Sezession
1. Oktober 2006

Autorenportrait Hans Blüher

Martin Lichtmesz

pdf der Druckfassung aus Sezession 15 /Oktober 2006

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

sez_nr_15Hans Blüher ist das vernachlässigte enfant terrible unter den „kategoriensprengenden Autoren" (Armin Mohler) der Konservativen Revolution. In Erinnerung geblieben ist er als Theoretiker des Männerbundes, dem er eine umstrittene homoerotische Deutung gab, und als Chronist des „Wandervogels", zu dessen frühesten Mitgliedern er zählte. Weniger bekannt ist Blüher, der selbsternannte Theologe, der antisemitische Polemiker, der Tiefenpsychologe und schließlich der Philosoph wider den anthropozentrischen Subjektivismus. Selbst die wenigen Neuauflagen seiner Werke sind nur noch antiquarisch zu bekommen. Sekundärliteratur ist spärlich vorhanden, fehlerhaft und zumeist herablassend gegenüber Person und Werk. Ernst Jünger bemerkte einmal in einem Brief an einen französischen Verleger, Blüher habe niemals die verdiente Anerkennung erfahren „parce qu'il est d'un pays qui a perdu deux guerres mondiales".

Die fast völlige Abwesenheit von Sekundärliteratur kann andererseits auch als Positivum gerechnet werden. Wer Blüher kennenlernen will, muß sich dem unverschnittenen Wein seiner Schriften aussetzen. Sein Stil ist nach wenigen Sätzen erkennbar, sein kraftvolles, zupackendes Deutsch frei von Gemeinplätzen. Er ist der Schöpfer ureigenster Begriffswelten. Zuspitzungen, Antagonismen, strenge Scheidungen dominieren sein Denken: „Die Gegensätze können nie scharf genug werden." Nicht selten streifen seine Thesen das Bizarre. Blühers Werk ist eine einzige funkensprühende Polemik, eine scharf konturierte, manische Selbstdarstellung. Seine Philosophie habe „sich stets an lebendigen Menschen entzündet" schrieb er 1920. Derjenige, „der nahe an den Dingen und heftig von ihnen erregt über ihr Wesen viel Falsches und einiges Leuchtend-Richtiges zu sagen weiß", war in seinen Augen „wissender und stärker an Erkenntnis" als der distanzierte Gelehrte der „unbestochen von ihrem Glanz" bleibt. Wer Erkenntnis erlangen will, muß sich involvieren, irren, nach einem Nietzsche-Wort „mit Blut schreiben". Die Tatsache, niemals einen akademischen Grad erworben zu haben, trug Blüher wie eine Medaille vor sich her. Er schlug sich seine Breschen selbst, als exzentrischer und egozentrischer Einzelgänger. Er blieb auf diesem Weg unbeirrt bis an die Grenze zur Hybris. Das eigentliche Leitmotiv aller seiner Schriften ist die Verteidigung der Essenz der Dinge, pathetisch gesprochen ihrer Seele, ihres lebendigen, schicksalshaften So-Seins, das niemals bloß die Summe seiner Teile sein kann. Er war leidenschaftlicher Anwalt des Seltenen, Edlen, Auserwählten, des Schöpferischen, Unverdienten, Unbefragbaren. Als Ariadnefaden diente ihm der Eros, der die tiefste Erkenntnis des Anderen in seinem Sein, biblisch: seiner Geschöpflichkeit, ermöglicht. Hans Blüher war, wie auffallend viele „konservative Revolutionäre", ein Augenmensch. Gestalt und Ort der Dinge waren für ihn untrennbar mit ihrem Wesen, Sinn und Wert verbunden. Hans-Dietrich Sander nannte die „Krisis des Sehens" die Ursache des geistigen Verfalls im Gefolge der Moderne. Die leidenschaftlichsten Antimodernen sind häufig diejenigen, die ihren Augen mehr trauen, als den Abstraktionen des spekulierenden Intellekts.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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