Berlin und die brennenden Autos: „Unsere Ehre heißt Feigheit“

Täglich brennen in Berlin neue Autos. Letzte Nacht waren es mindestens zwölf. Die Reaktionen darauf verraten vor allem eins: Ratlosigkeit. Klaus Wowereit meint: „Wir können nicht die ganze Stadt überwachen.“ Recht hat er, weil der erhöhte Polizeieinsatz nicht die erhoffte Wirkung gebracht hat. Aktionismus hilft also nicht weiter. Gefragt ist zunächst eine korrekte Beschreibung der Lage.

Felix Menzel

Felix Menzel ist Chefredakteur des Schülerblogs blauenarzisse.de.

Die gän­gi­gen Erklä­run­gen für die Serie an Brand­stif­tun­gen sind schnell erschöpft: Links­ex­tre­mis­mus? Im Mai leg­te eine mili­tant lin­ke Grup­pe am Ber­li­ner Ost­kreuz einen „Kurz.Schluss“, der den Bahn­ver­kehr eini­ge Tage behin­dern soll­te. Im Beken­ner­schrei­ben heißt es: „Wir gehen in Streik und sabo­tie­ren den zer­stö­re­ri­schen Trott!“ In den letz­ten Tagen fehl­ten sol­cher­lei kin­di­sche Mani­fes­te von lin­ken Wohl­stands­kin­dern. Natür­lich wer­den sich eini­ge mili­tan­te Lin­ke an den Zün­de­lei­en betei­li­gen, aber ist die poli­ti­sche Gesin­nung das aus­schlag­ge­ben­de Motiv der Taten? Ein gro­ßes Fragezeichen!

Nächs­ter Ansatz: Han­delt es sich um „sozia­le Unru­hen“? Nein. Die aus­ge­brann­ten Autos sind auch in „ärme­ren“ Stadt­vier­teln zu fin­den und es sind nicht nur Wagen der Ober­schicht betroffen.

Der aktu­el­le Spie­gel zieht nun noch einen ande­ren Joker. Das Nach­rich­ten­ma­ga­zin ver­steigt sich zusam­men mit der Kri­mi­no­lo­gin Inge­borg Leg­ge mit Blick auf ähn­li­che Taten in Ham­burg zu der The­se, gewalt­ver­herr­li­chen­de Musik­vi­de­os aus dem Rap­per-Milieu moti­vier­ten die Feu­er­teu­fel. In man­chen Vide­os wür­den bren­nen­de Autos zu Zei­len wie „Ich has­se die­sen Staat, ich scheiß auf die Gesell­schaft“ gezeigt. Die Poli­zei folg­te die­ser Spur in den letz­ten Wochen mit einer eigens dafür ein­ge­rich­te­ten „Grup­pe Brand“. Das Ergeb­nis: Vor eini­gen Tagen brann­ten auch wie­der Autos in der Hansestadt.

Es bleibt einem nach die­sem Aus­schluß­ver­fah­ren fast nichts ande­res übrig, als auf eine sinn­lo­se Zer­stö­rungs­wut von „Idio­ten“ (Wowe­reit) zu tip­pen. Ergo: Die Poli­zei muß die Spin­ner fin­den und Klaus Wowe­reit muß neben dem Auto­gramm­schrei­ben im Wahl­kampf doch noch einen „Run­den Tisch“ ein­be­ru­fen, der die Pro­ble­me solan­ge zer­re­det, bis sie rein zufäl­lig auf ein erträg­li­ches Maß abge­ebbt sind.

