Liberale Offenbarungseide

pdf der Druckfassung aus Sezession 41 / April 2011

von Peter Kuntze

Als »Schande«, als »Katastrophe« und »krachende Niederlage« haben die Zeit und die Süddeutsche Zeitung das Agieren des Westens angesichts des revolutionären Umbruchs im Nahen Osten beschrieben. Doch ehrlicherweise beließen sie es nicht bei der zutreffenden Analyse; um zumindest einen Funken Glaubwürdigkeit zu wahren, sahen sich sowohl das wöchentliche als auch das tägliche Leitorgan des deutschen Linksliberalismus gezwungen, ein großes mea culpa anzustimmen und sich reuig an die Brust zu schlagen. »Die Ereignisse treffen uns blamiert und überrascht«, gestanden Anfang Februar Bernd Ulrich und Jan Ross, der eine stellvertretender Chefredakteur, der andere außenpolitischer Koordinator der Zeit. Als sei ihnen erst jetzt bewußt geworden, wie sehr die jahrzehntelange Unterstützung autokratischer Folterregime den ansonsten stets lauthals proklamierten Idealen von Freiheit, Demokratie und Menschenrechten hohn sprach, wehklagten sie: »Was sollen die Menschen dort von uns denken? War es nicht so, daß hinter all dem realpolitischen Gerede ein borniertes Interesse stand? Rohstoffe wollte man, reisen, tauchen im Roten Meer, und bitte keine Flüchtlinge aus Afrika.« Glänzender, und das aus der Feder zweier führender Apostel der westlichen Heilsbotschaften, konnte Carl Schmitts Diktum »Wer Menschheit sagt, will betrügen« nicht bestätigt werden.

 Gastbeitrag

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Nicht min­der beknirscht als sei­ne Gesin­nungs­freun­de aus Ham­burg gab sich Ste­fan Kor­ne­li­us, Außen­po­li­tik-Chef der Süd­deut­schen Zei­tung: »Es endet der Ver­such, die nach dem Kal­ten Krieg erwor­be­ne Domi­nanz auf­recht­zu­er­hal­ten. Es beginnt eine neue Pha­se, in der Demut und Selbst­be­gren­zung gebo­ten sind. Und im Mit­tel­punkt steht die Erkennt­nis, daß sich Demo­kra­tie und Frei­heit nicht von außen erzwin­gen oder erkau­fen las­sen – sie müs­sen von innen gewollt sein.« Auch das waren völ­lig neue Töne. Bis­lang näm­lich gal­ten den libe­ra­len Par­tei­gän­gern der USA das Selbst­be­stim­mungs­recht der Völ­ker sowie die eben­falls in der UN-Char­ta ver­an­ker­ten Prin­zi­pi­en der natio­na­len Sou­ve­rä­ni­tät und der Nicht­ein­mi­schung in inne­re Ange­le­gen­hei­ten als läs­ti­ge Peti­tes­sen, wenn es dar­um ging, ande­re Natio­nen zu beglü­cken und bei ihnen die west­li­chen Wer­te not­falls auch durch »huma­ni­tä­re Inter­ven­tio­nen« zu ver­brei­ten. Der Scher­ben­hau­fen die­ser aus Arro­ganz und his­to­ri­scher sowie kul­tu­rel­ler Igno­ranz gespeis­ten Poli­tik läßt sich der­zeit auf dem Bal­kan, im Irak und in Afgha­ni­stan besichtigen.
