Sezession
26. September 2011

Selbstversorgung

Ellen Kositza

QuittenprobeNicht, daß der Wind hier auf dem Lande uns bereits einen Hauch „Vorbürgerkrieg“ zutrüge; nein, Spätsommer und Frühherbst zählen hier zu den idyllischsten Zeiten. Und zu den arbeitsamsten, denn es ist Erntezeit und Schlachtbeginn. So übt sich die Familie (während in den umliegenden Orten mittlerweile eine Supermarktdichte herrscht, wie ich sie andernorts nie erlebt habe und wie wir sie vor neun Jahren nicht vorgefunden haben) derzeit fleißig im hauswirtschaftlichen Ernstfall-Spiel.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Wenn heute der infrastrukturelle Notfall einträte – wir hätten gut lachen! Das heißt, seit ein paar Monaten leben wir nahrungsmäßig nahezu autark, allein Backgetreide, Milchprodukte und Honig werden zugekauft.

Wir zählen derzeit ungefähr 40 Enten (von denen die jüngsten noch zuckersüße Streicheltiere sind, die ältesten schon fett und mit schiffsähnlichem Rumpf durch den Garten wanken), drei Gänse und knapp zwei Dutzend Hühner, zudem ein halbes Schwein, das als ganzes bei einem Nachbarn steht. Die Ernte aus eigenem Anbau reicht für die Familie (Fleisch haben wir monatelang nur zu Festtagen verspeist, statt dessen reichlich Eierspeisen) und für die Tiere. Meine gelegentlichen Zweifel, ob das zumindest aus ökonomischer Sicht nicht unrentabel sei (Gemüse ist als Saisonware ist im Supermarkt spottbillig), hat Kubitschek ausgehebelt: Ein paar Samentütchen kosten nicht viel, und der "Wert" selbstgezogenen, ungespritzten Gemüses läßt sich sowieso nicht nur in Geldbeträgen ausdrücken.

Die dankbarste Ernte ist die dieser Wochen, nämlich der fast mühelose Gang durchs Schlaraffenland, das uns umgibt. Begonnen hat es schon Ende Juni, als wir in die Kirschalleen der fußnahen Umgebung gingen und fast 50 Kilo holten. Entsteinen, verbacken und einkochen ist mit einer Handvoll Kinder, logisch, ein Kinderspiel, die freuen sich schon ab Frühling immer auf diese Zeit.

Ab Juli sammelten wir die ersten Pflaumen, diese Woche waren Äpfel, Birnen und Quitten dran. Wenn die Kinder angesichts der bevorstehenden Arbeit doch mal stöhnen (das tun sie ab dem Alter, wo sie in früheren Jahrhunderten zur ökonomisch brauchbaren Größe heranwuchsen), wird ihnen das altbekannte Märchen von Frau Holle erzählt, wo die Bäume mitleiderregend sprechen können: „ Schüttel mich, rüttel mich, meine Früchte sind längst reif!“ Dieses Jahr ächzen die Obstbäume besonders und ducken sich unter ihrer Last, ein Glück, sie erleichtern zu dürfen!
Test


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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