28. März 2009

Wie weiter? (III): Wald und Ebene

von Götz Kubitschek / 9 Kommentare

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

oberforsterThomas Hürlimann, Schweizer Schriftsteller, hat in einem Beitrag für die FAZ vom vergangenen Mittwoch über den deutschen und den schweizerischen Nationalcharakter nachgedacht. Er versteht seinen Artikel als Antwort auf die Anwürfe deutscher Politiker, die Schweiz schade mit ihrem Beharren auf dem Bankgeheimnis dem deutschen Staat über die Maßen. Hürlimanns Beitrag klärt diese Frage nicht, er ist hintergründig angelegt und fragt vielmehr, warum die Schweizer und die Deutschen so sind, wie sie sind. Seine Antwort geriet ihm zu sprachlich glänzendem Naturdeterminismus.

Zuerst die Schweizer: allein schon geographisch die geborenen "Ver-Bergler", die sich ins Unzugängliche, Verborgene zurückziehen können und wollen. Das Diskrete und das understatement sind die ihnen angemessenen Eigenschaften, das Horten und Tarnen die daraus abgeleiteten Vorlieben.
Schon die alten Eidgenossen zogen sich auf die Höhen zurück, um von dort oben die Ritterheere der Habsburger mit Geröllawinen zu bekämpfen, und in den Weltkriegen baute das Militär das Innere der Alpen zu einem einzigartigen Bunkersystem aus, dem sogenannten Reduit, worin die Armee, wäre die Schweiz überfallen worden, in ewiger Dämmerung ausgeharrt hätte.

Ist das nicht schön, daß Hürlimann so etwas einfach hinschreibt, ohne den Drang, sich darüber lustig zu machen oder es zu - dekonstruieren? Er nimmt das ganz ernst:
In Masse und Macht ordnete Elias Canetti den Nationen "Massensymbole" zu. Unseres ist der Berg. Ihres ist der Wald.

Hürlimanns Beitrag ist eigentlich ein offener Brief an uns Deutsche. Wir also:
Solange es den Wald tatsächlich gab, bot er Ihnen jenen Schutz, den wir in den Höhlen fanden. Aber die fallenden Bäume entblößten die Ebene, und damit wurde die Gefährdung von Deutschlands Mittellage sichtbar. Also begann "der Wald zu marschieren" (Canetti), er wurde zum Heer, um die Flanken zu schützen, rollte über diese hinaus. Im Strategischen hatten es die Deutschen immer schwerer als wir. In den Bergen kann man verschwinden, in den Ebenen nicht, sie bleibt eine Blöße, und aus ihr, mehr noch aus der Angst vor ihr, erwuchs die deutsche Waldsehnsucht.

Von hier ab besingt Hürlimann unser Vaterland und setzt Signalworte, eines um das andere. Ich weiß gar nicht, wie solche Sätze in den Ohren jener relativierungssüchtigen, maximal habituell Konservativen klingen mögen, die Deutschland mit einer gutgeölten Maschine verwechseln:
Ohne die Waldgänger Nietzsche, Heidegger, Jünger und Botho Strauß, ohne die Verse von Eichendorff und Benn oder die Romane Martin Walsers, wie armselig wäre mein Leben. Ich finde es wunderbar, wenn Ihre Lichtungen die Wahrheit entbergen, ...

... und so geht das immer weiter, bis ins Heute, und die
Waldnation hat sich entwurzelt, und jede Fußgängerzone teilt mit, daß man einst heilige Wörter wie "Vaterland", "Boden" oder "Heimat" für immer begraben hat.

Hier ist der ganze Beitrag. Wo endet Hürlimann? Er wendet seine "Bestandsaufnahme der deutschen Seele" (Joachim Fernau) aufs Politische an, und gesteht, daß er den "Ebenen-Charakter" eines notwendigen "Alles oder Nichts" beängstigend findet und zuletzt den "Oberförster" aus Ernst Jüngers Marmorklippen am Werke sieht.

Spätestens hier muß flankierend ein berühmter Spruch von Armin Mohler neben Hürlimanns Sätze gestellt werden. Der Schweizer Mohler war 21 Jahre alt, als Hitler gegen Stalin antrat, und im Nasenring schildert Mohler, daß ihm in diesem Moment klar wurde, was es bedeutet, wenn es in der Mitte Europas ums Ganze geht. Er passierte unerlaubt die Grenze und meldete sich (vergebens) freiwillig zur SS, denn "in der Schweiz geht es immer nur um mehr oder weniger, in Deutschland um alles oder nichts".

