Sezession
1. September 2011

1932, 1933, 1936

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 42 / Juni 2011

Es vermag nur phantasielose, umerzogene oder ohne historische Dimension auskommende Menschen zu empören, daß unter anderem folgende Persönlichkeiten 1933 Deutschland nicht fluchtartig verlassen, sondern einfach oder erst recht ihr Werk fortgesetzt haben: der bedeutendste deutsche Lyriker des 20. Jahrhunderts (Gottfried Benn); der bedeutendste deutsche Philosoph des 20. Jahrhunderts (Martin Heidegger); vier von fünf der bedeutendsten deutschen Dirigenten des 20. Jahrhunderts (Wilhelm Furtwängler, Herbert von Karajan, Karl Böhm, Hans Knappertsbusch); die drei bedeutendsten deutschen Komponisten des 20. Jahrhunderts (Richard Strauss, Hans Pfitzner, Carl Orff); die bedeutendste deutsche Filmemacherin des 20. Jahrhunderts (Leni Riefenstahl); einer der bedeutendsten deutschen Bildhauer des 20. Jahrhunderts (Arno Breker); der bedeutendste deutsche Architekt des 20. Jahrhunderts (Albert Speer); der bedeutendste deutsche Attentäter des 20. Jahrhunderts (Claus von Stauffenberg) – und der bedeutendste deutsche Staatsrechtler des 20. Jahrhunderts (Carl Schmitt).

Souverän ins Abseits gegangen war allerdings der Chronist des gesamten Jahrhunderts, der bis auf die Musiker und den Attentäter all die anderen aufgelisteten Größen kannte und mit einigen von ihnen intensive Briefwechsel führte: Ernst Jüngers »Bestreben« lief, um aus seinem berühmten Schreiben an den Völkischen Beobachter zu zitieren, »nicht darauf hinaus, in der Presse möglichst oft genannt zu werden, sondern darauf, daß über die Art meiner politischen Substanz auch nicht die Spur einer Unklarheit entsteht.« Jünger zog sich zurück, und zwar buchstäblich, indem er von Berlin (dort ein Star in nationalen Kreisen) nach Goslar in die Provinz zog, und später weiter nach Kirchhorst, ein Kaff bei Hannover. Ähnlich wie viele andere empfand auch er die Eingliederung in die Wehrmacht als »aristokratische Form der Emigration« (Gottfried Benn). Als Hauptmann einer Infanteriekompanie marschierte er 1940 in Frankreich ein und blieb in Paris als Besatzungsoffizier bis 1944 stationiert.

Benn nun beendete seinen kulturpolitischen Versuch 1934. Er hatte den deutschen Nationalsozialismus mit dem italienischen Faschismus verwechselt, und sich auch beim Blick auf diesen bloß an der formalen Strenge und Wucht berauscht, das Politische jedoch ignoriert oder völlig mißverstanden. Ebenfalls 1934 zog Heidegger sich zurück: Er konnte mit seinen Plänen nicht durchstoßen und sah seine Erwartungen in eine auch geistige Erneuerung Deutschlands enttäuscht. Die denkbar radikalste Wendung vollzog von Stauffenberg, der sich etwa 1942 von Hitler abwandte: Seine glänzende Offizierskarriere mündete in die eines Bombenlegers und symbolpolitischen Aktivisten. Er bezahlte für diesen Gesinnungswandel mit dem Leben. Speer, Riefenstahl, die Dirigenten, die Komponisten und Breker blieben bis 1945 in der Nähe der Macht, die letzteren tauchten in den von Hitler zusammengestellten Sonderlisten der »Gottbegnadeten« auf und waren deshalb von allem Kriegsdienst befreit – während Heidegger in Freiburg Panzergräben aushob, Jünger den Volkssturm bei Kirchhorst führte und Carl Schmitt im letzten Aufgebot Berlins stand.

Der Rechtswissenschaftler Helmut Quaritsch führt in seinem ebenso übersichtlichen wie souveränen Buch über die Positionen und Begriffe Carl Schmitts aus, daß neben den erwähnten Geistesgrößen auch zahllose andere um die Staatsordnung Deutschlands besorgte Männer und Frauen Hitler als prinzipielle Alternative, zunächst oder über Jahre, bejahten oder zumindest akzeptierten: »Was wir heute als Beseitigung des Parlamentarismus und rechtliche Begründung des autoritären Regierungsstaates, als Einleitung zur Hitler-Diktatur verdammen, galt damals auch klugen und politisch erfahrenen Leuten als unvermeidbar, als Genesungsrezept, als Radikalkur. Wer das nicht nachvollziehen will, kann die Lage im Frühjahr 1933 nicht begreifen.« 1933 jedenfalls hatten die Nationalsozialisten und Hitler ihre Verbrechen noch vor sich und traten nach innen und außen als entschiedene Verteidiger der Nation auf – gegen diejenigen etwa, die sich eine Ausdehnung des kommunistischen Experiments auf deutschen Boden wünschten und dabei den bereits vollzogenen sowjetischen Terror und seine Millionen Opfer entweder ignorierten oder als notwendige Zerschlagung historisch überkommener Strukturen begründeten.


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