Autorenportrait Hans Blüher

pdf der Druckfassung aus Sezession 15 /Oktober 2006

sez_nr_15Hans Blüher ist das vernachlässigte enfant terrible unter den „kategoriensprengenden Autoren" (Armin Mohler) der Konservativen Revolution. In Erinnerung geblieben ist er als Theoretiker des Männerbundes, dem er eine umstrittene homoerotische Deutung gab, und als Chronist des „Wandervogels", zu dessen frühesten Mitgliedern er zählte. Weniger bekannt ist Blüher, der selbsternannte Theologe, der antisemitische Polemiker, der Tiefenpsychologe und schließlich der Philosoph wider den anthropozentrischen Subjektivismus. Selbst die wenigen Neuauflagen seiner Werke sind nur noch antiquarisch zu bekommen. Sekundärliteratur ist spärlich vorhanden, fehlerhaft und zumeist herablassend gegenüber Person und Werk. Ernst Jünger bemerkte einmal in einem Brief an einen französischen Verleger, Blüher habe niemals die verdiente Anerkennung erfahren „parce qu'il est d'un pays qui a perdu deux guerres mondiales".

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.


Die fast völ­li­ge Abwe­sen­heit von Sekun­där­li­te­ra­tur kann ande­rer­seits auch als Posi­ti­vum gerech­net wer­den. Wer Blü­her ken­nen­ler­nen will, muß sich dem unver­schnit­te­nen Wein sei­ner Schrif­ten aus­set­zen. Sein Stil ist nach weni­gen Sät­zen erkenn­bar, sein kraft­vol­les, zupa­cken­des Deutsch frei von Gemein­plät­zen. Er ist der Schöp­fer urei­gens­ter Begriffs­wel­ten. Zuspit­zun­gen, Ant­ago­nis­men, stren­ge Schei­dun­gen domi­nie­ren sein Den­ken: „Die Gegen­sät­ze kön­nen nie scharf genug wer­den.” Nicht sel­ten strei­fen sei­ne The­sen das Bizar­re. Blü­hers Werk ist eine ein­zi­ge fun­ken­sprü­hen­de Pole­mik, eine scharf kon­tu­rier­te, mani­sche Selbst­dar­stel­lung. Sei­ne Phi­lo­so­phie habe „sich stets an leben­di­gen Men­schen ent­zün­det” schrieb er 1920. Der­je­ni­ge, „der nahe an den Din­gen und hef­tig von ihnen erregt über ihr Wesen viel Fal­sches und eini­ges Leuch­tend-Rich­ti­ges zu sagen weiß”, war in sei­nen Augen „wis­sen­der und stär­ker an Erkennt­nis” als der distan­zier­te Gelehr­te der „unbe­sto­chen von ihrem Glanz” bleibt. Wer Erkennt­nis erlan­gen will, muß sich invol­vie­ren, irren, nach einem Nietz­sche-Wort „mit Blut schrei­ben”. Die Tat­sa­che, nie­mals einen aka­de­mi­schen Grad erwor­ben zu haben, trug Blü­her wie eine Medail­le vor sich her. Er schlug sich sei­ne Bre­schen selbst, als exzen­tri­scher und ego­zen­tri­scher Ein­zel­gän­ger. Er blieb auf die­sem Weg unbe­irrt bis an die Gren­ze zur Hybris. Das eigent­li­che Leit­mo­tiv aller sei­ner Schrif­ten ist die Ver­tei­di­gung der Essenz der Din­ge, pathe­tisch gespro­chen ihrer See­le, ihres leben­di­gen, schick­sals­haf­ten So-Seins, das nie­mals bloß die Sum­me sei­ner Tei­le sein kann. Er war lei­den­schaft­li­cher Anwalt des Sel­te­nen, Edlen, Aus­er­wähl­ten, des Schöp­fe­ri­schen, Unver­dien­ten, Unbe­frag­ba­ren. Als Ari­ad­ne­fa­den dien­te ihm der Eros, der die tiefs­te Erkennt­nis des Ande­ren in sei­nem Sein, biblisch: sei­ner Geschöpf­lich­keit, ermög­licht. Hans Blü­her war, wie auf­fal­lend vie­le „kon­ser­va­ti­ve Revo­lu­tio­nä­re”, ein Augen­mensch. Gestalt und Ort der Din­ge waren für ihn untrenn­bar mit ihrem Wesen, Sinn und Wert ver­bun­den. Hans-Diet­rich San­der nann­te die „Kri­sis des Sehens” die Ursa­che des geis­ti­gen Ver­falls im Gefol­ge der Moder­ne. Die lei­den­schaft­lichs­ten Anti­mo­der­nen sind häu­fig die­je­ni­gen, die ihren Augen mehr trau­en, als den Abs­trak­tio­nen des spe­ku­lie­ren­den Intellekts.

