Sezession
1. April 2011

Hansjoachim von Rohr – ein konservativer Kämpfer

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 41 / 2011

von Karlheinz Weißmann

Einen Lebenslauf wie diesen kann es nach üblicher Auffassung gar nicht geben: Sohn eines pommerschen Junkers und Förderer der Landarbeitergewerkschaft, Soldat im Ersten Weltkrieg und Anhänger eines Ausgleichs mit Frankreich, deutschnationaler Feind der Weimarer Republik und Gegner der Nationalsozialisten, Staatssekretär im Landwirtschaftsministerium des Kabinetts Hitler-Hugenberg-Papen und verzeichnet auf den Todeslisten des 30. Juni 1934, deutscher Patriot und angeklagt wegen Sympathie mit dem Feind, weil er russische Kriegsgefangene christlich beerdigen ließ, als Regimegegner nach dem 20. Juli 1944 inhaftiert und Kritiker des Nürnberger Tribunals, Ostflüchtling und Befürworter der Oder-Neiße-Linie, Mandatsträger der »Nationalen Rechten« und Verfechter eines Ausgleichs zwischen Konservatismus und Liberalismus, Antikommunist und Neutralist, Widerpart Adenauers und Befürworter der europäischen Integration, Unterstützer der sozialliberalen Koalition samt Neuer Ostpolitik und Gründervater der Zeitschrift Konservativ heute.

Wer die Biographie Hansjoachim von Rohrs, die jetzt von seinem Sohn in einem schmalen Band vorgestellt wird (Hans Christoph von Rohr: Ein konservativer Kämpfer. Der Agrarpolitiker und NS-Gegner Hansjoachim von Rohr, Stuttgart: Hohenheim 2011, geb., 164 S., 16.90 €), verstehen will, muß nicht nur die turbulente deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts einbeziehen, sondern sich auch frei machen von deren stereotyper Deutung. Man hat es mit einem Gegen-Bild zu tun.
Hansjoachim von Rohr wurde 1888 auf dem elterlichen Gut Demmin in Pommern geboren. Seine Familie – der Vater war ehemaliger Gardeoffizier – gehörte zu den einflussreichen Kreisen des ostelbischen Landadels. Der junge Rohr lernte zu Hause wie im Internat rasch, dass diese Herkunft verpflichtete, daß man sich nicht nur auf die preußischen Tugenden berufen, sondern daß man sie verkörpern mußte. Zu den frühen Prägungen gehörte auch das Christentum; Rohrs Glaube war pietistisch gefärbt, aber nicht auf Innerlichkeit, sondern auf Dienst an der Allgemeinheit – dem Vaterland – ausgerichtet.
Er studierte nach dem Abitur an den Universitäten Heidelberg, Berlin und Greifswald Volkswirtschafts- und Rechtslehre. Eigentlich war für ihn eine Laufbahn als Jurist vorgesehen, aber nach dem überraschenden Tod seines älteren Bruders mußte Rohr das väterliche Gut übernehmen. Unter den Bedingungen des Kaiserreichs hätte sein Lebensweg damit ein gebahnter sein können, nach dem Zusammenbruch von 1918 sah er sich zu einer Neuorientierung gezwungen. Rohrs Beitritt zur DNVP, die er von 1925 bis 1932 im preußischen Landtag vertrat, und zum Landbund, dem er als Vorsitzender im heimatlichen Pommern eine starke Position verschaffte, hatte aber nichts mit Ressentiments und Nostalgie zu tun, mehr mit dem Widerwillen gegen ein parlamentarisches System, das handlungsunfähig war und preußischen Maßstäben nicht genügte. Rohr gehörte zwar zum Umfeld Hugenbergs, neigte aber im Zweifel zu praktikablen Lösungen und hielt nichts von einem Konfliktkurs um jeden Preis.
Man erfährt in dem Band relativ wenig über seine weitergehenden politischen Zielvorstellungen, aber aus dem Zusammenhang ergibt sich, daß Rohr in der Endphase der Weimarer Republik für ein autoritäres Präsidialregime eintrat. Er betrachtete die Landwirtschaftspolitik Brünings als verfehlt, die die Bauern in die Arme der NSDAP trieb, und suchte nach dessen Sturz Einfluß zu nehmen, um einen Kurswechsel zu erreichen. Die Reichskanzlerschaft Hitlers war aus seiner Sicht die am wenigsten wünschenswerte Alternative, und den Posten als Staatssekretär in der neuen Regierung übernahm er nur auf Drängen Hugenbergs; im übrigen opponierte Rohr von Anfang an und unternahm was in seiner Macht stand, um das Eindringen der Partei in die Verwaltung zu verhindern. Nach dem Rücktritt Hugenbergs konnte er sich aber nur noch bis zum September 1933 im Amt halten und wurde nach heftigen Konflikten mit dem neuen Landwirtschaftsminister Darré entlassen.


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