Die Rückkehr des Generationenromans

Die Zeit berichtete letzte Woche über einen literarischen Trend, der vielleicht tatsächlich eine Zeitenwende markiert.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Als Kron­zeu­gen die­nen drei Bücher von “Roman­de­bü­tan­ten jen­seits der 50”, die alle­samt jedoch kei­ne unbe­schrie­be­nen Blät­ter sind und deren Metier eigent­lich der Film ist: da wären der Schau­spie­ler Josef Bier­bich­ler (Jahr­gang 1948), der Film­re­gis­seur Oskar Roeh­ler (Jahr­gang 1959) und der Dreh­buch­au­tor Eugen Ruge (Jahr­gang 1954).

Sie haben auto­bio­gra­phi­sche Fami­li­en­ro­ma­ne geschrie­ben, in denen

… sie ihre Vor­fah­ren nicht zur Rechen­schaft zie­hen, son­dern sich ein­rei­hen in die patri­li­nea­re Drei­ei­nig­keit aus Groß­va­ter, Vater und Sohn. Die stol­ze Vater­lo­sig­keit, aus der die Autoren der alten Bun­des­re­pu­blik ihr Kapi­tal mach­ten, ist einer Sehn­sucht nach genea­lo­gi­scher Kon­ti­nui­tät gewi­chen. Das ein­sa­me Ich, vor weni­gen Jahr­zehn­ten noch der melan­cho­li­sche Allein­er­näh­rer des deut­schen Gegen­warts­ro­mans, ist sei­ner über­le­ge­nen Ein­sam­keit müde gewor­den und sucht nach sei­nem ver­lo­re­nen Schat­ten: sei­ner Herkunft.

Die Autorin des über­aus lesens­wer­ten Arti­kels, Iris Radisch (1959 gebo­ren und Mut­ter von drei Kin­dern), stellt die­sen Trend in einen wei­ten Kon­text, der sich bis auf die Zäsur von 1945 hin erstreckt:

Es war ein­mal, und es ist noch gar nicht so lan­ge her, da war die Stim­mung in den deut­schen Roma­nen eisig. Das hat­te etwas mit den Frös­ten der Frei­heit zu tun. Damals nahm der deut­sche Roman­held “Abschied von den Eltern” wie eine berühm­te Erzäh­lung von Peter Weiss aus dem Jahr 1961 heißt.

Die Pio­nie­re die­ser lite­ra­ri­schen Mode waren die Kin­der des Exis­ten­zia­lis­mus. Es waren eltern­lo­se Jung­ge­sel­len wie der Frem­de von Albert Camus und der Ein­zel­gän­ger von Eugè­ne Iones­co. Bald dar­auf insze­nier­te sich die Grup­pe 47 als her­kunfts­lo­se Jugend, die auf den Rui­nen der Väter bei null wie­der anzu­fan­gen glaub­te, mit nichts als einer Müt­ze, einem Man­tel und einer Pfei­fe im Mund­win­kel. Peter Weiss’ Erzäh­lung ende­te mit den Wor­ten: »Ich war auf dem Weg, auf der Suche nach dem eige­nen Leben.«

Der Selbst­ent­wurf der ers­ten Nach­kriegs­ge­nera­ti­on als eine abstam­mungs­lo­se Ansamm­lung von Mona­den ist einer der erfolg­reichs­ten Grün­dungs­my­then der Bun­des­re­pu­blik. Der noma­di­sie­ren­de Ein­zel­gän­ger war der lite­ra­ri­sche Lieb­lings­held der auf­stre­ben­den bun­des­deut­schen Ange­stell­ten­ge­sell­schaft. Wenn es stimmt, dass jede Zeit ihre eige­nen Mär­chen braucht, dann lie­fer­te die Mona­den-Lite­ra­tur den pas­sen­den Begleit­text zur expan­die­ren­den Pri­vat­wirt­schaft. Ihre Lieb­lings­schrift­stel­ler waren der jun­ge Peter Hand­ke und der jun­ge Botho Strauß, deren genia­li­sche Hel­den so ver­einsamt waren, dass ihnen schon das nächt­li­che Kna­cken der Küh­ler­hau­ben von gepark­ten Autos tröst­lich erschien. Der fros­ti­ge Zau­ber, den die­se Elfen­bein­be­woh­ner in ihren Roma­nen ver­brei­te­ten, umflor­te die rea­le Ein­sam­keit einer künf­ti­gen Sin­gle­ge­sell­schaft, die ziel­stre­big dabei war, auf eine groß­städ­ti­sche Schei­dungs­ra­te von 50 Pro­zent zuzusteuern.