Im Zir­kus der Par­tei­en schwei­gen der­weil die Lin­ken das Pro­blem tot. Die bür­ger­li­chen Groß­stadt­par­tei­en raf­fen sich mit Aus­sicht auf zwei Pro­zentpünkt­chen mehr zu dem kurz­fris­ti­gen Pro­pa­gie­ren einer „Null-Tole­ranz-Stra­te­gie“ auf. Und die Rech­ten treibt die Hoff­nung auf einen Ach­tungs­er­folg (gemeint sind „1 % + x“) dazu, alle Taten in die Schu­he von angeb­lich bis oben hin mit Ideo­lo­gie voll­ge­pump­ten „Links­ex­tre­mis­ten“ zu schie­ben. René Stadt­ke­witz von DIE FREIHEIT betont etwa: „Ich befürch­te, dass die links­ex­tre­mis­ti­schen Brand­stif­ter im Zuge des Wahl­kamp­fes Moscheen, Syn­ago­gen oder ande­re Ein­rich­tun­gen anzün­den, um so die Wäh­ler zu manipulieren.“

Ganz Ber­lin also bald in Flam­men? Das Sze­na­rio läuft sicher so ab: Erst ste­cken Links­ex­tre­mis­ten Moscheen an. Dann bewaff­nen sich ver­är­ger­te Mus­li­me mit Knüp­peln und suchen die nächs­te Syn­ago­ge auf und am Ende erhält DIE FREIHEIT 30 Pro­zent, weil sie es vor­her gewußt hat und die Mani­pu­la­ti­ons­ver­su­che ihrer Fein­de enttarnte.

Um Par­don für die­sen Aus­flug ins Reich der Wahl­kampf­mär­chen! Das Pro­blem ist frei­lich viel zu ernst, um dar­über zu scher­zen. Der Grat zwi­schen Ver­harm­lo­sung und Dra­ma­ti­sie­rung die­ses Pro­blems ist schmal. Zunächst darf man die Täter nicht über­schät­zen. Sie sind nicht zu einer schlag­kräf­ti­gen Orga­ni­sa­ti­on fähig, sie ver­fü­gen über kein geis­ti­ges Rüst­zeug und sie besit­zen kei­nen Kil­ler­instinkt. Hans Magnus Enzens­ber­ger hat bereits 1993 in sei­nem so wich­ti­gen Essay Aus­sich­ten auf den Bür­ger­krieg die­sen Täter­ty­pus rich­tig beschrieben:

Was an ihnen auf­fällt, ist das Feh­len aller Über­zeu­gun­gen. (…) Es ist eine neue Männ­lich­keit, die hier zum Vor­schein kommt. Man könn­te mei­nen, ihre Ehre hie­ße Feig­heit; aber das wäre eine Über­schät­zung. Schon die blo­ße Unter­schei­dung von Mut und Feig­heit ist ihnen unver­ständ­lich. Auch das ist ein Zei­chen für Autis­mus und Überzeugungsschwund.

Trotz­dem ist die Lage ernst. Die Brand­stif­tun­gen sind nur ein Sym­ptom unzäh­li­ger Kon­flikt­li­ni­en, die durch unse­re Gesell­schaft ver­lau­fen und an denen der Staat aus­nahms­los ver­sagt, weil er, statt eine Ent­schei­dung zu tref­fen, den Kon­sens sucht. In sei­ner Zurüs­tung zum Bür­ger­krieg schreibt Thors­ten Hinz dazu:

Im mole­ku­la­ren Sta­di­um ist der Bür­ger­krieg als sol­cher kaum wahr­nehm­bar. Und noch in den Eska­la­ti­ons­pha­sen spielt er sich in einer kom­ple­xen Gesell­schaft wie der deut­schen auf unter­schied­lichs­ten Ebe­nen ab und ist ver­wir­ren­der als eine Aus­ein­an­der­set­zung im afri­ka­ni­schen Busch. Sei­ne Fron­ten sind kurz und viel­fäl­tig, über­la­gern sich, lie­gen kreuz und quer zuein­an­der, teil­wei­se neu­tra­li­sie­ren sie sich, wäh­rend sie anders­wo umso gewal­ti­ger aufeinanderprallen.