Hürlimann nennt das "Politromantik" (ohne Mohler zu nennen) und versteht an dieser Stelle vielleicht nicht, daß es im Weltkrieg nicht anders geht als ganz oder gar nicht. Oder doch? Mohler zitiert an anderer Stelle den Basler Carl Jakob Burckhardt:
Es ist bei dem begabtesten Volk des neueren Europa ein Mangel an natürlichem Spürsinn, Takt, Augenmaß und ruhiger, vernünftiger Vorsicht, die immer wieder in Erstaunen setzt. Man sagt, es sei um der höheren, der höchsten Eigenschaften willen, die alles aufzehren wie eine Flamme ...

Ich muß gestehen, ich weiß nicht, ob das nun Lob oder Spott ist. Denn immerhin sagen wir doch immer, daß die große Leistung einer Nation darin besteht, sich auf ihrem Gang durch die Geschichte "durchzuhalten". Kann man die Bundesrepublik als ein geglücktes "Durchhalten" bezeichnen? Nein? Was also haben das "Aufzehrende" und die "Wald-und-Ebenen-Romantik" in der Politik zu suchen gehabt? Was ist davon noch übrig und wozu sollte es gut sein?

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Kommentare (9)

Bremer Butjer
28. März 2009 23:05
Hallo, Herr Kubitschek,

vielen Dank für den Text von Thomas Hürlimann!

Er sagt, er schreibe seinen Text als Freund - und genau das tut er!
Der Artikel ist mit einem sehr angenehmen Augenzwinkern geschrieben und beschreibt die Situation mit gewohnter schweizer Qualität und Präzision voll ins Schwarze treffend.

Die "Wald-Situation" kann sehr unangenehm enden:
Ich sehe die Gefahr, daß sich der Kopf vom Herz und von den Füßen trennt und es infolgedessen zu einem - kompletten, immerwährenden - Zusammenbruch kommen kann - oder aber zur vollständigen Auflösung - was Gott verhüten möge!

Wie sieht es mit der Zukunftsfähigkeit Deutschlands - also seiner Menschen und Landschaften - aus?
Wie ist es darum bestellt?
Sind die Schweizer zukunftsfähiger, weil sie "elastischer" und "tatsachenorientierter" sind?

Beim Wald denke ich sofort an einen Kumpel, der mit seinem Hund immer wieder in den Wald "rennt":
Er fühle sich dort sehr wohl und erhole sich dort sehr gut, so sagt er.
Allerdings: Wovor "rennt" er denn weg?
Und "läuft" er dann etwa direkt in den Schoß von Mutter Natur?
Und schwingt sich der Geist dann in unerreichbar hohe Traum-Welten?
Wenn das alles zur Balance beiträgt - okay!
Wenn nicht: Ist so eine "Haltung" über-lebensfähig?

Genau diese Thematik scheint mir mit Ihrem Artikel, Herr Kubitschek, angesprochen zu sein.
(Jedenfalls lese ich sie so.)
Was kommt nach der maßlosen Selbst-Überschätzung der Deutschen ("total") und dem danach "praktizierten" Dasein quasi als "Neutrum"?

Also: Wie geht's mit Deutschland - seinen Menschen und Landschaften - zukünftig weiter?
Oder sterben wir Deutsche - Demografie hin oder her - tatsächlich aus?
Anthrauzit sieht's aus, oder?

Viele Grüße aus Norddeutschland!

Bremer Butjer
Bremer Butjer
28. März 2009 23:46
PS: Der Mensch kann eben nicht aus seiner Haut - auch wir Deutsche können das nicht - zum Glück!

Übrigens: Den Beitrag zum deutsch-österreichischen Verhältnis "Über Felix A." von Ellen Kositza habe ich mit Wonne gelesen!
Jetzt fehlt "nur noch" der Beitrag eines Österreichers zum österreichisch-deutschen Verhältnis - und das schweizerisch-österreichische Verhältnis dürfte auch gern Erwähnung finden - in aller Bescheidenheit. ;-)

Irgendwie sind wir - also Deutsche, Österreicher und Schweizer (alphabetische Reihenfolge!) - miteinander verbunden - auch wenn wir (bisweilen sogar sehr) unterschiedlich sind!

