Sezession
1. Juni 2011

Schmitt lesen

Gastbeitrag

 pdf der Druckfassung aus Sezession 42 / Juni 2011

 von Thor von Waldstein

Was sind die Ursachen der Schmitt-Renaissance, die seit gut zwei Jahrzehnten in der Wissenschaft, aber auch in dem politischen Feuilleton weltweit zu beobachten ist? Wie kommt es, daß ein deutscher, im Kaiserreich sozialisierter Staatsrechtler, dessen Hauptwerke vor 65 bis 95 Jahren erstmals veröffentlicht wurden, im 21. Jahrhundert in den westlichen Demokratien, aber auch in Südamerika und Asien, ein solches, nachgerade gespenstisch anmutendes Aktualitätsinteresse erfährt? Und für eine Republik wie die BRD, »die sich seit ihrer Entstehung im ideologischen Kriegszustand mit dem Dritten Reich befindet« (Helmut Quaritsch), kommt die bange Frage hinzu: Warum liest man sogar einzelne apokryph verschlüsselte Schriften Schmitts aus der NS-Ära heute – horribile dictu – in der Regel mit größerem Erkenntnisgewinn als die vielen bunten Suhrkamp-Paperbacks aus den seligen 1970er Jahren? Was ist eigentlich alles schiefgelaufen in 50 Jahren dialogbereitem Gemeinschaftskundeunterricht, in dem alle Formen von »Konfliktlösungen« jenseits des Schmittschen Horizonts durchexerziert wurden? Was hat Carl Schmitt, das Jürgen Habermas nicht hat? Und welche Rückschlüsse läßt der bisweilen surreale Schmitt-Hype auf das politische Wirkungsgefüge unserer Tage zu?

