Sezession
1. Oktober 2006

Autorenportrait Hans Blüher

Martin Lichtmesz

pdf der Druckfassung aus Sezession 15 /Oktober 2006

sez_nr_15Hans Blüher ist das vernachlässigte enfant terrible unter den „kategoriensprengenden Autoren" (Armin Mohler) der Konservativen Revolution. In Erinnerung geblieben ist er als Theoretiker des Männerbundes, dem er eine umstrittene homoerotische Deutung gab, und als Chronist des „Wandervogels", zu dessen frühesten Mitgliedern er zählte. Weniger bekannt ist Blüher, der selbsternannte Theologe, der antisemitische Polemiker, der Tiefenpsychologe und schließlich der Philosoph wider den anthropozentrischen Subjektivismus. Selbst die wenigen Neuauflagen seiner Werke sind nur noch antiquarisch zu bekommen. Sekundärliteratur ist spärlich vorhanden, fehlerhaft und zumeist herablassend gegenüber Person und Werk. Ernst Jünger bemerkte einmal in einem Brief an einen französischen Verleger, Blüher habe niemals die verdiente Anerkennung erfahren „parce qu'il est d'un pays qui a perdu deux guerres mondiales".

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.


Die fast völlige Abwesenheit von Sekundärliteratur kann andererseits auch als Positivum gerechnet werden. Wer Blüher kennenlernen will, muß sich dem unverschnittenen Wein seiner Schriften aussetzen. Sein Stil ist nach wenigen Sätzen erkennbar, sein kraftvolles, zupackendes Deutsch frei von Gemeinplätzen. Er ist der Schöpfer ureigenster Begriffswelten. Zuspitzungen, Antagonismen, strenge Scheidungen dominieren sein Denken: „Die Gegensätze können nie scharf genug werden." Nicht selten streifen seine Thesen das Bizarre. Blühers Werk ist eine einzige funkensprühende Polemik, eine scharf konturierte, manische Selbstdarstellung. Seine Philosophie habe „sich stets an lebendigen Menschen entzündet" schrieb er 1920. Derjenige, „der nahe an den Dingen und heftig von ihnen erregt über ihr Wesen viel Falsches und einiges Leuchtend-Richtiges zu sagen weiß", war in seinen Augen „wissender und stärker an Erkenntnis" als der distanzierte Gelehrte der „unbestochen von ihrem Glanz" bleibt. Wer Erkenntnis erlangen will, muß sich involvieren, irren, nach einem Nietzsche-Wort „mit Blut schreiben". Die Tatsache, niemals einen akademischen Grad erworben zu haben, trug Blüher wie eine Medaille vor sich her. Er schlug sich seine Breschen selbst, als exzentrischer und egozentrischer Einzelgänger. Er blieb auf diesem Weg unbeirrt bis an die Grenze zur Hybris. Das eigentliche Leitmotiv aller seiner Schriften ist die Verteidigung der Essenz der Dinge, pathetisch gesprochen ihrer Seele, ihres lebendigen, schicksalshaften So-Seins, das niemals bloß die Summe seiner Teile sein kann. Er war leidenschaftlicher Anwalt des Seltenen, Edlen, Auserwählten, des Schöpferischen, Unverdienten, Unbefragbaren. Als Ariadnefaden diente ihm der Eros, der die tiefste Erkenntnis des Anderen in seinem Sein, biblisch: seiner Geschöpflichkeit, ermöglicht. Hans Blüher war, wie auffallend viele „konservative Revolutionäre", ein Augenmensch. Gestalt und Ort der Dinge waren für ihn untrennbar mit ihrem Wesen, Sinn und Wert verbunden. Hans-Dietrich Sander nannte die „Krisis des Sehens" die Ursache des geistigen Verfalls im Gefolge der Moderne. Die leidenschaftlichsten Antimodernen sind häufig diejenigen, die ihren Augen mehr trauen, als den Abstraktionen des spekulierenden Intellekts.

