Autorenportrait Hanno Kesting

pdf der Druckfassung aus Sezession 42 / Juni 2011

von Karlheinz Weißmann

Man könnte das Jahr 1959 als Epochenjahr »im Verborgenen« bezeichnen. Äußerlich blieben die Verhältnisse, wie sie waren,...

 Gastbeitrag

Gastbeitrag

bestimm­te poli­tisch und ideo­lo­gisch der Kal­te Krieg die Lage. Aber hin­ter den Kulis­sen bahn­te sich ein Wan­del an. Auf der Außen­mi­nis­ter­kon­fe­renz in Genf – dem letz­ten Ver­such der Alli­ier­ten, unter Ein­be­zie­hung von BRD und DDR eine Lösung der Deut­schen Fra­ge her­bei­zu­füh­ren – war es zu einer Annä­he­rung zwi­schen der Sowjet­uni­on und den USA gekom­men. Der Begriff »déten­te« – »Ent­span­nung« kam in Gebrauch, womit fak­tisch die Über­ein­kunft der Super­mäch­te gemeint war, sich gegen­sei­tig den Bestand ihrer Ein­fluß­ge­bie­te (in Euro­pa) zu garan­tie­ren und kei­nen gewalt­sa­men Ver­such zur Desta­bi­li­sie­rung des geg­ne­ri­schen Zen­trums zu machen. In den Ver­ei­nig­ten Staa­ten soll­te der neu­ge­wähl­te Prä­si­dent Ken­ne­dy kurz dar­auf das Pro­jekt der grand socie­ty, der inne­ren Refor­men und des sozia­len Umbaus der Gesell­schaft, ver­kün­den, in der UdSSR wur­de mit einer vor­sich­ti­gen Libe­ra­li­sie­rung des Sys­tems experimentiert.

Wer in der Bun­des­re­pu­blik die­se Ent­wick­lung begrüß­te, war naiv, nahm die Paro­len zum Nenn­wert, durch­schau­te die dahin­ter ste­hen­den Inter­es­sen nicht oder war ent­schlos­sen, sei­ne eige­nen unter den ver­än­der­ten Bedin­gun­gen vor­an­zu­brin­gen. Das galt vor allem für die »’45er«, eine Bezeich­nung, die Carl Schmitt den Pro­fi­teu­ren des deut­schen Zusam­men­bruchs ange­hef­tet hat­te, deren Tri­umph wesent­lich beschnit­ten wor­den war durch die Zwän­ge des Ost-West-Kon­flikts: die Plau­si­bi­li­tät des Anti­kom­mu­nis­mus einer­seits, die Not­wen­dig­keit, der Libe­ra­li­sie­rung Gren­zen zu zie­hen, um die Ver­tei­di­gungs­fä­hig­keit zu sichern ande­rer­seits. Jetzt lös­te sich der Kon­sens, der bis zum Ende der fünf­zi­ger Jah­re bestim­mend gewe­sen war, auf – ein Vor­gang, der nicht nur mit dem Nach­drän­gen der jun­gen Genera­ti­on und dem Wirt­schafts­wun­der zu tun hat­te, son­dern auch mit der neu­en poli­ti­schen Lage. Wenn Schmitt das »Erken­ne die Lage!« zur ers­ten For­de­rung poli­ti­scher Ana­ly­se erho­ben hat­te, ergab sich dar­aus aber kei­nes­wegs zwin­gend nur eine denk­ba­re Reaktion.
Das Gemein­te kann man an den 1959 erschie­ne­nen Büchern von Rein­hart Kosel­leck und Han­no Kes­ting able­sen, die zu den begab­tes­ten Schü­lern Schmitts in der Nach­kriegs­zeit gehör­ten. Was Kosel­lecks Kri­tik und Kri­se mit Kes­tings Geschichts­phi­lo­so­phie und Welt­bür­ger­krieg ver­band, war die Auf­nah­me eines ent­schei­den­den Theo­rems von Schmitt: daß die poli­ti­sche Ent­wick­lung seit dem 18. Jahr­hun­dert nicht anders zu erklä­ren sei als durch die Annah­me eines Zer­set­zungs­pro­zes­ses jener Staat­lich­keit, die gera­de erst mit der Befrie­dung der Kon­fes­sio­nen gewon­nen wor­den war. Grund für die Zer­set­zung sei der Auf­stieg neu­er »Zwi­schen­ge­wal­ten« gewe­sen, die zwar anders ope­rier­ten als die Kir­che oder die Feu­dal­her­ren des Mit­tel­al­ters, aber für den Staat ungleich gefähr­li­cher waren. Sie kom­bi­nier­ten ihre öko­no­mi­sche Macht näm­lich mit einem neu­en Glau­ben – dem an den »Fort­schritt« –, der sich nicht mehr durch die übli­chen Metho­den abwei­sen ließ.
Kosel­leck und Kes­ting gehör­ten auch zum Freun­des­kreis von Nico­laus Som­bart, mit dem sie im Cha­os der Nach­kriegs­zeit bei Alfred Weber das Stu­di­um in Hei­del­berg begon­nen hat­ten. Durch Som­bart war der Kon­takt zu Schmitt ver­mit­telt wor­den, der über kein Amt mehr ver­füg­te, aber einen bemer­kens­wer­ten Ein­fluß auf Tei­le der jun­gen west­deut­schen Intel­li­genz aus­üb­te. Die drei betrach­te­ten sich vor allem als Über­le­ben­de, Davon­ge­kom­me­ne; sie bil­de­ten eine Cli­que, die zusam­men leb­te, fei­er­te, soff, lern­te, debat­tier­te und sich halb im Spaß, halb im Ernst »Archiv für Raum­pla­nung und Welt­bür­ger­krieg « nann­te. Man pfleg­te einen sehr inten­si­ven Aus­tausch, nahm an den Feri­en­se­mi­na­ren Teil, die Schmitts »Hof« (Dirk van Laak) ver­an­stal­te­te, und besuch­te regel­mä­ßig den »geheime[n] Princi­pe im unsicht­ba­ren Reich deut­scher Geis­tig­keit«, wie Kes­ting Schmitt bezeichnete.