Einer der pro­mi­nen­tes­ten Ver­fech­ter der »neu­en demo­kra­ti­schen Welt­ord­nung« war der im Dezem­ber 2010 ver­stor­be­ne US-Diplo­mat Richard Hol­broo­ke. Bereits 1995 hat­te er sei­ne Visi­on in der Zeit­schrift For­eign Affairs dar­ge­legt und eine umfas­sen­de trans­at­lan­ti­sche Stra­te­gie gefor­dert. Doch ange­sichts des Auf­stiegs meh­re­rer »Schwel­len­län­der«, in ers­ter Linie Chi­nas, sowie der neu­en Macht­ver­hält­nis­se im Nahen Osten, haben die Libe­ra­len erkannt, daß das west­li­che Pro­jekt, das selbst­re­dend von Deutsch­land als wil­li­gem Bünd­nis­part­ner kri­tik­los mit­ge­tra­gen wur­de, Schiff­bruch erlit­ten hat. So ver­öf­fent­lich­te die Zeit in jener Aus­ga­be, in der Ulrich und Ross die Bla­ma­ge des Wes­tens als ihre per­sön­li­che ein­ge­stan­den, den Auf­satz zwei­er Mit­ar­bei­ter des Insti­tuts für Inter­na­tio­na­le Stu­di­en der Hel­mut-Schmidt-Uni­ver­si­tät (Ham­burg), die das Resü­mee ihres Buches Illu­si­on State­buil­ding zogen: »Inter­ven­tio­nen soll­ten nicht län­ger als freund­schaft­li­che Koope­ra­ti­on, als wohl­mei­nen­des und letzt­lich neu­tra­les Hilfs­an­ge­bot ver­stan­den wer­den … West­li­che Gesell­schaf­ten soll­ten ihre Selbst­täu­schung been­den und erken­nen, daß sie nicht in der Lage sind, mit tech­ni­schen Mit­teln die Welt nach ihrem Vor­bild umzuformen.«

Die Zei­chen der Zeit hat auch der frü­he­re ame­ri­ka­ni­sche Sicher­heits­be­ra­ter Zbi­gniew Brze­zinski erkannt. In einem Inter­view anläß­lich der Münch­ner Sicher­heits­kon­fe­renz erklär­te er gegen­über der Süd­deut­schen Zei­tung: »Wir müs­sen uns davor hüten, unse­re Maß­stä­be zu uni­ver­sa­li­sie­ren. Man kann sei­ne eige­nen Maß­stä­be schät­zen, aber wenn man sie in der gan­zen Welt anwen­den will, wird man erns­te Schwie­rig­kei­ten bekom­men … Die anglo-euro­päi­sche Demo­kra­tie ist nicht not­wen­di­ger­wei­se rich­tungs­wei­send für die gesam­te Welt. In vie­len Welt­ge­gen­den – etwa im Nahen Osten, in Afri­ka oder Asi­en – gibt es ande­re Vor­stel­lun­gen von der Orga­ni­sa­ti­ons­form einer Gesell­schaft.« Dies ist seit jeher das Cre­do aller Kon­ser­va­ti­ven, die, aus­ge­hend von der eth­nisch-kul­tu­rel­len Viel­falt, Ver­su­che zur Homo­ge­ni­sie­rung der Welt als fata­le Irr­we­ge ver­blen­de­ter Kos­mo­po­li­ten und Inter­na­tio­na­lis­ten verurteilen.
Wie­der ein­mal muß­ten Lin­ke und Libe­ra­le durch die Kon­fron­ta­ti­on mit der Wirk­lich­keit zur Kennt­nis neh­men, daß sie sich in einer ideo­lo­gi­schen Sack­gas­se befin­den. Der Ver­such, ihr Dilem­ma als unver­meid­li­chen und schmerz­haf­ten Spa­gat zwi­schen Moral und Real­po­li­tik dar­zu­stel­len, ver­fängt nicht. Der ent­schei­den­de Punkt ist nicht die legi­ti­me Ver­fol­gung natio­na­ler Inter­es­sen, das Empö­ren­de sind die Heu­che­lei, die dop­pel­ten Stan­dards und das zwei­er­lei Maß, mit dem die west­li­chen Staa­ten und ihre Pro­pa­gan­dis­ten agier­ten und agie­ren. Ara­bi­sche Des­po­ten wur­den hofiert – weiß­rus­si­sche, chi­ne­si­sche, ira­ni­sche und ande­re Poli­ti­ker wur­den und wer­den men­schen­recht­lich belehrt und mit Sank­tio­nen bedroht. Isra­els völ­ker­rechts­wid­ri­ge Sied­lungs­po­li­tik und sein oft­mals staats­ter­ro­ris­ti­sches Vor­ge­hen gegen die Paläs­ti­nen­ser wer­den seit mehr als vier­zig Jah­ren gedeckt, die 2006 in frei­en und inter­na­tio­nal über­wach­ten Wah­len im Gaza-Strei­fen an die Macht gelang­te Hamas wird dage­gen wie ein Paria geäch­tet. Ungarns neu­es Medi­en­ge­setz haben Lin­ke und Libe­ra­le inner­halb und außer­halb des EU-Par­la­ments schär­fer kri­ti­siert als das Feh­len jeg­li­cher Mei­nungs- und Pres­se­frei­heit in den ver­bün­de­ten ara­bi­schen Län­dern. In Alge­ri­en wur­de 1992 unter dem Bei­fall des Wes­tens der Aus­nah­me­zu­stand ver­hängt, als sich ein kla­rer Sieg der isla­mis­ti­schen FIS in den bis­her ein­zi­gen frei­en Par­la­ments­wah­len abzeich­ne­te. Die Ver­drän­gung der Isla­mis­ten in den Unter­grund und der nach­fol­gen­de Bür­ger­krieg for­der­ten bis zu 170 000 Todesopfer.
