Sezession
4. April 2009

Marx neu lesen 2

Gastbeitrag

Unser Karlvon Adolph Przybyszewski

Es sei "nicht das Bewußtsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein bestimmt", so lautet eine zur marxistischen Platitüde verkommene Behauptung Marxens im Vorwort zu seiner Kritik der politischen Ökonomie. Es war Hans-Dietrich Sander, der 1970 nachdrücklich darauf hinwies, daß dieser Satz für Marx nur eingeschränkt und keineswegs allgemein gültig war:

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Dieser Satz stimme zwar durchaus für "die landläufige Meinung, das unreflektierte Wissen, das Geschwätz - für den Bereich, den Marx als Ideologie bezeichnet hat und den man heute, weniger rigide, gern den Zeitgeist nennt." Sonst aber sei der Satz der insbesondere von den marxistischen "Folgern" ausgebeuteten "Tribunalstruktur" seines Werks zuzuordnen, die analytisch heute nicht weiter relevant ist. Auffallen müsse nämlich, daß Marx diesen Ansatz für sein Hauptwerk Das Kapital nicht übernahm.
Dort entwirft er vielmehr eine Anthropologie der Arbeit, wie sie unter anderem schon in den Ökonomisch-philosophischen Manuskripten angelegt ist, der "Arbeit in einer Form, worin sie dem Menschen ausschließlich angehört." In diesem Zusammenhang wird die Bedeutung des menschlichen Bewußtseins für die marxsche Theorie eigentümlich komplex, wie sein Spinnen- und Bienengleichnis eingängig darlegt:

Eine Spinne verrichtet Operationen, die denen des Webers ähneln, und eine Biene beschämt durch den Bau ihrer Wachszellen manchen menschlichen Baumeister. Was aber von vornherein den schlechtesten Baumeister vor der besten Biene auszeichnet, ist, daß er die Zelle in seinem Kopf gebaut hat, bevor er sie in Wachs baut. Am Ende des Arbeitsprozesses kommt ein Resultat heraus, das beim Beginn desselben schon in der Vorstellung des Arbeiters, also schon ideell vorhanden war. Nicht daß er nur eine Formveränderung des Natürlichen bewirkt; er verwirklicht im Natürlichen zugleich seinen Zweck, den er weiß, der die Art und Weise seines Tuns als Gesetz bestimmt und dem er seinen Willen unterordnen muß. (MEW 23, S. 193)

Sander verwies hier nicht nur auf die Denkschulung Marxens durch den transzendentalen Kritizismus Kants, sondern betonte auch, daß der politische Denker aus der preußischen Rheinprovinz sich nicht gescheut habe, "dem kapitalistischen Adam, der den Ausbeutungsmechanismus ankurbelte, beim Kappen des Anfangskapitals so antike Motive und Mittel wie Wille zur Macht und Gewalt zuzuschreiben". Wenn sich dahinter mal nur nicht eine realistische Anthropologie verbirgt!


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