Sezession
30. März 2009

Sellering II: Relativieren wir!

Ellen Kositza / 13 Kommentare

ddrLobt da einer die DDR? In die Sellering-Schelte nur deshalb nicht einfallen zu wollen, weil man nicht mit allen anderen Scheltern (also: CDU/ FDP- Parteigrößen und ergebene Journalisten) in einem Boot sitzen will: Das allein wäre purer Affekt. Klar ist immerhin - Teile der SPD wollen sich wahltaktisch an die Linkspartei und ihre Klientel anbiedern. Und ebenso wahltaktisch feuern im Tone höchster Empörung die Granden anderer Parteien dagegen. Ein bißchen Kalter-Krieg-Spiel treibt das Wahlvolk immer noch ganz gut an. Erik Lehnert warnte hier genau wie andere Kritiker der Äußerungen Sellerings vor einer Relativierung des SED-Staats. Motto: „Autobahn geht gar nicht!" Aber „was geht" eigentlich wo?

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Die kritisierten Äußerungen des (westgeborenen) mecklenburgischen Ministerpräsidenten Erwin Sellering verdichten sich in dem einen (harmlosen oder verharmlosenden?) Satz: „Es war ja nicht so, daß ein idealer Staat auf einen verdammenswerten Unrechtsstaat traf." Sellering und seine Verteidiger (ausführlich etwa Friedrich Schorlemmer im Neuen Deutschland) verschweigen oder beschönigen nicht das Totalitäre am DDR-System. Die Anklage, etwas „schönreden" (hier: das Gesundheitssystem und Teile des Sozialsystems) zu wollen, ist eine Totschlagvokabel. Sie bedient das Relativierungsverbot.

Wir kennen das bereits aus Zusammenhängen, für deren Wirkmechanismus Martin Walser einmal eine neue Waffengattung erfand: die Auschwitzkeule. Wir kennen diese Automatismen, dieses mediale Zusammenzucken aus Debatten ums Schächtungsverbot, um Familienwerte, ja, um Autobahnen. Das ist Schwarzweiß-Denken: Was auch immer im Rahmen einer Diktatur befördert wurde (ob Mütterlichkeit hier, Polikliniken da) ist schwarz. Ist alles andere deshalb hell & licht?

Lehnert geißelt das DDR-Bildungssystem, da es vor allem die Aufgabe hatte, seine Bürger so zu erziehen, daß der Staat nicht gezwungen war einzugreifen. Und: wer sich nicht an die ideologischen Vorgaben der Regierung halten wollte, dem sei ein totaler Unrechtsstaat gegenübergetreten. Wie sieht´s denn diesbezüglich ( also apropos Erziehung in staatlichen Schulen und Verfassungsschutz) in der BRD aus? Thorsten Hinz schrieb mal in der Jungen Freiheit, daß nach 1945 Ost und West als „Musterschüler ihrer jeweiligen Vormächte" reüssierten, der sie „die jeweilige geschichtsphilosophische Legitimität zubilligten". So ist es wohl. Und eine „gewisse Abgestumpftheit" (Lehnert zur Nieschenexistenz) gehört auch heute dazu, sich gesellschaftlich so richtig wohlzufühlen.

In der Welt hält man  Sellering außerdem vor, zu verkennen, "daß jede noch so kleine 'Errungenschaft' politisch motiviert war und die ohnehin ineffiziente DDR-Wirtschaft über die Maßen belastete." Schauen wir auch diesbezüglich auf die ganz-und-gar-heutige BRD, auf Krippenoffensiven und Abwrackprämien - und relativieren wir. Relativieren heißt: in Beziehung setzen.

Bildquelle: jurek d.


