ers­ten­mal pas­siert, und ich hof­fe instän­dig, daß es kein zwei­tes Mal pas­siert. Ich bin ein nor­ma­ler Mensch und habe all dies alles ande­re als genos­sen. Das Zweit-Extrems­te, das ich die­ses Wochen­en­de gemacht habe, war einen alten Film anzu­se­hen, roten Pinot aus Neu­see­land zu trin­ken und ein Buch über mit­tel­al­ter­li­che Geschich­te zu lesen. Das ist auch sonst das Extrems­te, das ich an einem durch­schnitt­li­chen Wochen­en­de tue.

Fjor­d­man

Test

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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