Sezession
22. Dezember 2011

Peter Weibel über die „Instabilität des Systems“

Martin Lichtmesz

Zur Zeit weile ich in meiner Heimat Österreich und blättere mich durch die Presselandschaft. Da darf natürlich das Leib- und Magenblatt des sich "intellektuell" dünkenden Linksliberalen, der Standard, nicht fehlen, mitsamt meinem austriakischen "Lieblings"kolumnisten Hans Rauscher, der wahrscheinlich der dümmste lebende Mensch ist.  Am 19. 12. war darin ein recht interessantes Interview mit dem Kunst- und Medientheoretiker Peter Weibel zu lesen, für den ich, wie für die meisten ehemaligen "Wiener Aktionisten", eine gewisse Schwäche habe. 

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Darin wird er etwa danach gefragt, ob die Intellektuellen seiner Meinung nach heute überhaupt noch etwas bewegen könnten. Weibels Antwort:

Es fehlt an Intellektuellen - und es gibt keine Politiker mehr, die den Intellektuellen zuhören. Was man nicht vergessen darf: Den Geist der Opposition und Subversion gab es schon vor dem Zweiten Weltkrieg, er wurde nur durch den Faschismus vertrieben und kam dann wieder zurück. Heute gibt es aber niemanden, der aus dem Exil zurückkommt. Wir haben nur mehr einen 94-jährigen Résistance-Kämpfer, Stéphane Hessel. Er sagt: Wir, die Befreier Europas von der faschistischen Diktatur, wollen nicht zuschauen, dass das, wofür wir gekämpft haben, jetzt untergeht. Hessel hat zwar Beststeller geschrieben, aber er kann keine Studenten beeindrucken. Die Menschen stellen die gleiche Frage: "Was tun?" Er sagt: "Empört Euch!" Aber es hat keinen Effekt mehr. Hessel wird viel mehr von denen, die er in seinen Streitschriften angreift, eingeladen, vor ihnen zu sprechen. Das System ist heute stärker als seine Elemente. Früher glaubte man, dass Individuen etwas im System bewirken können. Heute ist das nicht mehr möglich. Das System ist so stark, dass selbst die Kritik am System dieses nur stabilisiert.

Das ist weitgehend richtig gesehen, bedarf aber einiger Ergänzungen und Korrekturen. Wenn ich das einmal von "rechts" kommentieren darf: Weibel scheint davon auszugehen, daß "Opposition und Subversion" per se und für alle Zeiten auf der Seite der Linken stünden, mit dem "Faschismus" als ebenso ewigem Gegenspieler. Aber der Grund, weshalb einst "widerständige" Opas wie Hessel nur mehr zahnlose Seichtigkeiten von sich geben, die allenfalls als Beruhigungsschnuller für ein einschlägiges Publikum dienen, ist eben der, daß das Oppositionelle und Subversive inzwischen nahezu vollständig nach Rechts gewandert ist.

Und das eben genau deshalb, weil die Linke heute trotz ihrer Selbsttäuschungen und -inszenierungen, denen Weibel offenbar zum Teil noch aufsitzt, zur unentbehrlichen Stütze des Systems geworden. Da kann sie noch so sehr gegen den "Kapitalismus" oder "Neoliberalismus" oder "Globalismus" wettern, sie wird keine Zähne im Mund bekommen, weil sie im Grunde auf sehr ähnlichen bis identischen Prämissen aufbaut. Man kann durchaus sagen, - wie es der marxistische Dichter Pier Paolo Pasolini übrigens schon in den Siebziger Jahren düster ahnte -, daß die Linke die willfährige Dampfwalze spielt, die dem Finanz- und Konsumkapitalismus die Bahn frei plättet, zum Teil, ohne ihre Komplizenschaft zu bemerken.

