Sezession
1. April 2011

Kleiner Traktat über die Vielfalt

Martin Lichtmesz

In der begleitenden Publikation »Vielfalt als Chance«, deren Titelseite die obligate Rassen-Collage ziert, verkündet Schirmherrin Angela Merkel: »Deutschland ist ein Land der Vielfalt. Für unsere Wirtschaft und Gesellschaft ist Vielfalt ein Erfolgsfaktor, den es zu nutzen gilt.« An selber Stelle Maria Böhmer: »Unsere Botschaft lautet: Vielfalt lohnt sich!« Das klingt nun ebenso lahm, wie es verlogen ist, nämlich ganz so, als hätte man zuerst die wundersame Lukrativität der »Vielfalt« entdeckt, um sie anschließend den Unternehmen als blendende Geschäftsidee aufzunötigen. In Wirklichkeit verhält es sich natürlich genau umgekehrt. Die Unternehmen profitieren vor allem deswegen von Bekenntnissen zur »Charta«, weil sie damit ihr öffentliches Prestige zeitgeistgemäß erhöhen können. Kein Personalchef aber wird annehmen, daß höhere »Diversitäts«-Quoten von beispielsweise Türken oder Schwulen an sich schon die Kassen klingeln ließen. Von einer »Wertschätzung« aufgrund der erbrachten Arbeitsleistung, unabhängig von Hautfarbe, Herkunft oder sexueller Orientierung, ist in der Charta bezeichnenderweise nicht die Rede. Hier soll wohl vor allem die psychologische Basis geschaffen werden, auf der man eines Tages Minderheiten-Quoten nach dem amerikanischen Vorbild der »affirmative action« durchsetzen kann.
Initiativen wie die »Charta« dienen vor allem als kulturhegemoniale Coups zur Verbreitung, Aufwertung und Vernetzung der »Diversity«-Ideologie. Dabei ist das ganze Projekt offenbar eher aus einer Verlegenheit heraus geboren, wie man zwischen den Zeilen erahnen kann: »Technologie, Talente, Toleranz – Die drei großen ›T‹ gelten als entscheidende Standortfaktoren der Zukunft. (…) Der demografische Wandel stellt Deutschland vor große Herausforderungen. Die Erwerbsbevölkerung in Deutschland schrumpft schneller und stärker als in anderen Ländern. (…) Diese Lücke lässt sich auch durch Zuwanderung nicht mehr schließen.« Nun tauchen leider Spielverderber wie Thilo Sarrazin und Udo Ulfkotte auf, die die Propagandabehauptung von der »Vielfalt als Erfolgsfaktor« Lügen strafen, und aufzeigen, daß die praktizierte »Diversity« alles andere als einen ökonomischen Nutzen hat, sondern vielmehr erheblich dazu beiträgt, daß sich Deutschland auch wirtschaftlich »abschafft«. Dennoch wird beharrlich an der »Vielfalt« festgehalten. Sie ist das erlösende Zauberwort, das den Fluch der gerufenen Geister zum Segen vergolden soll.
Robert Hepp wies in dem Aufsatz »Multa non multum: Kulturkritische Anmerkungen zur ›multikulturellen Gesellschaft‹« (2002) darauf hin, daß bereits die Rede von der »multikulturellen Gesellschaft« (MKG), die momentan von der »Diversity« abgelöst wird, eher am Endpunkt als am Anfang einer Entwicklung stand. Man mußte die Suppe rechtfertigen, die man sich eingebrockt hatte. Als der Import von »Gastarbeitern« tatsächlich noch wirtschaftliche Gründe hatte, sprach niemand von einer »multikulturellen Gesellschaft« (geschweige denn von »Vielfalt« und »Bereicherung«), auch nicht, als »zur Kompensation des absehbaren langfristigen Bevölkerungsrückgangs schließlich eine gezielte Wanderungspolitik entwickelt wurde, die durch eine Politik der Integration ergänzt werden sollte. (…) Unter Integration verstand man damals allgemein Assimilation. « Diese »Schmelztiegel«-Strategie scheiterte schließlich: Die Mehrzahl der Ausländer beharrte »stur auf der Respektierung ihrer nationalen Identität. Auch sah man sich zunehmend mit Minoritäten konfrontiert, die sich zwar nicht assimilieren lassen wollten, aber trotzdem politische Gleichberechtigung forderten.« In diesem Dilemma »schien sich das Konzept der MKG als Ei des Kolumbus anzubieten«, stellte es doch die »Verwirklichung der kosmopolitischen Republik in einem Lande«, »zugleich konsequent pluralistisch und konsequent egalitär«, in Aussicht. Dies wurde zum »Ziel, das die Mehrheit der deutschen Linken nun unter der Fahne der MKG ansteuerte. Der ursprünglich intendierte Zweck der Wanderungspolitik wurde von ganz anderen Zielen überlagert.«

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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