Ich wünsche uns allen einen angenehmen Sonntag - und eine "bunte" Zukunft!
Schwarz, Weiß und Grau reichen mir auf Dauer eben nicht - in aller Bescheidenheit! ;-)
M.
29. März 2009 10:56
Nur der Einsame findet den Wald:
wo ihn mehrere suchen, da flieht er,
und nur die Bäume bleiben zurück.
(Peter Rosegger)


Was wir still gelobt im Wald,
Wollen's draußen ehrlich halten,
Ewig bleiben treu die Alten:
Deutsch Panier, das rauschend wallt!

Da steht im Wald geschrieben
Ein stilles, ernstes Wort
Von rechtem Tun und Lieben,
Und was des Menschen Hort.
Ich habe treu gelesen
Die Worte schlicht und wahr,
Und durch mein ganzes Wesen
Ward's unaussprechlich klar.
(Joseph von Eichendorff)


Der Wald ist heimlich. Das Wort gehört zu jenen unserer Sprache, in denen sich zugleich ihr Gegensatz verbirgt. Das Heimliche ist das Trauliche, das wohlgeborgene Zuhause, der Hort der Sicherheit. Es ist nicht minder das Verborgen-Heimliche und rückt in diesem Sinne an das Unheimliche heran. Wo wir auf solche Stämme stoßen, dürfen wir gewiß sein, daß in ihnen der große Gegensatz und die noch größere Gleichung Leben und Tod anklingen, mit deren Lösung sich die Mysterien beschäftigen.
(Ernst Jünger, Der Waldgang)

Das Massensymbol der Deutschen war das Heer. Aber das Heer war mehr als das Heer: es war der marschierende Wald. In keinem modernem Lande der Welt ist das Waldgefühl so lebendig geblieben wie in Deutschland. Das Rigide und Parallele der aufrechtstehenden Bäume, ihre Dichte und ihre Zahl erfüllt das Herz des Deutschen mit tiefer und geheimnisvoller Freude. Er sucht den Wald, in dem seine Vorfahren gelebt haben, noch heute gern auf und fühlt sich eins mit Bäumen. [...]