Und, soll­te man hin­zu­fü­gen, auf einen dra­ma­ti­schen Absturz der Gebur­ten­ra­ten, der lang­fris­tig nichts weni­ger als den Kol­laps des Staa­tes und das bio­lo­gi­sche Ende Deutsch­lands bedeu­ten wird. Zwi­schen dem Trau­ma der tota­len Nie­der­la­ge des Zwei­ten Welt­kriegs und der kom­men­den Nie­der­la­ge der auf ihren Trüm­mern errich­te­ten Gesell­schafts­ord­nung besteht ein Zusam­men­hang, der viel­leicht erst jetzt, da es fünf vor zwölf ist (man­che sagen fünf nach zwölf), deut­lich sicht­bar wird.

Thors­ten Hinz hat mit sei­nem Büch­lein “Lite­ra­tur aus der Schuld­ko­lo­nie” einen wich­ti­gen Bau­stein zum Ver­ständ­nis die­ser “See­len­ge­schich­te” der Deut­schen geschrie­ben. Radischs bemer­kens­wer­ter Satz: “Der Selbst­ent­wurf der ers­ten Nach­kriegs­ge­nera­ti­on als eine abstam­mungs­lo­se Ansamm­lung von Mona­den ist einer der erfolg­reichs­ten Grün­dungs­my­then der Bun­des­re­pu­blik”, ver­weist auf eine Dimen­si­on, die weit über das bloß Lite­ra­ri­sche (und “Pri­vat­wirt­schaft­li­che”) hinausweist.

Das Ide­al der “abstam­mungs­lo­sen Mona­de” (oder, wie Radisch andeu­tet, auch: des abstam­mungs­lo­sen Noma­den) hat eine dia­lek­ti­sche Kehr­sei­te, die an einem all­zu deut­schen Nagel hängt, in der näm­lich die deut­sche Abstam­mung als etwas mit Schuld und Schan­de Beleg­tes ange­se­hen wird, das es fort­lau­fend zu ent­süh­nen und letzt­lich abzu­strei­fen gilt. Das ist aber letzt­lich ein Pro­zeß, der erst mit dem bio­lo­gi­schen Tod der Deut­schen als Volk an sein Ende gelan­gen kann. Bis dahin wird die Men­ge des Auf­zu­lö­sen­den so lan­ge erwei­tert wer­den, bis wirk­lich allem, was noch steht, das “Mark aus den Kno­chen gebla­sen” sein wird, wie Arnold Geh­len sagen wür­de. In die­ser fata­len Spi­ra­le der per­pe­tu­el­len Selbst­auf­lö­sung befin­den sich die Deut­schen heu­te wei­ter­hin. Wenn sie eine Zukunft haben wol­len, wird ihnen nichts ande­res übrig­blei­ben, als sich mit ihrer Ver­gan­gen­heit auszusöhnen.

Radisch spricht tref­fend von “einer Gegen­wart, die alles pul­ve­ri­siert, was ihr zu nahe kommt”, in der “die Fami­li­en­chro­nik oder der Hei­mat­film wie der legen­dä­re von Edgar Reitz ein wider­stän­di­ger Ana­chro­nis­mus” ist.

Das ein­sa­me Ich, vor weni­gen Jahr­zehn­ten noch der melan­cho­li­sche Allein­er­näh­rer des deut­schen Gegen­warts­ro­mans, ist sei­ner über­le­ge­nen Ein­sam­keit müde gewor­den und sucht nach sei­nem ver­lo­re­nen Schat­ten: sei­ner Herkunft.

