Ist Kultur schädlich?

pdf der Druckfassung aus Sezession 41 / April 2011

von Thomas Bargatzky

»Kultur« ist zu einem Schlüsselbegriff zeitgenössischer politischer, wirtschaftlicher und feuilletonistischer Diskurse geworden. Was aber ist »Kultur«? Antwort: ein politischer Schadensfaktor – wenn der Kulturbegriff losgelöst von der jeweiligen historischen Gesamtlage betrachtet wird, wie es beispielsweise in den Debatten um die »multikulturelle Gesellschaft« geschieht. Dieser romantisierende, relativistische Kulturbegriff kann politisch virulent werden, wie die Integrationsdebatte zeigt: In seinem Namen wird die Herausbildung von Parallelkulturen als »bunt« und »bereichernd« verklärt, ohne daß die politischen Konsequenzen bedacht würden. Es ist aber falsch, »Kulturen« als in sich geschlossene, homogene und in ihrer Identität zu bewahrende Gebilde und nicht als dynamische, anpassungsfähige und veränderbare Größen zu verstehen. Menschen sind nicht zu ihrer Kultur verurteilt; Assimilation ist kein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, sondern ein normales historisches Geschehen. Die Leugnung dieses einfachen Sachverhalts war hierzulande viel zu lange ein unhinterfragtes politisches Credo. Integrationsverhindernde Maßnahmen im Namen der Förderung von Multikulturalität waren die Folge – nicht nur in Deutschland.

 Gastbeitrag

Gastbeitrag

Der heu­te gän­gi­ge Begriff von Kul­tur als Gesamt­heit bestimm­ter indi­vi­du­el­ler und kol­lek­ti­ver Eigen­schaf­ten und mensch­li­cher Leis­tun­gen steht am Ende einer lan­gen Ent­wick­lung. Das latei­ni­sche Sub­stan­tiv cul­tu­ra (Acker­bau) geht bekannt­lich auf cole­re zurück (dt. betrei­ben, pfle­gen, bil­den, schmü­cken) und bezieht sich auf die Sach­be­rei­che vom Kör­per­lich-Mate­ri­el­len bis zum Geis­ti­gen. Sei­ne ursprüng­li­che Bedeu­tung war: Pfle­ge der äuße­ren Natur, um deren Wirk­sam­keit zu erhö­hen, deren Kraft zu orga­ni­sie­ren, um so die Natur zu über­win­den und zu beherr­schen. Die­se Bedeu­tung wur­de auch auf das Indi­vi­du­um über­tra­gen. Cul­tu­ra bezog sich dabei stets auf eine bestimm­te Qua­li­tät des Han­delns, näm­lich das sorg­fäl­ti­ge Han­deln. Das moder­ne Ver­ständ­nis von »Kul­tur« als Resul­tat von Hand­lun­gen, als Gesamt­heit der sozia­len Lebens­for­men und ‑pro­zes­se, der geis­ti­gen und mate­ri­el­len Arbeits­mit­tel und ihrer Resul­ta­te bil­de­te sich erst seit den 70er Jah­ren des 18. Jahr­hun­derts her­aus. Dabei wur­de der Begriffs­in­halt erwei­tert, und zwar durch die Über­tra­gung des Wort­sin­nes vom Indi­vi­du­um (»Kul­ti­viert­heit«) auf das Volk, den Staat, den Wohn­kreis, ja sogar die gan­ze Mensch­heit. »Cul­tur« wur­de in die­sem Sinn noch bis zur Roman­tik im Sin­gu­lar ver­wen­det – man sprach noch nicht von »Kul­tu­ren«. Erst in der Roman­tik (Her­der, »Volks­geist«) kon­so­li­dier­te sich der Kul­tur­be­griff zu jener moder­nen rela­ti­vie­ren­den, kul­tur­ver­glei­chen­den Gestalt, die es mög­lich macht, heu­te im Plu­ral von »Kul­tu­ren« zu sprechen.
Die Plu­ral­form wird ega­li­sie­rend ver­wen­det, um die Vor­stel­lung der Gleich­wer­tig­keit der Leis­tun­gen von Kol­lek­ti­ven vor dem Hin­ter­grund der Rah­men­be­din­gun­gen ihrer his­to­risch gege­be­nen Ent­wick­lungs­mög­lich­kei­ten zum Aus­druck zu brin­gen. Die­ser moder­ne Kul­tur­be­griff gewann erst im Zusam­men­hang mit der Her­aus­bil­dung der Nati­on (als poli­ti­scher Begriff) und des Natio­nal­staats sei­ne heu­te all­ge­mein akzep­tier­te Gestalt. Daher ist die ega­li­sie­rend-kul­tur­re­la­ti­vis­ti­sche Sicht auf »Kul­tur« irre­füh­rend: Man kann nicht ein­fach moder­ne und vor­mo­der­ne mensch­li­che Sym­bio­se­for­men mit­ein­an­der ver­glei­chen, ohne den »his­to­ri­schen Ort« bestimm­ter Sym­bio­se­for­men zu berück­sich­ti­gen. Kul­tur gewinnt näm­lich ihre je beson­de­re Form und Bedeu­tung aus den in der Gesamt­la­ge mit­ein­an­der ver­wo­be­nen his­to­ri­schen, poli­ti­schen, öko­no­mi­schen, sozia­len und ideel­len Fak­to­ren und Vor­aus­set­zun­gen. Ein kur­zer Blick auf den Ver­lauf der Mensch­heits­ge­schich­te und den Wan­del der Bedeu­tung von »Kul­tur« macht dies deutlich.

