Sezession
1. Oktober 2007

Fanal und Irrlicht

Martin Lichtmesz

pdf der Druckfassung aus Sezession 20/Oktober 2007

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

sez_nr_20Jedes politische Milieu braucht seine Unkonventionellen, Exzentriker und Märtyrer, Persönlichkeiten, die Pfade entdecken, schlagen und begehen, für die andere zu blind, zu beschränkt, zu vernünftig oder zu ängstlich sind. Diese Figuren faszinieren, inspirieren, sind aber als Vorbilder wenig geeignet, weil sie einen bestimmen Aspekt so sehr verdichten, daß alles andere zu kurz kommt. Meist sterben sie jung.

Die deutsche Rechte abseits der extremistischen Zone ist im Gegensatz zur Linken arm an solchen Gestalten. Ihre internen Legenden besitzt sie dennoch. Der Österreicher Christian Böhm, der sich Christian Böhm-Ermolli nannte, hat kein nennenswertes schriftstellerisches oder künstlerisches Werk hinterlassen, und sein Name ist über einen kleinen Kreis hinaus kaum bekannt. Diesem jedoch hat er sich durch eine schockierende, radikale Tat für immer ins Gedächtnis gebrannt. Der frühere Obmann der FPÖ-Organisation „Ring Freiheitlicher Jugend" (RFJ) erschoß sich am 5. März 1996 im Alter von dreißig Jahren in seiner Wohnung in der Wiener Schwarzspanierstraße, wo einst das Sterbehaus Beethovens gestanden hatte, in dem sich Otto Weininger 1903 das Leben nahm. Böhm-Ermolli hat auf seine Zeitgenossen eine Faszination ausgeübt, die durch den plötzlichen, blutigen Schlußstrich, den er unter sein Leben setzte, besiegelt wurde.
Unfreiwillig hat ihm der Hamburger Filmemacher Lutz Dammbeck eine Art Denkmal gesetzt, indem er Böhm-Ermolli zu einer Schlüsselfigur seines labyrinthischen Dokumentaressays Das Meisterspiel (1998) machte. Die Schlußszene des Films zeigt die Mitglieder des „Konservativen Clubs" um Böhm-Ermolli, unter ihnen Johann Gudenus und Nikolaus Amhof, die sich beinahe andächtig um ein Kraftfeld zu sammeln scheinen, das der Abwesende ausfüllt. Jeder von ihnen hat ein Jahr nach dem Tod des Freundes eine mysteriöse Postkarte mit „Grüßen aus dem Jenseits" erhalten.
Der Ausgangspunkt des Meisterspiels war ein Anschlag im Jahre 1994 auf einige Gemälde Arnulf Rainers in der Akademie der Bildenden Künste in Wien, die von einem unbekannten Täter schwarz übermalt worden waren. Rainer selbst hatte einst durch „Übermalungen" fremder Bilder Berühmtheit erlangt. Fast ein Jahr später tauchte ein anonymes „Bekennerschreiben" auf, ein ironischer, mit Zitaten gespickter Traktat, der gewissen Entwicklungen der modernen Kunst und im speziellen Rainer den Fehdehandschuh hinwarf.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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