Fanal und Irrlicht

pdf der Druckfassung aus Sezession 20/Oktober 2007

sez_nr_20Jedes politische Milieu braucht seine Unkonventionellen, Exzentriker und Märtyrer, Persönlichkeiten, die Pfade entdecken, schlagen und begehen, für die andere zu blind, zu beschränkt, zu vernünftig oder zu ängstlich sind. Diese Figuren faszinieren, inspirieren, sind aber als Vorbilder wenig geeignet, weil sie einen bestimmen Aspekt so sehr verdichten, daß alles andere zu kurz kommt. Meist sterben sie jung.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.


Die deut­sche Rech­te abseits der extre­mis­ti­schen Zone ist im Gegen­satz zur Lin­ken arm an sol­chen Gestal­ten. Ihre inter­nen Legen­den besitzt sie den­noch. Der Öster­rei­cher Chris­ti­an Böhm, der sich Chris­ti­an Böhm-Ermol­li nann­te, hat kein nen­nens­wer­tes schrift­stel­le­ri­sches oder künst­le­ri­sches Werk hin­ter­las­sen, und sein Name ist über einen klei­nen Kreis hin­aus kaum bekannt. Die­sem jedoch hat er sich durch eine scho­ckie­ren­de, radi­ka­le Tat für immer ins Gedächt­nis gebrannt. Der frü­he­re Obmann der FPÖ-Orga­ni­sa­ti­on „Ring Frei­heit­li­cher Jugend” (RFJ) erschoß sich am 5. März 1996 im Alter von drei­ßig Jah­ren in sei­ner Woh­nung in der Wie­ner Schwarz­spa­nier­stra­ße, wo einst das Ster­be­haus Beet­ho­vens gestan­den hat­te, in dem sich Otto Wei­nin­ger 1903 das Leben nahm. Böhm-Ermol­li hat auf sei­ne Zeit­ge­nos­sen eine Fas­zi­na­ti­on aus­ge­übt, die durch den plötz­li­chen, blu­ti­gen Schluß­strich, den er unter sein Leben setz­te, besie­gelt wurde.
Unfrei­wil­lig hat ihm der Ham­bur­ger Fil­me­ma­cher Lutz Damm­beck eine Art Denk­mal gesetzt, indem er Böhm-Ermol­li zu einer Schlüs­sel­fi­gur sei­nes laby­rin­thi­schen Doku­men­tar­es­says Das Meis­ter­spiel (1998) mach­te. Die Schluß­sze­ne des Films zeigt die Mit­glie­der des „Kon­ser­va­ti­ven Clubs” um Böhm-Ermol­li, unter ihnen Johann Gude­nus und Niko­laus Amhof, die sich bei­na­he andäch­tig um ein Kraft­feld zu sam­meln schei­nen, das der Abwe­sen­de aus­füllt. Jeder von ihnen hat ein Jahr nach dem Tod des Freun­des eine mys­te­riö­se Post­kar­te mit „Grü­ßen aus dem Jen­seits” erhalten.
Der Aus­gangs­punkt des Meis­ter­spiels war ein Anschlag im Jah­re 1994 auf eini­ge Gemäl­de Arnulf Rai­ners in der Aka­de­mie der Bil­den­den Küns­te in Wien, die von einem unbe­kann­ten Täter schwarz über­malt wor­den waren. Rai­ner selbst hat­te einst durch „Über­ma­lun­gen” frem­der Bil­der Berühmt­heit erlangt. Fast ein Jahr spä­ter tauch­te ein anony­mes „Beken­ner­schrei­ben” auf, ein iro­ni­scher, mit Zita­ten gespick­ter Trak­tat, der gewis­sen Ent­wick­lun­gen der moder­nen Kunst und im spe­zi­el­len Rai­ner den Feh­de­hand­schuh hinwarf.

