Sezession
22. August 2011

Wollt Ihr die totale Sexdemokratie?

Ellen Kositza

Ein kleiner Rückblick auf den slutwalk geheißenen Schlampenmarsch vergangener Woche sei gestattet. Nicht, daß dieses kesse Schaulaufen überbewertet werden soll – eine Überberwertung dieses neuerlichen Ausdrucks sogenannter sexueller Selbstbestimmung fand vielmehr via dutzender Titelphotos und ausführlicher Medienberichte statt. Der Geilheitsfaktor der Schlampen, Trampel und ihrer solidarischen Schwester und Brüder schien beträchtlich zu sein. Bei Betrachtung der Photos (die im Netz reichlich zu finden sind) und Resümmes gilt es folgendes festzuhalten:

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

1. Meine Erfahrung, daß sexuelle Belästigung zuvörderst ein Phänomen von Einwanderergesellschaften ist, besser gesagt, von Nicht-Autochthonen sehe ich zwar nicht explizit geteilt, aber dennoch expressis verbis: Welchen Grund sollte es sonst haben, daß die protestierenden Frauen „Don´t touch this“ oder „This is not a permission!“ auf ihre geschnürten Dekolletes schmierten und Schilder hochhielten, auf denen „No means no“ geschrieben stand oder „My little black dress does not mean yes“? Daß Werbeslogans hierzulande gern Anliehen an Anglizismen nehmen, ist bekannt. Hier geht es aber um klare Ansagen, die beim Adressaten ankommen sollen. Frau scheint davon auszugehen, daß jene, die sich Angesprochen fühlen sollen, der deutschen Sprache nicht unbedingt mächtig sind. Oder interpretiere ich das falsch? Ist die Wahl einer glatten, global verständlichen Sprache als Rückzug zu werten aus der via Teilnacktheit präsentierten Intimzone hin zu einem irgendwie „coolen Statement“?

2. Das Gros der Teilnehmer wertet die bundesweiten Märsche als Erfolg, wie auch immer man/frau zu solcher Einschätzung kommen kann. (Haben die etwa mit Gegendemos gerechnet? Mit Leuten, die Transparente hochhalten, auf denen „Schlampen sind unser Untergang“ steht? Mit Mitbürgern, die geballte Fäuste recken oder – als sogenannte Spießer - mit nackten Fingern auf halbangezogene Menschen deuten? Die Macher der online-Zeitung Rote Fahne news zitieren eine Stellungnahme aus dem Organisationsteam, wonach sich Teilnehmerinnen einen behutsameren journalistischen Umgang mit ihren zur Schau gestellten Körperteilen gewünscht hätten:

Wünschenswert wäre gewesen, wenn sich diejenigen Pressevertreter/innen und Privatfotographen, die sich über die Aufforderung des Organisationsteams, Detailaufnahmen und Einzelbilder mit den Fotografierten abzusprechen, hinweggesetzt haben, über die zentralen Anliegen der Demonstration mehr Gedanken gemacht hätten und mehr Wert auf gegenseitiges Einvernehmen gelegt hätten. ..."

Klar! Weil das auf anderen Demos so üblich ist: Entschuldigen Sie bitte, dürfte ich diese Tätowierung auf dem Nacken mal von nah photographieren? Wären Sie einverstanden, daß ich diese eben aufgenommene Geste ihrerseits als Titelbild verwende?

Nicht hundertprozentig zufrieden sind auch die Leute von LesMigraS ( Lesbische/bisexuelle Migrant_innen und Schwarze Lesben und Trans*Menschen, der Antigewalt- und Antidiskriminierungsbereich der Lesbenberatung Berlin e.V.) Gemäß deren „Gewaltverständnis“ ist

 „ein_e lesbische_r, bisexuelle_r Frau/Trans*Mensch nicht nur lesbisch oder bisexuell, sondern hat auch immer eine Herkunft, eine Hautfarbe, einen Körper mit einer bestimmten Befähigung oder Beeinträchtigung, eine (oder mehrere) Genderidentität(en) und befindet sich somit in Bezug auf Diskriminierungs- und Gewalterfahrungen immer an verschiedenen Schnittstellen. In diesem Zusammenhang sprechen wir von Mehrfachzugehörigkeit und Mehrfachdiskriminierung.“

Beklagt wird von dieser Seite, daß „mehrfachzugehörige und vom Stigma „Schlampe“ betroffene Personen“  nicht von Anfang an beteiligt und nur kurzfristig angesprochen wurden, ob sie auch dabei sein würden. Herrje: Kein Dach ohne ach!

3. Was war noch mal Aussage und Stoßrichtung dieser bundesweiten Massenveranstaltung? Eine Banalität und eine Naivität. Banal: Wir protestieren entschieden gegen Vergewaltigung und gegen tätliche, sexuell konnotierte Übergriffe. Ja, diese Einstellung kann man teilen. Klare Kante gegen Vergewaltigung, genau wie gegen Mord, Raub, Brandschatzung Erpressung und dergleichen Schindluder. Mußte das also endlich mal demonstriert werden? Gut.

Naiv: Wir wollen auch nackt durch den Park laufen dürfen, öffentlich Reizwäsche etc. tragen, ohne schief angeschaut zu werden. Auch im Minikleid und bauchnabelfrei (trage ich nur, weil es mir ganz persönlich guttut!) verbitte ich mir sexistische Blicke; Pfiffe und Sprüche erst recht.
Test


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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