Die Glie­de­rung der Mensch­heits­ge­schich­te in drei Sta­di­en hat sich als Ord­nungs­mus­ter bewährt. Das Pro­blem der Art und Aus­prä­gung der Kul­tur kann erst vor dem Hin­ter­grund die­ses Wan­dels ver­stan­den wer­den. Unter der Vor­aus­set­zung, daß die Beschaf­fung der zum Lebens­un­ter­halt not­wen­di­gen geis­ti­gen und mate­ri­el­len Mit­tel zu allen Zei­ten sicher­ge­stellt wer­den muß, emp­fiehlt sich die Peri­odi­sie­rung von Ernest Gell­ner, da sie von den grund­le­gen­den For­men der Pro­duk­ti­on und Repro­duk­ti­on der Lebens­be­din­gun­gen aus­geht. Damit ist kein öko­no­mi­scher Deter­mi­nis­mus ver­bun­den, denn die Pro­duk­ti­ons­wei­se bestimmt zwar die Pro­ble­me unse­rer Lebens­ge­stal­tung, nicht aber gleich­sam auto­ma­tisch die Lösun­gen, die wir für die­se Pro­ble­me finden.
Gell­ner unter­schei­det Vor­agra­ri­sche, Agra­ri­sche und Indus­trie-/ Markt­ge­sell­schaft von­ein­an­der. Die Vor­agra­ri­sche Gesell­schaft beruht auf dem Prin­zip des Gaben­tau­sches und der Gegen­sei­tig­keit. Sie setzt mit den bio­tisch moder­nen Wild­beu­tern der jün­ge­ren Alt­stein­zeit (ca. 60–40 000 v. Chr.) ein und umfaßt auch die frü­hen Pflan­zer­ge­sell­schaf­ten und die Hir­ten­kul­tu­ren. Das Clan­sys­tem ist in die­sem Sta­di­um ent­stan­den. Auf­grund der die­sen mensch­li­chen Sym­bio­se­for­men inhä­ren­ten Fle­xi­bi­li­tät kön­nen sie sich in den Rah­men umfas­sen­der poli­ti­scher Ord­nun­gen ein­fü­gen, daher über­dau­ern sie in gro­ßer Man­nig­fal­tig­keit bis in die Gegenwart.
Vor­agra­ri­sche Gesell­schafts­struk­tu­ren gewin­nen Anpas­sungs­ver­mö­gen und Dau­er­haf­tig­keit aus dem Umstand, daß das Indi­vi­du­um, um pro­du­zie­ren und sich repro­du­zie­ren zu kön­nen, auf die Zuge­hö­rig­keit zu einer Gemein­schaft ange­wie­sen ist, in die es hin­ein­ge­bo­ren wird und deren Mit­glied es in der Regel lebens­lang bleibt. Die­se Gemein­schaft ist im Besitz der ding­li­chen und ideel­len Pro­duk­ti­ons­mit­tel. Der fran­zö­si­sche Eth­no­so­zio­lo­ge Mar­cel Mauss hat bereits 1925 aus­ge­führt, daß es in der Vor­agra­ri­schen Gesell­schaft nicht auf die Respek­tie­rung der »kul­tu­rel­len Unter­schie­de « im moder­nen Sinn ankom­me, son­dern auf die Bezeu­gung von Loya­li­tät, Gegen­sei­tig­keit im Geben und Neh­men, Für­sor­ge, Gefolg­schafts­treue. Kul­tur – Bräu­che, Wer­te, Nor­men, Ver­hal­tens­mus­ter – ent­springt damit gleich­sam den über­le­bens­wich­ti­gen mensch­li­chen Beziehungen.
Dies gilt eben­so für die Agra­ri­schen Gesell­schaf­ten. Dar­un­ter ver­steht Gell­ner die alten Zivi­li­sa­tio­nen, die vor ca. 5–6000 Jah­ren in die Geschich­te ein­tra­ten und die in Euro­pa in Gestalt der viel­ge­stal­ti­gen, gro­ßen und klei­nen dynas­ti­schen Rei­che und Herr­schaf­ten bis an die Schwel­le der Moder­ne reich­ten. Auch die Ord­nung der Agrar­ge­sell­schaf­ten wird durch ein kom­ple­xes Gefü­ge von Patronage‑, Gefolg­schafts- und Kli­en­tel­sys­te­men unter­mau­ert. Hin­zu tritt die Vor­stel­lung einer durch die Gott­hei­ten gege­be­nen Hier­ar­chie von Rän­gen und sozia­len Schich­ten. Die­ser Art der Gesell­schafts­ver­fas­sung ent­spricht ein dif­fe­ren­zier­ter Poly­the­is­mus; sie ist aber auch mit mono­the­is­ti­schen Glau­bens­sys­te­men ver­ein­bar (Hei­li­ges Römi­sches Reich, Osma­ni­sches Reich), wo der Herr­scher zwar kein Abkömm­ling Got­tes sein kann, aber sein welt­li­cher Stell­ver­tre­ter oder »Schat­ten«.
Die Agrar­ge­sell­schaft hängt von der Bewah­rung eines kom­ple­xen Rang­sys­tems ab, daher ist es wich­tig, daß die unter­schied­li­chen Rän­ge und Schich­ten­zu­ge­hö­rig­kei­ten durch Umgangs­re­geln sicht- und spür­bar wer­den, zu denen auch rhe­to­ri­sche For­meln und Vor­schrif­ten zäh­len. Die Mit­glie­der einer sozia­len Schicht sind bestrebt, sich so deut­lich wie mög­lich von der jeweils unte­ren und obe­ren Schicht zu unter­schei­den. Die Agrar­ge­sell­schaft för­dert aus die­sen Grün­den die kul­tu­rel­le Dif­fe­ren­zie­rung, wobei die Kom­mu­ni­ka­ti­on sowohl der Mit­glie­der einer bestimm­ten Schicht unter­ein­an­der als auch die Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen den Schich­ten kla­ren Regeln unter­wor­fen ist. Adli­ge duel­lier­ten sich grund­sätz­lich nur mit ande­ren Adli­gen. Daher ist die Agrar­ge­sell­schaft die pro­to­ty­pi­sche mul­ti­kul­tu­rel­le Gesell­schaft. Ihr kul­tu­rel­ler Plu­ra­lis­mus ver­trägt sich gut mit sta­bi­len, hier­ar­chisch regu­lier­ten und nach Berufs­stän­den orga­ni­sier­ten Sys­te­men. Tätig­keit und gesell­schaft­li­che Stel­lung wer­den von Genera­ti­on zu Genera­ti­on weitervererbt.