Weder Täter noch Ver­fas­ser konn­ten jemals aus­fin­dig gemacht wer­den. Böhm-Ermol­li war einer der Haupt­ver­däch­ti­gen. Der begab­te Maler abs­trak­ter Bil­der war Schü­ler von Rai­ner eben­so wie des „Wie­ner Aktio­nis­ten” Peter Wei­bel gewe­sen, und galt als einer der schil­lernds­ten Ver­tre­ter der soge­nann­ten „Neu­en Rech­ten”, deren Auf­tre­ten zu die­sem Zeit­punkt von Dämo­ni­sie­rung einer­seits und über­zo­ge­ner Erwar­tungs­hal­tung ande­rer­seits beglei­tet war. Es war die Zeit der Wir ’89er, der Selbst­be­wuß­ten Nati­on in der Nach­fol­ge von Botho Strauß’ Bocks­ge­sän­gen, die Zeit, als die Jun­ge Frei­heit einen noto­ri­schen Bekannt­heits­grad erlang­te und ins Visier der Ver­fas­sungs­schüt­zer geriet, des Zenits der rausch­haf­ten Aus­brei­tung der Neo­folk-Sub­kul­tur im deut­schen Sprach­raum und der Furcht vor der „Unter­wan­de­rung” der Tech­no-Sze­ne durch „Rech­te”. In Öster­reich gewann die FPÖ unter Jörg Hai­der immer mehr Anhän­ger, was von den Medi­en alar­mis­tisch kom­men­tiert wur­de, wäh­rend eine mys­te­riö­se Brief­bom­ben­se­rie mit rechts­ex­tre­mis­ti­schem Hin­ter­grund die Nati­on erschütterte.

Ins­ge­samt konn­te man Anfang der neun­zi­ger Jah­re den Ein­druck gewin­nen, daß die Rech­te aus einem Tief­schlaf erwacht war. Chris­ti­an Böhm, der den Bei­na­men „Ermol­li” von einem alt­ös­ter­rei­chi­schen Feld­herrn über­nom­men hat­te, erschien in vie­ler­lei Hin­sicht als die Inkar­na­ti­on des Ide­als, das die „Neue Rech­te” von sich pro­ji­zier­te. Er war jung, gut­aus­se­hend, sport­lich, besaß einen über­ra­gen­den Intel­lekt, war modern, urban und fand mühe­los Anschluß zu sub- und pop­kul­tu­rel­len Berei­chen, die bis­her nicht im Ent­fern­tes­ten mit der Rech­ten asso­zi­iert wor­den waren. Man woll­te den Gegen­satz „links-rechts” über­haupt auf­he­ben, anders, „non­kon­form”, pro­vo­kant, ein „Quer­den­ker” sein, wie sich ein Buch von Jür­gen Hat­zen­bich­ler im damals für Tei­le der Sze­ne ein­fluß­rei­chen Arun-Ver­lag betitelte.

Zum Zeit­punkt sei­nes Todes war Böhm-Ermol­li drei­fa­cher Magis­ter in Sozi­al­phi­lo­so­phie, Kunst und Jura. Ihn umgab eine Aura von Aben­teu­er, Roman­tik und Eli­ta­ris­mus, Anti­bür­ger­lich­keit und Unbe­re­chen­bar­keit. Er war pas­sio­nier­ter Rei­ter, Jäger, Berg­stei­ger und Waf­fen­narr mit betont viri­lem Auf­tre­ten. Anläß­lich eines „Ohr­fei­gen-Dis­puts” zwi­schen John Gude­nus und Erhard Busek for­der­te er die Wie­der­ein­füh­rung des Duell-Para­gra­phen. Ihm stand ein beträcht­li­ches Ver­mö­gen zur Ver­fü­gung, das ihm einen dan­dy­es­ken Lebens­stil ermög­lich­te. Stets ele­gant geklei­det, fuhr er einen Jagu­ar und besaß eine gro­ße Woh­nung in der Wie­ner Innen­stadt. Sein Pro­fes­sor und Men­tor Nor­bert Leser cha­rak­te­ri­sier­te ihn fol­gen­der­ma­ßen: „Er war mili­ta­ris­tisch-auto­ri­tär geprägt. Irgend­wie hat er sei­ne Rol­le nicht gefun­den. Erst woll­te er Pries­ter beim Deut­schen Orden wer­den, dann Rechts­an­walt, dann Künst­ler, dann Phi­lo­soph, dann Rich­ter.” Der eli­tä­re Ver­eh­rer Ernst Jün­gers und Stauf­fen­bergs wuß­te sich aller­dings auch sou­ve­rän in der Camou­fla­ge des Zeit­geis­tes zu bewe­gen. Als ihn die links­ge­rich­te­te Wie­ner Stadt­zei­tung Fal­ter inter­view­te, mach­te er einen ganz und gar „unrech­ten” Ein­druck: Er erschien „in betont läs­si­ger Genera­ti­on-X-Klei­dung; karier­tes Fla­nell­hemd, offen über der Jeans getra­gen, Wind­ja­cke mit Kapu­ze, Stadt-Ruck­sack. So einer soll ewig­gest­ri­gen Ideen anhängen?”