Ein Signum die­ses Lebens­the­mas war Blü­hers von Zeit­zeu­gen oft bemerk­te mar­kan­te phy­si­sche Erschei­nung, die ihm bereits zu Wan­der­vo­gel­zei­ten den pla­to­ni­schen Spitz­na­men „Gestalt” ein­trug. Gus­tav Hil­lard beschrieb den Ein­druck, den Blü­her um 1918 mach­te: „Der damals Drei­ßig­jäh­ri­ge, dem die hane­bü­chen zusamm­men­ge­wür­fel­te Klei­dung salopp und schlott­rig um den hage­ren und schmäch­ti­gen Kör­per hing, wirk­te weni­ger wie ein Auf­säs­si­ger und Umstürz­ler als wie ein moder­ner Kyni­ker, ein Geson­der­ter und Beson­de­rer.” Die eigen­tüm­lich „aus­ge­dörr­te” Phy­sis des grei­sen, kau­zig wir­ken­den Blü­her erin­ner­te Joa­chim Gün­ther Jahr­zehn­te spä­ter an Dio­ge­nes. Hans-Joa­chim Schoeps sah in ihm gar einen „heid­ni­schen Anarchisten”.
Hans Blü­her wur­de 1888 im nie­der­schle­si­schen Frei­burg als Sohn eines Apo­the­kers gebo­ren. Das elter­li­che Milieu war klein­bür­ger­lich, „preu­ßisch, pro­tes­tan­tisch, patrio­tisch” (Jür­gen Plas­hu­es). 1896 über­sie­del­te die Fami­lie nach Hal­le an der Saa­le, 1898 nach Ber­lin-Ste­glitz. Sei­ner Schul­zeit im dor­ti­gen Gym­na­si­um hat Blü­her gro­ße Bedeu­tung bei­gemes­sen. Das „reak­tio­nä­re” Ele­ment des wil­hel­mi­ni­schen Erzie­hungs­sys­tems, ver­kör­pert in der – durch­aus bewun­der­ten – Gestalt des Direk­tors Robert Lück, gab in Blü­hers Rück­blick den Zünd­stoff für den Auf­stand des Wan­der­vo­gels; das „huma­nis­ti­sche”, auf der grie­chi­schen und römi­schen Anti­ke basie­ren­de Ele­ment die­ses Bil­dungs­ide­als war ihm stets das geis­ti­ge Fun­da­ment schlecht­hin. 1902 wur­de Blü­her von Karl Fischer in den frisch gegrün­de­ten „Aus­schuß für Schü­ler­fahr­ten”, den spä­te­ren „Wan­der­vo­gel”, auf­ge­nom­men: „Mit die­sem Tage begann das Glück mei­ner Jugend.” 1912, als der Ste­glit­zer Keim zur lan­des­wei­ten „Jugend­be­we­gung” explo­diert war, ver­klär­te der 24jährige Stu­dent sei­ne Jugend­jah­re in sei­nem zwei­bän­di­gen Erst­lings­werk Wan­der­vo­gel, das Moh­ler zu Recht „eines der erstaun­lichs­ten Bei­spie­le moder­ner Mythen­bil­dung” nannte.
