Marx neu lesen 2

Unser Karlvon Adolph Przybyszewski

Es sei "nicht das Bewußtsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein bestimmt", so lautet eine zur marxistischen Platitüde verkommene Behauptung Marxens im Vorwort zu seiner Kritik der politischen Ökonomie. Es war Hans-Dietrich Sander, der 1970 nachdrücklich darauf hinwies, daß dieser Satz für Marx nur eingeschränkt und keineswegs allgemein gültig war:

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Die­ser Satz stim­me zwar durch­aus für “die land­läu­fi­ge Mei­nung, das unre­flek­tier­te Wis­sen, das Geschwätz – für den Bereich, den Marx als Ideo­lo­gie bezeich­net hat und den man heu­te, weni­ger rigi­de, gern den Zeit­geist nennt.” Sonst aber sei der Satz der ins­be­son­de­re von den mar­xis­ti­schen “Fol­gern” aus­ge­beu­te­ten “Tri­bu­nal­struk­tur” sei­nes Werks zuzu­ord­nen, die ana­ly­tisch heu­te nicht wei­ter rele­vant ist. Auf­fal­len müs­se näm­lich, daß Marx die­sen Ansatz für sein Haupt­werk Das Kapi­tal nicht übernahm.
Dort ent­wirft er viel­mehr eine Anthro­po­lo­gie der Arbeit, wie sie unter ande­rem schon in den Öko­no­misch-phi­lo­so­phi­schen Manu­skrip­ten ange­legt ist, der “Arbeit in einer Form, wor­in sie dem Men­schen aus­schließ­lich ange­hört.” In die­sem Zusam­men­hang wird die Bedeu­tung des mensch­li­chen Bewußt­seins für die marx­sche Theo­rie eigen­tüm­lich kom­plex, wie sein Spin­nen- und Bie­nen­gleich­nis ein­gän­gig darlegt:

Eine Spin­ne ver­rich­tet Ope­ra­tio­nen, die denen des Webers ähneln, und eine Bie­ne beschämt durch den Bau ihrer Wachs­zel­len man­chen mensch­li­chen Bau­meis­ter. Was aber von vorn­her­ein den schlech­tes­ten Bau­meis­ter vor der bes­ten Bie­ne aus­zeich­net, ist, daß er die Zel­le in sei­nem Kopf gebaut hat, bevor er sie in Wachs baut. Am Ende des Arbeits­pro­zes­ses kommt ein Resul­tat her­aus, das beim Beginn des­sel­ben schon in der Vor­stel­lung des Arbei­ters, also schon ideell vor­han­den war. Nicht daß er nur eine Form­ver­än­de­rung des Natür­li­chen bewirkt; er ver­wirk­licht im Natür­li­chen zugleich sei­nen Zweck, den er weiß, der die Art und Wei­se sei­nes Tuns als Gesetz bestimmt und dem er sei­nen Wil­len unter­ord­nen muß. (MEW 23, S. 193)

San­der ver­wies hier nicht nur auf die Denk­schu­lung Mar­xens durch den tran­szen­den­ta­len Kri­ti­zis­mus Kants, son­dern beton­te auch, daß der poli­ti­sche Den­ker aus der preu­ßi­schen Rhein­pro­vinz sich nicht gescheut habe, “dem kapi­ta­lis­ti­schen Adam, der den Aus­beu­tungs­me­cha­nis­mus ankur­bel­te, beim Kap­pen des Anfangs­ka­pi­tals so anti­ke Moti­ve und Mit­tel wie Wil­le zur Macht und Gewalt zuzu­schrei­ben”. Wenn sich dahin­ter mal nur nicht eine rea­lis­ti­sche Anthro­po­lo­gie verbirgt!

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