Aber alles Tar­nen half nichts: Böhm-Ermol­li wur­de zum Anfüh­rer einer per­fi­den Ver­ein­nah­mung des „Tech­no” sti­li­siert, weil er die­ser Musik­rich­tung eine Deu­tung als zeit­ge­nös­si­sches „Stahl­ge­wit­ter” unter­schie­ben wol­le, in einer Neu­auf­la­ge des Kon­zep­tes einer tech­no­phi­len „Moder­ne von Rechts” im Gefol­ge von Mari­net­ti und Ernst Jün­ger. In einem Arti­kel, der sich auch als „Bin­nen­feinder­klä­rung” lesen läßt, sti­li­sier­ten noch Jah­re spä­ter Manu­el Och­sen­rei­ter und Jür­gen Hat­zen­bich­ler Ernst Jün­ger zum „ers­ten deut­schen Raver” und deu­te­ten die stun­den­lan­ge Eksta­se des Ravers als „Rebel­li­on” gegen eine „durch­ra­tio­na­li­sier­te” Welt, ver­wandt mit den Ent­gren­zungs­zu­stän­den des „Kamp­fes als inne­res Erleb­nis”. In einem Inter­view mit der Jun­gen Frei­heit (31–32/1995) lehn­te Böhm-Ermol­li die pau­scha­le Deu­tung des Tech­no als „rechts” (oder auch „links”) eben­so ab, wie den Gedan­ken, eine klei­ne Min­der­heit kön­ne eine Mas­sen-Sze­ne „unter­wan­dern”, und sprach sich gar aus­drück­lich gegen einen poli­ti­schen „Miß­brauch” der Musik aus.

Den­noch: Die Ver­knüp­fung von Pop­kul­tur und Tota­li­ta­ris­mus über die Ästhe­tik (kur­ze Haa­re, Tarn­ja­cken, Mili­tärover­alls, Kampf­stie­fel und Camou­fla­ge-Minis) muß­te dem künst­le­risch ambi­tio­nier­ten Böhm-Ermol­li ins Auge sprin­gen. Sein Essay Poli­ti­sche Sym­bo­le im Aus­tro­fa­schis­mus und Natio­nal­so­zia­lis­mus in der Antho­lo­gie Öster­reichs poli­ti­sche Sym­bo­le beschrieb in unbe­küm­mert-post­mo­der­ner Manier den Natio­nal­so­zia­lis­mus als durch­de­sign­tes Meis­ter­stück der con­cept-art mit Hit­ler als obers­tem „Chef­gra­phi­ker und art-director”.