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Kommentare (13)

Christian Lehmann
31. März 2009 00:33

Ich stimme Ellen Kositza zu: Wer Sellerings Aussage kritisiert, muß sich fragen lassen: Erfüllt denn die BRD die Kriterien des "idealen" Rechtsstaats - oder, historisch korrekter gefragt: erfüllte sie diese vor der Wiedervereinigung? Wenn nicht, was unterschied BRD und DDR dennoch grundlegend? Ich denke, hier wäre in erster Linie die Reisefreiheit zu nennen. Differenzierter steht es wohl um die Freiheit der Meinungsäußerung. Dieses Grundrecht wurde wahrscheinlich in den 70er und frühen 80er Jahren der Bonner Republik am großzügigsten ausgelegt.

Dennoch ist die Kritik an der Causa Sellering nötig. Denn dieser Fall zeigt exemplarisch: Die Relativierung der roten Diktaturen ruft zwar Widerspruch hervor (und das gehört zu einer pluralistischen Gesellschaft), ist aber gesellschaftsfähig. Das In-Beziehung-Setzen der braunen Diktatur hingegen überlebt kein Politiker. Dabei könnte man z.B. historisch sachlich auflisten, welche noch heute oder noch bis vor kurzem gültigen Gesetze (Heilpraktikergesetz, Namensänderungsgesetz, Hebammengesetz, Schornsteinfegergesetz), welche Industrienormen und vieles mehr auf das Dritte Reich zurückgehen. Man könnte auch diskutieren, ob das Dritte Reich oder die DDR einen tieferen Einschnitt in der bürgerlichen Gesellschaftsordnung verursacht haben. - Doch all dies ist aufgrund des Dogmas von der Singularität des NS-Unrechts nicht möglich.
Solange dieses Tabu herrscht, müssen wir immer wieder fragen: Warum und mit welcher Intention sagt ein Sellering dies und behält seinen Job - und warum sagt eine Eva Herman oder ein Martin Hohmann das und verliert ihren/seinen Job? Dieses Mißverhältnis gilt es aufzuzeigen und die dialektischen Fallenstellungen waidgerecht zu "dekonstruieren" - um eine postmoderne Lieblingsvokabel zu verwenden.

rjaeck
31. März 2009 01:49

Natürlich muß der mecklenburgische Ministerpräsident seinem Wahlvolk ein paar süße Brocken zuwerfen. Hoffentlich ist letzteres nicht so sehr "ostalgie"geschwängert oder abgestumpft, daß es dies nicht durchschaut.

Übrigens war allzuviel Abgestumpftheit in der DDR gefährlich - viele meiner Generation (Jg. 1968) wurden bereits von den Eltern - was Wunder, die kannten's ja auch nicht anders - dazu erzogen, mit mindestens zwei Zungen zu sprechen (eine ganz private und eine offizielle, manchmal noch welche in Zwischentönen, je nach Freundes- und Bekanntenkreis). Das erforderte ein gehörig Maß an Wachsamkeit; die wurde uns jedoch schon in der Schule (natürlich vor dem Klassenfeind) eingetrichtert. Fazit: Die Indoktrination hatte also auch was Positives, man mußte das Gelernte nur auf anderen Gebieten anwenden:-)

Aber im Ernst: Da lob ich mir doch unsere heutige, zwar auch nicht vollkommene, aber doch immer noch (hoffentlich noch lange) genügend freie Gesellschaft, in der ich meine Zunge - unter Beachtung von Anstand und Sitte - gebrauche, wann und wie es mir paßt und in der ich z. B. auch ungestört diese Netzseite lesen kann.

Ihre scharfe Beobachtungsgabe, verehrte Frau Kositza, und die daraus folgende verblüffende Relativierung politisch motivierter sozialer Wohltaten bzw. ökonomischen Unfugs in beiden Systemen (DDR/BRD) kann ich nur bewundern. Es liest sich simpel, man kommt bloß selbst nicht drauf. Sie haben recht: Wer nicht vergleicht, kann nicht beurteilen. Verbote des Vergleichens, wie sie heutzutage sogar von deutschen Gerichten verhängt werden, sind jedoch gefährlich.

