Sezession
23. August 2011

Berlin und die brennenden Autos: „Unsere Ehre heißt Feigheit“

Felix Menzel / 5 Kommentare

Täglich brennen in Berlin neue Autos. Letzte Nacht waren es mindestens zwölf. Die Reaktionen darauf verraten vor allem eins: Ratlosigkeit. Klaus Wowereit meint: „Wir können nicht die ganze Stadt überwachen.“ Recht hat er, weil der erhöhte Polizeieinsatz nicht die erhoffte Wirkung gebracht hat. Aktionismus hilft also nicht weiter. Gefragt ist zunächst eine korrekte Beschreibung der Lage.

Felix Menzel

Felix Menzel ist Chefredakteur des Schülerblogs blauenarzisse.de.

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Die gängigen Erklärungen für die Serie an Brandstiftungen sind schnell erschöpft: Linksextremismus? Im Mai legte eine militant linke Gruppe am Berliner Ostkreuz einen „Kurz.Schluss“, der den Bahnverkehr einige Tage behindern sollte. Im Bekennerschreiben heißt es: „Wir gehen in Streik und sabotieren den zerstörerischen Trott!“ In den letzten Tagen fehlten solcherlei kindische Manifeste von linken Wohlstandskindern. Natürlich werden sich einige militante Linke an den Zündeleien beteiligen, aber ist die politische Gesinnung das ausschlaggebende Motiv der Taten? Ein großes Fragezeichen!

Nächster Ansatz: Handelt es sich um „soziale Unruhen“? Nein. Die ausgebrannten Autos sind auch in „ärmeren“ Stadtvierteln zu finden und es sind nicht nur Wagen der Oberschicht betroffen.

Der aktuelle Spiegel zieht nun noch einen anderen Joker. Das Nachrichtenmagazin versteigt sich zusammen mit der Kriminologin Ingeborg Legge mit Blick auf ähnliche Taten in Hamburg zu der These, gewaltverherrlichende Musikvideos aus dem Rapper-Milieu motivierten die Feuerteufel. In manchen Videos würden brennende Autos zu Zeilen wie „Ich hasse diesen Staat, ich scheiß auf die Gesellschaft“ gezeigt. Die Polizei folgte dieser Spur in den letzten Wochen mit einer eigens dafür eingerichteten „Gruppe Brand“. Das Ergebnis: Vor einigen Tagen brannten auch wieder Autos in der Hansestadt.

Es bleibt einem nach diesem Ausschlußverfahren fast nichts anderes übrig, als auf eine sinnlose Zerstörungswut von „Idioten“ (Wowereit) zu tippen. Ergo: Die Polizei muß die Spinner finden und Klaus Wowereit muß neben dem Autogrammschreiben im Wahlkampf doch noch einen „Runden Tisch“ einberufen, der die Probleme solange zerredet, bis sie rein zufällig auf ein erträgliches Maß abgeebbt sind.

Im Zirkus der Parteien schweigen derweil die Linken das Problem tot. Die bürgerlichen Großstadtparteien raffen sich mit Aussicht auf zwei Prozentpünktchen mehr zu dem kurzfristigen Propagieren einer „Null-Toleranz-Strategie“ auf. Und die Rechten treibt die Hoffnung auf einen Achtungserfolg (gemeint sind „1 % + x“) dazu, alle Taten in die Schuhe von angeblich bis oben hin mit Ideologie vollgepumpten „Linksextremisten“ zu schieben. René Stadtkewitz von DIE FREIHEIT betont etwa: „Ich befürchte, dass die linksextremistischen Brandstifter im Zuge des Wahlkampfes Moscheen, Synagogen oder andere Einrichtungen anzünden, um so die Wähler zu manipulieren.“

Ganz Berlin also bald in Flammen? Das Szenario läuft sicher so ab: Erst stecken Linksextremisten Moscheen an. Dann bewaffnen sich verärgerte Muslime mit Knüppeln und suchen die nächste Synagoge auf und am Ende erhält DIE FREIHEIT 30 Prozent, weil sie es vorher gewußt hat und die Manipulationsversuche ihrer Feinde enttarnte.

Um Pardon für diesen Ausflug ins Reich der Wahlkampfmärchen! Das Problem ist freilich viel zu ernst, um darüber zu scherzen. Der Grat zwischen Verharmlosung und Dramatisierung dieses Problems ist schmal. Zunächst darf man die Täter nicht überschätzen. Sie sind nicht zu einer schlagkräftigen Organisation fähig, sie verfügen über kein geistiges Rüstzeug und sie besitzen keinen Killerinstinkt. Hans Magnus Enzensberger hat bereits 1993 in seinem so wichtigen Essay Aussichten auf den Bürgerkrieg diesen Tätertypus richtig beschrieben:

Was an ihnen auffällt, ist das Fehlen aller Überzeugungen. (…) Es ist eine neue Männlichkeit, die hier zum Vorschein kommt. Man könnte meinen, ihre Ehre hieße Feigheit; aber das wäre eine Überschätzung. Schon die bloße Unterscheidung von Mut und Feigheit ist ihnen unverständlich. Auch das ist ein Zeichen für Autismus und Überzeugungsschwund.