Wegen der angeb­li­chen Behaup­tung, Hit­ler sei „ein gro­ßer Staats­mann” gewe­sen, ver­lor Böhm-Ermol­li bereits im Dezem­ber 1994 sei­nen Pos­ten beim RFJ. Tat­säch­lich lehn­te er Hit­ler als Ver­tre­ter eines ple­be­je­r­haf­ten Mas­sen­geis­tes ab, er bezeich­ne­te ihn eben­so als „Knié­bo­lo” wie den popu­lis­ti­schen Super­star der FPÖ, Jörg Hai­der. Par­tei­ar­beit und ‑poli­tik erschie­nen Böhm-Ermol­li zuneh­mend sinn­los. Der „Putsch im Alser­grund”, bei dem die Bezirks­ob­frau der FPÖ Ingrid Kario­tis von der Böhm-Ermol­li-Frak­ti­on geschlos­sen abge­wählt wur­de, war viel­leicht bereits purer Aktio­nis­mus. Die lin­ken Medi­en sti­li­sier­ten die „Rechts­ex­tre­men” in der FPÖ hem­mungs­los zu geis­ti­gen Brand­stif­tern. Die Fal­ter-Aus­ga­be, auf der groß das Orts­schild von Ober­wart im Bur­gen­land prang­te, wo vier Zigeu­ner durch eine Bom­be der „Baju­wa­ri­schen Befrei­ungs­ar­mee” getö­tet wor­den waren, ver­knüpf­te die Mord­tat asso­zia­tiv mit dem Auf­stieg der jun­gen Rech­ten: „Die jun­ge Rech­te liebt es intel­lek­tu­ell. Statt Asy­lan­ten­hei­me möch­te man den lin­ken Geist zer­stö­ren.” Böhm-Ermol­li war in die­ser Per­spek­ti­ve eines die­ser klug getarn­ten Rep­ti­li­en. „Das Mons­ter schien kurz auf (…) dann wie­der die grin­sen­de Glät­te des New-Wave-Twens, schi­cke Jeans­ja­cke oder wehen­der lan­ger Man­tel”, zitier­te man Sen­ten­zen von Klaus The­we­leit über Ewald Althans.

Böhm-Ermol­li zog sich indes­sen weit­ge­hend aus der Poli­tik zurück. Mit dem FPÖ-Umfeld war nichts anzu­fan­gen, und dem RFJ Paso­li­ni-Fil­me nahe­brin­gen zu wol­len, war ein frucht­lo­ses Unter­fan­gen. Er setz­te neu an: Mit den Gefähr­ten des „kon­ser­va­ti­ven Clubs”, der zeit­wei­se WG-artig in der Schwarz­spa­nier­stra­ße zusam­men­wohn­te, wur­de begie­rig das „Opi­um der Kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­ti­on” (Jür­gen Hat­zen­bich­ler) inha­liert, man ver­schlang Klas­si­ker wie Syber­berg, Benoist, Evo­la, Wei­nin­ger und natür­lich Ernst Jün­ger, dem man in Wilf­lin­gen Besu­che abstat­te­te. Dazu kamen Eso­te­rik, Para­psy­cho­lo­gie, Astro­lo­gie, obsku­re Trak­ta­te wie die Aor­ta-Hef­te aus der Feder „Kad­mons” (Ger­hard Petak), dem Kopf des Musik­pro­jekts Aller­see­len. Wien wur­de wie­der zur „Wet­ter­ecke der Moder­ne”, zur „Ver­suchs­an­stalt für Welt­un­ter­gän­ge”. Geheim­nis­vol­le Kraft­li­ni­en zogen sich netz­ar­tig vom Ste­phans­dom, der Schatz­kam­mer der Hof­burg, der Aka­de­mie am Schil­ler­platz über die Strudl­hof­stie­ge im Alser­grund und dem Gaso­me­ter bis hin zum Ull­richs­berg. Man hör­te Bands wie Death in June und las Sze­ne­blät­ter wie Sigill, das damals wich­tigs­te Organ des aus dem Dark­wa­ve her­vor­ge­gan­ge­nen Neo­folk. Man träum­te davon, die Moder­ne mit ihren eige­nen Mit­teln zu schla­gen, „den Tiger zu reiten”.

