Sezession
1. April 2011

Rechts ist noch Platz – eine Literaturlücke

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 41 / April 2011

von Thorsten Hinz

Wer die deutsche Nachkriegsliteratur für eine weitgehend mit Schuldideologie kontaminierte Weltanschauungsliteratur hält, muß sich deswegen keine gegenläufige Weltanschauungsliteratur als Alternative wünschen. Das ästhetische Niveau bliebe das gleiche. Ein kurzer historischer Exkurs dazu: Was wir heute idealerweise unter moderner Literatur verstehen, begann Ende des 15., Anfang des 16. Jahrhunderts mit dem Zerfall des geozentrischen Weltbildes und mit der Reformation, die die römische Weltkirche in eine tiefe Autoritätskrise stürzte. Ihr institutionell abgestütztes, hierarchisch geordnetes Weltbild geriet ins Wanken und mit ihm die didaktische und allegorische Verbindlichkeit des Wortes. Das literarische Wort wurde mehrdeutig, sein Sinn war nicht mehr durch das vorausgesetzte Dogma definiert, sondern das Ergebnis der reflexiven Arbeit des Verfassers, seiner persönlichen Autorität und der kritischen – statt gläubigen – Rezeption durch den Leser.

Um diesen Prozeß zu veranschaulichen, kann man an den Übergang von der Renaissance- zur Barockarchitektur denken. Die Renaissance-Konstruktionen basierten auf einfachen Bauteilen und Maßverhältnissen, die sich logisch gliedern ließen und deren harmonischen Zusammenklang der Betrachter durch Beobachtung leicht erkennen konnte. Im Barock dagegen wurde die durch gekrümmte Wände oder Fontänen erzeugte Bewegung zum bevorzugten Stilmerkmal. Den Drang ins Unendliche demonstrierten Deckengemälde, die den Blick auf einen scheinbar offenen Himmel freigaben. Spiegelungen und Lichteffekte verwischten die Grenze zwischen Schein und Sein, das Verhältnis von Zeichen und Bedeutung war nicht mehr selbstverständlich. Die Architektur bekam etwas Spielerisches und zugleich Hintergründiges, das den Betrachter in neuer Weise forderte und von ihm entschlüsselt werden mußte. Für den italienischen Semiotiker Umberto Eco manifestierte sich darin der Wechsel vom geschlosseneindeutigen zum offen-mehrdeutigen Kunstwerk.
Die Literatur trat aus dem »Metasystem«, der »Metasprache« der katholischen Kirche heraus und machte, anstatt ihre Glaubenssätze zu verbreiten, diese zum Thema der Erörterung. Eine geistige Revolution fand statt. Am Beispiel von James Joyce erläutert Eco, daß der erfolgreiche moderne Künstler durchaus keine neue Metasprache an die Stelle der alten setzt. Spätestens in dem Moment, wo diese ebenfalls aus der Mode kommt, wäre das literarische Werk obsolet und allenfalls noch aus dokumentarischen Gründen interessant. Der Schriftsteller muß vielmehr die Strukturen der geschilderten Situation freilegen, indem er diese aus sich selbst heraus zur Anschauung bringt, das heißt, indem er die entfremdete Situation – das kann auch die eigene Erzählsituation sein – durch Verfremdungen kenntlich macht. Man könnte diesen Effekt mit den raffinierten Zerrspiegeln auf Jahrmärkten vergleichen, deren Wölbungen die physischen Eigentümlichkeiten eines Menschen drastisch hervortreten lassen. Ein solches Werk kann noch künstlerisches Interesse wecken, wenn sein Sujet längst historisch geworden ist, weil seine offene Struktur immer neue Anknüpfungspunkte für Assoziationen und Gedanken bietet und damit zeitlos bleibt.


 Gastbeitrag

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