Der vom Selbst­ver­wirk­li­chungs­wahn sei­ner 68er-Eltern trau­ma­ti­sier­te Ich-Erzäh­ler in Oskar Roeh­lers Roman Her­kunft sucht Schutz bei der Genea­lo­gie wie der klei­ne Oskar Matz­er­ath unter den Röcken der kaschu­bi­schen Matro­nen. »Ich trug etwas in mir, außer­halb mei­ner Lebens­er­fah­rung«, heißt sei­ne Erfolgs­mel­dung am Ende der lan­gen und ent­beh­rungs­rei­chen lite­ra­ri­schen Rück­kehr in den Schoß des Her­kom­mens, die die­ser Roman unter­nimmt. »Es lag in den Genen, ich spür­te es ganz genau. Es gab da etwas, außer­halb von mir, das Schutz und weit ent­fern­te Sicher­heit bot.«

Eine so wohl­wol­len­de Dar­stel­lung der Fami­lie und des Fami­li­en­zu­sam­men­halts hat es sonst nur im Fern­se­hen gege­ben. In der deut­schen Lite­ra­tur war so viel Freund­lich­keit nach Wal­ter Kem­pow­ski sel­ten. Doch nun ist die Fami­lie bei Oskar Roeh­ler sogar eine gene­tisch geschütz­te Über­le­bens­ni­sche und das Objekt einer hei­ßen kind­li­chen Sehn­sucht. Im bäu­er­li­chen Fami­li­en­pan­ora­ma Josef Bier­bich­lers ist sie der unan­greif­ba­re Sou­ve­rän. Und auch im viel­stim­mi­gen Fami­li­en­por­trät Eugen Ruges ist sie durch das Able­ben ihres Wirts­tie­res, der DDR, in die­sem spe­zi­el­len Fall schwer ange­schla­gen, doch lite­ra­risch gerettet.

Dabei ist die 68er-revi­sio­nis­ti­sche Rou­te, die Oskar Roeh­ler ein­schlägt, gera­de­zu pro­vo­kant (und gar nicht so über­ra­schend, wenn man sei­ne Fil­me ver­folgt hat), und erin­nert stark an Sophie Dan­nen­bergs furio­se Gene­ral­ab­rech­nung “Das blei­che Herz der Revo­lu­ti­on” aus dem Jahr 2005.

Roeh­lers Buch schließt Frie­den über uralte Grä­ben hin­weg. Sein Held hadert zwar mit den Eltern. Mit sei­nem Vater Rolf, der die Mut­ter vor den Augen des Kin­des »auf der neu­en Sie­mens-Wasch­ma­schi­ne vögelt« und die RAF-Kas­se umsich­ti­ger als sei­nen Sohn betreut. Und mit sei­ner exzen­tri­schen Schrift­stel­ler-Mut­ter, die lie­ber vor der Grup­pe 47 als im Kin­der­zim­mer tätig wird. Doch fin­det er Halt und Gebor­gen­heit bei sei­nem Nazi-Opa Erich, der »aus­spuckt, wenn er das Wort Bun­des­re­pu­blik hört«, und sein Leben im Wesent­li­chen allein mit sei­nen Brief­mar­ken aus dem Deut­schen Reich ver­bringt, aber in sei­nem Eigen­heim, mit sei­nem Opel Rekord vor der Tür und der stum­men Frau in der Küche genau das Aro­ma uner­schüt­ter­li­cher Ver­läss­lich­keit ver­strömt, das ein Opfer lin­ker Ver­wahr­lo­sung braucht.

Nach­dem die rea­len Zeit­zeu­gen des Zwei­ten Welt­krie­ges bei­na­he rest­los ver­schwun­den sind, nähern sich die schrei­ben­den Enkel wie­der ihren Groß­vä­tern, indem sie gera­de jene Sekun­där­tu­gen­den neu bewer­ten, die ihre Väter zur Ver­zweif­lung brach­ten: die refle­xi­ons­lo­se Zähig­keit, die Ste­hauf-Qua­li­tä­ten, das Immer-wei­ter-Machen, ohne Rück­sicht auf sich selbst und auf ande­re. Opa Erich pro­du­ziert Gar­ten­zwer­ge und inter­es­siert sich vor allem für Brief­mar­ken. Vater Rolf pro­du­ziert Bücher und inter­es­siert sich vor allem für Sex. Der Held unse­rer Zeit heißt neu­er­dings wie­der Opa Erich.

