Sezession
20. September 2011

Schwarze Fahnen wir noch han

Gastbeitrag

von Karlheinz Weißmann

Den Wahlerfolg der Piratenpartei kann man im Grunde nicht politisch deuten, sondern nur als Konsequenz von Überdruß und letzter Entschlossenheit, sich zu amüsieren. Immerhin hat sich die Truppe mit der schwarzen Fahne ein auffälliges Symbol gegeben, das eine lange Tradition hat und nicht nur auf den Jolly Roger der Freibeuter zurückweist.

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Schwarz ist neben Rot die am weitesten verbreitete symbolische Farbe. Es gibt eine „Suggestion des Schwarzen“ (Johan Huizinga), weshalb es häufig für Amtstrachten oder Uniformen verwendet wurde. Aber die stärkere Bedeutung von Schwarz ist der Verweis auf Verzweiflung, Tod und Rache. Dementsprechend findet Schwarz als Farbe der Trauerkleidung in vielen Kulturen Verwendung; schwarze Fahnen treten außerdem als spontaner Ausdruck des Protests oder letzter Entschlossenheit in Bewegungen ganz verschiedener Herkunft auf. Das gilt etwa für die Bauernaufstände des 17. Jahrhundets im deutschen Süden (erhalten blieb ein Lied mit dem Titel Schwarze Fahnen sie noch han), für den Jolly Roger der Freibeuter, aber auch für die gegen die Türken gerichteten Revolten in Mazedonien von 1876 und 1903 oder jene ungarischen Truppen, die 1956 über ihren letzten Stellungen schwarze Fahnen aufzogen, um zu signalisieren, dass sie nicht zur Kapitulation bereit seien.

Eine schwarze Fahne spielt traditionell im Islam eine wichtige Rolle. So soll schon den Heeren Mohammeds eine weiße und eine schwarze Fahne vorangetragen worden sein. Auf der weißen war zu lesen „Niemand ist größer als Allah“, während man die schwarze als Kampfsymbol aus vorislamischer Zeit übernommen hatte. Die dann zwischen dem 7. und 12. Jahrhundert von Bagdad aus regierenden Abassiden verwendeten schwarze Fahnen, um ihre Bereitschaft zur Vergeltung für die Niederlage in der Schlacht von Kerbala anzuzeigen; eine Tradition, die sich in islamisch geprägten Ländern bis heute erhalten und dazu geführt hat, daß ein schwarzer Streifen auch in die panarabischen Farben aufgenommen wurde.

Anders auf der Linken. In der Pariser Juli-Revolution von 1830 trennten sich nicht nur die Anhänger der „Roten“ von denen der Trikolore, innerhalb der radikalen Fraktion entstand auch eine anarchistische Bewegung im genaueren Sinn, die Schwarz zu ihrer Farbe machen sollte. Als deren Vorläufer sind die Arbeiter von Grenoble und Reims zu betrachten, die am 20. September 1831 schwarze Fahnen im Zug mittrugen, vor allem aber die Seidenspinner von Lyon, die sich am 22. November 1831 gewaltsam erhoben und eine schwarze Fahne führten, auf der zu lesen stand „Vivre en travaillant ou mourir en combattant“ – „Lebend arbeiten oder kämpfend sterben“. Das Schwarz als Protestsymbol blieb auch in der Folgezeit erhalten, und in der Revolution von 1848 hat jedenfalls Bakunin, einer der Erzväter des Anarchismus, eine schwarz Fahne geführt. Dann tauchte sie allerdings erst wieder auf während des Commune-Aufstands von 1871: als Ausdruck der Verzweiflung über den drohenden Untergang.

Diese Konnotation blieb auch erhalten, als sich seit den 1880er Jahren in europäischen Staaten und in den USA anarchistische Gruppen organisierten. Am 18. März 1882 sprach Louise Michel, die „rote Jeanne d’ Arc“ der Commune, davon, daß die Anarchisten zwar auch die rote Fahne in Ehren halten wollten, „gefärbt vom Blut unserer Soldaten“, aber: „Ich ziehe die schwarze Fahne auf aus Trauer über unsere Illusionen und unsere Toten.“

Erst in der Folgezeit kam es zur sicheren Identifikation des Anarchismus mit der Farbe Schwarz. So entstand im Oktober 1881 die International Working People’s Association in Chicago, die auch als Black International – „Schwarz Internationale“ bezeichnet wurde, ein Jahr später gründeten Anarchisten in Paris die Zeitschrift Le Drapeau Noir – Die Schwarz Fahne.

