Sezession
20. Oktober 2011

Die Rückkehr des Generationenromans

Martin Lichtmesz

Die Zeit berichtete letzte Woche über einen literarischen Trend, der vielleicht tatsächlich eine Zeitenwende markiert.  Als Kronzeugen dienen drei Bücher von "Romandebütanten jenseits der 50", die allesamt jedoch keine unbeschriebenen Blätter sind und deren Metier eigentlich der Film ist: da wären der Schauspieler Josef Bierbichler (Jahrgang 1948), der Filmregisseur Oskar Roehler (Jahrgang 1959) und der Drehbuchautor Eugen Ruge (Jahrgang 1954).

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Sie haben autobiographische Familienromane geschrieben, in denen

... sie ihre Vorfahren nicht zur Rechenschaft ziehen, sondern sich einreihen in die patrilineare Dreieinigkeit aus Großvater, Vater und Sohn. Die stolze Vaterlosigkeit, aus der die Autoren der alten Bundesrepublik ihr Kapital machten, ist einer Sehnsucht nach genealogischer Kontinuität gewichen. Das einsame Ich, vor wenigen Jahrzehnten noch der melancholische Alleinernährer des deutschen Gegenwartsromans, ist seiner überlegenen Einsamkeit müde geworden und sucht nach seinem verlorenen Schatten: seiner Herkunft.

Die Autorin des überaus lesenswerten Artikels, Iris Radisch (1959 geboren und Mutter von drei Kindern), stellt diesen Trend in einen weiten Kontext, der sich bis auf die Zäsur von 1945 hin erstreckt:

Es war einmal, und es ist noch gar nicht so lange her, da war die Stimmung in den deutschen Romanen eisig. Das hatte etwas mit den Frösten der Freiheit zu tun. Damals nahm der deutsche Romanheld "Abschied von den Eltern" wie eine berühmte Erzählung von Peter Weiss aus dem Jahr 1961 heißt.

Die Pioniere dieser literarischen Mode waren die Kinder des Existenzialismus. Es waren elternlose Junggesellen wie der Fremde von Albert Camus und der Einzelgänger von Eugène Ionesco. Bald darauf inszenierte sich die Gruppe 47 als herkunftslose Jugend, die auf den Ruinen der Väter bei null wieder anzufangen glaubte, mit nichts als einer Mütze, einem Mantel und einer Pfeife im Mundwinkel. Peter Weiss’ Erzählung endete mit den Worten: »Ich war auf dem Weg, auf der Suche nach dem eigenen Leben.«

Der Selbstentwurf der ersten Nachkriegsgeneration als eine abstammungslose Ansammlung von Monaden ist einer der erfolgreichsten Gründungsmythen der Bundesrepublik. Der nomadisierende Einzelgänger war der literarische Lieblingsheld der aufstrebenden bundesdeutschen Angestelltengesellschaft. Wenn es stimmt, dass jede Zeit ihre eigenen Märchen braucht, dann lieferte die Monaden-Literatur den passenden Begleittext zur expandierenden Privatwirtschaft. Ihre Lieblingsschriftsteller waren der junge Peter Handke und der junge Botho Strauß, deren genialische Helden so vereinsamt waren, dass ihnen schon das nächtliche Knacken der Kühlerhauben von geparkten Autos tröstlich erschien. Der frostige Zauber, den diese Elfenbeinbewohner in ihren Romanen verbreiteten, umflorte die reale Einsamkeit einer künftigen Singlegesellschaft, die zielstrebig dabei war, auf eine großstädtische Scheidungsrate von 50 Prozent zuzusteuern.

Und, sollte man hinzufügen, auf einen dramatischen Absturz der Geburtenraten, der langfristig nichts weniger als den Kollaps des Staates und das biologische Ende Deutschlands bedeuten wird. Zwischen dem Trauma der totalen Niederlage des Zweiten Weltkriegs und der kommenden Niederlage der auf ihren Trümmern errichteten Gesellschaftsordnung besteht ein Zusammenhang, der vielleicht erst jetzt, da es fünf vor zwölf ist (manche sagen fünf nach zwölf), deutlich sichtbar wird.

Thorsten Hinz hat mit seinem Büchlein "Literatur aus der Schuldkolonie" einen wichtigen Baustein zum Verständnis dieser "Seelengeschichte" der Deutschen geschrieben. Radischs bemerkenswerter Satz: "Der Selbstentwurf der ersten Nachkriegsgeneration als eine abstammungslose Ansammlung von Monaden ist einer der erfolgreichsten Gründungsmythen der Bundesrepublik", verweist auf eine Dimension, die weit über das bloß Literarische (und "Privatwirtschaftliche") hinausweist.

Das Ideal der "abstammungslosen Monade" (oder, wie Radisch andeutet, auch: des abstammungslosen Nomaden) hat eine dialektische Kehrseite, die an einem allzu deutschen Nagel hängt, in der nämlich die deutsche Abstammung als etwas mit Schuld und Schande Belegtes angesehen wird, das es fortlaufend zu entsühnen und letztlich abzustreifen gilt. Das ist aber letztlich ein Prozeß, der erst mit dem biologischen Tod der Deutschen als Volk an sein Ende gelangen kann. Bis dahin wird die Menge des Aufzulösenden so lange erweitert werden, bis wirklich allem, was noch steht, das "Mark aus den Knochen geblasen" sein wird, wie Arnold Gehlen sagen würde. In dieser fatalen Spirale der perpetuellen Selbstauflösung befinden sich die Deutschen heute weiterhin. Wenn sie eine Zukunft haben wollen, wird ihnen nichts anderes übrigbleiben, als sich mit ihrer Vergangenheit auszusöhnen.

Radisch spricht treffend von "einer Gegenwart, die alles pulverisiert, was ihr zu nahe kommt", in der "die Familienchronik oder der Heimatfilm wie der legendäre von Edgar Reitz ein widerständiger Anachronismus" ist.

Das einsame Ich, vor wenigen Jahrzehnten noch der melancholische Alleinernährer des deutschen Gegenwartsromans, ist seiner überlegenen Einsamkeit müde geworden und sucht nach seinem verlorenen Schatten: seiner Herkunft.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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