Nicht nur Oskar Roeh­ler, auch Michel Hou­el­le­becq und alle ande­ren vom Selbst­ver­wirk­li­chungs­be­stre­ben ihrer Eltern ver­stör­ten Kin­der der zwei­ten Nach­kriegs­ge­nera­ti­on wären für einen sol­chen soli­den Brief­mar­ken-Opa dank­bar gewe­sen, mit dem sie nicht nur Omas Abend­brot­schnit­ten, son­dern auch ein paar grund­sätz­li­che Ansich­ten über die west­eu­ro­päi­schen Eman­zi­pa­ti­ons­be­we­gun­gen tei­len: Das »Gesocks, das stän­dig Ver­än­de­rung will«, die Kör­ner-und-Gemü­se-Fres­ser, die Topf­lap­pen­häk­ler, die lang­haa­ri­gen Jesus­lat­schen­trä­ger, die durch ver­kehrs­be­ru­hig­te Stra­ßen schlur­fen – die gehö­ren, so psal­mo­diert Roeh­lers Alter Ego, »die Müll­kip­pe der Geschich­te heruntergespült«.

Josef Bier­bich­ler, ein Vete­ran des “Neu­en Deut­schen Films” der Sieb­zi­ger Jah­re, und neben­bei wasch­ech­ter Land­wirt, beschreibt den aus dem Ruder lau­fen­den Indi­vi­dua­lis­mus eben­falls als Ursa­che des fami­liä­ren und gesell­schaft­li­chen Zerfalls:

Auch die sprach­wuch­ti­ge Fami­li­en­chro­nik von Josef Bier­bich­ler erzählt von einer Fami­lie, die es am Ende des Buches nicht mehr geben wird. Das Geschlecht der »See­wir­te«, die Genera­ti­on um Genera­ti­on ihr Erbe ange­tre­ten und den See­gast­hof wei­ter­ge­führt haben, wird mit dem Enkel zu Ende gehen, von dem zu befürch­ten ist, dass er den See­gast­hof nicht mehr stan­des­ge­mäß wei­ter­füh­ren wird. Denn der Enkel, ein Kind der Wohl­stands­ge­sell­schaft und Pro­fi­teur des auf­kom­men­den Frem­den­ver­kehrs, hat die höhe­re katho­li­sche Schu­le besucht, wo er zwar, wie zu erwar­ten, vom »mön­ch­le­ri­schen Sper­ma« gequält, aber auch mit dem ver­der­be­ri­schen Selbst­ver­wirk­li­chungs­ge­dan­ken ange­steckt wur­de. Und wo die­ser aus­bricht, ist das Fami­li­en­er­be in Gefahr. »Der Ich-Gedan­ke«, sagt Bier­bich­ler im Inter­view in sei­nem Gast­haus am Starn­ber­ger See, in dem er selbst ohne Fami­lie wie ein letz­ter Bud­den­brook lebt, »war den Bau­ern ganz fremd.«

Auch die­ses Buch, das aus einer breu­ghel­schen Wim­mel­per­spek­ti­ve erzählt, in der alles und jeder wich­tig und unwich­tig zugleich wird, will das moder­ne Ich und sei­ne Zen­tral­per­spek­ti­ve nicht ken­nen. Groß­va­ter, Vater und Sohn ste­hen wie ein Mann auf einer Zeit­ach­se, die unver­rück­bar zu sein schien, bevor sie zer­brach. Der Roman geht noch ein­mal vor die­se Bruch­stel­le zurück und erzählt von der Fami­lie als einem leben­di­gen Orga­nis­mus, in dem kei­ner für sich allein und jeder nur für den ande­ren ist, wer er ist, und tut, was er tut.

