Sezession
12. August 2011

Linke Aggregatszustände (2): Pathologisch im Laufrad der NS-Geschichte

Gastbeitrag

Laufrad Eva Peters-Velasquez, pixelio.devon Claus Wolfschlag

Ich hatte gerade eine im Briefkasten gefundene Zeitschrift der Partei „Die Linke“ weggelegt, als ich einen Link öffnete.  Eine Bekannte hatte mir einen Artikel aus der Berliner "tageszeitung" gemailt. Die offenbar feministische Autorin Ute Scheub versuchte sich darin an einer psychologischen Interpretation des norwegischen Attentäters Breivik.

Irgendwie kam mir das alles bekannt vor:

Mit einer verstörenden Mischung aus Rationalität und Irrationalität, eiskalt die mediale Wirkung seiner Tat einkalkulierend, hat der Norweger Anders Behring Breivik seine Morde geplant. Will man Nachahmern vorbeugen, muss man sich mit seiner ideologischen Begründung beschäftigen, die er im Internet ausführlich dargelegt hat,

schreibt die Autorin. Das Wort "Beschäftigung" indes ist in solch linkem Kontext nie ergebnisneutral gemeint. „Beschäftigen“ heißt da vor allem, geistiges Rüstzeug zur effektiveren Bekämpfung zu sammeln. Im weitergehenden "Antifa"-Kontext kann „beschäftigen“ dann auch in handfesterer Weise verstanden werden.

In solch linkem Kontext gibt es stets "gut" (man selber) und "böse". Und mit dem "Bösen" muss man sich dann eben stets "beschäftigen". Bereits in der Vergangenheit konnte bei solcher "Beschäftigung" oft der „Nazi“ oder der „Rechtsextremist“ als Negativschablone genutzt werden, um die moralische Legitimität der eigenen Positionen umso unangreifbarer hervorzuheben.

Scheub hat es mit den Frauen, gibt der Argumentation also eine feministische Note. Und deshalb bemüht sie sich zu betonen, dass man sich nicht nur mit Breiviks „kalten Hass auf Moslems und `Multikulti´“ beschäftigen solle, sondern auch mit der „Frauenangst und Frauenhass“, die sich „wie ein roter Faden“ durch Breiviks „Manifest“ zögen. Somit ginge es Breiviks Anti-Islamismus

„nicht um Frauenrechte, sondern um die Wahrung einer bedrohten hierarchischen Ordnung, in der Männer vor Frauen, Weiße vor Nichtweißen und Christen vor Muslimen rangieren.“

Schnell wird klar, wohin Scheubs Reise geht:

„Scheidung, Abtreibung, Pille, Homosexuelle - all das ist für Breivik nicht tolerierbar. Stattdessen müssten das Patriarchat und die traditionelle Familie wieder eingesetzt werden, um einen `Babyboom´ auszulösen.“

Richtig erkannt hat Scheub zwar, daß sich das Milieu der Islamkritiker aus heterogenen Gruppen zusammensetzt. Feministische Positionen stehen oft neben traditionell-konservativen. Doch ist ihr dieses Milieu offenkundig aus zwei Gründen suspekt: Es ist "weiß" und "männlich" dominiert.  Scheub verliert somit kaum ein Wort zum ganz realen „Babyboom“ muslimischer Einwanderer, zur Homophobie in deren Milieus, zu dort vorhandener familiärer Gewalt. Statt dessen geht die richtige Attacke nur gegen eine nicht genannte Anzahl von „Islamgegnern“, da diese nur vorgeben würden, es ginge ihnen um die „Befreiung der unterdrückten muslimischen Frauen vom Joch ihrer Religion“. Somit steht Scheubs Kritik an Breiviks "Manifest" nur stellvertretend für ihre Kritik am Selbstbehauptungswillen des "weißen Mannes":