Beson­ders schä­big und ent­lar­vend war im Fall Tune­si­en das offi­zi­el­le Ver­hal­ten der ehe­ma­li­gen Kolo­ni­al­macht Frank­reich, die sich stets als Land der Men­schen­rech­te aus­gibt. Als die Tune­si­er Anfang Janu­ar zu Tau­sen­den gegen den kor­rup­ten Prä­si­den­ten Ben Ali auf die Stra­ße gin­gen, bot Außen­mi­nis­te­rin Miché­le Alli­ot-Marie in der Pari­ser Natio­nal­ver­samm­lung dem bedräng­ten Regime Unter­stüt­zung an: »Das in aller Welt geschätz­te Kön­nen unse­rer Sicher­heits­kräf­te erlaubt es, Situa­tio­nen die­ser Art zu regeln.« Spä­ter erklär­te sie, sie habe doch nur Hil­fe offe­riert, um das Leben der Demons­tran­ten zu schüt­zen. Dies war wenig glaub­wür­dig, denn kurz dar­auf, am 14. Janu­ar, als Ben Ali aus sei­nem Land flüch­te­te, stopp­te der Zoll auf dem Pari­ser Flug­ha­fen Charles de Gaul­le eine Waren­lie­fe­rung. Sie war an das tune­si­sche Regime adres­siert und ent­hielt Schlag­stö­cke und Trä­nen­gas. Wie Pre­mier­mi­nis­ter Fil­lon ein­räu­men muß­te, hat­ten die Behör­den noch am 12. Janu­ar ent­spre­chen­de Aus­fuhr­ge­neh­mi­gun­gen erteilt. Alli­ot-Marie, die Ende Febru­ar zurück­tre­ten muß­te, hat­te kei­ne Ein­wän­de erhoben.
»War­um muß­ten wir Trä­nen­gas nach Ägyp­ten expor­tie­ren?« frag­te ein Blog­ger der ame­ri­ka­ni­schen Online-Zei­tung Huf­fing­ton Post, nach­dem Demons­tran­ten auf dem Kai­ro­er Tah­r­ir-Platz mit bei­ßen­dem Rauch trak­tiert wor­den waren. Medi­en zufol­ge stand auf den Kanis­tern »Made in USA«. Und in der Tat: Das Tak­tie­ren Washing­tons war im Fall Ägyp­ten nicht weni­ger beschä­mend als das des fran­zö­si­schen Ver­bün­de­ten. Wäh­rend Außen­mi­nis­te­rin Hil­la­ry Clin­ton noch am 27. Janu­ar, zwei Tage nach Beginn der Unru­hen, erklär­te, »Ägyp­ten ist sta­bil«, brauch­te Barack Oba­ma – von der Zeit bereits vor sei­ner Wahl als »Welt­prä­si­dent« gefei­ert und kurz nach Amts­an­tritt in Oslo mit dem Frie­dens­no­bel­preis aus­ge­zeich­net – fast eine Woche, um sei­ne Sprach­lo­sig­keit zu über­win­den. Das dröh­nen­de Schwei­gen ange­sichts der fried­li­chen Demons­tra­tio­nen in Kai­ro wur­de welt­weit als eben­so hilf­los wie jäm­mer­lich ein­ge­stuft, zumal sich die USA ansons­ten über­all als Wäch­ter der Men­schen­rech­te gerie­ren. Als es Washing­ton end­lich gelang, wie­der sein gewohn­tes Strip­pen­zie­hen hin­ter den Kulis­sen auf­zu­neh­men, hat­te es – wie der gesam­te Wes­ten – nicht nur bei den Ägyp­tern jede Glaub­wür­dig­keit verloren.

