Sezession
25. September 2011

Akademiebericht „Konservative Revolution“

Gastbeitrag

Ein Gastbeitrag von Johannes Ludwig

Konservative Revolution zieht immer. Die 12. Sommerakademie des Instituts für Staatspolitik, die sich der Konservativen Revolution widmete, war mit etwa 50 Teilnehmern besonders gut besucht. Dabei machten die Ankündigung und die Vortragsthemen von vorneherein klar, daß es weder um geschichtliche Nacherzählung noch um Heldenverehrung gehen sollte. Stattdessen wurde versucht, das Thema systematisch anzugehen.

Einen historischen Überblick über die Konservative Revolution gab daher lediglich Dr. Karlheinz Weißmann in seinem Einführungsvortrag. Der konservativ-revolutionäre Grundimpuls – nämlich Verhältnisse schaffen zu wollen, deren Erhaltung sich lohnt – habe sich bereits im Laufe des 19. Jahrhunderts in Deutschland entwickelt. Den Protagonisten der KR der Zwischenkriegszeit sei es dann vor allem darum gegangen, die „deutsche Weltalternative“ zur Geltung zu bringen, die unter anderem auf die Begriffe des „Dritten Weges“, des „Dritten Reiches“ oder des „Geheimen Deutschlands“ gebracht worden sei. Weißmann machte sehr deutlich, daß die Konservative Revolution als Denkbewegung nicht als politischer Anknüpfungspunkt für die Gegenwart zu verstehen sei, sondern als geschichtliches Phänomen. Entsprechend forderte Weißmann eine konsequente Historisierung der KR.

Über „Lebensreform und Politik“ sprach Dr. Erik Lehnert. Er wies darauf hin, daß die Lebensreformbewegung ihren Ursprung im Kaiserreich hatte, das es dem Einzelnen ermöglicht habe, sich fern von politischen Lagerzuordnungen öffentlich zu betätigen. Die Lebensreform sei daher eine heterogene Bewegung gewesen und dürfe keineswegs auf Freikörperkultur und Frühhippietum reduziert werden. Den Ernsthaften unter den Lebensreformern sei es vielmehr darum gegangen, das Leben – ein Grundbegriff konservativen Denkens – heilsam zu reformieren.

Einen konkreten Entwurf für eine solche Reform des Lebens lieferte der Althistoriker Prof. Dr. Michael Stahl. Er stellte in seinem Vortrag nicht so sehr einen Aspekt konservativ-revolutionären Denkens vor, sondern gab eher ein praktisches Beispiel dafür. Mit einer politischen Denkschrift plädierte er für „Die andere Moderne“, die den Bruch mit der Vormoderne überwinden und sich geistig-kulturell an der Antike orientieren solle. Auf diese Weise könnten die Ökonomisierung des Denkens, die Ideologie des Fortschritts und die Übertreibungen der Säkularisierung korrigiert werden.

Dieser letzte Hinweis auf die Religion als zentrales Thema der KR wurde aufgenommen in Dr. Karlheinz Weißmanns Vortrag über „Deutschtum und Christentum“. Weißmann stellte einen weitgehend vergessenen Aspekt deutscher Geistes- und Theologiegeschichte der Moderne vor. Schon die deutsche Aufklärung sei im Gegensatz etwa zur französischen grundsätzlich religionsfreundlich gewesen; die „Deutsche Bewegung“ – Klassik, Idealismus und Romantik – habe dann die nationale ganz eng mit der religiösen Frage verknüpft. Ernst Moritz Arndt habe bereits in Fortführung des reformatorischen Impulses eine auf religiöse Innerlichkeit konzentrierte deutsche Nationalkirche gefordert. Im Laufe des 19. Jahrhunderts habe sich parallel zur historischen Bibelkritik im Gefolge der liberalen Theologie ein Deutschchristentum entwickelt, dem es um religiöse ebenso wie um völkische Erneuerung gegangen sei. Durch den Ersten Weltkrieg sei dieser Diskurs auf eine höhere Stufe gehoben worden und habe sich mit dem spezifischen religiösen Aufbruch durch die Lutherrenaissance und die Dialektische Theologie verbunden. Seinen Höhe- und historischen Schlußpunkt habe der Versuch einer Synthese aus Deutschtum und Christentum dann in dem evangelischen Theologen Emanuel Hirsch gefunden, der gefordert habe, die aufklärerische mythenzerstörende Reflexion ernstzunehmen und radikal die Frage nach den Konsequenzen zu stellen. Die historischen Umstände nach 1945 führten dann aber dazu, daß nach einem kurzen Nachbeben das Thema von der theologischen Tagesordnung verschwand.