Zu dieser komplexen Frage - der Kernidentität von Liberalismus und Sozialismus - empfehle ich, ach was: befehle ich den exzellenten Kaplaken-Band meines Kollegen Manfred Kleine-Hartlage zu lesen. "Neue Weltordnung" - Zukunftsplan oder Verschwörungstheorie?  hatte auf mich eine Wirkung wie die rote Pille aus Matrix. Denn die Linke und der Neoliberalismus haben denselben Feind, weshalb sie ineinander greifen wie zwei Zahnräder ein- und derselben Maschine:

Soziale Strukturen, die etwas mit Solidarität zu tun haben: intakte Familien, intakte Völker, auch intakte Religionsgemeinschaften, sind die natürlichen Angriffsziele der neoliberalen Ideologie.

An dieser Stelle wird klarer, warum im Medienmainstream allenfalls linke Intellektuelle wie Hessel Beachtung finden und niemals "rechte": eben deswegen, weil sie so leicht absorbierbar sind, und ihre Kritik, wie Weibel richtig sagt, das System noch stabilisiert.

Weibel weiter:

Heute ist das Denken nur darauf ausgerichtet, das System zu stabilisieren. Man darf die Bank X nicht bankrott gehen lassen, denn sonst würde das System implodieren. Jede Idee, die das System in Frage stellt, wird gnadenlos gelöscht - nicht nur in China und Russland, sondern auch in westlichen Demokratien. Und es werden immer nur Versprechungen oder Verträge gemacht, die bei Bedarf gebrochen oder aufgelöst werden. Die EU ist so zu einer Abkürzung für Euphemismus geworden, d.h. Krisen schönzureden und schönzufärben. Aber die Rettungsschirme reichen dann doch nicht. Es entsteht der Eindruck, dass keiner mehr Herr der Lage ist. Warum? Weil es ein Kompetenzproblem gibt. Wir leben in einer überforderten Gesellschaft. In einem offenen, demokratischen System werden aufgrund vorhandener Kompetenzen Entscheidungen getroffen, die rational begründbar sind. In geschlossenen, autoritären Systemen ist Kompetenz vernichtet worden, daher werden Entscheidungen unbegründet, d.h. willkürlich, subjektiv, eben autoritär durchgesetzt. Ein Symptom für solche autoritären Systeme sind zu viele Hierarchien, zu viele Office-Politics, zu viele Meetings. Die heutige Gesellschaft macht Mitbürger zu Mitläufern. Diese profitieren vom System, und daher dienen sie dem System. Der Preis ist die Ausgrenzung und das Entstehen neuer Feindbilder, die zur Vernichtung von Teilen der Gesellschaft führen.

Hier ist ihm in beinah jedem Satz zuzustimmen. Aber erkennt er auch, daß es eben alles andere als die linken systemkritischen Gedanken und ihre Denker sind, die heute in den westlichen Demokratien "gnadenlos gelöscht" werden?

Richtig, geradezu brennend interessant wird es aber hier:

Das Problem ist: Je länger es dauert, bis das System implodiert, desto höher sind die Kosten. Die Armut wird steigen, damit steigt in der Gesellschaft das Konfliktpotential. Denken wir doch nur an die Attentate in Norwegen und Lüttich. Man kann es sich einfach machen und sagen: Anders Brevik und Nordine Amrani sind geisteskranke Individuen. Aber diese Attentäter nahmen Tendenzen, Slogans, Gedankengut auf. Brevik hat ein Manifest mit 1500 Seiten geschrieben. Und durch ihre psychische Kondition wurde dieses Gedankengut verzerrt. Amrani und Brevik hätten es aber nicht verzerren können, wenn nicht etwas zum Verzerren da gewesen wäre. Jetzt versucht man, Menschen wie Brevik zu isolieren - und übersieht, dass das Pathologische nicht in ihnen, sondern in der Gesellschaft ist. Sie sind nur das Fieberthermometer. Wenn wir nicht bald eine Lösung finden, werden solche Attentate zunehmen. Und das wäre für mich ein Symptom für die sich abzeichnende Instabilität des Systems.

Zu Wort für Wort exakt demselben Ergebnis (wenn auch vermutlich mit anderen Begründungen) bin ich in meiner Analyse des Falles Breivik gekommen, die als Bonus in der eben in der Edition Antaios erschienen Sammlung von Aufsätzen des Bloggers "Fjordman" Peder Jensen nachzulesen ist. Bestellen kann man das Buch Europa verteidigen hier.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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