Trotzdem ist die Lage ernst. Die Brandstiftungen sind nur ein Symptom unzähliger Konfliktlinien, die durch unsere Gesellschaft verlaufen und an denen der Staat ausnahmslos versagt, weil er, statt eine Entscheidung zu treffen, den Konsens sucht. In seiner Zurüstung zum Bürgerkrieg schreibt Thorsten Hinz dazu:

Im molekularen Stadium ist der Bürgerkrieg als solcher kaum wahrnehmbar. Und noch in den Eskalationsphasen spielt er sich in einer komplexen Gesellschaft wie der deutschen auf unterschiedlichsten Ebenen ab und ist verwirrender als eine Auseinandersetzung im afrikanischen Busch. Seine Fronten sind kurz und vielfältig, überlagern sich, liegen kreuz und quer zueinander, teilweise neutralisieren sie sich, während sie anderswo umso gewaltiger aufeinanderprallen.

Mit Blick auf die feigen Täter, die widerstandsunfähigen Opfer und die handzahmen Institutionen stellt sich allerdings die Frage, ob wir überhaupt noch von einer – wenn auch kurzen – Front sprechen können, oder ob nicht vielmehr das gegenseitige Ausweichen, Verwischen und Verstecken das Symptomatische ist und zur Verhinderung einer reinigenden Eskalation beiträgt. An späterer Stelle schreibt Hinz von der Angst der Deutschen vor dem Politischen. Das trifft es besser und ist das eigentlich Bedrohliche: Es gibt keine Front und der Zerfall geht ohne erkennbare Abbiegungsmöglichkeit weiter.

(Bild: flickr.com / newberlinstreetlife)
Test


Felix Menzel

Felix Menzel ist Chefredakteur des Schülerblogs blauenarzisse.de.

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Kommentare (5)

Martin
23. August 2011 21:52

Das interessante an dem "Auto-Brand-Syndrom" ist doch, wie wenig wir eigentlich darüber wirklich wissen, da bislang wohl kaum ein Täter geschnappt wurde und wir daher über die "Motivlage" nur rätseln können, aber nichts von echtem Wahrheitsgehalt aussagen können. Das peinliche für die Regierung: Das Thema ist eigentlich uralt. Alleine die folgende Webseite hat, bis zu ihrer Einstellung im Oktober 2010(!) für Berlin seit 2007 (!) 633 abgefackelte Autos dokumentiert.

https://www.brennende-autos.de/

Das Ganze läuft also schon seit 2007 in Berlin und in anderen Städten wie Hamburg wohl ebenso lang.

Erst jetzt, im Wahlkampf von Berlin, wird das ganze zum Thema. Bis dahin war es fast schon perfekt medial gedeckelt.

PS: Ich glaube, das bei den Zahlen locker 10- 20% organisierte Trittbrettfahrer-Versicherungsbetrüger am Werk sind, da Vollkaskoversicherungen Vandalismus bezahlen - eine gewisse Form der organisierten Kriminalität ist da sicher auch dabei. Vermutlich fangen so langsam die Versicherungen das Rebellieren an, nach dem Motto: Liebe Bild etc., wenn ihr weiter Anzeigen von uns haben wollt, dann nehmt Euch des Themas endlich an ... denn es verwundert doch schwer, dass seit Jahren so was abgeht und es bislang kaum jemanden interessiert zu haben scheint.

Unke
24. August 2011 01:48

Der Autor schlägt einen mMn gewagten Bogen von Straftaten zum „Bürgerkrieg“. Wie er ja zum Schluss selbst anmerkt, fehlen sowohl Konfliktparteien als auch ein klares Konfliktthema.
Zu den Konfliktparteien: oberflächlich könnte man meinen sie bestünden aus den Geschädigten (Autobesitzern) sowie Strafverfolgern auf der einen und den Tätern auf der anderen Seite.

Nun, das trifft so nicht zu.

Das permissive Klima, dass diese Taten begünstigt wurde geschaffen von linken (im Jargon der Neuen Rechten: „liberalen“) Parteien, deren Vorfeldorganisationen (inkl. NGOs) und mehr als nur geneigten Medien. Wer ist hier also der Feind? Dazu kommt: Politiker kann man durch Abwahl beseitigen, die Agenda der Hauptstrommedien nicht.