Ein Signum dieses Lebensthemas war Blühers von Zeitzeugen oft bemerkte markante physische Erscheinung, die ihm bereits zu Wandervogelzeiten den platonischen Spitznamen „Gestalt" eintrug. Gustav Hillard beschrieb den Eindruck, den Blüher um 1918 machte: „Der damals Dreißigjährige, dem die hanebüchen zusammmengewürfelte Kleidung salopp und schlottrig um den hageren und schmächtigen Körper hing, wirkte weniger wie ein Aufsässiger und Umstürzler als wie ein moderner Kyniker, ein Gesonderter und Besonderer." Die eigentümlich „ausgedörrte" Physis des greisen, kauzig wirkenden Blüher erinnerte Joachim Günther Jahrzehnte später an Diogenes. Hans-Joachim Schoeps sah in ihm gar einen „heidnischen Anarchisten".
Hans Blüher wurde 1888 im niederschlesischen Freiburg als Sohn eines Apothekers geboren. Das elterliche Milieu war kleinbürgerlich, „preußisch, protestantisch, patriotisch" (Jürgen Plashues). 1896 übersiedelte die Familie nach Halle an der Saale, 1898 nach Berlin-Steglitz. Seiner Schulzeit im dortigen Gymnasium hat Blüher große Bedeutung beigemessen. Das „reaktionäre" Element des wilhelminischen Erziehungssystems, verkörpert in der - durchaus bewunderten - Gestalt des Direktors Robert Lück, gab in Blühers Rückblick den Zündstoff für den Aufstand des Wandervogels; das „humanistische", auf der griechischen und römischen Antike basierende Element dieses Bildungsideals war ihm stets das geistige Fundament schlechthin. 1902 wurde Blüher von Karl Fischer in den frisch gegründeten „Ausschuß für Schülerfahrten", den späteren „Wandervogel", aufgenommen: „Mit diesem Tage begann das Glück meiner Jugend." 1912, als der Steglitzer Keim zur landesweiten „Jugendbewegung" explodiert war, verklärte der 24jährige Student seine Jugendjahre in seinem zweibändigen Erstlingswerk Wandervogel, das Mohler zu Recht „eines der erstaunlichsten Beispiele moderner Mythenbildung" nannte.
Die Steglitzer „Bacchanten", die sich im anarchisch-archaischen Rausch mit Gitarren bewaffnet in die deutsche Wildnis schlugen, um die „Götter der Landschaft mit der Seele" zu erobern, wurden in Blühers Apotheose zu den auserwählten Trägern eines dionysischen Aufstandes, der „eine Regeneration, eine große Reinigung" in Gang setzen sollte. Dabei habe der Wandervogel niemals eine „einheitliche Tendenz gehabt, ein Ziel, ein Ideal, es sei denn die Romantik selber." Blühers Schrift enthielt allerdings eine skandalöse Kernthese. Die Verortung der magischen Bindekraft des Wandervogels in der „erotischen" Ausstrahlung der „Männerhelden" und die ausdrückliche Bejahung dieses Umstandes war Herzstück einer Offensive, mit der Blüher in interne Krisen eingriff. Im Gefolge der Harden-Moltke-Eulenburg-Affäre, in der hohe Regierungskreise der homosexuellen Ausschweifung bezichtigt wurden, kam es zu hexenjagdartigen Rufen nach „Säuberung" des Wandervogels von „päderastischen" Elementen. Blüher bestätigte die hochgradig tabuisierte Tatsache nicht nur, sondern drehte den Spieß um: „Alle bedeutenden Führer der Jugendbewegung gehören dem typus inversus an". Gerade diese seien die wahren Schöpfer des „Bundes", der im scharfen Gegensatz zum zweckorientierten „Verein" stehe. Die wirksamste Waffe in dieser Auseinandersetzung übernahm Blüher von Sigmund Freud, mit dem er in Briefkontakt trat. Mithilfe des Begriffs der „Verdrängung" entlarvte er die verbissensten Verfolger der „Umtriebe" als verkappte „Invertierte", deren Veranlagung pathologische Züge angenommen hatte.