War­um und wann setz­te der Sog ins Nichts ein, der im Selbst­mord ende­te? Es liegt wohl in der Natur einer sol­chen Tat, daß sich ihre letz­ten Grün­de dem Blick von außen ver­schlie­ßen. „Der Selbst­mord wird in der Stil­le des Her­zens vor­be­rei­tet wie ein Kunst­werk”, schrieb Albert Camus. Tat­sa­che ist, daß Böhm-Ermol­li zuneh­mend para­no­ide Züge an den Tag leg­te: Ein psy­cho­ti­scher Wahn­sinn, den er durch sei­ne gestei­ger­te inne­re und äuße­re Akti­vi­tät, einen per­ma­nen­ten inne­ren Rausch, noch for­cier­te und beschleu­nig­te, nahm über­hand, und wahr­schein­lich war er tat­säch­lich „von Ecsta­sy zer­fres­sen”, wie Andre­as Möl­zer ver­mu­te­te. Bald sah er sich ver­folgt von fins­te­ren Ver­schwö­r­er­mäch­ten, die ihn jeder­zeit zu erwi­schen drohten.

Nun fla­cker­te vor Böhm-Ermol­lis Augen jenes „Irr­licht” auf, das Dri­eu la Rochel­le in sei­nem berühm­ten gleich­na­mi­gen Sui­zid-Roman beschrie­ben hat­te. Aus der Fer­ne schien es jedoch ein Fanal zu sein, eine jener hero­isch ent­zün­de­ten Fackeln, die Juli­us Evo­la in Revol­te gegen die moder­ne Welt beschrieb: „Am Ran­de der gro­ßen Welt­strö­mun­gen gibt es noch Men­schen, die in den ‚unbe­weg­li­chen Lan­den‘ ver­an­kert sind (…) Sie ver­tei­di­gen die Gip­fel­li­ni­en und gehö­ren nicht die­ser Welt an (…) Die­ser inners­te Kern han­delt nicht: er hat nur die Auf­ga­be, die der Sym­bo­lik des ‚ewi­gen Feu­ers‘ ent­spricht. Dank ihm ist die Tra­di­ti­on trotz allem gegen­wär­tig, brennt die Flam­me unsicht­bar, und etwas ver­bin­det die­se Welt mit der Überwelt.”

Unter dem Ein­fluß von Evo­la reif­te in Böhm-Ermol­li die Erwar­tung einer rei­ni­gen­den Apo­ka­lyp­se, die den Über­gang zu einem neu­en Zeit­al­ter brin­gen soll­te, und er sah er sich dazu beru­fen, durch ein Selb­stop­fer ein Zei­chen zu set­zen, wie Stauf­fen­berg, des­sen Putsch­ver­such eben­so aus­sichts­los gewe­sen war wie der­je­ni­ge Yukio Mishi­mas. In einer thea­tra­li­schen Akti­on nahm der todes­be­ses­se­ne japa­ni­sche Schrift­stel­ler am 25. Novem­ber 1970 mit Hil­fe eini­ger Gefolgs­leu­te im Haupt­quar­tier der japa­ni­schen Armee in Ichi­ga­ya einen Gene­ral als Gei­sel und for­der­te den Antritt der Beleg­schaft der Kaser­ne, um von einem Bal­kon aus eine Rede zu hal­ten. Hub­schrau­ber­lärm, Beschimp­fun­gen und Hohn­ge­läch­ter über­tön­ten den eben­so flam­men­den wie lächer­li­chen Appell an die Sol­da­ten, zum Krie­ger­geist, zur Kai­ser­treue und den tran­szen­den­ten Wer­ten des alten Japan zurück­zu­keh­ren. Mishi­ma, geklei­det in eine ele­gan­te Phan­ta­sie uni­form, die er selbst ent­wor­fen hat­te, been­de­te sei­nen letz­ten Auf­tritt mit dem Ruf „Ten­no Hei­ka Ban­zai!”, stieg in das Büro des Gene­rals zurück und schlitz­te sich nach dem klas­si­schen Ritu­al des sepu­ku den Bauch auf.