Vor­mo­der­ne und moder­ne Gesell­schaf­ten unter­schei­den sich signi­fi­kant von­ein­an­der, denn in den vor­mo­der­nen Gesell­schaf­ten ist »Kul­tur« die Resul­tan­te wich­ti­ger Bezie­hun­gen, die der Ethik der Kon­zen­tri­schen Ord­nung unter­lie­gen. In der moder­nen Gesell­schaft stif­tet dage­gen »Kul­tur « Bezie­hun­gen; hier gilt das Pri­mat des All­ge­mei­nen. Die Inter­es­sen der All­ge­mein­heit – der Bür­ger­schaft, des Staa­tes, der Nati­on – ste­hen höher als die Pri­vat­in­ter­es­sen. Welt­his­to­risch betrach­tet, so der Sozio­lo­ge Trutz von Tro­tha, kann man jedoch die moder­ne Vor­stel­lung vom Pri­mat des All­ge­mei­nen im staat­li­chen und öffent­li­chen Raum nur als »exo­tisch« bezeich­nen. Der inter­kul­tu­rel­le und his­to­ri­sche Nor­mal­fall ist die »kon­zen­tri­sche Ord­nung« der sozia­len Welt. »In der kon­zen­tri­schen Ord­nung gilt der Vor­rang der pri­mä­ren Bezie­hun­gen: Am meis­ten fühlt man sich dem – ganz wört­lich genom­men – Nächs­ten ver­pflich­tet; je grö­ßer und inklu­si­ver die sozia­le Ein­heit wird, des­to mehr nimmt der Grad an geschul­de­ter Loya­li­tät ab … Typi­scher­wei­se ist der Nächs­te auch das Mit­glied des ›Vol­kes‹ oder der ›Eth­nie‹, der wir ange­hö­ren. Sie sind es, denen wir Loya­li­tät schul­den; vor­ran­gig ihnen gegen­über gilt der Grund­satz der Gegen­sei­tig­keit … Die kon­zen­tri­sche Ord­nung kennt nicht die Tren­nung zwi­schen dem All­ge­mei­nen und Beson­de­ren im Bereich des Öffent­li­chen; sie ist im Gegen­teil eine Ord­nung der Privilegien«.
Unter den Bedin­gun­gen der Moder­ne (Auf­klä­rung, Säku­la­ri­sie­rung, Indus­tria­li­sie­rung) ver­än­dern sich das Bezie­hungs­ge­fü­ge der Men­schen zuein­an­der und damit die Bedin­gun­gen der Kom­mu­ni­ka­ti­on grund­le­gend: Das Erken­nen löst sich von der Auto­ri­tät sowohl der Schrift als auch der Gesell­schaft. Nicht mehr tran­szen­den­te Mäch­te und ihre irdi­schen Ver­tre­ter sind halt­ge­ben­de Instan­zen, son­dern die bedeu­tungs­ge­ben­de Kul­tur als Funk­ti­on des Zusam­men­halts der Gesell­schaft. Loya­li­tät schul­det man nicht mehr den Eltern, dem Haus­halts­vor­stand, dem Lehns­herrn, dem Herr­scher, dem Clan usw., son­dern der Nati­on und ihrer Kul­tur. Natio­nen wer­den als Trä­ger einer je eige­nen Kul­tur begrif­fen, die zum Gegen­stand der Ver­eh­rung wird. Damit gewinnt der moder­ne Begriff von Kul­tur eine iden­ti­täts­stif­ten­de Bedeu­tung, die ihm zuvor nicht zukam.