Die Ste­glit­zer „Bac­chan­ten”, die sich im anar­chisch-archai­schen Rausch mit Gitar­ren bewaff­net in die deut­sche Wild­nis schlu­gen, um die „Göt­ter der Land­schaft mit der See­le” zu erobern, wur­den in Blü­hers Apo­theo­se zu den aus­er­wähl­ten Trä­gern eines dio­ny­si­schen Auf­stan­des, der „eine Rege­ne­ra­ti­on, eine gro­ße Rei­ni­gung” in Gang set­zen soll­te. Dabei habe der Wan­der­vo­gel nie­mals eine „ein­heit­li­che Ten­denz gehabt, ein Ziel, ein Ide­al, es sei denn die Roman­tik sel­ber.” Blü­hers Schrift ent­hielt aller­dings eine skan­da­lö­se Kern­the­se. Die Ver­or­tung der magi­schen Bin­de­kraft des Wan­der­vo­gels in der „ero­ti­schen” Aus­strah­lung der „Män­ner­hel­den” und die aus­drück­li­che Beja­hung die­ses Umstan­des war Herz­stück einer Offen­si­ve, mit der Blü­her in inter­ne Kri­sen ein­griff. Im Gefol­ge der Har­den-Molt­ke-Eulen­burg-Affä­re, in der hohe Regie­rungs­krei­se der homo­se­xu­el­len Aus­schwei­fung bezich­tigt wur­den, kam es zu hexen­jagd­ar­ti­gen Rufen nach „Säu­be­rung” des Wan­der­vo­gels von „päd­eras­ti­schen” Ele­men­ten. Blü­her bestä­tig­te die hoch­gra­dig tabui­sier­te Tat­sa­che nicht nur, son­dern dreh­te den Spieß um: „Alle bedeu­ten­den Füh­rer der Jugend­be­we­gung gehö­ren dem typus inver­sus an”. Gera­de die­se sei­en die wah­ren Schöp­fer des „Bun­des”, der im schar­fen Gegen­satz zum zweck­ori­en­tier­ten „Ver­ein” ste­he. Die wirk­sams­te Waf­fe in die­ser Aus­ein­an­der­set­zung über­nahm Blü­her von Sig­mund Freud, mit dem er in Brief­kon­takt trat. Mit­hil­fe des Begriffs der „Ver­drän­gung” ent­larv­te er die ver­bis­sens­ten Ver­fol­ger der „Umtrie­be” als ver­kapp­te „Inver­tier­te”, deren Ver­an­la­gung patho­lo­gi­sche Züge ange­nom­men hatte.

Der „Kriegs­schau­platz” war pro­jek­tiv „von innen nach außen” ver­legt wor­den. Blü­her selbst bekann­te, die „ithy­phal­li­schen Kul­te” des Wan­der­vo­gels am eige­nen Lei­be ken­nen­ge­lernt zu haben, wenn auch inzwi­schen die Kon­ver­si­on zur „Frau­en­lie­be” erfolgt war. Wäh­rend der jun­ge Auto­di­dakt mit dem Anspruch eines Sexu­al­for­schers auf­trat und sich als Psy­cho­ana­ly­ti­ker der neu­ro­tisch erkrank­ten Jugend­be­we­gung insze­nier­te, warf ihm spä­ter der Lebens­phi­lo­soph Alfred Sei­del vor, den Mythos des Wan­der­vo­gels gera­de durch die Bewußt­wer­dung sei­nes gären­den Unter­grunds zer­stört zu haben. Blü­her aber ergriff in der Fol­ge den „bür­ger­li­chen” Beruf eines frei­en Psychotherapeuten.
In dem zwei­bän­di­gen Werk Die Rol­le der Ero­tik in der männ­li­chen Gesell­schaft (1917/19) erwei­ter­te Blü­her sei­ne spe­zi­el­len The­sen zur Dyna­mik des Wan­der­vo­gels unter dem Ein­fluß von Hein­rich Schurtz, Wil­helm Fließ und Otto Wei­nin­ger zu einer all­ge­mei­nen kul­tur­so­zio­lo­gi­schen Theo­rie. Der Ent­wurf einer im Sin­ne der Jugend­be­we­gung erneu­er­ten „mensch­li­chen Gesell­schaft” kreis­te um einen weit­ge­faß­ten Ero­tik­be­griff und hat­te eine expli­zit anti­bür­ger­li­che Stoß­rich­tung. Bewun­de­rung zoll­ten unter ande­rem Tho­mas Mann, Gott­fried Benn und Rai­ner Maria Ril­ke. Blü­hers „Män­ner­held” war ein mobi­li­sie­ren­der Mythos, eine „küh­ne und pro­vo­ka­to­ri­sche Erfin­dung … von bri­san­ter Kraft, wenn man mit ihrer Bewußt­wer­dung im Leben expe­ri­men­tier­te” (Gus­tav Hil­lard). Eine Genera­ti­on mit dem – wie Hei­ner Mül­ler ein­mal anmerk­te – „Jahr­hun­dert­pro­blem”, daß ihr der Krieg zur Erfah­rung wur­de, bevor es Frau­en sein konn­ten, „fand bei ihrer Rück­kehr in Deutsch­land ihre Bewußt­s­eins­la­ge durch Blü­hers The­sen weit­ge­hend for­mu­liert” (Hil­lard).