Am stärksten mit der realhistorischen KR befaßte sich Dr. Dietrolf Berg in seinem Vortrag über den „Wehrwolf“, einen antibürgerlichen und antiparlamentarischen Wehrverband in der Weimarer Republik. Das sei an sich nichts spezifisch konservativ-revolutionäres oder auch nur rechtes gewesen, habe es doch in Gestalt des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold auch eine entsprechende SPD-Organisation gegeben. Der Wehrwolf sei allerdings unter Führung von Fritz Kloppe zu einer Avantgarde unter den rechtsradikalen Wehrverbänden gewesen, habe sogar die SA für zu gemäßigt gehalten, da die NSDAP sich durch die Beteiligung an Wahlen mit dem Parlamentarismus eingelassen habe. Trotzdem unterstellte sich der Wehrwolf nach 1933 der SA und verlor damit jeden weiteren politischen Einfluß.

Sehr viel grundsätzlicher wurde es dann wieder in dem Vortrag von Prof. Dr. Steffen Dietzsch über die geistesgeschichtlichen Grundlagen des Konservatismus. Für Dietzsch orientiert sich konservatives Denken historisch und systematisch an drei Leitideen: der Reichsidee, der Freiheitsidee und der Idee der Antipolitik. Mit der Reichsidee sei der Versuch einer Synthese aus Nationalem und Übernationalem gemeint, orientiert am Alten Reich und gegenwärtig etwa realisierbar in einer europäischen Gemeinschaft unter deutscher Führung. Die Freiheitsidee band Dietzsch an ein durch Schelling geformtes Verständnis von Luthers Anthropologie, nach welchem der Mensch in Freiheit und Gebundenheit zugleich existiere, vor allem aber durch Christus zur Freiheit verurteilt sei. Die Idee der Antipolitik schließlich wollte Dietzsch als Abkehr vom Kleinklein des politischen Tagesgeschäfts verstanden wissen, nicht aber als Abkehr vom (meta-)politischen Denken.

Über „Heideggers Revolution“ sprach Prof. Dr. Harald Seubert. Heidegger sei eine philosophische Jahrtausendgestalt, und es sei bezeichnend für die gegenwärtige Lage des akademisch-philosophischen Betriebes, daß Heidegger konsequent gemieden werde. Wenn man sich schon mit ihm befasse, dann komme immer nur dessen Verhältnis zum Nationalsozialismus in den Blick. Dagegen stellte Seubert den Heidegger von 1918/19 vor und interpretierte dessen Philosophie als konservativ-revolutionäres Denken in seiner radikalsten Form.

Den Schlußvortrag hielt Götz Kubitschek über die „Strahlkraft der KR“. Der Vortrag knüpfte implizit an Weißmanns Forderung vom Einführungsvortrag an, die KR zu historisieren. Kubitschek kontrastierte plastisch die Konservative Revolution der Zwischenkriegszeit, in der es um Alles oder Nichts gegangen sei und nicht radikal genug gedacht und geschrieben werden konnte, mit der gegenwärtigen Neuen Rechten, die nur über Mehr oder Weniger diskutieren und zwar grundsätzliches denken und schreiben könne, dabei aber die harmloseste Rechte aller Zeiten sei. Der Grund für diese Diskrepanz sei die sich von der Weimarer Zeit radikal unterscheidende historisch-politische Lage der Gegenwart. Wichtiger als Verbalradikalismen, so stellte Kubitschek im Abschlußgespräch heraus, sei der Aufbau verläßlicher organisatorischer Strukturen, um konservative politische Bildungsarbeit leisten zu können.

 


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