Dies hängt mit der Ent­wick­lung der moder­nen Indus­trie­pro­duk­ti­on und der Markt­wirt­schaft zusam­men: Nur ein ver­schwin­den­der Teil der Güter wird pri­vat pro­du­ziert und vom Pro­du­zen­ten gleich ver­braucht. Das Gros der Kon­sum­gü­ter durch­läuft den Markt als Waren. Zum einen müs­sen daher die Pro­duk­tiv­kräf­te so ent­wi­ckelt sein, daß eine Min­der­heit von Lebens­mit­tel­pro­du­zen­ten aus­rei­chend Nah­rung für die gesam­te Gesell­schaft erzeu­gen kann und zum ande­ren muß die poli­ti­sche Macht damit ein­ver­stan­den sein oder es not­ge­drun­gen zulas­sen, daß ein wesent­li­cher Teil der Pro­duk­ti­on frei auf dem Markt ange­bo­ten wer­den kann. Die­se Pro­duk­ti­ons­be­zie­hun­gen müs­sen ideo­lo­gisch durch ent­spre­chen­de phi­lo­so­phi­sche oder reli­giö­se Über­zeu­gun­gen als Aus­drucks­for­men der Leit­idee des Pri­mats des All­ge­mei­nen sta­bi­li­siert wer­den (Libe­ra­lis­mus, instru­men­tel­le Ver­nunft, »pro­tes­tan­ti­sche Ethik«). Die poli­ti­sche Are­na, in der dies alles statt­fin­det, bil­det der sich in Form einer all­ge­mei­nen Refe­renz­kul­tur arti­ku­lie­ren­de Natio­nal­staat, der durch Schul­we­sen, Sym­bo­le, Ver­ei­ne getra­gen wird und sich zuerst in West­eu­ro­pa ent­wi­ckelt hat. In der moder­nen Indus­trie­ge­sell­schaft wur­de die alte qua­li­ta­tiv-stän­di­sche Arbeits­tei­lung zwi­schen den Gesell­schafts­klas­sen auf­ge­löst und durch eine mobi­le und homo­ge­ne Bevöl­ke­rung aus spe­zia­li­sier­ten, funk­ti­ons­be­stimm­ten Fach­leu­ten ersetzt. »Der kul­tu­rel­le Plu­ra­lis­mus ver­trägt sich gut mit der Exis­tenz bäu­er­li­cher Gemein­schaf­ten und mit sta­bi­len und hier­ar­chisch geord­ne­ten berufs­stän­di­schen Sys­te­men, bei denen Tätig­keit und gesell­schaft­li­che Stel­lung von einer Genera­ti­on zur nächs­ten wei­ter­ver­erbt wer­den. Hin­ge­gen ver­trägt er sich außer­or­dent­lich schlecht mit mobi­len Bevöl­ke­run­gen, deren Kul­tur von einem staat­lich über­wach­ten Erzie­hungs­sys­tem abhängt« (wie­der­um Gell­ner: Pflug, Schwert und Buch). Die für gro­ße Agrar­staa­ten typi­sche und auch nütz­li­che kul­tu­rel­le Man­nig­fal­tig­keit wur­de zum Pro­blem für mobi­le und auf­grund des all­ge­mei­nen Schul­we­sens lite­ra­te Bevölkerungen.