Der „Kriegsschauplatz" war projektiv „von innen nach außen" verlegt worden. Blüher selbst bekannte, die „ithyphallischen Kulte" des Wandervogels am eigenen Leibe kennengelernt zu haben, wenn auch inzwischen die Konversion zur „Frauenliebe" erfolgt war. Während der junge Autodidakt mit dem Anspruch eines Sexualforschers auftrat und sich als Psychoanalytiker der neurotisch erkrankten Jugendbewegung inszenierte, warf ihm später der Lebensphilosoph Alfred Seidel vor, den Mythos des Wandervogels gerade durch die Bewußtwerdung seines gärenden Untergrunds zerstört zu haben. Blüher aber ergriff in der Folge den „bürgerlichen" Beruf eines freien Psychotherapeuten.
In dem zweibändigen Werk Die Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft (1917/19) erweiterte Blüher seine speziellen Thesen zur Dynamik des Wandervogels unter dem Einfluß von Heinrich Schurtz, Wilhelm Fließ und Otto Weininger zu einer allgemeinen kultursoziologischen Theorie. Der Entwurf einer im Sinne der Jugendbewegung erneuerten „menschlichen Gesellschaft" kreiste um einen weitgefaßten Erotikbegriff und hatte eine explizit antibürgerliche Stoßrichtung. Bewunderung zollten unter anderem Thomas Mann, Gottfried Benn und Rainer Maria Rilke. Blühers „Männerheld" war ein mobilisierender Mythos, eine „kühne und provokatorische Erfindung ... von brisanter Kraft, wenn man mit ihrer Bewußtwerdung im Leben experimentierte" (Gustav Hillard). Eine Generation mit dem - wie Heiner Müller einmal anmerkte - „Jahrhundertproblem", daß ihr der Krieg zur Erfahrung wurde, bevor es Frauen sein konnten, „fand bei ihrer Rückkehr in Deutschland ihre Bewußtseinslage durch Blühers Thesen weitgehend formuliert" (Hillard).
Blüher beschrieb den männlichen „Eros" als einen doppelpoligen Trieb: zum einen zur Frau und zur Familienbildung, zum anderen zum „Männerbund" und damit zur Staatsbildung hinneigend. „Erotik" ist hier nicht mit dem Sexus gleichzusetzen, obwohl sie sich durchaus mit ihm überschneiden kann. Sie ist die magnetische Naturkraft, die den „organischen" Bund wie von selbst entstehen läßt. Blüher untersuchte systematisch ihren Einfluß in der Jugendbewegung, dem Militär, dem Corpsstudententum, Freimaurer- und Templerorden. Das eigentliche Thema des „mann-männlichen Eros" sei die initiatische Suche nach dem „Bild des Helden". Die Tapferkeit eines jungen Kriegsfreiwilligen von 1914 wird aufs äußerste durch seine Hingerissenheit für seinen Vorgesetzten stimuliert: „Er beschrieb die männliche Schönheit des Feldherrn, die Straffheit und Güte seiner Haltung und meinte zum Schluß: der einzige Wunsch, den er gehabt habe, sei gewesen, diesem Manne zu gefallen und ihn zu einer Freundlichkeit zu zwingen. Jeder Gedanke, durch eine unwürdige Handlung sein Mißfallen zu erregen, sei ihm geradezu unerträglich. ... So wird jeder Mann vom überlegenen Manne erotisch erregt, und soweit erzwingt jede heldenhafte Erscheinung die typischen Merkmale der Verliebtheit." Wie in Rilkes Archäischem Torso Apolls gibt es „... keine Stelle, / die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern." Beide Bände der Rolle der Erotik schlossen, sinnfällig, mit jeweils einem George-Zitat.