À propos, gibt es denn mittlerweile ein politisch korrektes Wort für "Autobahn"?

Heino Bosselmann
31. März 2009 08:21

Die Äußerung von Sellering ist banal und wäre nicht weiter der Rede wert, wenn nicht reflexartig die Betroffenheitsinszenierungen der politischen Exegeten einsetzten. Mit deren Gerede von der „zweiten Diktatur“ wird das Schuldgelände der deutschen Geschichte um ein vierzig Jahre langes Kapitel ausgedehnt. Zu Sachsenhausen tritt Hohenschönhausen, zur Gestapo die Stasi, zur SS die Grenztruppen. Ziel der geschichtspädagogischen Leitlinien ist es, vermeintlich pathologische Perioden im 20. Jahrhundert aufzuzeigen, die vermeidbar gewesen wären, hätten die Deutschen früher bereits die Reife der Grundgesetzväter von Herrenchiemsee gehabt. Unfug und Illusion, Bedürfnis nach Gegenbildern in Zeiten ideeller Erschöpfung. Inwiefern Nationalsozialismus und der SED-Satrapenstalinismus in einem übergreifenden historischen Kontext stehen, wird kaum aufgezeigt, weil das die Anspannung und Gründlichkeit historischer und ideengeschichtlicher Bildung voraussetzt, die die moderne Schule weder vermitteln will noch kann, und weil es dazu eines möglichst vorurteilsfreien und kühlen Blickes bedarf, der nicht allein von Kants Idee des „Ewigen Friedens“ und Hegels Geschichtsphilosophie bestimmt ist. Viel lieber bleibt man bei der bloßen Beschreibung von Phänomenen. Wenn Heiner Müller den Sozialismus als „ein Sommergewitter im Schatten der Weltbank“ bezeichnete, ist das nur ein süffisantes Bonmot – ähnlich verkürzend aber wie der offizielle Rückblick politischer Bildung auf die DDR. Interessant an diesem Staat ist allerdings, welcher Courage es bedurfte, darin zu bestehen. Dort musste man sich – jenseits von der Sediertheit durch „Wohlstand“ und „Demokratie“ - quasi existentialistisch verhalten und positionieren. Es gibt eben nicht „die DDR“; es gibt den Mauerschützen, der schuldig wird, und jenen, der zwei Jahre Militärknast in Kauf nimmt, weil er den Schuss vermied.

Toni Roidl
31. März 2009 09:01

Frau Kositza hat es auf den Punkt gebracht: Beide deutsche Rumpfstaaten gerierten sich nach 1945 als Musterschüler ihrer jeweiligen Großmächte. Die Schleimspur von Pankow nach Moskau war genauso glitschig wie die von Bonn nach Washington...
Kein Sachbuch stellt übrigens das relativierende Moment von Unterdrückung und »kommoder« Gängelung so klar dar, wie das von Stefan Wolle, das schon im Titel Sellerings Äußerungen zusammenfasst: »Die heile Welt der Diktatur«.
Wir erleben diesen Effekt doch an uns selbst: Wer kann schon 24 Stunden am Tag das »Scheißsystem« hassen? Manchmal braucht man einfach mal seinen Feierabend...

Thomas Hochrainer
31. März 2009 09:05

Hoppla Frau Kositza, bin ich im falschen Netztagebuch gelandet? Was uns da allenthalben als Errungenschaft der DDR verkauft wird, hat mit der Frage nach dem Unrechtsstaat meistens gar nichts zu tun. Das was am DDR Schulsystem im Vergleich zu dem der BRD angeblich so vorbildlich war, ist doch letztlich nichts anderes, als dass man sich in der DDR nicht von den 68ern jeglichen Leistungsgedanken ausreden gelassen hat. Alles Strukturelle von längeren Grundschulzeiten bis zur Einheitsschule ist, was den Bildungserfolg angeht, zweitrangig, wie die überzähligen Bildungsvergleiche der letzten Jahre gezeigt haben.

