Comics (1)

zackPassend zu der Aufregung um das "Panzerlied" prangerte  Spiegel Online letzte Woche  eine weitere skandalöse Distanzlosigkeit zum Erbe der Wehrmacht an. Das bekannte Comic-Magazin Zack (ich wußte gar nicht, daß das überhaupt noch existiert)  hatte es gewagt, eine Serie mit dem Titel "Der Stern von Afrika" abzudrucken, in welcher der 1959 geborene Schweizer Zeichner Franz Zumstein englische und deutsche Flieger im 2. Weltkrieg aufeinanderkrachen läßt.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Grund der Empö­rung: Als Neben­fi­gur taucht der legen­dä­re Jagd­flie­ger Hans-Joa­chim Mar­seil­le auf, der 1942 im Alter von nur 22 Jah­ren bei einem Unfall, also “unbe­siegt vom Geg­ner”, ums Leben kam. Der Autor von SpON erei­fert sich nun mit der blatt­no­to­ri­schen Rhe­to­rik dar­über, daß  Zack & Zum­stein ganz unkri­tisch “Mythen der Nazi-Zeit” pfle­gen wür­den, kämen in dem  Comic doch so schreck­li­che, frag­wür­di­ge Din­ge wie “stau­nen­de Afri­ka­ner, ord­nungs­lie­ben­de Deut­sche und ein Luft­waf­fen­pi­lot als rit­ter­li­cher Held” vor.

Außer­dem bemü­he Zum­stein “ver­lo­ge­ne” Legen­den wie: “In der deut­schen Luft­waf­fe war der Hit­ler­gruß unbe­liebt und vie­le Pilo­ten distan­zier­ten sich vom natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Regime”, von “Ansät­zen zur Dif­fe­ren­zie­rung” sei “wenig zu spü­ren”. Und damit nicht genug der Verklärungen:

So gesel­len sich zwei jun­ge Afri­ka­ner stau­nend zu den deut­schen Sol­da­ten, die Mar­seil­les Lan­dung nach dem Abschuss des Bri­ten diri­gie­ren: “Wir sind hier aus der Gegend und woll­ten ein­mal ech­te Flie­geras­se sehen.” “Na gut, kommt her”, gestat­tet der deut­sche Mecha­ni­ker groß­zü­gig. “Aber nur bis zu die­sem Punkt. Etwas Ord­nung muss sein.”

Und Mar­seil­le, der Tod­brin­ger, bedankt sich bei sei­nen Mecha­ni­kern: “Die Sie­ge gehö­ren genau so gut euch! Gegen die Kis­te, die ihr mir hin­ge­stellt habt, hat der Tom­my ein­fach kei­ne Chance!”

(…) einen der töd­lichs­ten Jagd­flie­ger des Zwei­ten Welt­kriegs cha­rak­te­ri­siert er (Zum­feld) wie in einem Gro­schen­ro­man: “Mar­seil­le, der kalt­blü­ti­ge Schüt­ze und genia­le Flie­ger, dem das Kriegs­hand­werk eigent­lich zu hart war, der mona­te­lang die glei­che roman­ti­sche Plat­te hör­te und von sei­ner Liebs­ten träum­te, wäh­rend er gleich­zei­tig Geg­ner um Geg­ner umbrachte.”

Wäh­rend Zum­stein beteu­ert, er habe vor allem einen “Buben­traum” erzäh­len wol­len, belehrt ihn SpON im pie­se­li­gen Gouvernanten-Tonfall:

Ähn­lich frag­wür­dig wur­de jüngst Man­fred von Richt­ho­fen im Bio­pic “Der rote Baron” cha­rak­te­ri­siert. Dabei war der Traum vom sau­be­ren Sol­da­ten im schmut­zi­gen Krieg stets eine Illu­si­on. Das soll­ten erwach­se­ne Män­ner eigent­lich wis­sen – und ihre Buben­träu­me end­lich vergessen.

