Sezession
5. August 2011

Das August-Gedicht: Wir Gärtner

Gastbeitrag

von Felix Springer

Eines meiner Lieblingsgedichte stammt von Friedrich Georg Jünger und heißt „Der Garten“. Es handelt vom Auftrag des schöpferischen Menschen, der ungeordneten Welt ein Stück Glück abzutrotzen. Das satte Erdreich der vielfältigen menschlichen Maßstäbe zwingt uns seine Gestaltbarkeit in die Hände, ruft nach Form und Richtung gegen die Verwehungen des steten Zeitensturms. Wo uns dieser Ruf erreicht, treffen wir nicht immer auf schon keimende Sprossen in schwarzem Boden: Manch einer irrt lange einsam durch die Wüste und gräbt nach Wasser.

Das Gedicht handelt auch vom Bewahren der Dinge und Formen, die uns entsprechen, und vom Wesen dessen, der hegt und pflegt. Es ist kein Zufall, dass in dem 1949 herausgegebenen Gedichtband Jüngers auf den „Garten“ die „Abbitte an die Wildnis“ folgt: „Unbenannt geht von dir aus, und Namenlos kehrt einst zurück dir.“ Es ist der Gärtner, der die Dinge beim Namen nennt und so den Menschen die zu schützende Welt erschließt.

Das Benennen und In-Form-Bringen der Dinge des wilden Lebens bedeutet dem Gärtner eine stille Macht. Diesen Genuß der behegten Erde gibt es nicht umsonst: Neben die Mühen der Fürsorge treten die Neider dieser Macht und die Feinde der Form. Wo ein Mörder präsentiert werden muss, war es dann für manch einen Zeitgenossen im Zweifel der Gärtner.

 

Der Garten
von Friedrich Georg Jünger

Wäre der Gärtner nicht da, sag an, wo bliebe der Garten?
Wo die Laube, der Pfad? Rosen, wo bliebet ihr dann?
Rasch verlöre die Lilie ihr Recht, Violen und Nelken,
Und von der Mauer schnell wäre der Weinstock verdrängt.
Wer wird das Liebliche hüten? Wer wird die weiße Narzisse
Schützen und wer das Beet, wo der Adonis mir blüht?
Ach, sie stürben dahin mir wie die Schöne des Südens,
Die im rauheren Nord zärtlicher Pflege entbehrt.
Oft bedarf das Edle des Schutzes, und gut ist’s, wenn Waffen
Es beschirmen, und gut Krieg gegen rohe Gewalt.
Denn sie blühten von Anbeginn nicht. Was der Gärtner gezogen,
Fällt, wenn er fortgeht, sogleich wieder dem Anfang anheim.
Was mich durch Formen ergötzt, was lieb mir durch Farbe und Duft ist,
Ist durch des Stärkeren Recht mühsam und künstlich gepflanzt.
Drum bekämpft mit Wut mich das Volk, es ruft nach dem Lande,
Das der Ahne bewohnt, ficht unermüdlich mich an.
Wolfsmilch dringt durch die Zäune und wuchert saftig im Schatten,
Streitet mit zäher Kraft gegen die rodende Hand.
Quecken, euch tilgt kein Gärtner, du trotzt, o Lattich, dem Messer,
Hart wie der Bauer lebt Wegerich über den Pfad.
Hahnenfuß wurzelt beständig sich an, und Trespe und Windhalm
Schicken, und Melde und Lolch, furchtlos die Vorhut herein.
Rüstiges Bettelvolk naht bewehrt und bestachelt den Beeten.
Kommen die Disteln zu Gast, spielen im Haus sie den Herrn.
Und die wilden Töchter des Rains, deren Früchte der Südwind
Forttrug, Winden durchziehn, Hopfen umschlingt mir den Strauch.
Fröhlich drängt sich die Wildnis durch offene Gitter und Stäbe,
Führt mit den Blumen Krieg, die ich so zärtlich gepflanzt.
Fliegende Samen nahn und Samen von haftenden Kletten,
Fein wie der Staub durchirrt mancher die gleitende Luft.
Liebste, du bringst mir im Haar des Löwenzahns zierliches Schirmchen,
Trägst mit dem schmalen Fuß rötlichen Ampfer herein.
Und sie alle wollen ja wachsen, wollen sich nähren,
Wollen herrschen zuletzt, ob sie als Diebesvolk auch
Heimlich in das reichere Land sich geschlichen, bevor sie
Pochend auf Sitz und Recht kühn es als Eige verlangt.
Doch ich will dich, Gesindel, als Herr nicht, will dich nicht nähren,
Kann dich nicht brauchen als Knecht, ob du auch Dienste gewährst.
Und so gilt es Vernichtung allein, so herrsche Gewalt denn,
Herrsche das Messer, der Stahl, Aufruhr bekämpf‘ ich mit Macht.
Schweiß entrieselt der Stirn, es schmerzt von der Beugung der Rücken,
Und die Nessel verbrennt zornig die greifende Hand.
Doch indem ich dem Wildling Schutz und Heimstatt verwehre,
Schwirrt mit summendem Laut hartes Geziefer einher.
Mutiger Zwerge Volk umsurrt mir Blätter und Blüten,
Kiefer, wie Messer geschärft, zehren den grünenden Trieb.
Engerlingsvölker seh‘ ich benagen die Wurzeln und Knollen,
Augenlos ist das Geschlecht, weißlich und bläßlich die Haut.
Tiefer krochen hinab sie, da verbarg sie die Tiefe,
Scheuend des Tagesgestirns Licht, ziehen sie wühlend einher.
Nun bedrängt mich der Frost, der Sturm, die Sturzflut des Regens,
Hagel schlägt in die Saat, Dürre verzehrt mir den Wuchs.
Immer steh‘ ich gerüstet bereit, gewappnet im Freien,
Braun von der Sonne Brand, schütz‘ ich gefährdete Flur.
Und sie dankt es mit reicherem Wachstum, sie knospet und grünet,
Schließt dem heiteren Blick duftend und blühend sich auf.


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