Sie fragen, wie es in der BRD war, wenn man sich in der Schule nicht an die "ideologischen Vorgaben der Regierung" gehalten habe. Zum einen gab es zumindest bis in die 90er Jahre in der BRD eine verhältnismäßig ausgeprägte echte Meinungsfreiheit. Um hier ernsthaft anzuecken musste man sich schon ziemlich weit rauslehnen. Wenn man es tat, wurde zunächst das Gespräch mit den Eltern gesucht. Nur wenn etwas strafrechtlich Relevantes vorgefallen war, konnte die Justiz aktiv werden. Keinesfalls konnte die Justiz aber darüber bestimmen, ob man sein Abitur machen oder welchen Beruf man ergreifen darf (Bei einer strafrechtlichen Verurteilung fallen natürlich gewisse Laufbahnen aus, aber anders kann ein Staat natürlich nicht funktionieren).

Relativierungen in dem von Ihnen hier vorgeführten Stil nach dem Motto: hier gibt es auch keine uneingeschränkte Freiheit also was macht es schon, wenn die Freiheit etwas drastischer eingeschränkt wird, sind tatsächlich unsinnig. Das hat mit "in Beziehung setzen" auch nichts zu tun, denn für einen Verlgeich muss man in die Einzelheiten gehen und kann es nicht bei scheinbar "tiefsinnigen" Andeutungen belassen.

Einie letzte Bemerkung: für die Bewertung der DDR als Unrechtsstaat ist die Frage nach der "idealen Rechtsstaatlichkeit" der BRD ohne Belang. Es zählt allein, was wir unter Rechtstaatlichkeit verstehen. Ob uns letzteres immer wissen, ist eine andere Frage.

Corvusacerbus
31. März 2009 09:52

Private Subkulturen, parallele Lebenswelten und -nischen, gesellschaftliche Grund- und Hintergrundstrukturen und staatliche Verfasstheit und Institutionen existieren immer aufeinander bezogen, sind aber nicht identisch und bewahren sich eine mehr oder minder ausgeprägte Autonomie. Das galt vor und während der Spaltung Deutschlands und Europas in zwei politisch gegensätzlich beherrschte Sphären westlich und östlich des eisernen Vorhangs und das gilt heute. Natürlich hat Selleing lebensweltlich recht (und redet natürlich nur deshalb so, um das Gemüt - nicht den Verstand - der Probanden auf dem Weg zur Wahlurne zu anzusprechen,). Eigentlich sollte man den Herrn Sellering noch nicht mal ignorieren ("Sellering? Wer ist eigentlich Sellering?"), aber der Mann sagt endlich mal was öffentlich, was nicht im Mainstream liegt, also sowas wie Lafontaine vormals mit seinen "Fremdarbeitern". Lafontaine hatte verstanden, weil er einen Sensus für das Gemüt der Leute hat, daß das nationale Element in den Gemütern der ehemaligen DDR-Bürger wesentlich stärker und vor allem für die Grundstimmung einer Persönlichkeit dort wesentlich bestimmender ist, als in einem durchschnittlichen Westgemüt und wenn man sie ansprechen will, das über nationale Sprache einfacher geht als mit linken Parolen - und Sellering macht das jetzt nach. Aber zurück zum Staat, der gesamten Gesellschaft und dem einzelnen Leben. Kositza hat recht, da kann man nur jeden warnen, sich nicht auf's hohe Roß zu setzen, denn die Fallhöhe ist immens. Vielleicht soviel: Das DDR-Bürgerturm und die meisten von denen, die mit dem System nicht glücklich waren oder gar opponiert haben, haben nicht nur im Turm gesessen, dem DDR-Leben angewidert zugeguckt und Westfernsehen geguckt, sondern ihre vielen kleinen Geschäfte und Händeleien unten am Land und im Kontakt mit Gesellschaft und Staat der DDR gemacht. Wenn sie sich jetzt über die alten Verhältnisse erheben, dann auch, weil ihnen ihre Geschäfte und Händeleien peinlich sind. Man kann nicht nicht gesellschaftlich sein bzw. Vergemeinschaftung ist immer nur Teil der, nicht Alternative zur Vergesellschaftung, niemals und nirgends (auch in der sachsenanhaltinischen Provinz nicht :-). Ich bin sicher, daß die Wahren, Guten und Schönen mit dem DDR-Nationalismus (der kein kommunistischer Nationalismus war, sondern ein deutscher) mehr mehr zu tun haben, als es Lehnert recht sein mag und daß dort mehr Leute auf kluge und respektable rechte Ansprache warten, als im Westen. "Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt, laß uns Dir zum Guten dienen, Deutschland einig Vaterland" wurde zwar auf SED-Geheiß nicht mehr gesungen, aber es wurde im Volk empfunden - bis zuletzt! Und wenn Deutschland nicht aufpasst, dann wird das Nationale ein entscheidenderer Impuls für die Rückbesinnung auf die DDR, als das Linke, im Sinne von "Die DDR war wenigstens deutsch...", als daß es Teil einer gesamtdeutschen Rückbesinnung wird.

