Sezession
5. April 2009

Comics (1)

Martin Lichtmesz

zackPassend zu der Aufregung um das "Panzerlied" prangerte  Spiegel Online letzte Woche  eine weitere skandalöse Distanzlosigkeit zum Erbe der Wehrmacht an. Das bekannte Comic-Magazin Zack (ich wußte gar nicht, daß das überhaupt noch existiert)  hatte es gewagt, eine Serie mit dem Titel "Der Stern von Afrika" abzudrucken, in welcher der 1959 geborene Schweizer Zeichner Franz Zumstein englische und deutsche Flieger im 2. Weltkrieg aufeinanderkrachen läßt.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Grund der Empörung: Als Nebenfigur taucht der legendäre Jagdflieger Hans-Joachim Marseille auf, der 1942 im Alter von nur 22 Jahren bei einem Unfall, also "unbesiegt vom Gegner", ums Leben kam. Der Autor von SpON ereifert sich nun mit der blattnotorischen Rhetorik darüber, daß  Zack & Zumstein ganz unkritisch "Mythen der Nazi-Zeit" pflegen würden, kämen in dem  Comic doch so schreckliche, fragwürdige Dinge wie "staunende Afrikaner, ordnungsliebende Deutsche und ein Luftwaffenpilot als ritterlicher Held" vor. 

Außerdem bemühe Zumstein "verlogene" Legenden wie: "In der deutschen Luftwaffe war der Hitlergruß unbeliebt und viele Piloten distanzierten sich vom nationalsozialistischen Regime", von "Ansätzen zur Differenzierung" sei "wenig zu spüren". Und damit nicht genug der Verklärungen:

So gesellen sich zwei junge Afrikaner staunend zu den deutschen Soldaten, die Marseilles Landung nach dem Abschuss des Briten dirigieren: "Wir sind hier aus der Gegend und wollten einmal echte Fliegerasse sehen." "Na gut, kommt her", gestattet der deutsche Mechaniker großzügig. "Aber nur bis zu diesem Punkt. Etwas Ordnung muss sein."

Und Marseille, der Todbringer, bedankt sich bei seinen Mechanikern: "Die Siege gehören genau so gut euch! Gegen die Kiste, die ihr mir hingestellt habt, hat der Tommy einfach keine Chance!"

(...) einen der tödlichsten Jagdflieger des Zweiten Weltkriegs charakterisiert er (Zumfeld) wie in einem Groschenroman: "Marseille, der kaltblütige Schütze und geniale Flieger, dem das Kriegshandwerk eigentlich zu hart war, der monatelang die gleiche romantische Platte hörte und von seiner Liebsten träumte, während er gleichzeitig Gegner um Gegner umbrachte."

Während Zumstein beteuert, er habe vor allem einen "Bubentraum" erzählen wollen, belehrt ihn SpON im pieseligen Gouvernanten-Tonfall:

Ähnlich fragwürdig wurde jüngst Manfred von Richthofen im Biopic "Der rote Baron" charakterisiert. Dabei war der Traum vom sauberen Soldaten im schmutzigen Krieg stets eine Illusion. Das sollten erwachsene Männer eigentlich wissen - und ihre Bubenträume endlich vergessen.

Nun denn, es lebe die Historisierung! Dann wird sich zeigen, ob es seinerseits sehr "differenziert" ist, Marseille und die Piloten der Luftwaffe pauschal als "Naziflieger" zu schubladisieren. Vor allem aber stellt sich die Frage, ob es nicht etwas absurd ist, ausgerechnet einem Comic vorzuwerfen, er erzähle "wie ein Groschenroman". Gerade Comics leben von mythischen Konstellationen und starken Kontrasten, von Action, vom Juvenilen, von "undifferenzierten" Ikonisierungen und trivialen Träumen. Und natürlich sind gerade die Flieger-Asse der beiden Weltkriege, an denen Deutschland nicht gerade arm ist, und die schon zu Lebzeiten die Phantasien "beflügelt" haben, wie geschaffen für  das Walhalla der populären Mythen.

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Zumstein hat mit seinem "Stern von Afrika" eigentlich nichts anderes gemacht, als im Zack ohnehin schon seit Jahrzehnten zu sehen ist: harte Männer, schöne Frauen, heiße Maschinen, exotische Schauplätze. Was mir an dem Angriff von SpON am meisten mißfällt, ist das Neo-Puritanische, Humorlose, Verklemmte, Bigotte, die gekünstelte moralische Empörung  ("der Todesbringer", huch!), die ganzen spielverderberhaften Zurechtweisungen, weil mal wieder einer falsch denkt oder fühlt, und sei es bloß in einem Comic-Strip, und schließlich das unterschwellige Getue, als sei dadurch die Moral der Nation gefährdet. 

Ungefähr so muß das geklungen haben, als in den Fünfziger Jahren diverse Sittenwächter gegen "Schmutz und Schund" wie Micky Maus, Fix & Foxi oder die unzähligen Serien von  Hansrudi Wäscher (der heute übrigens seinen 81. Geburtstag feiert) à la Sigurd, Falk, Akim und wie sie alle heißen, zu Felde zogen. Über vergleichbare "verherrlichende" Produkte regt sich indessen heute kein Mensch mehr auf, sofern die Helden beispielsweise Amerikaner sind, nur Deutschen ist das Heldentum verboten, während  es durchaus OK ist, wahrscheinlich auch für den SpON, die Krauts zum Gaudium des Publikums effekthascherisch abzuschlachten.  Indessen war es eben die politisch korrekte Verkrampfung, die den vom SpON ebenfalls inkriminierten "Roten Baron" mit Kullerauge Matthias Schweighöfer eine Bruchlandung im Niemandsland des "Weder-Fisch-noch-Fleisch" erleiden ließ... Damals schrieb die JF:

(Regisseur) Müllerschön stand vor der Wahl, die Legende entweder als saftiges Action-Kintopp abzufeiern oder sie als kritischen "Bildungsroman" über die Verrohung des Helden durch die Kriegserfahrung zu erzählen, wie Andreas Kilb in der FAZ vorschlug. Zum ersteren fehlt einem deutschen Regisseur der Schneid, zum zweiten das Format.

Immerhin, es ist beruhigend zu wissen, daß die "Bubenträume" auch in Zeiten, in denen man den Buben das Träumen überhaupt austreiben will, sofern es nicht in die Gender-Stromlinie paßt, unausrottbar sind. Und in der erweiterten Perspektive täte auch auf einer "erwachsenen" Ebene etwas Entkrampfung (und Traditionspflege) gut. Ich für meinen Teil habe mir jedenfalls schon einen der tollen Schals von "Lotte in Moskau" mit schicken herabsausenden Stukas bestellt.

Mehr zum Thema "Comics" demnächst.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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