Mit Blick auf die fei­gen Täter, die wider­stands­un­fä­hi­gen Opfer und die hand­zah­men Insti­tu­tio­nen stellt sich aller­dings die Fra­ge, ob wir über­haupt noch von einer – wenn auch kur­zen – Front spre­chen kön­nen, oder ob nicht viel­mehr das gegen­sei­ti­ge Aus­wei­chen, Ver­wi­schen und Ver­ste­cken das Sym­pto­ma­ti­sche ist und zur Ver­hin­de­rung einer rei­ni­gen­den Eska­la­ti­on bei­trägt. An spä­te­rer Stel­le schreibt Hinz von der Angst der Deut­schen vor dem Poli­ti­schen. Das trifft es bes­ser und ist das eigent­lich Bedroh­li­che: Es gibt kei­ne Front und der Zer­fall geht ohne erkenn­ba­re Abbie­gungs­mög­lich­keit weiter.

Test

Felix Menzel

Felix Menzel ist Chefredakteur des Schülerblogs blauenarzisse.de.

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Kommentare (5)

Martin

23. August 2011 21:52

Das interessante an dem "Auto-Brand-Syndrom" ist doch, wie wenig wir eigentlich darüber wirklich wissen, da bislang wohl kaum ein Täter geschnappt wurde und wir daher über die "Motivlage" nur rätseln können, aber nichts von echtem Wahrheitsgehalt aussagen können. Das peinliche für die Regierung: Das Thema ist eigentlich uralt. Alleine die folgende Webseite hat, bis zu ihrer Einstellung im Oktober 2010(!) für Berlin seit 2007 (!) 633 abgefackelte Autos dokumentiert.

https://www.brennende-autos.de/

Das Ganze läuft also schon seit 2007 in Berlin und in anderen Städten wie Hamburg wohl ebenso lang.

Erst jetzt, im Wahlkampf von Berlin, wird das ganze zum Thema. Bis dahin war es fast schon perfekt medial gedeckelt.

PS: Ich glaube, das bei den Zahlen locker 10- 20% organisierte Trittbrettfahrer-Versicherungsbetrüger am Werk sind, da Vollkaskoversicherungen Vandalismus bezahlen - eine gewisse Form der organisierten Kriminalität ist da sicher auch dabei. Vermutlich fangen so langsam die Versicherungen das Rebellieren an, nach dem Motto: Liebe Bild etc., wenn ihr weiter Anzeigen von uns haben wollt, dann nehmt Euch des Themas endlich an ... denn es verwundert doch schwer, dass seit Jahren so was abgeht und es bislang kaum jemanden interessiert zu haben scheint.

Unke

24. August 2011 01:48

Der Autor schlägt einen mMn gewagten Bogen von Straftaten zum „Bürgerkrieg“. Wie er ja zum Schluss selbst anmerkt, fehlen sowohl Konfliktparteien als auch ein klares Konfliktthema.
Zu den Konfliktparteien: oberflächlich könnte man meinen sie bestünden aus den Geschädigten (Autobesitzern) sowie Strafverfolgern auf der einen und den Tätern auf der anderen Seite.

Nun, das trifft so nicht zu.

Das permissive Klima, dass diese Taten begünstigt wurde geschaffen von linken (im Jargon der Neuen Rechten: „liberalen“) Parteien, deren Vorfeldorganisationen (inkl. NGOs) und mehr als nur geneigten Medien. Wer ist hier also der Feind? Dazu kommt: Politiker kann man durch Abwahl beseitigen, die Agenda der Hauptstrommedien nicht.

Kurz: von „Bürgerkrieg“ zu reden ist Effekthascherei, auch wenn ich verstehe, was mit dieser Begriffsverwendung gemeint ist.