Heer und Wald waren für den Deutschen, ohne daß er sich darüber im klaren war, auf jede Weise zusammengeflossen. Was andere am Heere kahl und öde erscheinen mag, hatte für den Deutschen das Leben und Leuchten des Waldes. Er fürchtet sich da nicht; er fühlte sich beschützt, einer von diesen allen. Das Schroffe und Gerade der Bäume nahm er sich zur Regel.
Elias Cannetti, Masse und Macht
Johannes
29. März 2009 14:36
Der Wald zieht sich als Allegorie und Topoi durch die deutsche Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts. Die Romantik ist dabei noch am bekanntesten, aber auch Adalbert Stifter ist hier mit seiner Novelle "Der Waldgänger" zu nennen. Aufschlussreiches zum Verhältnis von Wald und Ebene findet sich in Ernst Jüngers "Der Waldgang": letztendlich ist die Ebene, besser gesagt: die Wüste - das genaue Gegenstück zum dichten, Schutz bietenden, dunklen und auch gefährlichem Wald. Die Wüste ist bei Jünger Symbol des Nihilismus, der Wald archaisch - er birgt Rettung und Gefahr zugleich. Überträgt man dies auf die Tauglichkeit des Walds für uns Deutsche, muss man m. E. diese beiden Aspekte betrachten. Schutz und Abgeschlossenheit ist notwendig, der Wald birgt aber auch die Gefahr - wie Canetti beweist - einer Vermassung (Baum neben Baum) und er kann in seiner Größe unüberschaubar werden. Nichtsdestotrotz ist er wohl am ehesten unsere nationale Allegorie... wie es bei den Italienern vielleicht das Meer ist... Diese Gegensätze ziehen sich an, zumindest scheint die Italiensehnsucht von Dürer bis Thomas Mann darauf hinzuweisen.
Torsten
29. März 2009 20:09
Also, was ist zu tun? Aufforsten, Wald anpflanzen, Heimat (wiederer-) schaffen - auch geistig: Beheimatung als Wiedereinbettung des Einzelnen in Landschaft und Geschichte, und in die Familie. Das wäre konservativ, es wäre das Rechte und in diesem Sinn "rechts".
Aber was ist "rechts" angesichts der aktuellen politischen Herausforderungen? Angesichts der Wirtschaftskrise? Höhere Bonuszahlungen für Bankvorstände? (Denn warum sollen die Wohlgeratenen sich nach den Zukurzgekommenen richten?) Noch mehr Steuergeldmilliarden, um die deutsche Wirtschaft zu retten? (Gibt es das noch - eine deutsche Wirtschaft - oder gibt es nur noch einen Standort Deutschland?) Oder besser keine zusätzlichen Staatsschulden machen, um die Nachgeborenen nicht zu belasten? (Der Markt wird's schon richten...)
Oder: Was ist "rechts" angesichts der Terrorismusgefahr? Mehr Überwachung, der Sicherheit wegen? Weniger Überwachung, der Freiheit wegen? Abschottung nach außen? (Ein hoher Zaun und Grenzkontrollen - kennen wir irgenwoher...) Mehr deutsche Soldaten an den Hindukusch? Oder gar keine? (Aber das sagen auch die Linken.) Was also ist "rechts"?
Wenn ich es richtig sehe, ist "Ausländer raus!" die einzige aktuelle politische Losung, die eindeutig rechts geortet wird. "Abbau des Sozialstaates!" fordert gerade niemand, weil das zur Schrumpfung der Wirtschaft beitragen würde, und "Rückgabe der deutschen Ostgebiete!" ist nicht mehr aktuell.
Also - was ist rechts? Wald pflanzen...
Toni Roidl
30. März 2009 09:36
Wald pflanzen gegen Links - das gefällt mir! Demnach wäre Joseph Beuys mit seinem »7000-Eichen-Projekt« ja ein Kernrechter gewesen. Ob die erlebnispädagogische »Waldwoche« im Kindergarten (während der die Kleinen sich täglich auf Bäumen und im Laub tummeln) dem »Kampf gegen Rechts« zum Opfer fällt, wenn diese Seite im Landesministerium gelesen wird? Na dann auf: Der deutsche Tann wird von Borkenkäfern, Neozoen, saurem Regen, Orkanen mit russischen Namen und vor allem unserem eigenen Zivilisationsmüll bedroht. Real und allegorisch. Waidmannsheil! ;-)
M.
30. März 2009 19:47
Klage
von Joseph v. Eichendorff

O könnt ich mich niederlegen
Weit in den tiefsten Wald,
Zu Häupten den guten Degen,
Der noch von den Vätern alt,

Und dürft von allem nichts spüren
In dieser dummen Zeit,
Was sie da unten hantieren,
Von Gott verlassen, zerstreut;

Von fürstlichen Taten und Werken,
Von alter Ehre und Pracht,
Und was die Seele mag stärken,
Verträumend die lange Nacht!

Denn eine Zeit wird kommen,
Da macht der Herr ein End,
Da wird den Falschen genommen
Ihr unechtes Regiment.

Denn wie die Erze vom Hammer,
So wird das lockre Geschlecht
Gehaun sein von Not und Jammer
Zu festem Eisen recht.

Da wird Aurora tagen
Hoch über den Wald hinauf,
Da gibts was zu singen und schlagen,
Da wacht, ihr Getreuen, auf...
Hainich
30. März 2009 20:46
Der Gedanke, jeden Fleck Erde von Menschenhänden umgewühlt zu sehen, hat für die Phantasie jedes natürlichen Menschen etwas grauenhaft Unheimliches; ganz besonders ist es aber dem deutschen Geiste zuwider.

(Wilhelm Heinrich Riehl)

Für Ludwig Klages steht der Waldrand als Metapher für die Schwelle zwischen der zivilisierten Welt der Sinne und der mythisch-kosmischen Welt der Seele. Der Wald ist die letzte noch verfügbare Schwelle zum Lande Ur.
(Albrecht Lehmann)
M.
05. April 2009 14:21
Wollte man sich bequemen, das bewundernswerte Werk des Tacitus über die Sitten der Germanen zu lesen, so würde man daraus ersehen, daß die Engländer die Idee ihrer Staatsregierung von diesen Germanen bezogen haben. Dies herrliche System wurde in den Wäldern erfunden.

--Montesquieu, De l'esprit des loix

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