Thomas Hochrainer
31. März 2009 11:16

Geehrter Corvusacerbus,

verstehe ich Sie richtig, dass Ihrer Meinung nach die Vasallen der Russen, die ihren Teil Deutschlands praktisch unrettbar (nicht mal mit Milliarden BRD-Geldern!) in den wirtschaftlichen Ruin geführt haben, die wahren Nationalen wahren? Aha.

Und was bitte ist an Sellerings Ansprache national oder rechts? Qualifiziert jede Art von Populismus und politischer Inkorrektheit schon zum Rechtssein? Jetzt sogar schon DDR-Nostalgie? Mein Westgemüt ist hier leider überfordert.

Right is right and left is wrong.

Timotheus
31. März 2009 14:21

Lobt da einer die DDR? Sollte man die DDR loben? Darf man überhaupt die DDR loben? Ist das nicht Relativierung? Und haben wir uns nicht darauf verständig Relativierungen von Unrecht generell schlecht zu finden?

Was macht das alles schon? Es ist Diskussion im Salon. Sellering lobt die DDR einfach, Punkt, wofür er in Mecklenburg und dem Rest Pommerns entsprechende Zustimmung ernten dürfte, und zwar völlig unabhängig davon, ob man es könnte, sollte, dürfe usw.

Wem schadet es? Schlimmstenfalls fühlen sich die Opfer der Stasi verhöhnt, aber die waren allzeit in der Minderheit, weswegen auf sie einer Mediendemokratie auch keine Rücksicht genommen wird.

Sollte man als Rechter darauf eingehen? Früher hätte ich wohl gesagt: Zum Teufel, ja! Heute bin ich mir da nicht mehr sicher. Verstehe mich niemand falsch; ich bin froh nicht in der DDR gelebt zu haben und sehne sie mir nicht herbei, aber wenn selbst die SED einen, auf ihre Art und Weise, konservativeren Staat, mit mehr öffentlicher Ordnung, mit mehr Patriotismus und weniger Multikulti zustande gebracht hat, als es die CDU unter ausgewiesenen Konservativen je konnte, dann sollte das zum Nachdenken animieren, und zwar weniger über die Frage, ob die DDR ein Unrechtsstaat war oder nicht, darüber braucht es keiner Diskussion, sondern darüber, wie repräsentativ unsere Demokratie eigentlich ist.

Martin
31. März 2009 16:15

Hier gibt es nichts zu relativieren oder zu vergleichen !

Ein Wessi schleimt sich auf billige Art bei seinem "Ossi-" Wahlvolk ein. That´s all ....