Blü­her beschrieb den männ­li­chen „Eros” als einen dop­pel­po­li­gen Trieb: zum einen zur Frau und zur Fami­li­en­bil­dung, zum ande­ren zum „Män­ner­bund” und damit zur Staats­bil­dung hin­nei­gend. „Ero­tik” ist hier nicht mit dem Sexus gleich­zu­set­zen, obwohl sie sich durch­aus mit ihm über­schnei­den kann. Sie ist die magne­ti­sche Natur­kraft, die den „orga­ni­schen” Bund wie von selbst ent­ste­hen läßt. Blü­her unter­such­te sys­te­ma­tisch ihren Ein­fluß in der Jugend­be­we­gung, dem Mili­tär, dem Corps­stu­den­ten­tum, Frei­mau­rer- und Temp­ler­or­den. Das eigent­li­che The­ma des „mann-männ­li­chen Eros” sei die initia­ti­sche Suche nach dem „Bild des Hel­den”. Die Tap­fer­keit eines jun­gen Kriegs­frei­wil­li­gen von 1914 wird aufs äußers­te durch sei­ne Hin­ge­ris­sen­heit für sei­nen Vor­ge­setz­ten sti­mu­liert: „Er beschrieb die männ­li­che Schön­heit des Feld­herrn, die Straff­heit und Güte sei­ner Hal­tung und mein­te zum Schluß: der ein­zi­ge Wunsch, den er gehabt habe, sei gewe­sen, die­sem Man­ne zu gefal­len und ihn zu einer Freund­lich­keit zu zwin­gen. Jeder Gedan­ke, durch eine unwür­di­ge Hand­lung sein Miß­fal­len zu erre­gen, sei ihm gera­de­zu uner­träg­lich. … So wird jeder Mann vom über­le­ge­nen Man­ne ero­tisch erregt, und soweit erzwingt jede hel­den­haf­te Erschei­nung die typi­schen Merk­ma­le der Ver­liebt­heit.” Wie in Ril­kes Archäi­schem Tor­so Apolls gibt es „… kei­ne Stel­le, / die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern.” Bei­de Bän­de der Rol­le der Ero­tik schlos­sen, sinn­fäl­lig, mit jeweils einem George-Zitat.

Blü­her lehn­te jeg­li­che Teil­ha­be der Frau am Staat und sei­nen Insti­tu­tio­nen ab. Sein „Anti” galt jedoch expli­zit dem „Femi­nis­mus” und nicht den Frau­en selbst. Es sei „in der Gestalt der Frau unmit­tel­bar zu lesen”, daß sie „etwas gänz­lich ande­res bedeu­te als der Mann.” Die Iden­ti­täts­fra­ge nach Sinn und Wesen des „Männ­li­chen” und des „Weib­li­chen” per se übte eine hohe Fas­zi­na­ti­on auf Blü­her aus. So ver­band ihn eine prä­gen­de Freund­schaft mit dem trans­se­xu­el­len Maler Walt Lau­rent. Das Zusam­men­spiel der pola­ren Kräf­te sah er durch­aus kom­plex. Gera­de der Über­schuß an „weib­li­cher Sub­stanz” als unru­he­schaf­fen­des Ele­ment sei kon­sti­tu­tiv für das Genie, das nie­mals dem „Voll­män­ner­ty­pus” ange­hö­re. „Wer das Männ­li­che betont, tut es nicht, weil er es hat, son­dern weil er es nötig hat.”
Die Ereig­nis­se des Jah­res 1918 voll­ende­ten Hans Blü­hers poli­ti­sche Selbst­fin­dung. Bis­her hat­te er sich, der aus gesund­heit­li­chen Grün­den nicht an die Front ein­ge­zo­gen wur­de, im lin­ken Spek­trum bewegt, das ihn als Gleich­ge­sinn­ten wahr­nahm, wäh­rend völ­kisch ori­en­tier­te Grup­pen des Wan­der­vo­gels in ihm einen „jüdi­schen” Zer­set­zer wähn­ten. Er ver­ehr­te Stir­ner, galt als Frei­geist und Athe­ist. In einem Brief an Gus­tav Land­au­er, der sich der Räte­re­pu­blik anschloß, bekann­te sich Blü­her nun aber als „königs­treu und kon­ser­va­tiv”. Es kam zur end­gül­ti­gen Ablö­sung vom Kreis um Ernst Joels Zeit­schrift Der Auf­bruch, ins­be­son­de­re von Kurt Hil­ler. Blü­her, der „kon­ser­va­ti­ve Revo­lu­tio­när”, war gebo­ren: „Ich habe mein Leben lang revo­lu­tio­när gedacht, und also war es selbst­ver­ständ­lich, daß ich mich der Revo­lu­ti­on nicht anschloß.”