In einer Welt, in der die Mas­se eben­so wie ihre poli­ti­sche Füh­rung den eige­nen Unter­gang woll­te, war aus der Sicht Böhm-Ermol­lis para­do­xer­wei­se nichts ande­res zu tun übrig, als sich gegen den Strom der Lem­min­ge zu wer­fen, unter­ge­hend wie sie, im Gegen­satz zu die­sen jedoch durch eine bewuß­te Tat. Am 5. März 1996 erschoß er sich mit sei­nem Jagd­ge­wehr, im Stil der Offi­zie­re der k. u. k.-Armee: Ein Schluck Was­ser im Mund garan­tier­te das Explo­die­ren der Schädeldecke.
Das Unge­heu­er­li­che die­ser Tat ließ Freund und Feind den Atem stok­ken. Der Bericht über Böhm-Ermol­lis Frei­tod, der im Fal­ter erschien, war zurück­hal­tend und getra­gen. Tat­säch­lich schien es so, als kön­ne der Autor einen gewis­sen Respekt nicht ver­heh­len. Der Ver­fas­ser selbst erin­nert sich an den tie­fen Ein­druck, den der Arti­kel bei ihm hin­ter­las­sen hat. Ein Nach­ruf, gezeich­net mit den Namen Niko­laus Amhof, Johann Gude­nus und René Schei­be, erschien in der Jun­gen Frei­heit vom 29. März 1996: „Wenn die Guten nicht kämp­fen, sie­gen die Bösen (…) Das Licht sei­nes Geis­tes brann­te zu hell, um lan­ge zu leuch­ten.” Böhm-Ermol­lis Epo­pöe schrieb fünf Jah­re spä­ter Wer­ner Bräu­n­in­ger in der Aula.

Chris­ti­an Böhm-Ermol­li war Jahr­gang 1965, mit­hin so etwas wie ein Dis­si­dent der „Genera­ti­on X”. Der Begriff geht in die­ser Form auf den gleich­na­mi­gen Roman von Dou­glas Cou­p­land (1991) zurück und bezeich­net die Stim­mungs­la­ge der Jahr­gän­ge von etwa 1965–1975. „Genera­ti­on X”, das bedeu­te­te eine Abkehr von den Idea­len der Eltern, Zynis­mus, Nihi­lis­mus, Ziel­lo­sig­keit, Ent­schei­dungs­schwä­che, aber auch den Wunsch, den Kon­sum- und Yup­pie-Idea­len der acht­zi­ger Jah­re zu ent­rin­nen, was nicht aus­schloß, sich einer unpo­li­ti­schen Spaß­kul­tur hin­zu­ge­ben. Die Twen­ty­so­me­things, die sich mit McJobs durch­schlu­gen und regel­mä­ßig den Mid-Twen­ties-Break­down erlit­ten, wähl­ten sich als Idol bezeich­nen­der­wei­se den trau­rigs­ten aller Rock­stars, Kurt Cobain, den Kopf von Nir­va­na, der sich 1994, eben­falls mit einem Gewehr, erschoß. Im Nach­spiel die­ses Trends tauch­te den­noch immer wie­der ver­ein­zelt die alte Sehn­sucht nach dem rei­ni­gen­den Aus­nah­me­zu­stand auf, wie sie in den Neun­zi­gern von Böhm-Ermol­li und ande­ren Prot­ago­nis­ten der jun­gen Rech­ten sowie der Neo­folk-Sze­ne ver­kör­pert wur­de. Die zynischs­te Absa­ge an die Pas­si­vi­tät der „Genera­ti­on X” war Chuck Palah­ni­uks „Kult”-Roman Fight Club (1996).