Jede Empörung über Sellering verstärkt die Solidarisierung der "schweigenden Mehrheit" (im Osten) mit ihm ... dass war von Herrn Sellering auch bewusst so eingeplant. Billiger kann man sich nicht populär machen .... treiben wir ihm die Punkte nicht noch mit einer übertriebenen Würdigung zu ...

Der selbe Effekt tritt übrigens auch beim so arg bejammerten "nazi-bashing" ein .... die Masse der Gutmenschen fühlt sich wohl und bestätigt und die, die "geschlagen" werden, fühlen sich erst recht bestätigt in ihrer Position ... derartige Vorgänge dienen daher meist mehr der eigenen Stärkung des eigenen Lagers als einer echten Klärung. Jedes System braucht seine Hofnarren, das ist klar - die Rechten wie die extremen linke nimmt diese Rolle in unserem Staat ein - sollte der Hofnarr zu frech werden, wird er eben geköpft - so war es doch schon immer, oder ?

Im Übrigen ist jedem, der halbwegs ehrlich zu sich selber ist, klar, dass jeder ein Teil des Systems ist, in dem er lebt und dass jeder einen Preis für sein Leben in einem "System" zu zahlen hat .... in der DDR gabs eben Plattenbauwohnung, textilfreier Badeurlaub an der Ostsee, Trabbi und Bier nur fürs "Maul halten" etc.

Im dritten Reich die heimelige Volksgemeinschaft nur für Repression gegen Dritte und Krieg ....

Bei uns im Westen ist für unseren Lebensstil eben auch ein Preis zu zahlen. Die letzte Wertung über unser Leben werden unsere Nachkommen abgeben. Ich jedenfalls bereite mich bereits jetzt innerlich darauf vor, bereits von meinen Kindern schwere Vorhalte über unseren Lebensstil zu erhalten. Ob man sich damit rechtfertigen kann, zumindest ein"Hofnarr" gewesen zu sein, wage ich zu bezweifeln ...

Torsten
31. März 2009 20:50

Corvusacerbus hat recht: Die DDR war deutscher als die alte BRD. Sie hat die Verwestlichung in weit geringerem Maß mitgemacht, denn das Westliche, Amerikanische, war offiziell das Feindliche oder zumindest das Spätbürgerlich-Dekadente. Andererseits gab es keine "Veröstlichung" oder "Russifizierung" der DDR-Kultur, weil die Bevölkerung das nicht angenommen hat. Die russischen Wörter, die Teil der ostdeutschen Alltagssprache geworden sind, lassen sich an den Fingern einer Hand abzählen: Datsche, Soljanka, Kosmonaut... Die sowjetische Popularkultur hat in der DDR keine Rolle gespielt. Von der linken Ideologie einmal abgesehen, war die DDR im Vergleich zur Nach-68-BRD eine ziemlich konservative, deutsche, preußische Veranstaltung mit Blasmusik, Stechschritt und Zapfenstreich.
Ich habe damals nahe der Westgrenze auf einem Dorf (im heutigen Sachsen-Anhalt) gewohnt. In dem Dorf gab es einen Volkspolizisten, dessen Aufgabe es vor allem war, potentielle DDR-Flüchtlinge aufzugreifen, bevor sie ins Grenzgebiet (die Sperrzone) vordringen konnten. Er ist dieser Aufgabe mit Eifer nachgekommen. Derselbe Polizist ist vor dem Fernseher aufgestanden und hat Haltung angenommen, als die BRD-Fußball-Nationalmannschaft irgeneine Meisterschaft gewonnen hat und aus diesem Anlaß das Deutschlandlied gespielt wurde.
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Marco Reese
31. März 2009 21:01

