Sezession
1. April 2011

Rechts ist noch Platz – eine Literaturlücke

Gastbeitrag

Das ist eine Idealbeschreibung. In der Wirklichkeit werden Schriftsteller nach wie vor von Metasystemen oder deren Überbleibseln beeinflußt. Es lassen sich grob drei Stufen unterscheiden: 

Erstens: In der rigiden Form betätigt der Autor sich als Sprachrohr einer Ideologie, eines stringenten, künstlich geschlossenen Weltbildes. Das Ergebnis ist eine TENDENZLITERATUR. Eine derartige, von administrativen Apparaten unterstützte Strömung war der »sozialistische Realismus «, der die »wahrheitsgetreue, historisch-konkrete Darstellung der Wirklichkeit in ihrer revolutionären Entwicklung« verlangte und 1934 auf dem Ersten Kongreß des Sowjetischen Schriftstellerverbandes zur Doktrin erhoben wurde.
Vier Jahre zuvor hatte es in Deutschland eine Rundfunkdebatte zwischen Gottfried Benn und dem Schriftsteller und KPD-Mitglied Johannes R. Becher gegeben, in der Becher sich zur »Dichtung als Tendenz, und zwar als ganz bestimmte Tendenz« bekannte: »Ich diene auch als Dichter dem Befreiungskampf des Proletariats«, der auf die »Befreiung der gesamten Menschheit« abziele. Weil wir »nicht Menschen, sondern Klassenmenschen« seien, sei »auch das Wort (…) dem Klassengesetz untertan « und müsse die Literatur »ein wahres und geschlossenes Weltbild« vermitteln. Dieses war mit dem kommunistischen Parteiprogramm identisch. Was Becher als erhöhten historischen und philosophischen Standpunkt herausstrich, tat Benn als Symptom schlechten Gedächtnisses und intellektueller Beschränkung ab: »Die Unteren wollten immer hoch, und die Oberen wollten nicht herunter.« Das sei »weder gut noch böse, sondern rein phänomenal«. Die politische Tendenz sei »keine Tendenz der Dichtung, sondern eine Tendenz des Klassenkampfes«. Damit war gesagt, daß es sich bei der Tendenz-Literatur mehr um ein politisches Traktat als um Kunst handelte.
Das Weltbild der mittelalterlichen Kirche hatte so lange als »wahres und geschlossenes« System funktioniert und überzeugt, wie es das vorhandene Wissen in sich zu integrieren vermochte. In diese sichere Kompaktheit wurde der mittelalterliche Künstler hineingeboren, weshalb er sie als natürlichen Zustand empfand. Beides konnte der Künstler des 20. Jahrhunderts, der seine Arbeit der kommunistischen Parteidogmatik unterwarf, für sich nicht mehr in Anspruch nehmen. Das »Klassengesetz« erfaßte nur einen Bruchteil der Realität und des Wissens darüber, und wer im 20. Jahrhundert den dogmatischen Zugang zur Wirklichkeit verabsolutierte, handelte aus keiner gattungsmäßigen Selbstverständlichkeit, sondern aus intellektueller Verführung, aus einem Willens- oder Zwangsakt heraus: Julien Benda hat diese Neigung der Intellektuellen, sich politische Leidenschaften zu eigen zu machen, als »Verrat« qualifiziert. Eine Literatur, die einer dogmatischen Parteiideologie gehorchte, mußte selber dogmatischwerden.

 


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