In der Gestalt des Tyler Durden mutiert der „Gen-X-Sla­cker” zum nihi­lis­ti­schen Faschis­ten im Sin­ne Dri­eu La Rochel­les: „Wir schla­gen uns gegen alle!”. In dem Pop­li­te­ra­ten-Mani­fest Tris­tesse Roya­le wünsch­te sich Alex­an­der von Schön­burg einen „Herbst 1914” als Heil­mit­tel gegen die „Lan­ge­wei­le” und die „Wohl­stands­ver­wahr­lo­sung”. Einer der Teil­neh­mer der als bla­sier­te Dan­dys posie­ren­den Run­de, Chris­ti­an Kracht, Jahr­gang 1967, der mit Faser­land (1995) einen pro­to­ty­pi­schen „Generation‑X”-Roman geschrie­ben hat­te, ließ schließ­lich in sei­nem gro­ßen Wurf 1979 den deka­dent-hedo­nis­ti­schen Prot­ago­nis­ten in einem rot­chi­ne­si­schen Umer­zie­hungs­la­ger enden. Damit voll­zog er die Sehn­sucht der Déca­dents der ers­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts nach, die sich nach tota­li­tä­ren Eis­zei­ten sehn­ten, um den Morast im Innen wie im Außen tro­cken­zu­le­gen. „Käl­te ist zu emp­feh­len, wo es anrü­chig wird. Es geht sich leich­ter über gefro­re­nen Schlamm” (Ernst Jün­ger). Kri­ti­ker nann­ten Krachts Buch zu Recht eine „Selbst­aus­lö­schungs­phan­ta­sie”.

Chris­ti­an Böhm-Ermol­lis eigent­li­cher Zwil­ling im Geis­te war jedoch der Jung­star des post­mo­der­nen Ber­li­ner Mer­ve-Ver­lags, Kon­rad Mar­kus Lei­ner, ali­as QRT, auch bekannt als „Fascho-Kurt”. Er teilt mit Böhm-Ermol­li nicht nur das Geburts- und Ster­be­jahr: Auch er schied ver­mut­lich frei­wil­lig aus dem Leben, in sei­nem Fall durch den „Gol­de­nen Schuß” einer Über­do­sis Hero­in. Lei­ner wur­de 1965 in Kon­stanz gebo­ren und ent­stamm­te einer Phi­lo­so­phen­fa­mi­lie. Die Haupt­stadt sei­nes Wir­kens wur­de aller­dings Ber­lin. Auch er war ein schil­lern­der Cha­rak­ter, der sein Leben im Zeit­raf­fer ver­brauch­te. Er hin­ter­ließ tau­sen­de Manu­skript­sei­ten zu den ent­le­gens­ten The­men, denen jedoch alle­samt ein trans­gres­si­ves Ele­ment zugrun­de­liegt: Dro­gen, Hor­ror­fil­me, Por­no­gra­phie, Gewalt, poli­ti­sche Extremismen.

An der FU Ber­lin pro­vo­zier­te der Stu­dent mit sei­ner bril­lan­ten, aggres­si­ven Intel­lek­tua­li­tät und einem unge­nier­ten „Fascho”-Look, irgend­wo zwi­schen Tech­no und Neo­folk: „Mit sei­nem Klei­dungs­stil, einem indi­vi­dua­lis­ti­schen Radi­cal-Chic-Pla­gia­ris­mus pro­le­ta­ri­scher Jugend­be­we­gun­gen, kurz­ge­scho­re­nem Haupt­haar, Mili­tärover­all, Mili­tär­stie­feln, fell­be­zo­ge­ner Leder­ja­cke und sei­ner gro­ßen Vor­lie­be für die schwar­ze Roman­tik wirk­te er wie ein Abzieh­bild sei­ner eige­nen Vor­stel­lun­gen vom Anti­bür­ger” (Mario Mentrup).