Es besteht mMn ein nicht zu übersehender Zusammenhang zwischen der (Nicht)Herrschaftsform „Demokratie“ in ihrer aktuellen (westlichen) Ausprägung und ihrem Hang zur Gewalt. Die –sich durchaus auch mal widersprechenden- geradezu maoistischen Mobilisierungskampagnen (Arbeitet mehr! Integriert mehr! Habt keine bösen [d.h. faschistischen] Gedanken! Entrüstet Euch! Zahlt mehr! Diskriminiert nicht! Bringt unsere Gesellschaft in alle Welt!) zeugen von der grundsätzlich aggressiven Natur des Systems. Diese ist dadurch zu erklären, dass dem demos suggeriert wird, dass er über die Politik bzw. gesteuerte gesellschaftliche Prozesse seine persönlichen Wünsche erfüllen könne, und das sogar unabhängig von persönlichen Voraussetzungen („Gleichberechtigung“).
Nun, Ansprüche und Erwartungen wollen auch befriedigt werden. Da die Politik aber nicht und niemals in der Lage ist ihre impliziten und expliziten Versprechungen einzulösen sorgt das für ein hohes Aggressionspotential, das wiederum die –Überraschung!- Politik durch noch mehr „Politik“ bewirtschaftet: ein Prozess, der mit jedem Zyklus an Schärfe und Konfliktpotential zunimmt
Ein, mit Verlaub, scheiß System.
.
Dieser Kommentar kann nicht beendet werden ohne den Hinweis auf den unerklärten Krieg gegen die einheimische Urbevölkerung. Es ist das Verdienst der alternativer Analysten von Politik und Zeitgeschichte (darunter auch und gerade der „Neue Rechten“), hier Kriegstreiber und Interessen zu benennen sowie Entwicklungslinien aufzuzeigen.

@Martin
Ob die Autobrände den Versicherern wirklich schaden ist alles andere als eindeutig

Nico Ernst

24. August 2011 03:03

Den pseudo-politisch motivierten Brandanschlägen könnte über den Einsatz von V-Leuten ein schnelles Ende bereitet werden. Offenbar haben die linken Parteien eine große Panik davor, peinliche Querverbindungen zwischen ihnen und der Feuerteuel-Szene könnten ans Tageslicht gelangen.

Toni Roidl

24. August 2011 12:19

Erfunden haben das Autoanzünden die Linksextremisten mit ihrem »Gentrifizierungs«-Blabla. Jahrelang wurde es von Politik & Polizei ignoriert und verniedlicht statt ernsthaft verfolgt. Das lädt Nachahmer ein. Erst waren es sicherlich "normale" jugendliche Hools, die das pseudopolitische Rechtfertigungsgedöns der Linken einfach wegließen und gleich zum gemütlichen Teil übergingen. Jetzt sind es inzwischen wohl schon Versicherungsbetrüger. Und solange die Berliner Sozis den bewaffneten Arm ihrer Senatsverbündeten nicht verärgern wollen, werden es irgendwann normale Bürger sein, die sich über notorische Falschparker vor der Hauseinfahrt ärgern.

Regor

28. August 2011 19:58

Die Atmosphäre ist sehr günstig, um Sozialneid und Revolutionsphantasien bzw. -Romantik durch diese Brände zum Ausdruck zu bringen - wirklich zu fürchten haben die Täter nichts: in Berlin machen Körting und Glietsch (beide SPD, Glietsch dem linken SPD-Flügel nahestehend) "Sicherheit", die wissen genau, dass sie es mit den politisch ausgefranzten Rändern ihrer eigenen Klientel zu tun haben und betreiben höchstens Kosmetik, in den Gerichten sitzen Alt68er, die grundsätzlich ein Auge zudrücken, auch die Linksmedien beteiligen sich auf ihre Weise: Grundsätzlich wird die linke Provenienz der Täter in Frage gestellt, Nebelkerzen geworfen ("Randalierer"), relativiert und natürlich darauf verwiesen, dass in "linken Foren" scharfe Kritik geübt wird (man zitiert dann nicht nachvollziehbare Einträge). Scharfe Kritik: nach fünf Jubelkommentaren findet sich eben auch etwas Gemäkel - dass sich hier ein Widerspruch ergibt ("Randalierer") tut der Propagandamaschinerie, wie immer vorne mit dabei: SPON, keinen Abbruch.
https://www.youtube.com/watch?v=VfSZqXDEIg8 - Dieter Glietsch, der Schrecken aller Autonomen. Der passt eher in die Polizei, die in der Serie "Pippi Langstrumpf" tätig geworden ist.

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