Aller­dings zeig­te sich früh, daß Som­barts Leicht­fer­tig­keit in deut­li­chem Gegen­satz zu den Anstren­gun­gen von Kosel­leck und Kes­ting stand, die nach einem Neu­an­satz such­ten und dabei von Schmitt die ent­schei­den­den Anre­gun­gen erhiel­ten. Nur ent­schied sich der eine für den ver­deck­ten, der ande­re für den offe­nen Angriff – ein Sach­ver­halt, der nicht sofort erkenn­bar wur­de, wie man der Pole­mik von Jür­gen Haber­mas gegen Kosel­lecks Buch, sei­nem rela­ti­ven Wohl­wol­len gegen­über Kes­tings ent­neh­men kann. Jeden­falls war für Kosel­leck typisch das Ver­klau­su­lier­te in Wort­wahl und Argu­men­ta­ti­on, die Art, Unge­heu­er­lich­kei­ten – zum Bei­spiel den Ein­fluß der Frei­mau­re­rei auf die Vor­be­rei­tung der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on – zu prä­sen­tie­ren, aber die Schluß­fol­ge­rung abzu­schnei­den oder ins Harm­lo­se umzu­bie­gen. Dem­ge­gen­über neig­te Kes­ting zu einer Unver­hoh­len­heit, die selbst in der ver­gleichs­wei­se frei­en Atmo­sphä­re der Zeit etwas Hals­bre­che­ri­sches hat­te. Vor allem lehn­te er die dog­ma­ti­sche Auf­fas­sung ab, daß sich der Sinn des his­to­ri­schen Pro­zes­ses in der deut­schen Nie­der­la­ge offen­bart habe. Kes­ting ver­trat viel­mehr die Ansicht, daß seit der Auf­klä­rung eine glo­ba­le Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen ideo­lo­gi­schen Lagern geführt wer­de, jeweils bewaff­net mit einer Geschichts- als Bür­ger­kriegs­phi­lo­so­phie. Dabei sieg­ten zuletzt die feind­li­chen Brü­der der lin­ken Par­tei (kapi­ta­lis­ti­sche Demo­kra­tie und Sowjet­sys­tem) über die rech­te Par­tei (zuletzt in Gestalt von Faschis­mus und Natio­nal­so­zia­lis­mus), deren Bünd­nis dann ange­sichts des Tri­um­phes über den gemein­sa­men Feind zer­fiel. Noch beun­ru­hi­gen­der als die­se Deu­tung war Kes­tings Fest­stel­lung, daß der von den Alli­ier­ten behaup­te­te Kampf im Namen der Mensch­heit nur ein leicht durch­schau­ba­res Ideo­lo­gem sei, mit dem man jede eige­ne Untat zu decken glaub­te: »Die Inter­es­sen einer rela­tiv klei­nen Schicht stel­len sich dar als die Inter­es­sen der All­ge­mein­heit und Mensch­heit selbst. Nach der Logik von Begriff und Gegen­be­griff hat das die Fol­ge, daß der Geg­ner die­ser Inter­es­sen zu einem Geg­ner der All­ge­mein­heit und des Men­schen­ge­schlechts gestem­pelt wird. Auf die­se Wei­se ent­fal­ten huma­ni­tä­re Begrif­fe eine außer­or­dent­li­che Kraft der Diskriminierung«.