Drei­ßig Jah­re lang hat­te das Regime am Nil von den USA jähr­lich zwei Mil­li­ar­den Dol­lar erhal­ten, davon allein 1,3 Mil­li­ar­den Mili­tär­hil­fe. Daß Ägyp­ten die gan­ze Zeit unter Aus­nah­me­recht stand, daß Muba­rak die Ver­fas­sung zu sei­nen Guns­ten änder­te und alle Wah­len mani­pu­lie­ren ließ, stör­te kaum jeman­den im Wes­ten. Weder in Washing­ton noch im EUPar­la­ment erhob sich Pro­test, als auch die Par­la­ments­wah­len im Dezem­ber 2010 so gefälscht wur­den, daß sich acht­zig Pro­zent der Abge­ord­ne­ten aus Par­tei­gän­gern des Prä­si­den­ten rekru­tier­ten. Ein hal­bes Jahr zuvor hat­te Außen­mi­nis­ter Wes­ter­wel­le den grei­sen »Pha­rao« gar als »Mann mit enor­mer Erfah­rung, gro­ßer Weis­heit und die Zukunft fest im Blick« gepriesen.
In den Tagen des ara­bi­schen Auf­ruhrs rezi­tier­ten Demons­tran­ten von Tunis bis Alex­an­dria immer wie­der das Gedicht »An die Tyran­nen«, das der tune­si­sche Dich­ter Abu al-Qasim 1933 geschrie­ben hat­te und in dem es heißt: »Hütet euch! Unter der Asche brennt das Feu­er. / Wer Dor­nen züch­tet, wird Wun­den ern­ten.« Weni­ger poe­tisch hat­te schon Mao Zedong jene Wahr­heit als eher­ne Regel bezeich­net: »Wo es Unter­drü­ckung gibt, da gibt es Wider­stand – das ist ein vom mensch­li­chen Wil­len unab­hän­gi­ges Gesetz.« Die­se Erkennt­nis nicht beher­zigt zu haben, führ­te dazu, daß für die Libe­ra­len das Jahr 2011 mit einem außen­po­li­ti­schen Deba­kel begann. Beson­ders hart traf es ihre deut­schen Ver­tre­ter, hat­ten sie doch bereits im Vor­jahr meh­re­re Nacken­schlä­ge in der Innen­po­li­tik ein­ste­cken müs­sen, die ihre bis­he­ri­ge Deu­tungs­ho­heit ins Wan­ken gebracht hat. Unter der Rubrik »Was ist bloß mit uns los?« zog Vize-Chef­re­dak­teur Bernd Ulrich im Dezem­ber auf einer gan­zen Zeit-Sei­te eine bestür­zen­de Bilanz. Zwar sprach er dabei stets von dem Jour­na­lis­mus, in Wahr­heit aber ging es um jenen Links­li­be­ra­lis­mus, der seit Jahr­zehn­ten die wich­tigs­ten Bas­tio­nen in Deutsch­lands Medi­en besetzt hält und mit sei­nen Den­kund Sprach­re­geln das Mei­nungs­kli­ma bestimmt.