Wer Antworten auf diese Fragen sucht, sollte den wikipediös aufbereiteten Konsum von Sekundär- und Tertiärquellen über Schmitt meiden und sich dem Werk selbst zuwenden. Die nachfolgenden Zeilen wollen demgemäß zur Primärlektüre anregen und verhehlen nicht die Überzeugung ihres Verfassers, daß der Leser, der die polit-moralinsäurehaltigen Nebelschwaden unserer Tage durchstoßen will, nach wie vor kaum etwas Effektiveres tun kann, als sich mit dem Werk des »jüngsten Klassikers des politischen Denkens« (Bernard Willms) zu befassen. Wer sich indes unbefangen auf die Gedankenwelt dieses »simplen Plettenbourgeois« (Schmitt über Schmitt) einläßt, läuft schnell Gefahr, von seiner Art zu denken und zu argumentieren eingenommen zu werden. Diese Faszination, die von nicht wenigen seiner Schriften ausgeht, hängt nicht zuletzt mit Schmitts eigenwillig fluoreszierendem, mit Aphorismen und Begriffen jonglierendem Stil zusammen, der so gar nicht zu dem passen will, was man ansonsten aus dem juristischen Schrifttum zu kennen meint. Der Kölner Rechtsanwalt Günther Krauss schildert in seinen lesenswerten Erinnerungen an Carl Schmitt, wie er 1930 in München, auf einer Parkbank des Englischen Gartens sitzend, von diesem Stil gefangen wurde: »Dort las ich Carl Schmitts ›Verfassungslehre‹ von 1928, einen unbezähmbaren Wissensdurst in mir, den azurblauen bayerischen Himmel über mir … Carl Schmitt erzeugte nicht tierischen Ernst – im Gegenteil: die schönsten Passagen führten zu genußreichen Pausen, wie auch die französische Küche groß ist durch die Pausen zwischen den einzelnen Gängen. Nur der erste Anfang, besonders die mehreren Definitionen des Wortes Verfassung, machte Schwierigkeiten, doch sehr bald kam man zum vollen Genuß dieser ungewöhnlichen Lektüre. Wer Carl Schmitt sagt, sagt Form. Sie erwuchs aus einer wohlgefügten Ordnung, deren Strenge man nicht verspürte. Klarheit vereinigte sich mit Tiefe.« Ein anderer Schüler Schmitts, Ernst Forsthoff, fasst in einem Brief vom 5. Juli 1958 anläßlich Schmitts 70. Geburtstag zusammen, was er seinem Lehrer und Freund für seinen weiteren Lebensweg verdankte: »Es wird mir bewußt, daß es jetzt 35 Jahre her ist, als ich im Sommersemester 1923 zum ersten Mal zu Ihren Füßen saß und erst durch Sie, im fünften Semester, also reichlich spät, aber noch nicht zu spät, erfuhr, was es bedeutet, ein Jurist zu sein – oder damals noch: zu werden. Daß Sie mich bald darauf als Ihren Schüler aufnahmen, wurde Wende und Glück meines Lebens«. Ein weiterer wichtiger Schüler Schmitts, Ernst Rudolf Huber, sah »die besondere wissenschaftliche Gabe Schmitts« darin, »neue Tendenzen und Strukturen unter der Oberfläche alter Systeme und hinter den Masken und Schleiern herkömmlicher Formeln zu spüren und durch begriffliche Fassung an das Licht und in das Bewußtsein zu heben«. Wie dies bei allen Schriftstellern überragenden Rangs, von Machiavelli bis Max Weber, von Hobbes bis Spengler, der Fall ist, gerät auch die Befassung mit Schmitts Werken für viele Leser zu einer unmittelbaren persönlichen Erfahrung. Wenn die Erkenntnis Ernst Jüngers richtig ist, daß manche Bücher wie Impfstoffe wirken, nach deren Lektüre man gegen bestimmte geistig-politische Desinformationen gewappnet ist, dann gehören viele Werke Schmitts in die erste Reihe dieser intellektuellen Abwehrstoffe. Das galt schon in den 1920er, 1950er und 1980er Jahren, und das gilt erst recht für das flachwurzelnde Politinfotainment unserer Tage, bei dem man – in der Wissenschaft wie in der Praxis – gelegentlich den Eindruck gewinnen muß, daß nicht nur die Beobachter, sondern auch die Akteure nicht mehr wissen, was Politik im eigentlichen Sinne bedeutet. Bei Schmitt indes kommt man auch als 19jähriger Drittsemester bei der Beantwortung der Frage nach dem Wesen des Politischen mit Siebenmeilenstiefeln voran: »Für Schmitts Stil sind seine Blitzaufnahmen typisch. Ein Blitz und dann kommen diese großartigen Formulierungen, die keiner vergißt. Es blitzt im Dunkeln … und man hat den Eindruck, alles gesehen zu haben.« (Robert Hepp) Gleichwohl ist man gut beraten, Schmitt nicht als »Schmittianer« zu lesen. Denn, so könnte man – in Abwandlung eines Wortes von Thomas Mann über Friedrich Nietzsche – formulieren, wer Carl Schmitt »eigentlich« nimmt, wörtlich nimmt, wer ihm glaubt, ist verloren. Die vielgerühmte »lateinische Klarheit« (Nicolaus Sombart) dieses Autors ist also nur eine Seite seines Werkes. Mit dem gleichen Recht kann man, wie dies Günter Maschke jüngst getan hat, Schmitt als einen »oft scheinklaren Schriftsteller« bezeichnen, bei dem sich, je öfter man seine Schriften liest, »desto häufiger … Fragen ein(stellen), Fragen, die immer neue, gewagtere Fragen gebären.« Erich Schwinge hatte Carl Schmitt schon 1930 als die »Sphinx unter den modernen Staatsrechtlern« tituliert, und vieles spricht dafür, daß die Rätsel um sein Werk, zu dem weltweit pro Woche (!) eine Monographie bzw. Dissertation erscheint, auch in den kommenden Jahrzehnten nicht aufgelöst werden können. Genau darin muß ein Schlüssel für die erstaunliche geistige Wirkungsmacht gesehen werden, die von Schmitts Werk unverändert ausgeht.
Wie erschließt man sich das Schmittsche Ideenterrain am besten? Wo fängt man an? Welche Bücher sind zentral für das Verständnis seines Werkes, welche Schriften kann man (einstweilen) vernachlässigen? Hier gehen die Ansichten weit auseinander, so daß der nachfolgende Versuch, einzelne Stellen des Schmittschen Werkes stärker, andere Quellen schwächer auszuleuchten, keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit erheben kann. Schmitts wichtigstes Werk – darin dürften Schmitt-Kenner unterschiedlichster Herkunft fast una voce zustimmen – bleibt Der Begriff des Politischen, das als Aufsatz 1927 und in Buchform zuerst 1932 erschien. Mit diesem Buch, das seine umstrittene Politikdefinition enthält, hat er seinen Ruf als politischer Schriftsteller begründet, der auf nicht einmal einhundert Seiten die Grundstrukturen des Politischen freilegt. Dabei steht der Staat als »einer in sich befriedeten, territorial in sich geschlossenen und für Fremde undurchdringlichen, organisierten politischen Einheit« im Zentrum eines Buches, dessen theoretische Prägekraft nicht vergessen machen sollte, daß es dem Autor um etwas ganz Konkretes ging, nämlich darum, die den Deutschen nach 1918 zugemuteten politischen Fesseln abzustreifen und gerade das deutsche Volk, »dessen Bedürfnis nach legalem Schein stärker ist als sein politischer Sinn«, über das aufzuklären, auf was es in politicis nach Schmitt ankommt: »Solange ein Volk in der Sphäre des Politischen existiert, muß es, wenn auch nur für den extremsten Fall, über dessen Vorliegen es aber selbst entscheidet, die Unterscheidung von Freund und Feind selber bestimmen. Darin liegt das Wesen seiner politischen Existenz. Hat es nicht mehr die Fähigkeit oder den Willen zu dieser Unterscheidung, so hört es auf, politisch zu existieren. Läßt es sich von einem Fremden vorschreiben, wer sein Feind ist und gegen wen es kämpfen darf oder nicht, so ist es kein politisch freies Volk mehr und einem anderen politischen System ein- oder untergeordnet … Dadurch, daß ein Volk nicht mehr die Kraft oder den Willen hat, sich in der Sphäre des Politischen zu halten, verschwindet das Politische nicht aus der Welt. Es verschwindet nur ein schwaches Volk.« Die Polarisierung, die bis heute mit dem Namen Carl Schmitt verbunden ist, geht ganz maßgeblich auf dieses schmale Buch zurück, in dem der Autor den polemischen Charakter des Politischen herausarbeitet und sich damit als »Zerstörer humanitaristischer Illusionen« (Günter Maschke) betätigt. Das haben ihm die Lordsiegel-Bewahrer eben dieser politikfremden, mit »Menschheit« und anderen Erbaulichkeiten aus dem Wörterbuch der 1789-Ideologen aufgeblasenen Illusionen nie verziehen.


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