„Aus seinem ganzen Pamphlet spricht eine panische Angst vor Kontrollverlust, Sexualität, Verweichlichung, Identitätsauflösung durch `Verweiblichung´. Das wiederum ist, bei allen Unterschieden, der gemeinsame Kern aller diktatorischen oder totalitären Ideologien, von den Nazis über die radikalen Islamisten bis hin zu ihren Gegnern, den konservativen Islamfeinden. In seinem Standardwerk `Männerphantasien´ hat Klaus Theweleit einst beschrieben, von welch pathologischer Angst vor `Leibesvermischung´ schon Anfang des 20. Jahrhunderts die rechten Freikorpskämpfer und Nazis getrieben waren. Sie fürchteten sich vor `Flintenweibern´ wie Breivik heute vor `Feministinnen´. Die Nazis machten die `verweiblichten´ Juden für den Niedergang ihres militärisch-strammen Mannesideals verantwortlich, der Norweger die Moslems und die Feministinnen.“

Zur besseren Verwirklichung des menschlichen Zusammenlebens betont Scheub - hier ganz die Linke - somit das scheinbare Ideal der Gleichheit:

„Angesichts der in Norwegen ausgeprägten Egalität zwischen Geschlechtern, Schichten und Ethnien weint Breivik einem Männlichkeitsmodell hinterher, das sich historisch in Europa innerhalb der aufkommenden Nationalstaaten und ihren Armeehierarchien entwickelte. Im militärischen Drill geht es um die totale Kontrolle des Körpers und die völlige Unterdrückung von Empathie, weil ein Soldat sonst die `Arbeit´ des Tötens nicht machen könnte. Gefühle sind `weiblich´, stehen für Schwäche und Feigheit und müssen deshalb unterdrückt werden. Mit diesem Muster arbeiten fast alle Armeen und autoritären Ideologien der Welt - und auch der `Kontrollfreak´ Breivik.

Warum aber hat ausgerechnet Norwegen einen solchen `Kreuzritter´ hervorgebracht? Norwegen hat seit den Wikingern keinen Krieg mehr begonnen und die skandinavische Gleichstellungspolitik gilt eigentlich als das beste Heilmittel gegen Männlichkeitswahn und Heldenkriegertum. Aber anscheinend schützt auch sie nicht vor individuellen Pathologien. Offenbar sah sich Breivik gerade in dieser vergleichsweise egalitären Gesellschaft mit seinen Gewalt- und Unterwerfungsfantasien so isoliert, dass er zum einsamen Killer wurde.“

Reale ethno-kulturelle und soziale Konflikte macht Scheub offenbar in den westeuropäischen Gesellschaften keine aus. Hinter all der Ablehnung gegen den doch so angenehmen Egalitarismus, so vermutet Scheub, stecke schließlich nur der „Sexualneid“ vereinzelter weißer Europäer auf die muslimischen Einwanderer.

Scheubs Thesen sind keinesfalls brandneu. Sie sind vielmehr eine Blaupause, die immer dann aufgewärmt werden kann, wenn die Einwanderungsproblematik kritisch thematisiert wird. Sei es - wie im Falle Breiviks - im Zusammenhang mit einem abscheulichen Verbrechen oder aber auch nur im Rahmen der publizistischen Auseinandersetzung. Inhaltlich fast wortgleich äußerte sich Scheub nämlich bereits ein Jahr zuvor angesichts des Bucherfolgs von Thilo Sarrazin:

„Eine kleine Minderheit von Islamisten schottet sich tatsächlich ab. Aber das erklärt in keiner Weise die ungeheure Resonanz auf das Buch. Ich halte die massenhafte Zustimmung zu den sarrazynischen Tiraden vielmehr für eine traurige Bestätigung der Grundthese in meinem Buch `Heldendämmerung´, dass die Angst vieler Männer vor Statusverlust schnell in Hass, Aggression und Gewalt umschlagen kann. Ihre Statuspanik entsteht durch den Bildungsaufstieg der Frauen und – im Falle von Deutschland – auch durch die einer entstehenden migrantischen Mittelschicht.
Test


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