Sezession
1. April 2011

Kleiner Traktat über die Vielfalt

Martin Lichtmesz

pdf der Druckfassung aus Sezession 41 / April 2011

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

»Ja, macht das Ihnen denn keine Freude, wenn die Vögelein pfeifen?« Mit dieser Frage wurde Armin Mohler einmal von einer »sympathischen Dame in mittleren Jahren« überrumpelt, nachdem er in ihrer Gegenwart über die »Ökomanen« gelästert hatte: »Darauf fiel mir nun wirklich keine Antwort ein.« Ähnlich kann es einem gehen, wenn man es heute wagt, etwas gegen den Gummibegriff von der »Vielfalt« zu sagen. Da könnte die freundliche Dame nunmehr fragen: »Ja, wollen Sie denn lieber in einer langweiligen eintönigen Welt leben anstelle einer bunten, abwechslungsreichen?«

Derlei Argumentationen sind so grundfalsch angesetzt, daß man erstmal wirklich nicht weiß, wo man anfangen soll, um den clusterfuck an Denkfehlern zu entwirren, der sich darin manifestiert. Was etwa einem Staatsmann antworten, der imstande ist, über die Lippen zu bringen, er wünsche sich eine »buntere« Republik? Die Einfalt, die besonders jenem Personal so penetrant ins Gesicht geschrieben steht, das so gerne von der »Vielfalt« spricht, sorgt dabei für Titanic-würdige Pointen, besonders in Kombination mit dem Slogan »Vielfalt statt Einfalt«. Man denke an das zum Löwenbändiger ernannte Über-Lamm Maria Böhmer, deren tantenhafter Habitus ihren Bonmots erst so richtig die aufreizende Würze verleiht. »Diese Menschen mit ihrer vielfältigen Kultur, ihrer Herzlichkeit und ihrer Lebensfreude sind eine Bereicherung für uns alle.« Dieses berüchtigte Zitat über die in Deutschland lebenden Türken ziert inzwischen als Running Gag unzählige Netz-Artikel über Ausländergewalt.
Dennoch gibt heute keine mit Integrations- und Migrationsproblemen beauftragte Institution, die es sich erlauben könnte, die Einwanderungsfrage unter anderen Gesichtspunkten als dem der dubiosen »Vielfalt « abzuhandeln. Ein Muß für die einschlägigen Broschüren und Netzseiten sind Regenbogen-Logos, Graphiken mit händchenhaltenden bunten Männchen und Gruppenfotos von friedfertig lächelnden Menschen mit gelber, beiger, rosa, brauner und sonstiger Hautfarbe, die in multirassischer Eintracht schwelgen. Dieses Bildgenre stammt ursprünglich aus den USA, wo es fixer Bestandteil von Firmenpräsentationen und Werbeanzeigen jeglicher Art geworden ist. Wem »Vielfalt« nicht prickelnd genug klingt, der kann auch das ebenfalls US-amerikanische Schlagwort »diversity« benutzen, wenn es beliebt, auch in tautologischer Kombination mit ersterem. Das Bildungsprogramm »Eine Welt der Vielfalt e.V.« etwa, »gefördert durch eine Zuwendung der Beauftragten der Senatsverwaltung für Integration und Migration Berlin«, wirbt mit dem Slogan »Unterschiedlichkeit und Vielfalt und zugleich DIVERSITY«.
»Diversity« bezeichnet dabei einen Zustand, der sich quasi aus sich selbst heraus rechtfertigt. Ihre Apologeten bieten zumeist nur vage Begründungen, warum und inwiefern man denn »Unterschiede und Vielfalt als Bereicherung erleben« soll. Unklar bleibt auch, was für einen konkreten Nutzen die Forcierung der »Vielfalt« hat. Versuche, sie rational zu begründen, fallen in der Regel verräterisch aus. Eine 2006 von der Bundesregierung lancierte »Charta der Vielfalt« verpflichtet deutsche Unternehmer, auf freiwilliger Basis »ein Arbeitsumfeld zu schaffen, das frei von Vorurteilen ist. Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sollen Wertschätzung erfahren – unabhängig von Geschlecht, Rasse, Nationalität, ethnischer Herkunft, Religion oder Weltanschauung, Behinderung, Alter, sexueller Orientierung und Identität«. Die Verpflichtung schließt ein, die »Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter über Diversity (sic) zu informieren« und »sie bei der Umsetzung der Charta einzubeziehen«. Wie diese Umsetzung konkret aussehen soll, dazu schweigt sich dieser nebulöse Katalog voll guter Absichten freilich aus.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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