Blüher lehnte jegliche Teilhabe der Frau am Staat und seinen Institutionen ab. Sein „Anti" galt jedoch explizit dem „Feminismus" und nicht den Frauen selbst. Es sei „in der Gestalt der Frau unmittelbar zu lesen", daß sie „etwas gänzlich anderes bedeute als der Mann." Die Identitätsfrage nach Sinn und Wesen des „Männlichen" und des „Weiblichen" per se übte eine hohe Faszination auf Blüher aus. So verband ihn eine prägende Freundschaft mit dem transsexuellen Maler Walt Laurent. Das Zusammenspiel der polaren Kräfte sah er durchaus komplex. Gerade der Überschuß an „weiblicher Substanz" als unruheschaffendes Element sei konstitutiv für das Genie, das niemals dem „Vollmännertypus" angehöre. „Wer das Männliche betont, tut es nicht, weil er es hat, sondern weil er es nötig hat."
Die Ereignisse des Jahres 1918 vollendeten Hans Blühers politische Selbstfindung. Bisher hatte er sich, der aus gesundheitlichen Gründen nicht an die Front eingezogen wurde, im linken Spektrum bewegt, das ihn als Gleichgesinnten wahrnahm, während völkisch orientierte Gruppen des Wandervogels in ihm einen „jüdischen" Zersetzer wähnten. Er verehrte Stirner, galt als Freigeist und Atheist. In einem Brief an Gustav Landauer, der sich der Räterepublik anschloß, bekannte sich Blüher nun aber als „königstreu und konservativ". Es kam zur endgültigen Ablösung vom Kreis um Ernst Joels Zeitschrift Der Aufbruch, insbesondere von Kurt Hiller. Blüher, der „konservative Revolutionär", war geboren: „Ich habe mein Leben lang revolutionär gedacht, und also war es selbstverständlich, daß ich mich der Revolution nicht anschloß."
In Schriften und Vorträgen warnte Blüher die „Freideutsche Jugend" vor sozialistischer wie deutschtümelnder Sentimentalität: „Nicht Rassenund nicht Klassenbewußtsein" zieme den Eliten der Jugendbewegung, sondern „Standesbewußtsein". Er rief zur Treue zur „Idee des Deutschen Reiches" auf und attackierte die politische Linke. Sie habe „weder Geist, noch Stil, noch Haltung, noch Glaube". Ihre Vertreter seien physiognomisch „häßlich". Er erklärte die politischen Grundlagen, die sich heute allgemein durchgesetzt haben, für nichtig und illusorisch: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. „Menschheit" an sich sei nicht mehr als ein „zoologischer Begriff", ihr „Fortschritt" eine absurde Vorstellung. Der schöpferische Mensch halte stets Distanz zur Masse. Die wesentlichen, letzten Dinge lassen sich nicht argumentativ und „demokratisch" vermitteln. Ihre Anerkennung hängt davon ab, wer man ist. Gómez Dávila schrieb: „Die politische Farbe ist genetisch, wie die Augenfarbe."

Die Aristie des Jesus von Nazareth (1921) brachte die religiöse Vertiefung von Blühers anthropologischem Pessimismus. Er zeichnete Jesus Christus als zarathustrischen Übermenschen, der nichts mehr gemein hatte mit dem sanften Philanthropen der liberalen Theologie. Blüher stellte Nietzsches Bild vom Christentum als Brutstätte des Ressentiments auf den Kopf und pries es als aristokratische, hart antiegalitäre Lehre. Der Mensch stehe in der Welt auf einem „verlorenen Posten". Er unterliege einem metaphysisch-existentiellen Leiden, einer unaufhebbaren „prinzipiellen Pathologie". Georg Büchner sprach in ähnlichem Sinne von einem „Riß durch die Schöpfung". Diese Urverfassung sei es aber, die von der christlichen Dogmatik als „Erbsünde" bezeichnet werde. Aus der tragisch mißlungenen Sackgassenspezies homo sapiens taucht schließlich durch einen „Schöpfungsakt der Natur" mutationsartig die apokalyptische Gestalt des erbsündefreien „Menschensohnes" empor.
Blühers griechisch-heidnische Abwege führten ihn schließlich zur lutherischen Orthodoxie zurück. Von diesem Standpunkt aus entfaltete er eine politische Theologie im Sinne von Gómez Dávilas Satz: „Es genügt, die Göttlichkeit Christi zu leugnen, um das Christentum zum Haupt aller modernen Irrtümer zu machen." „Gott, König und Vaterland", so Blüher, befänden sich im „Religionskrieg" gegen die Auflösung der Völker im Zeichen der „humanité" und gegen die säkulare, anthropozentrische „Weltbaumeisterreligion". Ein „verratenes", im Bußstand stehendes Christentum habe die Aufgabe, sich den „antichristlichen Sendungsmächten" des Marxismus, Liberalismus, „Mammonismus", aber auch des Judentums zu widersetzen. Das erwählte Epizentrum dieser „Auflehnung gegen die Weltzivilisation" (Nicolaus Sombart) sei das Deutsche Reich, dessen Niederlage Blüher als „Gottesurteil" in Folge seines Abfalls von seiner christlichen Sendung deutete.
Blühers Hybris näherte sich in der Folge dem Größenwahn. Er schrieb sich und seiner Philosophie innerhalb dieser von Epiphanien des Genialen umloderten „deutschen Renaissance" eine heilsgeschichtlich bedeutsame Rolle zu. Seine Faszination für das messianische Volk schlechthin, für das Judentum, steigerte sich zur Haßliebe. „Der Feind ist die eigene Frage als Gestalt" dichtete Theodor Däubler, der sowohl mit Blüher als auch mit Carl Schmitt eng befreundet war. Die Nietzsche-Frage „Was ist deutsch?", für Blüher fast gleichlautend mit der Frage „Was ist christlich?", fand ihren Kontrapunkt im Wesen der auserwählten „Sakralrasse". Seine persönliche Verehrung für große Gestalten des Judentums wie Martin Buber und Gustav Landauer hinderte ihn nicht, in seiner „geschichtlichen Sendung" einen Feind antichristlicher und antideutscher Natur zu erblicken. Das Zerbrechen der deutsch-jüdischen Symbiose und das Erstarken des Zionismus seien Symptome einer „secessio judaica", einer Scheidung der Antipoden. Blüher liebte scharfe Grenzziehungen; auch hier war seine Position unerbittlich. Er warf dem Judentum vor, in den Zerfallsprozessen der Moderne eine Schlüsselrolle einzunehmen, etwa durch „korruptive Gedankengänge" wie Freudianismus und Marxismus.

