Sezession
1. Juni 2011

Schmitts Schüler

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 42 / Juni 2011

von Erik Lehnert und Karlheinz Weißmann

Altmann, Rüdiger (1922–2000)
Altmann studierte nach dem Militärdienst in Frankfurt a. M., Berlin und Marburg Rechtsund Staatswissenschaften sowie Soziologie. In letzterem Fach wurde er von Wolfgang Abendroth promoviert. Aber obwohl sein Doktorvater als Zentralfigur der »heimatlosen Linken« galt, wandte sich Altmann dem bürgerlichen Lager zu und gründete 1954 mit dem zehn Jahre jüngeren Johannes Gross die RCDS-Zeitschrift Civis; 1956 übernahm er die Leitung der CDU-nahen Akademie Eichholz.
Daß diese Tätigkeit einem beweglichen Kopf wie Altmann nicht genügte, war schon erkennbar, als 1958 ein Buch mit Beiträgen von ihm und Gross unter dem Titel Die neue Gesellschaft erschien, das mehr oder weniger deutliche Hinweise auf den Einfluß Carl Schmitts enthielt, der unter Pseudonym auch als Autor an Civis beteiligt gewesen war. Altmann hatte den »Avancierriesen« (Hanno Kesting) im verbotenen Reich des Geistes bei einem Genesungsurlaub im letzten Kriegsjahr an der Berliner Universität gehört, dann aber keinen Kontakt mehr gehabt. Der kam erst 1955 wieder zustande, wobei Schmitts Wertschätzung durch die Geschicklichkeit, mit der Altmann ihn zum Zweck der Anspielung – nicht die offene Bezugnahme – nutzte, nicht gemindert wurde, ganz im Gegenteil.
Diese Art Krypto-Schmittismus spielte auch eine Rolle für die beiden folgenden Bücher Altmanns – Das Erbe Adenauers (1960) und Das deutsche Risiko (1962) –, mit denen er sich einer CDU nach Adenauer als Analytiker empfahl. Tatsächlich sollte er zum engsten Beraterkreis von Ludwig Erhard gehören und lancierte den Begriff »Formierte Gesellschaft«, ein Terminus, dessen Anklang an Schmitts Begrifflichkeit sicher kein Zufall war.
Allerdings hatte Altmanns Wunsch nach Nähe zur Macht immer etwas Spielerisches. Diese Unernsthaftigkeit erklärt auch, warum er sein konservatives Image nach dem raschen Scheitern Erhards nutzte, um sich trotz des politischen Klimawechsels den Einflußreichen weiter interessant und angenehm zu machen. Eine Anpassungsfähigkeit, die ihm ohne Zweifel auch bei seiner beruflichen Karriere zustatten kam. Zwischen 1963 und 1978 übernahm er die Position eines stellvertretenden Hauptgeschäftsführers des Deutschen Industrie- und Handelstages. Während dieser Zeit hat er weiter, mehr oder weniger intensiv, publizistisch gearbeitet und bemerkenswert oft Themen und Stichworte Schmitts aufgenommen und ausgewalzt. Seine teilweise brillanten Texte – von der »scharf-zarten Bemerkungsgabe« des Freundes hat Gross gesprochen – kennzeichnete allerdings eine resignative Attitüde, die es Altman erlaubte, sich politisch nicht festzulegen. Daß der CDU-Mann ein ausgesprochener Verächter Helmut Kohls war, ließ sich natürlich in das Wohlwollen der Gegenseite ausmünzen, und kennzeichnend ist auch, daß Altmann seinen Nachlaß der Friedrich-Ebert-Stiftung übergab.

Arndt, Hans Joachim (1923–2004)
Zu den prägenden Erfahrungen der frühen Jahre Arndts gehörten der Aufstieg des NS-Regimes und dann vor allem die Kriegszeit. Arndt diente in der Marine als Offizier, geriet in Gefangenschaft und sah sich nach der Niederlage gezwungen, die Laufbahn des Berufssoldaten aufzugeben. Er begann ein Studium der Soziologie und ging im Sommersemester 1950 und im Wintersemester 1951/52 nach Heidelberg, wo er dann bei Alfred Weber promoviert wurde. In dessen Umfeld hatte sich zu dem Zeitpunkt ein »Carl-Schmitt-Fan-Club« (Dirk van Laak) gebildet, zu dem Arndt Kontakt über Reinhart Koselleck und Hanno Kesting fand, die ihn dann in Verbindung zu Schmitt wie Armin Mohler brachten.
Arndt engagierte sich auch in der nordrhein-westfälischen FDP, die mit ihrem Kurs der »nationalen Sammlung« eine gewisse Anziehungskraft auf die junge rechte Intelligenz der Bundesrepublik ausübte. Darüber hinaus dekuvrierte er sich aber nicht. Er hat zur Begründung immer angegeben, daß die totale Niederlage von 1945 eine klare Unterscheidung zwischen résistance und collaboration unmöglich machte. Bis zum Beginn der siebziger Jahre mied Arndt jedenfalls klare Positionsbestimmungen und veröffentlichte vor allem zu Managementfragen; auch die Universitätskarriere trat er erst relativ spät an: Im Zuge der Bildungsexpansion erhielt er 1968 einen neugeschaffenen Lehrstuhl für Politikwissenschaft an der Universität Heidelberg.
Die entscheidende Änderung trat erst ein, als Arndt zehn Jahre später eine Monographie unter dem Titel Die Besiegten von 1945. Versuch einer Politologie für Deutsche (1978) vorlegte, in der er von einer an Schmitt geschulten »konkreten Lageanalyse« ausging. Im Kern handelte es sich seiner Meinung nach darum, daß die Politologie keinen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erheben könne, da sie von einer vorgegebenen Dogmatik ausgehen müsse und weiter den ehemaligen Siegermächten als Konzept diene, ihre Umerziehungsmaßnahmen auf Dauer zu stellen.
Das Buch Die Besiegten von 1945 sorgte zwar in der Zunft für einen gewissen Unmut, aber eine echte Resonanz fand es nicht. Arndt nahm das mit Erbitterung zur Kenntnis und quittierte später nur noch mit Genugtuung, dass Panajotis Kondylis – den er als seinen Schüler betrachtete – den Faden aufnahm und »die illusionsloseste politische Grundlagenphilosophie« schrieb, »die nach dem zweiten Weltkrieg in deutscher Zunge veröffentlicht wurde«.


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