In Schrif­ten und Vor­trä­gen warn­te Blü­her die „Frei­deut­sche Jugend” vor sozia­lis­ti­scher wie deutsch­tü­meln­der Sen­ti­men­ta­li­tät: „Nicht Ras­senund nicht Klas­sen­be­wußt­sein” zie­me den Eli­ten der Jugend­be­we­gung, son­dern „Stan­des­be­wußt­sein”. Er rief zur Treue zur „Idee des Deut­schen Rei­ches” auf und atta­ckier­te die poli­ti­sche Lin­ke. Sie habe „weder Geist, noch Stil, noch Hal­tung, noch Glau­be”. Ihre Ver­tre­ter sei­en phy­sio­gno­misch „häß­lich”. Er erklär­te die poli­ti­schen Grund­la­gen, die sich heu­te all­ge­mein durch­ge­setzt haben, für nich­tig und illu­so­risch: Frei­heit, Gleich­heit und Brü­der­lich­keit. „Mensch­heit” an sich sei nicht mehr als ein „zoo­lo­gi­scher Begriff”, ihr „Fort­schritt” eine absur­de Vor­stel­lung. Der schöp­fe­ri­sche Mensch hal­te stets Distanz zur Mas­se. Die wesent­li­chen, letz­ten Din­ge las­sen sich nicht argu­men­ta­tiv und „demo­kra­tisch” ver­mit­teln. Ihre Aner­ken­nung hängt davon ab, wer man ist. Gómez Dávi­la schrieb: „Die poli­ti­sche Far­be ist gene­tisch, wie die Augenfarbe.”

Die Aris­tie des Jesus von Naza­reth (1921) brach­te die reli­giö­se Ver­tie­fung von Blü­hers anthro­po­lo­gi­schem Pes­si­mis­mus. Er zeich­ne­te Jesus Chris­tus als zara­thus­tri­schen Über­men­schen, der nichts mehr gemein hat­te mit dem sanf­ten Phil­an­thro­pen der libe­ra­len Theo­lo­gie. Blü­her stell­te Nietz­sches Bild vom Chris­ten­tum als Brut­stät­te des Res­sen­ti­ments auf den Kopf und pries es als aris­to­kra­ti­sche, hart antie­ga­li­tä­re Leh­re. Der Mensch ste­he in der Welt auf einem „ver­lo­re­nen Pos­ten”. Er unter­lie­ge einem meta­phy­sisch-exis­ten­ti­el­len Lei­den, einer unauf­heb­ba­ren „prin­zi­pi­el­len Patho­lo­gie”. Georg Büch­ner sprach in ähn­li­chem Sin­ne von einem „Riß durch die Schöp­fung”. Die­se Urver­fas­sung sei es aber, die von der christ­li­chen Dog­ma­tik als „Erb­sün­de” bezeich­net wer­de. Aus der tra­gisch miß­lun­ge­nen Sack­gas­sen­spe­zi­es homo sapi­ens taucht schließ­lich durch einen „Schöp­fungs­akt der Natur” muta­ti­ons­ar­tig die apo­ka­lyp­ti­sche Gestalt des erb­sün­de­frei­en „Men­schen­soh­nes” empor.