Als Erzfeind galt ihm der Typus des ratiobetonten „jüdischen Literaten", exemplarisch verkörpert in seinem ehemaligen Freund Kurt Hiller, dessen Denken exakt das Gegenteil von Blühers „organischer" Position markierte: das Ganze sei durchaus in die Summe seiner Teile aufzulösen, die Ethik more geometrico zu entfalten, das irdische Paradies machbar. „Hillers Denken stammt aus dem Gedachten", schrieb Blüher, „ich bin noch zur Hälfte Wald." Diese Kollision war kein Zufall, kein Einzelfall. Der einzige Autor von Rang, der es nach 1945 wagte, den „Rubikon" (Habermas) der kritischen Sichtung dieser Zusammenhänge zu überschreiten, war Hans-Dietrich Sander, der darob auch prompt der Verfemung anheimfiel. Die Kritik der „Auflösung aller Dinge", vor allem der „sakralen Güter", steht auch im Zentrum Blühers politischer Schriften. Die Rolle des Judentums in diesem Prozeß sah er jedoch in falschen Proportionen. Seine Polemiken scheuten nicht davor zurück, zweifelhafte Quellen zu bemühen. Die Klärung der Judenfrage in Deutschland erschien ihm indes als „Kern aller politischen Fragen". Gewalt jeglicher Art gegen Juden lehnte er dabei ausdrücklich ab. Absurd lesen sich heute Sätze wie die folgenden: „Das Weltpogrom kommt zweifellos. Deutschland wird das einzige Land sein, das vor dem Morde zurückschreckt."
Blüher, der dem „Herrenklub" um Heinrich von Gleichen nahestand und auf eine Restauration der Hohenzollern setzte, ließ sich zunächst vom Umschwung des Jahres 1933 mitreißen. Noch im selben Jahr erschien der Briefwechsel mit dem jungen jüdischen Religionswissenschaftler Hans-Joachim Schoeps, Streit um Israel. Mit Blüher verband Schoeps einiges: er war eingefleischter, konservativer Preuße, kam aus der Jugendbewegung und hatte homophile Neigungen. Der Verlag zog dieses seltsame Dokument deutsch-jüdischen Dialogs „am Vorabend der Katastrophe" (Julius H. Schoeps) kurz nach Erscheinen zurück und lehnte die Publikation weiterer Schriften Blühers als „inopportun" ab, weil sie sich „zum großen Teil doch auch gegen den heute herrschenden Antisemitismus" wenden würden. Es kam zu einem Treffen Blühers mit Kurt Hiller, der bald nach der Machtergreifung verhaftet und gefoltert worden war. Es erschütterte ihn zutiefst. Er wählte die innere Emigration und verstummte bis 1949.
Blüher verurteilte nach 1945 den Nationalsozialismus kompromißlos. Die NS-Bewegung erschien ihm als dämonische Karikatur seiner „männlichen Gesellschaft". Deren „Führer" sei ein „Gigant des Bösen", ein „erotischer Krüppel" gewesen, dessen Verfolgung der Homosexuellen das Muster der Hexenjagden im Vorkriegs-Wandervogel wiederholt habe. Hitler habe nicht die Spur einer „deutschen Eigenschaft" besessen, sei vielmehr der atavistische Abkömmling einer „Kümmerrasse" gewesen, der „König der Neandertaler", wie überhaupt viele führende Nazis dieser Spezies angehört hätten: „Die typische Gauleiterphysiognomie ist hierfür kennzeichnend." Hitlers Kardinalfehler aber war der Angriff auf die „Sakralrasse": „Wer diese Dinge als Staatsmann in die politische Ebene trägt ..., ohne zu ahnen, mit wem er es zu tun hat, ... der ist mit samt seinem Volke dem Untergang geweiht."