Man muß die veris­ti­sche Nei­gung Kes­tings nicht nur auf den Ein­fluß Schmitts, son­dern auf eine cha­rak­ter­li­che Dis­po­si­ti­on zurück­füh­ren, die nach Aus­sa­ge sei­ner Schwes­ter – der Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­le­rin Mari­an­ne Kes­ting – früh erkenn­bar war. Sie sei jeden­falls schon dar­in zur Gel­tung gekom­men, daß Kes­ting wegen dau­ern­der Wider­setz­lich­keit aus der HJ ent­fernt wur­de. Eine Rol­le mag auch der fami­liä­re Hin­ter­grund gespielt haben. Kes­ting wur­de am 12. Dezem­ber 1925 in der Nähe von Gel­sen­kir­chen gebo­ren und stamm­te aus klein­bür­ger­li­chen Ver­hält­nis­sen. Der Vater war aller­dings lite­ra­risch und musisch außer­or­dent­lich inter­es­siert und hielt Abstand zum NS-Regime. Die bei­den letz­ten Kriegs­jah­re dien­te Kes­ting als Sol­dat, an den Fol­gen einer Ver­wun­dung litt er lebens­lang. Erst nach der Ent­las­sung aus vier­jäh­ri­ger bri­ti­scher Kriegs­ge­fan­gen­schaft konn­te er dann ein Stu­di­um der »Ori­en­tie­rungs­wis­sen­schaf­ten« Sozio­lo­gie, Phi­lo­so­phie und Geschich­te auf­neh­men. Wie stark ihn dabei Schmitt beein­fluß­te, war schon an sei­ner (nicht publi­zier­ten) Dis­ser­ta­ti­on über »Uto­pie und Escha­to­lo­gie«, dann aber vor allem an sei­nem Haupt­werk Geschichts­phi­lo­so­phie und Welt­bür­ger­krieg zu sehen.
Trotz der tief pes­si­mis­ti­schen Sicht, die in die­sem Buch zum Aus­druck kam, hat Kes­ting mit einem gewis­sen Geschick sei­ne beruf­li­che Lauf­bahn ver­folgt. Nach eini­ger Zeit an der Sozi­al­for­schungs­stel­le der Uni­ver­si­tät Müns­ter, wo er mit empi­ri­schen Unter­su­chun­gen zu den in der Arbei­ter­schaft ver­brei­te­ten Leit­vor­stel­lun­gen befaßt war, wur­de er 1957 Dozent an der Hoch­schu­le für Gestal­tung in Ulm und nahm erheb­li­chen Ein­fluß auf deren wis­sen­schaft­li­che Aus­rich­tung, gab die­se Stel­le dann wie­der auf und lei­te­te 1959 kurz das Kul­tur­res­sort der Frank­fur­ter Rund­schau. 1962 kehr­te Kes­ting in den aka­de­mi­schen Bereich zurück und ging als Assis­tent Arnold Geh­lens nach Spey­er. Dort habi­li­tier­te er sich mit einer Arbeit über Öffent­lich­keit und Pro­pa­gan­da (die erst post­hum ver­öf­fent­licht wur­de). Gegen die außer­or­dent­lich ein­fluß­rei­che The­se von Haber­mas über das Wesen »kri­ti­scher Öffent­lich­keit« ent­wi­ckel­te Kes­ting die Auf­fas­sung, dass so etwas wie eine »öffent­li­che Mei­nung« im stren­gen Sinn nie­mals exis­tiert habe, nicht exis­tie­re und auch zukünf­tig nicht exis­tie­ren wer­de. Wer behaup­te, im Namen der Öffent­lich­keit zu spre­chen – ganz gleich, ob er an der Macht sei oder in der Oppo­si­ti­on ste­he –, tue das immer in mani­pu­la­ti­ver Absicht. Es han­de­le sich nur um ein Mit­tel, des­sen sich die kon­kur­rie­ren­den Eli­ten bedien­ten, um ihre Ansprü­che zu legitimieren.