Lei­ner war kampf­spor­ter­probt, Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten wur­den mit­un­ter mit der Faust aus­ge­tra­gen. Neben sei­ner Kar­rie­re als Schrift­stel­ler war er als Schau­spie­ler, Bar­kee­per, Musi­ker und Por­sche­fah­rer tätig. Sei­ne Tech­no-Theo­rie schließt naht­los an die „neu­rech­te” Deu­tung an: „Die Tech­no-Bewe­gung ist eine mili­tä­ri­sche Orga­ni­sa­ti­on, die im Raum der Dis­ko­thek einen Medi­en­krieg aus­ficht (…) die geziel­te Depri­va­ti­on der Sin­ne, das ‚zu grell‘ und ‚zu laut‘, der Dro­gen­ex­zeß und völ­li­ge kör­per­li­che Ver­aus­ga­bung im Tanz sind Stra­te­gien der para­mi­li­tä­ri­schen Bil­dung (…) im Tech­no steht der archai­sche Krie­ger wie­der auf, aller­dings als ein Expo­nent der Ord­nung des Hei­li­gen (…) die Tech­no-Kul­tur bricht mit dem Wer­te­sys­tem der bür­ger­li­chen Gesell­schaft, das den Mythos durch die Ideo­lo­gie ersetzt.”

QRTs Haupt­werk Dra­chen­saat erschien vier Jah­re nach sei­nem Tod in schwar­zem Ein­band. Auf über fünf­hun­dert Sei­ten tauch­te er tief hin­ab in den Schlund des von ihm so bezeich­ne­ten „heroi­schen Nihi­lis­mus”, der mit der „Kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­ti­on” qua­si deckungs­gleich sei. Wie der spä­te Armin Moh­ler erblick­te er deren wil­de Nach­fol­ger in den fran­zö­si­schen Post­mo­der­nen und Post­struk­tu­ra­lis­ten. Aus­ge­hend von den zen­tra­len Gestal­ten Otto Wei­nin­ger, Hans Blü­her, Ernst Jün­ger, Oswald Speng­ler ent­warf er eine affir­ma­ti­ve Theo­rie des Hel­den, die sich aller­dings in dem für Post­mo­der­ne typi­schen ort­lo­sen Raum bewegt, hem­mungs­los asso­zi­iert, deli­riert und spe­ku­liert. Am Ende sprach er trot­zig den Ver­fem­ten das Wort: „Die­ser Text woll­te von den Dis­kur­sen han­deln, die kein Ohr mehr haben. Die hier behan­del­ten Autoren wur­den ver­drängt, bei­sei­te gescho­ben, ver­höhnt, ver­un­glimpft und igno­riert. Man hat sie in das geis­ti­ge Mas­sen­grab gesto­ßen, in dem so vie­les ver­rot­tet, was unse­re Ren­ten­ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft nicht mehr ver­dau­en kann. Die Geschich­te des Heroi­schen Nihi­lis­mus zeigt ein­mal mehr: die Wahr­heit ist ein Sie­ger­recht (…) Es kommt, man kann es der deut­schen Phi­lo­so­phie nur wün­schen, viel­leicht eine Zeit, in der mit Begeis­te­rung Speng­ler gele­sen wird, wenn sich kein Mensch mehr an den Namen Haber­mas erin­nert.” Der Durst, der aus die­sem Buch und die­sen Zei­len spricht, war nur durch einen letz­ten Exzeß zu stil­len, er kos­te­te QRT das Leben.

Es war ein­gangs von Unkon­ven­tio­nel­len, Exzen­tri­kern und Mär­ty­rern die Rede. Genau­so­gut lie­ße sich von Über­spann­ten, Patho­lo­gi­schen, Roman­ti­kern, Extre­mis­ten, Nar­zis­sen reden. Ist das bereits ein Ein­wand? „Unse­re Hoff­nung ruht in den jun­gen Leu­ten, die an Tem­pe­ra­tur­er­hö­hung lei­den, weil in ihnen der grü­ne Eiter des Ekels frißt, in den See­len von Gran­dez­za, deren Trä­ger wir gleich Kran­ken zwi­schen der Ord­nung der Fut­ter­trö­ge ein­her­schlei­chen sehen”, schrieb Ernst Jün­ger 1929. Neh­men wir sie wahr, die­se jun­gen Leute!

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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