Blü­hers grie­chisch-heid­ni­sche Abwe­ge führ­ten ihn schließ­lich zur luthe­ri­schen Ortho­do­xie zurück. Von die­sem Stand­punkt aus ent­fal­te­te er eine poli­ti­sche Theo­lo­gie im Sin­ne von Gómez Dávilas Satz: „Es genügt, die Gött­lich­keit Chris­ti zu leug­nen, um das Chris­ten­tum zum Haupt aller moder­nen Irr­tü­mer zu machen.” „Gott, König und Vater­land”, so Blü­her, befän­den sich im „Reli­gi­ons­krieg” gegen die Auf­lö­sung der Völ­ker im Zei­chen der „huma­ni­té” und gegen die säku­la­re, anthro­po­zen­tri­sche „Welt­bau­meis­ter­re­li­gi­on”. Ein „ver­ra­te­nes”, im Buß­stand ste­hen­des Chris­ten­tum habe die Auf­ga­be, sich den „anti­christ­li­chen Sen­dungs­mäch­ten” des Mar­xis­mus, Libe­ra­lis­mus, „Mam­mo­nis­mus”, aber auch des Juden­tums zu wider­set­zen. Das erwähl­te Epi­zen­trum die­ser „Auf­leh­nung gegen die Welt­zi­vi­li­sa­ti­on” (Nico­laus Som­bart) sei das Deut­sche Reich, des­sen Nie­der­la­ge Blü­her als „Got­tes­ur­teil” in Fol­ge sei­nes Abfalls von sei­ner christ­li­chen Sen­dung deutete.
Blü­hers Hybris näher­te sich in der Fol­ge dem Grö­ßen­wahn. Er schrieb sich und sei­ner Phi­lo­so­phie inner­halb die­ser von Epi­pha­ni­en des Genia­len umlo­der­ten „deut­schen Renais­sance” eine heils­ge­schicht­lich bedeut­sa­me Rol­le zu. Sei­ne Fas­zi­na­ti­on für das mes­sia­ni­sche Volk schlecht­hin, für das Juden­tum, stei­ger­te sich zur Haß­lie­be. „Der Feind ist die eige­ne Fra­ge als Gestalt” dich­te­te Theo­dor Däub­ler, der sowohl mit Blü­her als auch mit Carl Schmitt eng befreun­det war. Die Nietz­sche-Fra­ge „Was ist deutsch?”, für Blü­her fast gleich­lau­tend mit der Fra­ge „Was ist christ­lich?”, fand ihren Kon­tra­punkt im Wesen der aus­er­wähl­ten „Sakral­ras­se”. Sei­ne per­sön­li­che Ver­eh­rung für gro­ße Gestal­ten des Juden­tums wie Mar­tin Buber und Gus­tav Land­au­er hin­der­te ihn nicht, in sei­ner „geschicht­li­chen Sen­dung” einen Feind anti­christ­li­cher und anti­deut­scher Natur zu erbli­cken. Das Zer­bre­chen der deutsch-jüdi­schen Sym­bio­se und das Erstar­ken des Zio­nis­mus sei­en Sym­pto­me einer „seces­sio judai­ca”, einer Schei­dung der Anti­po­den. Blü­her lieb­te schar­fe Grenz­zie­hun­gen; auch hier war sei­ne Posi­ti­on uner­bitt­lich. Er warf dem Juden­tum vor, in den Zer­falls­pro­zes­sen der Moder­ne eine Schlüs­sel­rol­le ein­zu­neh­men, etwa durch „kor­rup­ti­ve Gedan­ken­gän­ge” wie Freu­dia­nis­mus und Marxismus.

Als Erz­feind galt ihm der Typus des rati­o­be­ton­ten „jüdi­schen Lite­ra­ten”, exem­pla­risch ver­kör­pert in sei­nem ehe­ma­li­gen Freund Kurt Hil­ler, des­sen Den­ken exakt das Gegen­teil von Blü­hers „orga­ni­scher” Posi­ti­on mar­kier­te: das Gan­ze sei durch­aus in die Sum­me sei­ner Tei­le auf­zu­lö­sen, die Ethik more geo­metri­co zu ent­fal­ten, das irdi­sche Para­dies mach­bar. „Hil­lers Den­ken stammt aus dem Gedach­ten”, schrieb Blü­her, „ich bin noch zur Hälf­te Wald.” Die­se Kol­li­si­on war kein Zufall, kein Ein­zel­fall. Der ein­zi­ge Autor von Rang, der es nach 1945 wag­te, den „Rubi­kon” (Haber­mas) der kri­ti­schen Sich­tung die­ser Zusam­men­hän­ge zu über­schrei­ten, war Hans-Diet­rich San­der, der dar­ob auch prompt der Ver­fe­mung anheim­fiel. Die Kri­tik der „Auf­lö­sung aller Din­ge”, vor allem der „sakra­len Güter”, steht auch im Zen­trum Blü­hers poli­ti­scher Schrif­ten. Die Rol­le des Juden­tums in die­sem Pro­zeß sah er jedoch in fal­schen Pro­por­tio­nen. Sei­ne Pole­mi­ken scheu­ten nicht davor zurück, zwei­fel­haf­te Quel­len zu bemü­hen. Die Klä­rung der Juden­fra­ge in Deutsch­land erschien ihm indes als „Kern aller poli­ti­schen Fra­gen”. Gewalt jeg­li­cher Art gegen Juden lehn­te er dabei aus­drück­lich ab. Absurd lesen sich heu­te Sät­ze wie die fol­gen­den: „Das Welt­po­grom kommt zwei­fel­los. Deutsch­land wird das ein­zi­ge Land sein, das vor dem Mor­de zurückschreckt.”
