Sezession
16. August 2011

Ein Jahr nach Sarrazin: Besichtigung des Schlachtfeldes

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 43 / August 2011

von Manfred Kleine-Hartlage

Ein Jahr nach Sarrazin sieht es so aus, als habe sich überhaupt nichts getan. Einige Wochen lang war die übliche Diskursinszenierung in Unordnung, wurden im öffentlich-rechtlichen Fernsehen unbotmäßige Wahrheiten ausgesprochen, rissen die Kunden den Buchhändlern diese Wahrheiten förmlich aus den Händen, schien das erfolgreichste politische Sachbuch der Nachkriegszeit eine dramatische Wende einzuleiten, schien geradezu ein Aufstand in der Luft zu liegen.

Da sich aber niemand fand, der einem solchen Aufstand Stimme, Ziel und Richtung gegeben hätte, besann sich das Establishment auf seine ureigensten Methoden. Da man Sarrazin in offener Feldschlacht nicht hatte schlagen können, wurde zunächst eine neue Sau durchs Dorf gejagt und mit »Stuttgart 21« ein Thema von höchstens regionaler Bedeutung zur nationalen Schicksalsfrage hochgeschrieben. Der Diskurs mit Sarrazin wurde abgebrochen und durch einen Diskurs über Sarrazin, im wesentlichen bestehend aus pejorativen Halbsätzen, ersetzt. Sarrazin wird immer noch häufig erwähnt, aber nur, um einen in Wahrheit nicht existierenden Konsens zu suggerieren, wonach seine Thesen »rassistisch«, »unwissenschaftlich« und so weiter seien. Da man es versäumt hatte, sein Buch so totzuschweigen, wie man es mit anderen missliebigen Titeln tut, und da auch die Strategie der Skandalisierung und des öffentlichen Exorzismus nicht verfangen hatte, die bei Ernst Nolte, Philipp Jenninger, Martin Hohmann und vielen anderen so erfolgreich praktiziert worden war, verlegte man sich auf Schadensbegrenzung und hat damit allem Anschein nach Erfolg:
Ein Jahr nach Sarrazin läuft die bundesdeutsche Diskursmaschinerie so rund wie eh und je, ist die politische Klasse fest entschlossen, dafür zu sorgen, daß Deutschland zum Islam gehört, fahren die Grünen einen Wahlsieg nach dem anderen ein, werden Veranstaltungen von Islamkritikern von gewalttätigem Mob verhindert, treibt der »Antirassismus« so pittoreske Blüten wie den »Linguizismus« (mit welchem Begriff der Wunsch, daß Ausländer in Deutschland deutsch sprechen mögen, als quasi-rassistisch gebrandmarkt wird) und ist die drohende Selbstabschaffung Deutschlands kein Thema für eine Meinungsindustrie, die sonst keine Gelegenheit vorübergehen läßt (»Klimawandel«, Fukushima), den drohenden Weltuntergang an die Wand zu malen. Hätten nicht die »Bürger in Wut« bei der Bremer Bürgerschaftswahl einen kleinen Achtungserfolg erzielt, und gäbe es nicht den einen oder anderen CSU-Politiker, der es inzwischen wieder für nötig hält, das Wahlvolk mit mehr oder weniger starken Sprüchen bei Laune zu halten, man könnte meinen, es hätte sich überhaupt nichts getan.
Dieser Eindruck allerdings trügt. Wenn man verstehen will, wie sehr Sarrazin das Machtgefüge der BRD erschüttert hat, muß man einen Moment lang von der Ebene der täglichen Aufgeregtheiten abstrahieren und die Architektur dieses Gefüges unter die Lupe nehmen:
Ginge es nach dem uns regierenden, desinformierenden und indoktrinierenden Kartell aus Politik, Medien und Wissenschaft, so müßte der ideale Bürger der BRD unter anderem glauben, daß der Islam zu Deutschland gehöre, daß alle Religionen dasselbe wollten, daß es gleichwohl keine intolerantere Religion gebe als das Christentum, daß ethnische »diversity« gesellschaftliche Harmonie garantiere (und nicht etwa den Bürgerkrieg), daß ohne die EU morgen ein Krieg ausbräche, daß es keine angeborenen Unterschiede zwischen Mann und Frau gebe, daß Kinder in der Obhut dreier Transsexueller mindestens so gut aufgehoben seien wie in der ihrer leiblichen Eltern, daß Intelligenz nicht erblich und die Existenz von Völkern ein Hirngespinst rechtsradikaler Demagogen sei, und daß es so etwas wie »Wahrheit« überhaupt nicht gebe.
Test


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