Sezession
1. April 2009

Sellering III: Relativismus reloaded

Erik Lehnert / 4 Kommentare

Ein relativ großer Pilz.Muß ich, um den Geschmack einer Marmelade zu kritisieren, eine Marmelade, die mir besser schmeckt, für die ideale Marmelade halten? Nein. Wenn das so wäre, müßten wir nämlich alle unsere Klappe halten. Um vergleichen zu können und uns ein Urteil zu bilden, sind wir nicht auf Dichotomien angewiesen. Also relativieren wir:

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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Verglichen mit der BRD war man in der DDR relativ unfrei. Verglichen mit der DDR ist man in der BRD noch immer relativ frei. Alle davon abweichenden Ergebnisse dieses Vergleichs dürften sich individualpsychologisch oder biographisch erklären lassen.

Da gibt es den Wessi, der vom Liberalismus angeödet ist und sich die harte Hand des Staates wünscht, weil er hofft, daß dann endlich mal was passiert. Es gibt den Romantiker, dem das gegenwärtige Leben immer zu prosaisch ist. Und es gibt den Ossi, der enttäuscht ist, daß die BRD auch ihre Fehler hat. Dabei hatte man ihm doch versprochen, daß die BRD der Idealstaat sei.

Um mal etwas konkreter zu werden: Könnten wir in der DDR öffentlich darüber diskutieren, ob die DDR eine Mißgeburt der Siegermächte ist, die BRD ihre Vorzüge oder welche Nachteile die DDR hat? Nein, könnten wir nicht. Können wir in der BRD darüber diskutieren, ob die BRD eine Mißgeburt der Siegermächte ist, die DDR ihre Vorzüge hatte oder welche Nachteile die BRD hat? Ja, können wir.

Wir können sogar darüber streiten, ob die DDR deutscher als die BRD war. (Obwohl das für die Beurteilung der DDR als Unrechtsstaat völlig gleichgültig ist.) Die DDR war das einzige Land im Ostblock, das sozialistisch war, während die Bulgaren weiter bulgarisch und die Polen weiter polnisch dachten. Denn auch die DDR hatte den Krieg verloren, auch wenn das keiner so recht wahrhaben wollte. Daß Stalin 1941 das Vaterland wiederentdeckte, zeigt nur, daß nicht alle Kommunisten dumm waren.

Die DDR-Kommunisten hatten aus ihrer Niederlage 1933 gelernt, daß die Menschen allein mit der Internationale nicht zu mobilisieren sind. Der Mensch ist einfach gestrickt. Geht's ihm gut, stellt er keine Fragen. Leidet er Mangel, muß man ihn einsperren, damt er nicht wegläuft, was zum Saufen geben, damit er nicht irre wird und ein bißchen Heimat lassen, damit er morgens überhaupt noch aufsteht.

In einer Diktatur sind Anpassungsleistungen zu erbringen, die das Maß, das uns heute abgefordert wird, weit übersteigen. Wer das leugnet, sollte sich vielleicht mal die Lebensgeschichten der wenigen DDR-Dissidenten anschauen. Die „Errungenschaften" der DDR sind nicht ohne ihre dunklen Seiten zu haben, damals nicht und heute wohl erst recht nicht. Daß das heute so fröhlich ausgeblendet wird, zeugt von einer mangelnden Ernsthaftigkeit im Umgang mit der eigenen Geschichte.

Vielleicht können einige Leute aber auch nicht ermessen, was es beispielsweise bedeutete in der DDR kein Abitur machen zu dürfen, weil man das falsche Elternhaus hatte. (An mir ist dieser Kelch nur aus Altersgründen vorbeigegangen.) Man kann auch ohne Abitur ein glücklicher Mensch sein. Zur Causa Sellering: Von Leuten aber, die das im Westen alles selbstverständlich in Anspruch nehmen konnten, will ich nichts über die Vorzüge der DDR hören.


Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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Kommentare (4)

juliusevola
1. April 2009 20:33

Können wir in der BRD angesichts von im Jahre 2008 mehr als 12000 Ermittlungen und Verurteilungen wegen Meinungsdelikten wirklich frei diskutieren ?

eleonoraduse
1. April 2009 21:55

...so wie Ellen Thiemann,die nach einem gescheiterten Fluchtversuch in den gelobten Westen,nur um ihren elfjährigen Sohn zu schützen, jede Schuld auf sich nahm und 1973 in das Frauenzuchthaus Hohneck kam.Drei Jahre und fünf Monate der Martern,Quälereien z.b.Schlafentzug(sicher noch das harmloseste),zermürbener Einzelhaft,Drogen oder absoluter Zuckerentzug ...die Hölle auf Erden zu erleben...dann doch lieber BRD!

Torsten
2. April 2009 09:29

Die DDR war weit weniger frei als die BRD - das steht wohl außer Frage. Und ein Staat, der seine Bürger einzäunen muß, damit sie ihm nicht in Scharen davonlaufen, hat keine Existenzberechtigung und ist deshalb folgerichtig untergegangen. Ich vermute, daß kaum jemand, selbst in der Linkspartei, sich die DDR so, wie sie wirklich war, zurückwünscht.
Wenn sie konservativer und deutscher war als die BRD, so ist das ein Nebeneffekt - ähnlich dem, daß such im Grenzstreifen seltene Tier- und Pflanzenarten erhalten haben. Das kann nicht dazu dienen, die Ungerechtigkeit und Schäbigkeit, die es in der DDR gab, irgendwie aufzuwiegen - es macht das Schlechte nicht gut.
Trotzdem ist es interessant, solche Nebeneffekte wahrzunehmen - und die seltsame Vermischung von "iinks" und "rechts", "revolutionär" und "konservativ" (so war das Dritte Reich bei allem Blut-und-Boden- und Germanengetue in vielem hochmodern).
Es ist nur schwierig, in der Öffentlichkeit darüber sachlich zu sprechen, weil sich die Opfer verständlicherweise verletzt fühlen, wenn man die Täter für etwas Gutes lobt, das sie, außer Verbrechen zu begehen, auch getan oder ungewollt bewirkt haben.

Toni Roidl
2. April 2009 10:56

Klasse Beitrag. Und Respekt vor allen Dissidenten. Aber ich frage, ob die »Anpassungsleistungen«, die dem rechtskonservativen Bürger in der freiheitl.-demokr. BRD abgefordert werden, nicht auch schon ein Maß erreicht haben, dass der dunklen Seite der »kommoden Diktatur« entspricht. Und ob die Soft-Diktatur nicht perfider ist, als die klassische. Denn deren primitive Hölzernheit ist klar konturiert, was die Anpassung erleichtert. Wissen Sie denn, ob Ihre Mitarbeit an diesem Netzbuch Ihnen tatsächlich keine Nachteile bringt? Welche Stelle, welches Stipendium, welche Empfehlung Sie deswegen nicht bekommen? Oder pfeifen Sie darauf? In dem Fall - Respekt (s.o.)!

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