Blü­her, der dem „Her­ren­klub” um Hein­rich von Glei­chen nahe­stand und auf eine Restau­ra­ti­on der Hohen­zol­lern setz­te, ließ sich zunächst vom Umschwung des Jah­res 1933 mit­rei­ßen. Noch im sel­ben Jahr erschien der Brief­wech­sel mit dem jun­gen jüdi­schen Reli­gi­ons­wis­sen­schaft­ler Hans-Joa­chim Schoeps, Streit um Isra­el. Mit Blü­her ver­band Schoeps eini­ges: er war ein­ge­fleisch­ter, kon­ser­va­ti­ver Preu­ße, kam aus der Jugend­be­we­gung und hat­te homo­phi­le Nei­gun­gen. Der Ver­lag zog die­ses selt­sa­me Doku­ment deutsch-jüdi­schen Dia­logs „am Vor­abend der Kata­stro­phe” (Juli­us H. Schoeps) kurz nach Erschei­nen zurück und lehn­te die Publi­ka­ti­on wei­te­rer Schrif­ten Blü­hers als „inop­por­tun” ab, weil sie sich „zum gro­ßen Teil doch auch gegen den heu­te herr­schen­den Anti­se­mi­tis­mus” wen­den wür­den. Es kam zu einem Tref­fen Blü­hers mit Kurt Hil­ler, der bald nach der Macht­er­grei­fung ver­haf­tet und gefol­tert wor­den war. Es erschüt­ter­te ihn zutiefst. Er wähl­te die inne­re Emi­gra­ti­on und ver­stumm­te bis 1949.
Blü­her ver­ur­teil­te nach 1945 den Natio­nal­so­zia­lis­mus kom­pro­miß­los. Die NS-Bewe­gung erschien ihm als dämo­ni­sche Kari­ka­tur sei­ner „männ­li­chen Gesell­schaft”. Deren „Füh­rer” sei ein „Gigant des Bösen”, ein „ero­ti­scher Krüp­pel” gewe­sen, des­sen Ver­fol­gung der Homo­se­xu­el­len das Mus­ter der Hexen­jag­den im Vor­kriegs-Wan­der­vo­gel wie­der­holt habe. Hit­ler habe nicht die Spur einer „deut­schen Eigen­schaft” beses­sen, sei viel­mehr der ata­vis­ti­sche Abkömm­ling einer „Küm­mer­ras­se” gewe­sen, der „König der Nean­der­ta­ler”, wie über­haupt vie­le füh­ren­de Nazis die­ser Spe­zi­es ange­hört hät­ten: „Die typi­sche Gau­lei­ter­phy­sio­gno­mie ist hier­für kenn­zeich­nend.” Hit­lers Kar­di­nal­feh­ler aber war der Angriff auf die „Sakral­ras­se”: „Wer die­se Din­ge als Staats­mann in die poli­ti­sche Ebe­ne trägt …, ohne zu ahnen, mit wem er es zu tun hat, … der ist mit samt sei­nem Vol­ke dem Unter­gang geweiht.”

1947 schrieb Hans Blü­her, der das apo­ka­lyp­ti­sche Fina­le des 30jährigen „Reli­gi­ons­krie­ges” in Ber­lin über­stan­den hat­te, an den Gra­phi­ker Wil­helm Tegt­mei­er: „Ich stel­le nun fest, daß wir uns im Unter­gan­ge befin­den.… Wie die Azte­ken und die Wen­den unter­ge­gan­gen sind, so wer­den wir das eben auch tun.” Der escha­to­lo­gi­sche Traum vom Deut­schen Reich war vor­bei. Inmit­ten des Elends der Kriegs- und Nach­kriegs­jah­re voll­ende­te Blü­her aber auch sein „Lebens­werk”. Es erschien schließ­lich 1949 unter dem Titel Die Ach­se der Natur. Das Buch bil­det zusam­men mit dem bereits 1926 publi­zier­ten und 1950 neu her­aus­ge­ge­be­nen Trak­tat über die Heil­kun­de und den Par­er­ga zur Ach­se der Natur (1952) eine Art Tri­lo­gie, die wahr­schein­lich den Höhe­punkt von Blü­hers Schaf­fen darstellt.