Es sollte einmal bedacht werden, daß BRD und DDR ja denselben Wurzeln entstammen, nämlich einer Niederlage Deutschlands gegen eine ideologisch us-links bis moskau-links gefärbte Koalition 1945. Wenn man den Kalten Krieg als Auseinandersetzung zwischen feindlichen Brüdern betrachtet, kann man BRD und DDR nicht mehr als einander grundsätzlich entgegengesetzt betrachten, auch wenn es in der frühen BRD, wie auch zur selben Zeit in den VSA, eine Wendung gegen den Kommunismus gegeben haben mag. Die Re-education und die "westlich-deutsche Generallinie" (Reinhart Maurer) nicht zu vergessen. Und der Linksdrall in den Medien war doch nun schon einmal da, und nach 1968 ging es dann weiter nach links. Man denke da auch an die Quasi-Zusammenarbeit sozialdemokratischer westdeutscher Offizieller mit SED-Kreisen. 1989 hat in der Tat die BRD die DDR gleichsam aufgesaugt, aber eben nicht, ohne von dieser etwas aufzunehmen, was aber längst angelegt war. Eine 68er-BRD hat die SED-DDR in sich aufgenommen. Auch wenn man um und nach 1989/1990 andere, rechte Hoffnungen hegen mochte. Nun haben wir die Groß-BRD, 68er-BRD + Rest der DDR, mit gewisser Stellung alter Genossen, die BRDDR.

Was eine echte, d. h. beinahe geschichtsphilosophische Debatte verhindert, ist auch die BRDDR-Froschperspektive, die 1933-1945 nur den braunen Demiurgen walten sieht, von dem die bundesrepublikanische, rötliche, 68er-usf-Gnosis befreien soll; vor 1933 gibt es nur den gescheiterten Versuch dieser demokratisch-demokratistischen Gnosis, vor 1918 nur den Demiurgen im Kleineren, wenn man überhaupt darüber hinaus blickt.

Natürlich fallen "Bürgerliche" auf Äußerungen wie die Sellerings herein. Anstatt diese zum Anlaß für eine umfassende Debatte zu nehmen, auch über das Leben in Parteientyranneien allgemein, d. h. auch im Nationalsozialismus, sowie über die ideologischen Grundlagen - der Moderne insgesamt - und entsprechende Zusammenhänge, weisen sie die Aussage einfach zurück, ohne sich aber auf etwas Tragfähiges beziehen zu können, das die alte BRD tatsächlich nur in geringem Maße sein kann. Aber aus anderen Gründen, als es auf der Linken behauptet wird. Oder sagen wir: was in der BRD falsch lief, lief in der SBZ eher noch mehr falsch.

So verliert man gegen die Linke - wenn man sich von ihr die Fronten aufdrängen läßt. Aber die Frontlinie verläuft nicht einfach zwischen BRD und DDR. Es gibt noch andere, weit wichtigere. Aber um dies zu sehen, ist eben geschichtliches Denken notwendig.