Als ers­te Schlap­pe des ver­gan­ge­nen Jah­res mach­te Ulrich den Miß­brauchs­skan­dal an der reform­päd­ago­gi­schen Oden­wald-Schu­le aus. Obwohl der Fall schon vor zehn Jah­ren publik gewor­den sei, habe kei­ne Zei­tung groß dar­über berich­tet. »In den Redak­tio­nen«, so Ulrich, »wur­de damals von den je Zustän­di­gen beschlos­sen, die Sache ›nicht auf­zu­bau­schen‹, um der Reform­päd­ago­gik nicht zu scha­den, ihren Geg­nern nicht in die Hän­de zu spie­len.« Es habe sich um einen »poli­tisch-moti­vier­ten Cui-bono-Jour­na­lis­mus, genau­er: um Unter­las­sungs­jour­na­lis­mus« gehan­delt. Zur größ­ten Schlap­pe »für das Gut­ge­mein­te« habe sich jedoch der Fall Sar­ra­zin ent­wi­ckelt. Ulrich muß­te ein­räu­men, daß sich eine Mil­li­on ver­kauf­ter Exem­pla­re des Sar­ra­zin-Buches Deutsch­land schafft sich ab nicht allein mit Res­sen­ti­ment-Bedürf­nis­sen der Leser erklä­ren lie­ßen – viel­mehr zeig­ten sie, »daß auch wir, die libe­ra­len Medi­en«, etwas falsch gemacht hät­ten. Und dann lie­fer­te er eine Begrün­dung, die so hane­bü­chen ist, daß sie einer Bank­rott­erklä­rung des viel­ge­prie­se­nen »Qua­li­täts­jour­na­lis­mus« gleich­kommt: »Man muß wis­sen, daß in den meis­ten Redak­tio­nen fast kei­ne Migran­ten arbei­ten, daß deren Lebens­welt ihnen fremd ist. Dar­um wur­de Kennt­nis all­zu oft durch Cor­rect­ness ersetzt. Man woll­te den ›Aus­län­dern‹ nicht scha­den, des­we­gen wur­de zu wenig über Miß­stän­de berich­tet, aber auch kaum über das wirk­lich pral­le Leben mit sei­nen dra­ma­ti­schen Kon­flik­ten und oft fas­zi­nie­ren­den Lösun­gen. So ent­stand durch die eth­ni­sche Homo­ge­ni­tät der Zei­tungs­re­dak­tio­nen ein Vaku­um, in das Sar­ra­zin hineinstieß.«
Welch üble Rol­le Ulrich in der von der Zeit an vor­ders­ter Front geschür­ten Kam­pa­gne gegen Sar­ra­zin gespielt hat­te, sei an die­ser Stel­le wegen der kaum zu über­bie­ten­den Per­fi­die noch ein­mal ins Gedächt­nis geru­fen. Am 2. Sep­tem­ber 2010 schrieb er: »Offen­bar ist es immer noch so, daß ein deut­scher Rechts­po­pu­list wie Thi­lo Sar­ra­zin nicht tage­lang über Gene­tik, Über­frem­dung und Bevöl­ke­rungs­po­li­tik spre­chen kann, ohne daß ihm das Wort ›Jude‹ raus­rutscht. Sar­ra­zin hat also gesagt: ›Alle Juden tei­len ein bestimm­tes Gen.‹ Natür­lich füg­te er gleich hin­zu, daß er die Juden viel posi­ti­ver sehe als etwa die Mus­li­me, aber das half dann auch nichts mehr. Die deut­sche Öffent­lich­keit möch­te in ihrer Mehr­heit nach wie vor nicht wie­der über die Qua­li­tät jüdi­scher Gene dis­ku­tie­ren und schließt dar­um jeman­den, der damit anfängt, aus dem Kreis der wohl­ge­lit­te­nen Mit­dis­ku­tan­ten aus.« Mit die­ser denun­zia­to­ri­schen Infa­mie hat­te Ulrich sein Opfer in die anti­se­mi­ti­sche Ras­sis­ten­ecke gestellt, was damals eigent­lich ein Fall für den Pres­se­rat hät­te sein müs­sen. Denn in der­sel­ben Aus­ga­be der Zeit, nur weni­ge Sei­ten wei­ter, hat­te Her­aus­ge­ber Josef Jof­fe der Wahr­heit die Ehre gege­ben: »Wie­so ist es ›Anti­se­mi­tis­mus‹ (Wes­ter­wel­le), wenn einer behaup­tet, Juden tei­len ein ›bestimm­tes Gen‹? ›Ein‹ Gen ist zwar Unsinn, aber es gibt genug Stu­di­en, wonach sich Juden in diver­sen Dia­spo­ra-Grup­pen gene­tisch sehr wohl von Nicht­ju­den in der jewei­li­gen Regi­on unter­schei­den. Kein Wun­der auch, wenn eine Grup­pe die Endo­ga­mie sel­ber wählt oder sie erlei­den muß. ›Tay-Sachs‹ ist eine klas­si­sche jüdi­sche Erb­krank­heit, ana­log zur ›Lip­pe‹ der Habs­bur­ger.« Nichts ande­res hat­te auch Sar­ra­zin behauptet.