Kes­tings Sicht der Din­ge war vor allem an Schmitt und Geh­len, aber auch an Pare­to, Sorel und Lenin – den bewun­der­ten Meis­tern »poli­ti­scher Illu­si­ons­lo­sig­keit« – geschult. Man konn­te ihn mit einem gewis­sen Recht auch dem in den sech­zi­ger Jah­ren ein­fluß­rei­chen »Tech­no­kra­ti­schen Kon­ser­va­tis­mus« zurech­nen. Ein Sach­ver­halt, der an ver­schie­de­nen Auf­sät­zen die­ser Zeit über die Ent­wick­lung und Unum­gäng­lich­keit der Pro­pa­gan­da in moder­nen Indus­trie­staa­ten abzu­le­sen war, vor allem aber in sei­nem drit­ten Buch Herr­schaft und Knecht­schaft, das 1973 erschien. Es han­delt sich bei dem Titel um eine Anspie­lung auf das Kapi­tel über Herr und Knecht in Hegels Phä­no­me­no­lo­gie des Geis­tes, anhand des­sen er die The­se ent­wi­ckelt, daß die Vor­stel­lung von der unum­schränk­ten Herr­schaft des Herrn und der unum­schränk­ten Knecht­schaft des Knechts so nie­mals gestimmt habe (wegen der Dia­lek­tik ihrer Bezie­hung) und seit der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on gar kei­ne brauch­ba­re Inter­pre­ta­ti­ons­mög­lich­keit mehr bie­te, um den Gang der Geschich­te zu ver­ste­hen. Fak­tisch habe die Par­tei der Knech­te im grö­ße­ren Teil der Intel­li­genz einen Ver­bün­de­ten oder eine Füh­rung gewon­nen, die unter Hin­weis auf das Sozia­le maß­geb­li­chen ideo­lo­gi­schen Ein­fluß neh­me und seit dem 19. Jahr­hun­dert dazu bei­tra­gen habe, nicht nur das Innen­le­ben der Staa­ten, son­dern auch deren Außen­be­zie­hun­gen maß­geb­lich zu bestim­men. Das Spek­trum der Reak­tio­nen auf die­se Her­aus­for­de­rung reich­te von der Revo­lu­ti­ons­ver­hin­de­rung mit­tels Fabrik­ge­setz­ge­bung und öffent­li­cher Arbeits­be­schaf­fung über Bis­marcks Sozi­al­re­for­men bis zu Dis­rae­lis Sozi­al­im­pe­ria­lis­mus und wur­de im 20. Jahr­hun­dert glo­ba­li­siert, aber inhalt­lich nur unwe­sent­lich ergänzt um die tota­li­tä­ren Kon­zep­te roter oder brau­ner Mach­art und das, was orga­ni­sier­ter Mas­sen­kon­sum oder die all­ge­mei­ne Sozi­al­de­mo­kra­ti­sie­rung bewirk­ten. Daß die­se Ana­ly­se in der Atmo­sphä­re der sieb­zi­ger Jah­re kei­ne Zustim­mung fand, lag auf der Hand. Das von Kes­ting iden­ti­fi­zier­te Pro­blem, daß der Gesamt­pro­zeß, »wenn nicht den voll­stän­di­gen Sieg des Knechts, so doch den sei­ner Mytho­lo­gie« mit sich brach­te, was jeden Ver­such zum Schei­tern ver­ur­teil­te, die »Her­kunft aus dem 18. Jahr­hun­dert« hin­ter sich zu las­sen, war den ton­an­ge­ben­den Krei­sen eben­so unlieb wie Kes­tings Hin­weis auf die Aus­weg­lo­sig­keit einer Situa­ti­on, in der hin­ter dem Jar­gon des Sozia­len alle ande­ren – im eigent­li­chen Sinn poli­ti­schen – Pro­ble­me ver­schwun­den zu sein schie­nen, aber in Wirk­lich­keit nur kaschiert waren.