Corvusacerbus
1. April 2009 08:48

Sehr geehrter Thomas Hochrainer, an Sellerings Gerede ist auf den ersten Blick gar nix rechts, mittig oder links, das ist einfach Anschmeicheln ans Gemüt. Aber beim zweiten Hinsehen erkennt man, daß diese Gemütsanschmeichelung nur gelingt, weil diejenigen, die angesprochen werden (das betrifft selbst die ehemaligen DDR-Bürger, die ihr neues Bundesland längst verlassen haben, denn die haben oft Heimweh und sind im Westen nicht wirklich angekommen), eine hohe Empfänglichkeit für Appelle ans Heimatgefühl haben. Und "Heimat" ist einer rechter Topos ... zum Leidwesen der Linken. Das wußten die Kommunisten und waren auch keine heimatlosen Gesellen (es ist also kein Zufall, daß Stalin 1941 nicht die Rettung des Sozialismus ausgerufen hat, sondern den "Großen vaterländischen Krieg"). Die Kommunisten, auch und gerade die der SED, wußten auch, daß der Zusatz "sozialistische" nicht geeignet ist, den Topos Heimat links zu machen. Die Sozen haben das auch mal begriffen und waren nicht immer so trendig-unhistorisch wie heute. So hat Willy Brandt, der zurecht eine Chance witterte mit der SPD stärker als die Union zu werden, seine 72'er Kampagne unter das schwarz-rot-gold umspielte Motto: "Deutsche, Ihr könnt stolz sein auf Euer Land", gestellt, weil nur so auch in Westdeutschland damals eine Mehrheit unter der Bevölkerung drin war (die sogenannte "strukturelle Mehrheit" ist nur mit Menschen zu gewinnen, die mit rechten Topoi im Gemüt und Verstand denken, fühlen und politisch entscheiden). Aber ehe ich ins Allgemeine abschweifen: Mir geht es einfach darum, festzuhalten, daß die tiefen, gefühlten und erahnten Bindungen an sein Land, seine Heimat, seine Herkunft, seine Sprache und Sprachfärbung in der alten Bundesrepublik generell immer mehr verblassen und nur noch in Bayern so stark erkennbar sind, wie in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, der Altmarkt, Anhalt, Thüringen und Sachsen (Berlin lasse ich weg, das führt hier zu weit). Es geht mir nicht um die Politik der SED und ich will schon gar nicht die ökonomische Dämlichkeit der honeckerschen Politik ab Mitte der 70iger Jahre schönreden. Es geht mir um das von keinem ideologischen Zensor zu vernichtende starke
nationale Element der typischen DDR-Persönlichkeit. Überspitzt gesagt, war der typische "Normal-DDR-Bürger" erstmal Nationalist, dann kam lange nichts und irgendwann war man bei Aufmärschen und Sammelaktionen auch ein wenig Internationalist. Auch die überzeugten Kommunisten waren mindestens so nationalistisch wie internationalistisch und in dem Slogan "Der Frieden muß bewaffnet sein" war also immer die Aussage versteckt "Meine Heimat muß bewaffnet und wehrfähig sein". Es war und ist für mich immer noch belustigend, wenn man beruflich mit Russen, Polen oder Rumänen zu tun hat (das sind meistens Ex-Funktionäre, während die Ex-Bürgerrechtler in der Wirtschaft wenig erreicht haben und eher bei der Kirche Vorträge halten etc.), zu erkennen, daß deren Fremdbild der DDR vor allem auf der Erkenntnis deutscher Tugenden und Fähigkeiten - auch typisch deutscher Besserwisserei und langer gelehrter Vorträge auf RGW-Tagungen - beruht. Diese fremden
Zeitzeugen bestätigen ex eventu die ironische Selbstwahrnehmung, die DDR sei "die stärkste DDR der Welt" gewesen und mir geht es darum, diesen stark ausgeprägten Patriotismus nicht zu übersehen und schon gar nicht zu denunzieren. Der rechts-patriotisch eingestimmte Wessi soll sich bei der Erkenntnis, daß das kein gesamtdeutscher, sondern ein DDR-Patriotismus ist, innerlich entspannen, denn die deutsche Rechte muß patriotische Feste feiern, wie sie fallen ... wem's hilft im Gemüt, kann ja Hammer und Sichel raus retuschieren und nicht DDR denken oder schreiben (nein, auch nicht "DDR"...), sondern Deutsche DR ;-)

Marco Reese
1. April 2009 14:43

Die Debatte über den - nicht offiziellen und eben auch vom M-L übertönten und durch verzerrtes Verhältnis zur Tradition geschwächten und verunreinigten - nationalen, deutschen Charakter der "DDR" ist durchaus sehr interessant. Mein 83jähriger Großonkel, der sein ganzes Leben lang auf einem kleinen Dorfe nahe Mühlhausen wohnt, aber seit Jahrzehnten SED-Sympathisant ist bis heute, wirkt auf mich doch sehr "deutsch". Aus Bekanntenkreisen höre ich auch hin und wieder von nationalen Wendungen älterer sed-linker Personen.

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