Die Ant­wort auf die­ses Pro­blem gaben Nati­on und Natio­nal­staat. Sie sind his­to­risch jun­ge Erschei­nun­gen, die unlös­bar mit Säku­la­ri­sie­rung, bür­ger­li­cher Gesell­schaft und Markt­wirt­schaft ver­bun­den sind. Die Natio­nal­be­we­gun­gen des 19. Jahr­hun­derts gin­gen von der ange­nom­me­nen oder zu schaf­fen­den Über­ein­stim­mung zwi­schen einem Gebiet und einer eth­nisch-sprach­li­chen – also kul­tu­rell bestimm­ten – Grup­pe aus. Ihren his­to­ri­schen Sinn gewinnt die Natio­nal­be­we­gung durch die Schaf­fung lebens­fä­hi­ger Wirt­schafts­räu­me; daher spiel­te der Natio­nal­ge­dan­ke ja auch in den Schrif­ten der Schöp­fer des Mar­xis­mus-Leni­nis­mus eine bedeu­ten­de Rol­le. Die mar­xis­tisch-leni­nis­ti­sche Theo­rie ist mar­kant natio­nal aus­ge­rich­tet, die gegen­wär­ti­gen »Lin­ken«, zumin­dest in Deutsch­land, haben das vergessen.
Die Eta­blie­rung von Par­al­lel­kul­tur­wel­ten in moder­nen natio­nal­staat­lich ver­faß­ten Kom­mu­ni­ka­ti­ons­räu­men weist zurück auf den Stän­de­staat; sie zer­stört die kom­mu­ni­ka­ti­ven Grund­la­gen lebens­fä­hi­ger moder­ner Wirt­schafts­räu­me und scha­det damit nicht zuletzt auch den Inter­es­sen der arbei­ten­den Bevöl­ke­rung. Daher stieß ja auch die For­de­rung des aus­tromar­xis­ti­schen Theo­re­ti­kers Otto Bau­er, den Natio­na­li­tä­ten im Habs­bur­gerr­reich die »natio­nal­kul­tu­rel­le Auto­no­mie« im Schul­we­sen und der Pfle­ge der eige­nen Spra­che zu gewäh­ren, auf den kom­pro­miß­lo­sen Wider­spruch der Theo­re­ti­ker des klas­si­schen Mar­xis­mus-Leni­nis­mus. Der soll damit nicht ver­tei­digt wer­den, aber die­ser Sach­ver­halt zeigt, daß der Natio­nal­ge­dan­ke an sich eben nicht »rechts« ist, son­dern eine not­wen­di­ge Fol­ge der Moder­ni­sie­rung. Wer sich als Pro­fes­sor oder Poli­ti­ker, Publi­zist oder Pas­to­rIn an »bun­ten Repu­bli­ken« erfreut, ver­rät einen infan­ti­len Man­gel an Ein­sicht in das Zusam­men­spiel von Kul­tur und moder­ner Gesell­schaft. Denn unter­halb die­ser natio­na­len Refe­renz­kul­tur bleibt zwar Raum für die kul­tu­rel­le Man­nig­fal­tig­keit regio­na­ler Dia­lek­te und Brauch­tums­for­men. Die­se Unter­schie­de dür­fen aber kei­ne poli­ti­sche Rol­le spie­len; der Schirm der ver­all­ge­mei­ner­ten natio­na­len Refe­renz­kul­tur muß auf­ge­spannt blei­ben, der ein­zel­ne muß sich, bei allen rea­len kul­tu­rel­len Unter­schie­den, die­ser Kul­tur zuge­hö­rig füh­len. In Jugo­sla­wi­en etwa brach Anfang der neun­zi­ger Jah­re die­ser Schutz­schirm zusam­men. Die­ses Bei­spiel macht deut­lich, daß die Nati­on ein fra­gi­les Gebil­de ist. Wer ihre Grund­la­gen in Fra­ge stellt, aus Nai­vi­tät, Unkennt­nis oder poli­ti­schem Kal­kül, fügt dem Gemein­we­sen Scha­den zu.

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