Infolge dieser relativ klaren Zuordnung von Anarchismus und Schwarz kämpften die Truppen des ukrainischen Anarchisten Makhno nach dem Ersten Weltkrieg für eine unabhängigen Ukraine genauso unter schwarzen Fahnen (mit der Inschrift „Freiheit oder Tod“ auf der einen, „Das Land den Bauern, die Fabriken den Arbeitern“ auf der anderen Seite) wie die anarchistischen Milizen während des Spanischen Bürgerkriegs. Trotz des rapiden Bedeutungsverlusts, den der Anarchismus im weiteren Verlauf des 20. Jahrhunderts erlitten hat, geriet die schwarze Fahne nicht in Vergessenheit und konnte mit der Studentenrevolte der sechziger Jahre zuerst in den USA und dann weltweit eine Renaissance erleben.

Vor allem der Organisation Rouge et Noir, zu deren führenden Mitgliedern Daniel Cohn-Bendit gehörte, gelang es im „Pariser Mai“ die schwarze Fahne als Symbol der militanten Linken zu etablieren, das sich hinreichend deutlich vom Rot der „bürgerlichen“ Sozialisten und Kommunisten unterschied. In einer aufsehenerregenden Aktion gelang es einigen Aktivisten sogar, eine schwarze Fahne über Notre Dame aufzuziehen. Bezeichnenderweise klebten die Anhänger de Gaulles während des Pariser Mai 1968 Plakate, auf denen rote und schwarz Fahnen mit der Parole Plus jamais ça – „Das nie wieder“ zu sehen war und andere mit der Trikolore und der Aufschrift Non au drapeau noir – „Nein zur schwarz Fahne“.

Die Deutungen für das anarchistische Schwarz reichen von der Aufnahme eines traditionellen Protestsymbols über die Behauptung, es handele sich um eine Trauerflagge für die gefallenen Kämpfer der Kommune von 1871, bis zu der These, die schwarz Fahne sei die „Verneinung aller Fahnen“ (Howard Ehrlich), also das Symbol für die Aufhebung der Vaterländer und jeglicher Form menschlicher Herrschaft.

Daß man den Anarchisten trotz allem kein Monopol auf dieses Symbol zusprechen kann, hängt vor allem damit zusammen, daß schwarze Fahnen auch auf der Gegenseite als Ausdruck des radikaalen Protestes bekannt waren. Verwendung fand eine schwarze Fahne beispielsweise bei der Besetzung des sogenannten „Fort Chabrol“ durch einige Nationalisten im Jahr 1899, und seit der Zwischenkriegszeit entstanden Bewegungen der Rechten, die dieses Zeichen wegen seiner revolutionären Dynamik für sich reklamieren wollten. Dazu gehörten vor allem die italienischen Faschisten, die neben den Fasces das Schwarzhemd, aber auch schwarze Fahnen, Wimpel und Standarten verwendeten.

In Deutschland bevorzugte die NSDAP für ihre politischen Uniformen Braun, auch wenn sich die SS mit ihrer schwarz Montur gerne als „Schwarzes Korps“ verstand. Ein Grund für diese Zurückhaltung mochte auch sein, daß Schwarz in Deutschland bereits durch konkurrierende nationalrevolutionäre Bewegungen besetzt war.

Unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg hatten Nationalisten aus Protest gegen den Versailler Vertrag schwarze Fahnen aufgezogen, im Laufe der zwanziger Jahre setzte sich dieses Symbol – nicht zuletzt unter dem Einfluß des Publizisten Arthur Moeller van den Bruck – in vielen Gruppierungen durch. Die wichtigsten waren die Jugendbünde, die Landvolkbewegung in Norddeutschland und die „Widerstandsbewegung“ des nationalrevolutionären Theoretikers Ernst Niekisch; auch die aus einer Abspaltung der NSDAP hervorgegangene „Schwarze Front“ verwendete eine schwarze Fahne mit aufgelegtem Hammer und Schwert. Im Grunde genommen war die schwarze Fahne das Symbol der Konservativen Revolution.

Nach dem Zweiten Weltkrieg verschwand diese Emblematik fast völlig, auch wenn die schwarz Fahne als Protestsymbol bei Bauerndemonstrationen und im Widerstand gegen Zechenstillegungen immer wieder auftauchte. Seit den achtziger Jahren gab es außerdem eine allmähliche Wiederbelebung der national- beziehungsweise konservativ-revolutionären Symbolik in einzelnen Jugendbünden, der „Neuen Rechten“, innerhalb wie außerhalb der NPD. Damit hat die schwarze Fahne der „Piraten“ natürlich nichts zu tun, wenn überhaupt, dann muß man ihr Emblem als Hinweis auf ein anarchoides Staatsverständnis begreifen.

Eine vollständige Bilddokumentation zur Geschichte finden Sie hier!

Bildquelle: wikipedia
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