Eine Freun­din aus Öster­reich wies mich auf die­sen bemer­kens­wer­ten Arti­kel hin, und wie es der Zufall will, hat­te ich kurz zuvor einen Traum gehabt: ich sah mei­nen Groß­va­ter väter­li­cher­seits, der vor einem Jahr­zehnt gestor­ben ist, leben­dig und mit bei­nah jugend­li­cher Fri­sche in sei­nem alten Haus arbei­ten, das über 200 Jah­re alt und heu­te noch steht. Mei­ne Groß­el­tern haben dar­in seit den Drei­ßi­ger Jah­ren gelebt, mein Vater hat dort sei­ne Kind­heit ver­bracht. Wie es im Traum oft pas­siert, wun­der­te ich mich nicht lan­ge über sei­ne Auf­er­ste­hung – sind die Toten denn jemals tot in unse­rem Inne­ren? Er führ­te mich in das Haus, in ein woh­lig-alt­mo­disch ein­ge­rich­te­tes Zim­mer, das ich zu mei­ner Über­ra­schung noch nie in mei­nem Leben gese­hen hat­te. Und plötz­lich hat­te ich eine selt­sa­me, mys­ti­sche Erkennt­nis: mein Groß­va­ter und mein Vater waren ein- und die­sel­be Per­son, in unter­schied­li­cher Gestalt inkar­niert, und auch ich war mit ihnen identisch.

Erst die­sen Som­mer habe ich das Ver­säum­nis nach­ge­holt, Josephs Roths gewal­ti­gen Roman “Radetz­ky­marsch” aus dem Jah­re 1932 zu lesen. Mit­ten in der Lek­tü­re, am Tag der kirch­li­chen Hoch­zeit mei­nes treu­es­ten Wie­ner Freun­des, des­sen Toch­ter den Namen Zita trägt, starb der letz­te Thron­fol­ger Otto von Habs­burg im 99. Lebens­jahr.  Es gibt vor­be­stimm­te Bücher, deren Lek­tü­re man aus einer merk­wür­di­gen Scheu her­aus lan­ge auf­schiebt, weil man ahnt, daß man viel Kraft brau­chen wird, um sie aufzunehmen.

Mir fiel beson­ders auf, wie Roth den Unter­gang der Habs­bur­ger-Mon­ar­chie als Zusam­men­bruch einer patri­ar­cha­len Kon­ti­nui­tät schil­dert. Die Haupt­fi­gu­ren des Romans, die Trottas, ent­stamm­ten wie mei­ne Fami­lie väter­li­cher­seits einem slo­we­ni­schen Bau­ern­ge­schlecht. 1859 ret­tet der jun­ge Leut­nant Joseph Trot­ta in der Schlacht von Sol­fe­ri­no dem Kai­ser das Leben, indem er sich in die Schuß­bahn einer Kugel wirft. Dabei wird er selbst getrof­fen und ent­geht nur knapp dem Tod.

Trot­ta fühl­te sein Herz im Hal­se. Die Angst vor der unaus­denk­ba­ren, der gren­zen­lo­sen Kata­stro­phe, die ihn selbst, das Regi­ment, die Armee, den Staat, die gan­ze Welt ver­nich­ten wür­de, jag­te glü­hen­de Frös­te durch sei­nen Körper.

Zum Dank wird Trot­ta in den erb­li­chen Adels­stand erho­ben und nun erst wirk­lich zum “Öster­rei­cher” gemacht. Der Dienst am Kai­ser­reich wird fort­an zur rai­son d’êt­re der Trottas, der “Spar­ta­ner unter den Öster­rei­chern” (Roth). So wie der Kai­ser Franz Joseph I. zum Über­va­ter des Rei­ches wird, das solan­ge ste­hen wird, solan­ge er lebt, und der Gott­va­ter im Him­mel über ihm thront und den apos­to­li­schen Segen gewährt, so wird Joseph von Trot­ta zum Minia­tur-Kai­ser und stif­ten­den Patri­ar­chen der Fami­lie, der gebie­te­risch über dem Leben sei­nes Enkels Carl Joseph als etwas tyran­ni­sches, weil uner­reich­ba­res Ide­al thront.

Der Haup­teil des Roma­nes behan­delt das Dra­ma zwi­schen ihm und sei­nem Vater, dem Bezirks­haupt­mann Franz von Trot­ta, dem stren­gen und pflicht­ge­treu­en Reprä­sen­tan­ten der alten Ord­nung, die bereits tod­ge­weiht und inner­lich morsch ist, und deren Über­tra­gung auf den Sohn nicht mehr gelingt: die­ser schlägt eine Offi­ziers­lauf­bahn ein, die sei­ner Natur nicht liegt, er ver­liert sich in Alko­hol, Spiel­schul­den und Affä­ren mit älte­ren Frau­en, die das Alter sei­ner Mut­ter haben, die früh starb. Ehe es ihm gelingt, auch inner­lich erwach­sen zu wer­den, ist sei­ne Zeit und jene der Welt, die er zu tra­gen bestimmt ist, abge­lau­fen.  In den ers­ten Mona­ten des Welt­kriegs von 1914 fällt Carl Joseph, sein Vater stirbt zwei Jah­re spä­ter,  am Tag der Bei­set­zung des grei­sen Kai­sers, mit des­sen Tod auch die k.u.k‑Monarchie end­gül­tig stürzt.