Der Trak­tat ent­warf eine Neu­ro­sen­leh­re von para­doxa­ler Tie­fe, die den Ursprung psy­chi­scher Krank­heit ins Meta­phy­si­sche ver­leg­te. „Werk­ge­rech­tig­keit und Gna­de, Erlö­sung und Unsterb­lich­keit, Gott und Frei­heit”, die­se „epi­schen Mäch­te der Reli­gi­on” sind es, deren „Opfer” im Dop­pel­sinn der neu­ro­tisch Erkrank­te wird. Um die „epi­schen Mäch­te” dreht sich auch Die Ach­se der Natur. Blü­hers Opus magnum stellt die Fra­ge nach der Her­kunft aus dem „Welt­hin­ter­grun­de” von Ethik und Ästhe­tik, Gesetz und Gna­de, Reli­gi­on und Kunst, „der Güter, um derent­wil­len es sich allein lohnt, Mensch zu sein”. Blü­hers Bei­trag im Kampf gegen den „euro­päi­schen Nihi­lis­mus” (Nietz­sche) ist die Kor­rek­tur der Per­spek­ti­ve, ein Angriff auf die Hyper­tro­phie des Sub­jek­ti­vis­mus und die Aus­rich­tung auf einen leben­di­gen, hei­len­den Gott – voll­zo­gen aus­ge­rech­net von einem glü­hen­den Sub­jek­ti­vis­ten. Blü­her, wie immer von Hybris erfüllt, erwar­te­te von der Ach­se nichts weni­ger als eine koper­ni­ka­ni­sche Wen­de der abend­län­di­schen Phi­lo­so­phie. Ein lite­ra­ri­sches Meis­ter­werk ist ihm zwei­fel­los gelun­gen. Auf über 600 Sei­ten ent­fal­tet Die Ach­se der Natur eine barock aus­ufern­de Visi­on von Gott und Mensch in unver­geß­li­chen, far­ben­kräf­ti­gen Bil­dern. Blü­hers Welt­ent­wurf war einer der letz­ten sei­ner Art. Ver­gleich­ba­res soll­te in der deut­schen Phi­lo­so­phie, die heu­te an ihrem Tief­punkt ange­langt ist, kaum mehr nachfolgen.
Als letz­tes Buch zu Leb­zei­ten erschien 1953 die Auto­bio­gra­phie Wer­ke und Tage. Die ver­früh­ten Ecce-homo-Schau­er der ers­ten Fas­sung aus dem Jah­re 1920 waren selbst dem zur Ego-Infla­ti­on nei­gen­den Blü­her schnell pein­lich gewor­den, und er zog es rasch aus dem Buch­han­del zurück. Die zwei­te Fas­sung zeig­te einen huma­nis­tisch gereif­ten Den­ker, des­sen selbst­herr­li­cher Eigen­sinn jedoch immer noch pro­vo­kant auf­blitz­te. Wer­ke und Tage ist nicht nur ein hoch­ran­gi­ges Zeit­do­ku­ment, es ist auch eine offen­her­zi­ge Bekennt­nis­schrift des Men­schen Hans Blü­her. Sie wur­de sein Epi­taph. Er starb, ver­armt und ver­ges­sen, in sei­nem Haus in Ber­lin-Herms­dorf an den Fol­gen einer Leber­zir­rho­se, weni­ge Tage vor sei­nem 67. Geburts­tag. „Als er im Früh­jahr 1955 uner­war­tet ver­starb, betrau­er­ten ihn alle ehr­li­chen Non­kon­for­mis­ten. ‚Denn er war unser‘, kann gott­lob kei­ne Grup­pe oder Rich­tung Hans Blü­her nach­sa­gen, der sich sein Leben recht­schaf­fen Mühe gab, ein Ärger­nis zu sein.” (Hans-Joa­chim Schoeps)

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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