Daß Kes­ting die­se Per­spek­ti­ve nicht erst unter dem Ein­druck der lin­ken Kul­tur­re­vo­lu­ti­on ent­wi­ckelt hat­te, erhellt dar­aus, daß der Text von Herr­schaft und Knecht­schaft eigent­lich auf eine drei­tei­li­ge Sen­dung für das Abend­stu­dio des Hes­si­schen Rund­funks zurück­ging, die bereits 1962 aus­ge­strahlt wor­den war. Kes­ting hat am Text selbst nichts geän­dert, auch nicht die Schluß­aus­sa­ge, in der es hieß, daß viel­leicht doch die Erfah­rung des Welt­bür­ger­kriegs und der fehl­ge­schla­ge­nen escha­to­lo­gi­schen Erwar­tung zur »Über­win­dung des furcht­ba­ren Mythos« hel­fen könn­ten; dazu noch das Hegel-Zitat: »Das Gere­de ver­stummt vor den erns­ten Wie­der­ho­lun­gen der Geschich­te.« Ohne Zwei­fel hat Kes­ting die »erns­ten Wie­der­ho­lun­gen der Geschich­te« eben­so gefürch­tet wie erhofft. Aus sei­ner Sicht, wie aus der der meis­ten Kon­ser­va­ti­ven sei­ner Zeit, konn­te nur der Ernst­fall, wenn nicht die Eli­ten, dann doch die Mas­sen zur Ver­nunft bringen.
Daß auch die­se letz­te Hoff­nung trog, hat Kes­ting in sei­nen letz­ten Lebens­jah­ren bit­ter erfah­ren. Als er 1968 end­lich einen Ruf an die Uni­ver­si­tät Bochum erhielt und ein Ordi­na­ri­at für Sozio­lo­gie über­nahm, wur­de er des neu­en Amtes nicht froh. Hat­te er sich bis dahin poli­tisch noch eine gewis­se Zurück­hal­tung auf­er­legt – zwi­schen­zeit­lich war er sogar Stadt­ver­ord­ne­ter für die FDP gewe­sen –, so ließ er ange­sichts der Stu­den­ten­re­vol­te jede Zurück­hal­tung fah­ren. Er agier­te mit gro­ßer Schär­fe gegen die stu­den­ti­sche Lin­ke wie gegen den Oppor­tu­nis­mus sei­ner Kol­le­gen und war im Lehr­kör­per rasch voll­stän­dig iso­liert. Er schloß sich früh dem Kreis um die Zeit­schrift Cri­ticón an und ent­wi­ckel­te einen zuneh­mend pole­mi­schen Ton; in sei­nen Vor­le­sun­gen soll er ange­sichts der ter­ro­ris­ti­schen Bedro­hung offen für die Errich­tung eines auto­ri­tä­ren Regimes nach dem Mus­ter von Sala­zars Por­tu­gal gespro­chen haben.
Wie skep­tisch Kes­ting die Über­le­bens­fä­hig­keit der Bun­des­re­pu­blik beur­teil­te, war auch dem Bei­trag zu ent­neh­men, den er 1974 in der Fest­schrift zum 70. Geburts­tag sei­nes Leh­rers Geh­len ver­öf­fent­lich­te. Es han­del­te sich noch ein­mal um das The­ma der poli­ti­schen Täu­schung und Selbst­täu­schung und um ein Plä­doy­er für die »Fähig­keit zu sehen. Zu sehen, was vor jeder­manns Augen liegt, aber, aus wel­chen Grün­den immer, aus Ver­stri­ckung in Tra­di­tio­nen, in Vor­ur­tei­le, nicht zuletzt in Ideo­lo­gien selbst und zumal von den Betei­lig­ten über­se­hen wird.« Ein Jahr spä­ter starb Han­no Kes­ting, gera­de fünf­zig­jäh­rig, an den Fol­gen einer miß­glück­ten Operation.

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