Sezession
4. Oktober 2011

Nichts für Kinder: Wickie auf großer Fahrt

Ellen Kositza

Mir ist nicht klar, wen der gerade in den Kinos angelaufene Film Wickie auf großer Fahrt begeistern soll. Eventuell: extrem fernseherfahrene sogenannte Kids, eine Klientel, die ich nicht so gut kenne. Kinder im herkömmlichen Sinne werden sich gruseln, Jugendliche und Erwachsene langweilen. Jedoch, der bombastische Mistfilm läuft, und aus den Supermarktprospekten dieser Woche grinst mir Wickie allenthalben entgegen: Von Handtüchern, Bettwäschen, Tassen.  

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

  Es gibt ja zahlreiche Gründe, warum ein Kind als „Angsthase“ gilt. Mag sein, es wurde übervorsichtig erzogen und traut sich deshalb wenig zu. Vielleicht hatte es schlicht wenig Gelegenheit, seinen Mut zu erproben. Oder es hat schlechte Erfahrungen gemacht mit riskantem Verhalten in kindlichen Bezügen und wechselt daher die Straßenseite, bevor Hund, Katze oder der grimmig schauende große Junge den Weg kreuzen. Nicht zu vergessen jene Furchtsamkeit, die manchem kleinen Menschen in die Wiege gelegt wurde - schon unter Säuglingen bar jeder dezidierten Sozialisation sind Draufgänger von Schüchternen unterscheidbar - dann ist es eine Temperamentsfrage.

Nehmen wir diese drei Kinder, die eher der Kategorie Raufbold zuneigen, „Zimperliese“ jedenfalls hätte sie keiner je zu schimpfen gewagt: Eine furchtlose fünfjährige, eine geradezu tollkühne Acht- sowie ein gewöhnlich mit Schrammen übersäter Siebenjähriger. In den Stand von Pressevertretern erhoben – Constantin als Filmverleih hat Kinder ausdrücklich eingeladen -, mit einem Kaltgetränk und großen Brille versorgt dürfen sie sich vor dem offiziellen Filmstart das neue Abenteuer eines bekanntermaßen mutigen Jungen anschauen: Wickie, der nordländische Kinderheld, geht auf große Fahrt. Gedreht wurde das Abenteuer in 3-D-Technik, daher die Brille.

Weil Wickies Vater entführt wurde, muß der Sohn das Kommando übernehmen. Gern tut er das nicht, denn er ist erstens längst nicht so mutig und entscheidungsfreudig wie das mitsegelnde, glutäugige Sklavenmädchen, und zweitens weiß er, daß demokratisch getroffene Entscheidungen zielführender sind: Wenn alle ihre Meinung äußern, sei die Wahrscheinlichkeit höher, daß man den richtigen Weg wähle. Doch so weit sind die hemdsärmeligen Hornochsen aus der Belegschaft noch nicht. Drum rasen sie mit ihrem Schiff von einer Gefahr in die nächste.

Keine halbe Stunde ist vergangen, und Wickie hat schon dreimal dem Tod direkt ins Auge geblickt. Einmal, als er mit seiner Horde auf der Walküreninsel landete und sogleich von deren knapp bekleideten Einwohnerinnen festgesetzt wurde. Die Wikinger stehen gefesselt auf einem Felsgrat, unten tobt das Meer, um mit ihren zerschmetterten Leichnamen zu spielen. Bibbernd und glotzend steht die Wikingerschar: „Ihr seid so anders als die Frauen, die wir kennen! Warum seid ihr so schön?“ „Viel Sport und kein Fleisch“, lautet die (ganz zart zeitgeistig angehauchte) Antwort, doch das Liebesansinnen der Nordmannen weisen die multikulturellen Mannequin-Walküren entschieden zurück – solch patriarchalischer Objektivierungsversuch macht die Weiber (unter Führung von Topmodel Eva Padberg) nur noch furioser.

Die zuschauenden Kinder derweil verstehen nur Bahnhof und sind froh, daß Frauenversteher Wickie die Lage entschärft. Die „Walküren“ opfern am Ende gar ihre Bikinis, um das zerschlissene Segel der Eindringlinge zu flicken. Jedoch: durchgeatmet wird nicht, weder auf seiten der Filmhandelnden noch auf jener der kleinen Zuschauer. Selbst kleinere Zwischenfälle werden hier zum bedrohlichen Skandal, etwa wenn einem Besatzungsmitglied unter barbarischen Schreien ein eitriger Zahn gezogen wird. Und schon steht wieder das Leben auf dem Spiel: Der schreckliche Sven und seine finsteren Mannen planen nicht weniger, als die Wikinger einen Kopf kürzer zu machen. Daß die Mannschaft versucht, die Situation mithilfe einiger Erwachsenenscherze zu entspannen, entlastet die mitschauende Mutter gar nicht.

Mittlerweile drängen sich drei Kinder auf ihrem Schoß. Soviel haben die Kinder bis dahin kapiert: Es geht darum, Wickies Vater aus den mörderischen Klauen Svens zu retten und gleichzeitig in den Besitz eines magischen Amuletts zu kommen. Flüstert der Sohn: „Wenn ich das Amulett hätte, ich hätte nur einen Wunsch: hier rauszukommen.“ „Aus Svens Kerker?“ „Nein. Aus dem Kino.“ Wer den Filmtrailer gesehen hat, kennt noch wenigstens zwei weitere Situationen, aus denen Wickies Leute nur unter Todesgefahr entkommen. Dem Erwachsenen ist klar, wer hier überleben und siegen wird. Das schmale Weltwissen der Kinder reicht nicht für solche Vorwegnahme.

Wer hinreichend Fernseh- und Computerspielerfahrung hat, mag auch als Vor- und Grundschüler roh genug sein beziehungsweise über eine solch dicke Haut verfügen, um solche Grenzsituationen als anregenden Nervenkitzel wahrzunehmen. Andere Kinder, und mögen sie im realen Leben noch so unerschrocken sein, tauchen hier tief in ein schier unerschöpfliches Reservoir an Albträumen ein. Vier Pressevertreter verließen die Vorschau vor dem Ende der ersten Filmhälfte. Der neue Wicki-Film ist ohne Altersbeschränkung freigegeben.

(Mit leichten Änderungen erstmals erschienen in JF 40/11)


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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