Kurz: von „Bürgerkrieg“ zu reden ist Effekthascherei, auch wenn ich verstehe, was mit dieser Begriffsverwendung gemeint ist.

Es besteht mMn ein nicht zu übersehender Zusammenhang zwischen der (Nicht)Herrschaftsform „Demokratie“ in ihrer aktuellen (westlichen) Ausprägung und ihrem Hang zur Gewalt. Die –sich durchaus auch mal widersprechenden- geradezu maoistischen Mobilisierungskampagnen (Arbeitet mehr! Integriert mehr! Habt keine bösen [d.h. faschistischen] Gedanken! Entrüstet Euch! Zahlt mehr! Diskriminiert nicht! Bringt unsere Gesellschaft in alle Welt!) zeugen von der grundsätzlich aggressiven Natur des Systems. Diese ist dadurch zu erklären, dass dem demos suggeriert wird, dass er über die Politik bzw. gesteuerte gesellschaftliche Prozesse seine persönlichen Wünsche erfüllen könne, und das sogar unabhängig von persönlichen Voraussetzungen („Gleichberechtigung“).
Nun, Ansprüche und Erwartungen wollen auch befriedigt werden. Da die Politik aber nicht und niemals in der Lage ist ihre impliziten und expliziten Versprechungen einzulösen sorgt das für ein hohes Aggressionspotential, das wiederum die –Überraschung!- Politik durch noch mehr „Politik“ bewirtschaftet: ein Prozess, der mit jedem Zyklus an Schärfe und Konfliktpotential zunimmt
Ein, mit Verlaub, scheiß System.
.
Dieser Kommentar kann nicht beendet werden ohne den Hinweis auf den unerklärten Krieg gegen die einheimische Urbevölkerung. Es ist das Verdienst der alternativer Analysten von Politik und Zeitgeschichte (darunter auch und gerade der „Neue Rechten“), hier Kriegstreiber und Interessen zu benennen sowie Entwicklungslinien aufzuzeigen.

@Martin
Ob die Autobrände den Versicherern wirklich schaden ist alles andere als eindeutig

Nico Ernst
24. August 2011 03:03

Den pseudo-politisch motivierten Brandanschlägen könnte über den Einsatz von V-Leuten ein schnelles Ende bereitet werden. Offenbar haben die linken Parteien eine große Panik davor, peinliche Querverbindungen zwischen ihnen und der Feuerteuel-Szene könnten ans Tageslicht gelangen.

Toni Roidl
24. August 2011 12:19

Erfunden haben das Autoanzünden die Linksextremisten mit ihrem »Gentrifizierungs«-Blabla. Jahrelang wurde es von Politik & Polizei ignoriert und verniedlicht statt ernsthaft verfolgt. Das lädt Nachahmer ein. Erst waren es sicherlich "normale" jugendliche Hools, die das pseudopolitische Rechtfertigungsgedöns der Linken einfach wegließen und gleich zum gemütlichen Teil übergingen. Jetzt sind es inzwischen wohl schon Versicherungsbetrüger. Und solange die Berliner Sozis den bewaffneten Arm ihrer Senatsverbündeten nicht verärgern wollen, werden es irgendwann normale Bürger sein, die sich über notorische Falschparker vor der Hauseinfahrt ärgern.

Regor
28. August 2011 19:58

Die Atmosphäre ist sehr günstig, um Sozialneid und Revolutionsphantasien bzw. -Romantik durch diese Brände zum Ausdruck zu bringen - wirklich zu fürchten haben die Täter nichts: in Berlin machen Körting und Glietsch (beide SPD, Glietsch dem linken SPD-Flügel nahestehend) "Sicherheit", die wissen genau, dass sie es mit den politisch ausgefranzten Rändern ihrer eigenen Klientel zu tun haben und betreiben höchstens Kosmetik, in den Gerichten sitzen Alt68er, die grundsätzlich ein Auge zudrücken, auch die Linksmedien beteiligen sich auf ihre Weise: Grundsätzlich wird die linke Provenienz der Täter in Frage gestellt, Nebelkerzen geworfen ("Randalierer"), relativiert und natürlich darauf verwiesen, dass in "linken Foren" scharfe Kritik geübt wird (man zitiert dann nicht nachvollziehbare Einträge). Scharfe Kritik: nach fünf Jubelkommentaren findet sich eben auch etwas Gemäkel - dass sich hier ein Widerspruch ergibt ("Randalierer") tut der Propagandamaschinerie, wie immer vorne mit dabei: SPON, keinen Abbruch.
https://www.youtube.com/watch?v=VfSZqXDEIg8 - Dieter Glietsch, der Schrecken aller Autonomen. Der passt eher in die Polizei, die in der Serie "Pippi Langstrumpf" tätig geworden ist.

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