Das Ver­hal­ten der Süd­deut­schen Zei­tung war eben­falls kein Ruh­mes­blatt gewe­sen. So schwa­dro­nier­te sie am 3. Sep­tem­ber 2010 über »den Stuß mit den jüdi­schen Genen«, ver­gaß aber zu erwäh­nen, daß sie jenen »Stuß« erst im Juni auf ihrer Sei­te »Wis­sen« ver­öf­fent­licht hat­te – ohne nega­ti­ven Kom­men­tar, denn schließ­lich han­del­te es sich um nichts Anstö­ßi­ges, son­dern um einen neu­tra­len Agen­tur­be­richt über zwei wis­sen­schaft­li­che Stu­di­en aus Isra­el und den USA, auf die sich sowohl Jof­fe als auch Sar­ra­zin bezo­gen hatten.
Wie sehr die links­li­be­ra­len Medi­en, jen­seits ihrer unsäg­li­chen Hetz­kam­pa­gnen, durch die Kon­fron­ta­ti­on mit der Wirk­lich­keit längst ihre Glaub­wür­dig­keit ver­spielt haben, zei­gen zwei Bei­spie­le aus dem Zeit-Maga­zin. Anfang Dezem­ber 2010 schil­der­te die Autorin Susan­ne Lei­ne­mann einen bru­ta­len Über­fall in Ber­lin, bei dem sie von zwei Jugend­li­chen fast tot­ge­schla­gen wor­den wäre. Ihre con­clu­sio: »Heu­te, nach­dem ich weiß, was ich weiß, den­ke ich: Wo hast du bloß all die Jah­re gelebt? In Wol­ken­ku­ckucks­heim, in einer auf­ge­schäum­ten Lat­te-mac­chia­to-Welt.« Im Janu­ar die­ses Jah­res roll­te Susan­ne Rück­ert noch ein­mal den Fall des 16jährigen Eli­as auf, eines Jugend­li­chen afgha­nisch-ser­bi­scher Her­kunft, der im Mai 2010 in einer Ham­bur­ger U‑Bahn-Sta­ti­on aus hei­te­rem Him­mel einen jun­gen Mann ersto­chen hat­te. Trotz sei­ner jah­re­lan­gen kri­mi­nel­len Kar­rie­re war Eli­as nie von den Behör­den gestoppt wor­den. Unter der Über­schrift »Fal­sche Mil­de« plä­dier­te Zeit-Chef­re­dak­teur Gio­van­ni di Loren­zo für Här­te und Kon­se­quenz – doch nicht aus Prin­zi­pi­en­fes­tig­keit, son­dern aus tak­ti­schen Grün­den, wie sein ent­lar­ven­des Schluss­wort ver­deut­lich­te: »Es gibt Miß­stän­de, die eine libe­ra­le Gesell­schaft schon aus Grün­den der Selbst­ach­tung ange­hen muß. Tut sie es nicht, über­läßt sie die­se The­men den Tot­schlag­ar­gu­men­ten der gro­ßen Vereinfacher.«
Daß die Libe­ra­len aus ihren Deba­keln ler­nen, ist daher nicht zu erwar­ten. Eben­so wie die Lin­ken ihrer kom­mu­nis­ti­schen Uto­pie nach wie vor unver­dros­sen nach­ja­gen, wer­den auch die Libe­ra­len ihren Zeit­ge­nos­sen wei­ter­hin den ewi­gen Traum einer fried­li­chen, tole­ran­ten und demo­kra­ti­schen Welt­ge­sell­schaft auf­zu­drän­gen ver­su­chen – unge­ach­tet aller Rea­li­tät. So hat­ten die links­li­be­ra­len Leit­me­di­en ihre ein­gangs geschil­der­te Zer­knir­schung ange­sichts des Nah­ost-Deba­kels bereits nach vier­zehn Tagen über­wun­den und wie­der die rosa­ro­te Bril­le des Fort­schritts­op­ti­mis­mus auf­ge­setzt. Wäh­rend die Süd­deut­sche Zei­tung am 17. Febru­ar die »Bot­schaft der Befrei­ung « ver­kün­de­te und im vor­aus wuß­te, daß die radi­ka­len Isla­mis­ten kei­ne Chan­ce hät­ten, jubi­lier­te die Zeit (Nr. 8/2011) wie der Weih­nachts­en­gel: »Fürch­tet euch nicht! Sie­ben gute Grün­de, war­um die ara­bi­schen Revo­lu­tio­nen die Welt ver­bes­sern kön­nen – von Kreuz­berg bis Peking und Ramallah.«

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