Sezession
2. August 2011

Satiremagazin chrismon

Ellen Kositza

wer zuletzt lachtDas Satire-Heft Titanic hatte ich abbestellt, nachdem ich für den Studententarif nicht mehr in Frage kam. Die längere Durststrecke ohne forcierte Erheiterung hatte ein Ende, seitdem der FAZ das sogenannte „evangelische Magazin“ chrismon beiliegt. Bibelworte und Christentugenden drehen und dehnen, bis sie platzen: ein saukomisches Schelmenstück - was die aktuelle Nummer aufs Neue bestätigt!

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Arnd Brummer, seines Zeichens Chefredakteur des witzigen Wohlfühlmagazins eröffnet den komischen Reigen in seiner Kolumne (“was ich notiert habe“) gewohnt heiter und stellt sich in aller Ausführlichkeit vor, er wäre – ein Kühlschrank. Saucool. Immerhin, keine Kettensäge oder was ganz Unvernünftiges wie ein Zigarillo oder ein Piercing. „Ja, und wie ich brumme!“, schreibt er ausgelassen. Er heißt ja auch Brummer! Seine Birne sei allerdings zurzeit kaputt, klagt der freche Quatschkopf mit Sinn für Doppeldeutigkeit, denn „die Leute in meiner Familie sind entweder zu schlampig, um sie auszutauschen, oder zu doof, weil sie nicht wissen wie das geht und die Bedienungsanleitung nicht finden.“ Herr, schmeiß Allegorien vom Himmel, auf daß wir jauchzen vor Freude!

Unter der Ratgeber- Rubrik „Religion für Einsteiger“ wird dann die Leserfrage beantwortet, ob sich Religion „demokratisch organisieren“ lasse. Nein. Das habe man jedenfalls früher gemeint. Daher hatte so ein altbackener Pfarrer-Wüstling vor Jahrzehnten die kecke Frage eines Jungen – der womöglich mit dem antworteten Schreiberling identisch ist -, ob „der Heilige Geist etwas mit Maria hatte“ mit einer Ohrfeige beantwortet. „Christen, die mitdenken und mitgestalten, wachsen so nicht heran“, das wäre schon mal klar!, bescheidet der Briefkastenonkel. Kirchengeschichtlich seien „Jahrhunderte vergangen, bis Protestanten endlich Toleranz lernten. (..) Bis in die frühe Bundesrepublik war vielen Gehorsam wichtiger als Mündigkeit.“ Gewagtes Fazit: „Protestanten könnten sich ruhig wieder an die Spitze der Demokratiebewegung stellen.“ (Mein Verbesserungsvorschlag wäre: „(un)ruhig.“)

Es folgt Michel Friedman als Ultramündiger – unter der mutigen Überschrift „Ich kann nicht gehorchen.“ Friedmann bekennt im Interview, „auf einem Friedhof“ aufgewachsen zu sein („alle anderen wurden von den Nazis umgebracht“) und an Gott nie geglaubt zu haben. „Ich wäre auch nicht gern gläubig, das würde mich einengen“, sagt er, der den weiteren, ja, aufs äußerste dehnbaren Horizont wohl kennengelernt hat. 2003 sei ein „schwieriges Jahr“ für ihn gewesen, und die Reaktion ist so lieb, erklärend anzufügen, daß Friedman damals „alle Ämter“ abgegeben habe, nachdem sein „Kokainkonsum“ (da trickst mich die Erinnerung aberwitzig aus: ich hatte glatt den Konsum sehr junger Osteuropäerinnen in Erinnerung!) „öffentlich wurde“. Alles endet gut bei chrismon, so gehen hier die Pointen auf, drum steht auch Herrn Friedmans Schicksal letztlich unter günstigem Stern. Nach einem „schmerzhaften, sehr intensiven Prozeß“ („ich bin sehr selbstkritisch, sehr selbstzweifelnd“) habe er sich gefragt „Wie ist das Leben, wenn man sich selbst ein bißchen liebhat?“ und ist nun: klar, „glücklich“, wenn auch nur „wie ein Mensch wie ich glücklich sein kann.“

Ein paar Seiten weiter wird – wenn das nicht lustig ist, in einem gefühlslinken Magazin! – der IfS-Studie Die Frau als Soldat Schützenhilfe geleistet. Unter der Rubrik „vorbilder“ (klein im Original) wird die schwäbische „Frauenpolitikerin“ Anna Haag porträtiert, die „Massen von Flugblättern der Frauenliga“ auf dem Dachboden hortete und sich damit vehement für das Recht auf Kriegsdienstverweigerung einsetzte.

Den bunten Bogen, den der Chefredakteur mit seiner abenteuerlichen Kühlschrankwandlung beginnen ließ, beschließt die Mutter von Regina* (Name geändert), deren Tochter einst ihr Sohn Richard (*) war und die sich mit diesem Wechsel in fröhlicher Nachdenklichkeit abgefunden hat: „Daß Wichtigste ist, daß sie sich wohlfühlt.“ Womit das Grundanliegen des Blattes wieder aufgegriffen wäre. Wie komisch sich Tragik anfühlen kann! Denn einmal, als Richard-Reginas Tochter ein Kind bekam, da hat die Urgroßmutter doch glatt (voll aus Versehen) gesagt: „Glückwunsch Opa! Wir haben beide darüber gelacht.“ Und das, auch wenn es nicht gerade eine Weisheit aus den Psalmen ist, ist doch das wichtigste: Wer zuletzt lacht, lacht am besten.

Unterm Strich sind die komischen „Protestanten“ von chrismon heimliche Nietzscheaner: „Was fällt, das soll man auch noch stoßen!“


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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