1947 schrieb Hans Blüher, der das apokalyptische Finale des 30jährigen „Religionskrieges" in Berlin überstanden hatte, an den Graphiker Wilhelm Tegtmeier: „Ich stelle nun fest, daß wir uns im Untergange befinden.... Wie die Azteken und die Wenden untergegangen sind, so werden wir das eben auch tun." Der eschatologische Traum vom Deutschen Reich war vorbei. Inmitten des Elends der Kriegs- und Nachkriegsjahre vollendete Blüher aber auch sein „Lebenswerk". Es erschien schließlich 1949 unter dem Titel Die Achse der Natur. Das Buch bildet zusammen mit dem bereits 1926 publizierten und 1950 neu herausgegebenen Traktat über die Heilkunde und den Parerga zur Achse der Natur (1952) eine Art Trilogie, die wahrscheinlich den Höhepunkt von Blühers Schaffen darstellt.
Der Traktat entwarf eine Neurosenlehre von paradoxaler Tiefe, die den Ursprung psychischer Krankheit ins Metaphysische verlegte. „Werkgerechtigkeit und Gnade, Erlösung und Unsterblichkeit, Gott und Freiheit", diese „epischen Mächte der Religion" sind es, deren „Opfer" im Doppelsinn der neurotisch Erkrankte wird. Um die „epischen Mächte" dreht sich auch Die Achse der Natur. Blühers Opus magnum stellt die Frage nach der Herkunft aus dem „Welthintergrunde" von Ethik und Ästhetik, Gesetz und Gnade, Religion und Kunst, „der Güter, um derentwillen es sich allein lohnt, Mensch zu sein". Blühers Beitrag im Kampf gegen den „europäischen Nihilismus" (Nietzsche) ist die Korrektur der Perspektive, ein Angriff auf die Hypertrophie des Subjektivismus und die Ausrichtung auf einen lebendigen, heilenden Gott - vollzogen ausgerechnet von einem glühenden Subjektivisten. Blüher, wie immer von Hybris erfüllt, erwartete von der Achse nichts weniger als eine kopernikanische Wende der abendländischen Philosophie. Ein literarisches Meisterwerk ist ihm zweifellos gelungen. Auf über 600 Seiten entfaltet Die Achse der Natur eine barock ausufernde Vision von Gott und Mensch in unvergeßlichen, farbenkräftigen Bildern. Blühers Weltentwurf war einer der letzten seiner Art. Vergleichbares sollte in der deutschen Philosophie, die heute an ihrem Tiefpunkt angelangt ist, kaum mehr nachfolgen.
Als letztes Buch zu Lebzeiten erschien 1953 die Autobiographie Werke und Tage. Die verfrühten Ecce-homo-Schauer der ersten Fassung aus dem Jahre 1920 waren selbst dem zur Ego-Inflation neigenden Blüher schnell peinlich geworden, und er zog es rasch aus dem Buchhandel zurück. Die zweite Fassung zeigte einen humanistisch gereiften Denker, dessen selbstherrlicher Eigensinn jedoch immer noch provokant aufblitzte. Werke und Tage ist nicht nur ein hochrangiges Zeitdokument, es ist auch eine offenherzige Bekenntnisschrift des Menschen Hans Blüher. Sie wurde sein Epitaph. Er starb, verarmt und vergessen, in seinem Haus in Berlin-Hermsdorf an den Folgen einer Leberzirrhose, wenige Tage vor seinem 67. Geburtstag. „Als er im Frühjahr 1955 unerwartet verstarb, betrauerten ihn alle ehrlichen Nonkonformisten. ,Denn er war unser‘, kann gottlob keine Gruppe oder Richtung Hans Blüher nachsagen, der sich sein Leben rechtschaffen Mühe gab, ein Ärgernis zu sein." (Hans-Joachim Schoeps)


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.


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