Ich habe nie ver­stan­den, wie­so “das Patri­ar­chat” ein so schlech­tes Image bekom­men konn­te, wie es heu­te im Wes­ten hat. Meis­tens ist es nur ein dum­mes, von einem vul­gä­ren Femi­nis­mus in die Mün­der der Nach­plap­pe­rer geleg­tes Schlag­wort, das haupt­säch­lich ver­leum­de­ri­schen Zwe­cken dient.

Es sind aber die Väter und das väter­li­che Prin­zip, die die Welt auf ihren Schul­tern tra­gen, und nie­mals wird es anders sein. Vie­le jun­ge Män­ner, die an einer mas­ku­lini­täts­feind­li­chen und effe­mi­ni­sie­ren­den Gesell­schaft lei­den, wol­len heu­te wie­der Män­ner wer­den, aber sie wer­den ihr Ziel nie errei­chen, wenn sie nicht auch zugleich Väter sein wol­len.  In sei­nem Roman “Man and Boy” schrieb der 1953 gebo­re­ne bri­ti­sche Schrift­stel­ler Tony Par­sons über die Geburt sei­nes Sohnes:

Jetzt habe ich also dazu bei­getra­gen, daß ein neu­er Mensch in die­se Welt kom­men konn­te. Heu­te bin ich das gewor­den, was mein Vater sein Leben lang war. Heu­te bin ich ein Mann geworden.

Um auf den Trend des Genera­tio­nen­ro­ma­nes (der deut­sche Doku­men­tar­film war ihm um eini­ge Jah­re vor­aus) und die dar­in gebau­te Brü­cke zu den Groß­vä­tern zurück­zu­kom­men: daß die “patri­li­nea­re” Ket­te heu­te in einer schwe­ren, bei­spiel­lo­sen Kri­se steckt, ist ein bedenk­li­ches Zei­chen für den Zustand unse­rer Zivi­li­sa­ti­on. Es mag sein, daß wir heu­te wie­der dort ange­langt sind, wo vor hun­dert Jah­ren Roths unglück­se­li­ger Carl Joseph von Trot­ta stand, und daß der “Tod schon sei­ne kno­chi­gen Hän­de” auch über unse­ren “Kel­chen” kreuzt.

Just die­ser Tage, als der Zeit-Arti­kel von Iris Radisch erschein, las ich auch die Kor­rek­tu­ren für die von mir mit­ver­ant­wor­te­te, dem­nächst erschei­nen­de Samm­lung von Auf­sät­zen des nor­we­gi­schen Blog­gers “Fjor­d­man” Peder Jen­sen.  In sei­nem Essay “Die vater­lo­se Zivi­li­sa­ti­on”, den wir in den Band auf­ge­nom­men haben, hat er die Lage glän­zend ana­ly­siert. Dies ist sei­ne Schlußfolgerung:

Die Abwe­sen­heit der Vater­schaft hat eine Gesell­schaft vol­ler sozia­ler Patho­lo­gien geschaf­fen, und der Man­gel an männ­li­chem Selbst­ver­trau­en hat uns für unse­re Fein­de zur leich­ten Beu­te gemacht. Wenn der Wes­ten über­le­ben soll, müs­sen wir wie­der ein gesun­des Maß an männ­li­cher Auto­ri­tät gel­tend machen. Dazu müs­sen wir den Sozi­al­staat zurück­fah­ren. Viel­leicht müs­sen wir auch eini­ge der Exzes­se des west­li­chen Femi­nis­mus zurückfahren.

Die neu­en Bücher:
Josef Bier­bich­ler: Mit­tel­reich
Oskar Roeh­ler: Her­kunft
Eugen Ruge: In Zei­ten des abneh­men­den Lichts

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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