Nun denn, es lebe die His­to­ri­sie­rung! Dann wird sich zei­gen, ob es sei­ner­seits sehr “dif­fe­ren­ziert” ist, Mar­seil­le und die Pilo­ten der Luft­waf­fe pau­schal als “Nazif­lie­ger” zu schub­la­di­sie­ren. Vor allem aber stellt sich die Fra­ge, ob es nicht etwas absurd ist, aus­ge­rech­net einem Comic vor­zu­wer­fen, er erzäh­le “wie ein Gro­schen­ro­man”. Gera­de Comics leben von mythi­schen Kon­stel­la­tio­nen und star­ken Kon­tras­ten, von Action, vom Juve­ni­len, von “undif­fe­ren­zier­ten” Iko­ni­sie­run­gen und tri­via­len Träu­men. Und natür­lich sind gera­de die Flie­ger-Asse der bei­den Welt­krie­ge, an denen Deutsch­land nicht gera­de arm ist, und die schon zu Leb­zei­ten die Phan­ta­sien “beflü­gelt” haben, wie geschaf­fen für  das Wal­hal­la der popu­lä­ren Mythen.

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Zum­stein hat mit sei­nem “Stern von Afri­ka” eigent­lich nichts ande­res gemacht, als im Zack ohne­hin schon seit Jahr­zehn­ten zu sehen ist: har­te Män­ner, schö­ne Frau­en, hei­ße Maschi­nen, exo­ti­sche Schau­plät­ze. Was mir an dem Angriff von SpON am meis­ten miß­fällt, ist das Neo-Puri­ta­ni­sche, Humor­lo­se, Ver­klemm­te, Bigot­te, die geküns­tel­te mora­li­sche Empö­rung  (“der Todes­brin­ger”, huch!), die gan­zen spiel­ver­der­ber­haf­ten Zurecht­wei­sun­gen, weil mal wie­der einer falsch denkt oder fühlt, und sei es bloß in einem Comic-Strip, und schließ­lich das unter­schwel­li­ge Getue, als sei dadurch die Moral der Nati­on gefährdet.

Unge­fähr so muß das geklun­gen haben, als in den Fünf­zi­ger Jah­ren diver­se Sit­ten­wäch­ter gegen “Schmutz und Schund” wie Micky Maus, Fix & Foxi oder die unzäh­li­gen Seri­en von  Hans­ru­di Wäscher (der heu­te übri­gens sei­nen 81. Geburts­tag fei­ert) à la Sigurd, Falk, Akim und wie sie alle hei­ßen, zu Fel­de zogen. Über ver­gleich­ba­re “ver­herr­li­chen­de” Pro­duk­te regt sich indes­sen heu­te kein Mensch mehr auf, sofern die Hel­den bei­spiels­wei­se Ame­ri­ka­ner sind, nur Deut­schen ist das Hel­den­tum ver­bo­ten, wäh­rend  es durch­aus OK ist, wahr­schein­lich auch für den SpON, die Krauts zum Gau­di­um des Publi­kums effekt­ha­sche­risch abzu­schlach­ten.  Indes­sen war es eben die poli­tisch kor­rek­te Ver­kramp­fung, die den vom SpON eben­falls inkri­mi­nier­ten “Roten Baron” mit Kul­ler­au­ge Mat­thi­as Schweig­hö­fer eine Bruch­lan­dung im Nie­mands­land des “Weder-Fisch-noch-Fleisch” erlei­den ließ… Damals schrieb die JF:

(Regis­seur) Mül­ler­schön stand vor der Wahl, die Legen­de ent­we­der als saf­ti­ges Action-Kin­topp abzu­fei­ern oder sie als kri­ti­schen “Bil­dungs­ro­man” über die Ver­ro­hung des Hel­den durch die Kriegs­er­fah­rung zu erzäh­len, wie Andre­as Kilb in der FAZ vor­schlug. Zum ers­te­ren fehlt einem deut­schen Regis­seur der Schneid, zum zwei­ten das Format.

Immer­hin, es ist beru­hi­gend zu wis­sen, daß die “Buben­träu­me” auch in Zei­ten, in denen man den Buben das Träu­men über­haupt aus­trei­ben will, sofern es nicht in die Gen­der-Strom­li­nie paßt, unaus­rott­bar sind. Und in der erwei­ter­ten Per­spek­ti­ve täte auch auf einer “erwach­se­nen” Ebe­ne etwas Ent­kramp­fung (und Tra­di­ti­ons­pfle­ge) gut. Ich für mei­nen Teil habe mir jeden­falls schon einen der tol­len Schals von “Lot­te in Mos­kau” mit schi­cken her­ab­sau­sen­den Stu­kas bestellt.

Mehr zum The­ma “Comics” demnächst.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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