Peter Weibel über die “Instabilität des Systems”

Zur Zeit weile ich in meiner Heimat Österreich und blättere mich durch die Presselandschaft. Da darf natürlich das Leib- und Magenblatt des sich "intellektuell" dünkenden Linksliberalen, der Standard, nicht fehlen, mitsamt meinem austriakischen "Lieblings"kolumnisten Hans Rauscher, der wahrscheinlich der dümmste lebende Mensch ist.  Am 19. 12. war darin ein recht interessantes Interview mit dem Kunst- und Medientheoretiker Peter Weibel zu lesen, für den ich, wie für die meisten ehemaligen "Wiener Aktionisten", eine gewisse Schwäche habe. 

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Dar­in wird er etwa danach gefragt, ob die Intel­lek­tu­el­len sei­ner Mei­nung nach heu­te über­haupt noch etwas bewe­gen könn­ten. Wei­bels Antwort:

Es fehlt an Intel­lek­tu­el­len – und es gibt kei­ne Poli­ti­ker mehr, die den Intel­lek­tu­el­len zuhö­ren. Was man nicht ver­ges­sen darf: Den Geist der Oppo­si­ti­on und Sub­ver­si­on gab es schon vor dem Zwei­ten Welt­krieg, er wur­de nur durch den Faschis­mus ver­trie­ben und kam dann wie­der zurück. Heu­te gibt es aber nie­man­den, der aus dem Exil zurück­kommt. Wir haben nur mehr einen 94-jäh­ri­gen Résis­tance-Kämp­fer, Sté­pha­ne Hes­sel. Er sagt: Wir, die Befrei­er Euro­pas von der faschis­ti­schen Dik­ta­tur, wol­len nicht zuschau­en, dass das, wofür wir gekämpft haben, jetzt unter­geht. Hes­sel hat zwar Best­stel­ler geschrie­ben, aber er kann kei­ne Stu­den­ten beein­dru­cken. Die Men­schen stel­len die glei­che Fra­ge: “Was tun?” Er sagt: “Empört Euch!” Aber es hat kei­nen Effekt mehr. Hes­sel wird viel mehr von denen, die er in sei­nen Streit­schrif­ten angreift, ein­ge­la­den, vor ihnen zu spre­chen. Das Sys­tem ist heu­te stär­ker als sei­ne Ele­men­te. Frü­her glaub­te man, dass Indi­vi­du­en etwas im Sys­tem bewir­ken kön­nen. Heu­te ist das nicht mehr mög­lich. Das Sys­tem ist so stark, dass selbst die Kri­tik am Sys­tem die­ses nur stabilisiert.

Das ist weit­ge­hend rich­tig gese­hen, bedarf aber eini­ger Ergän­zun­gen und Kor­rek­tu­ren. Wenn ich das ein­mal von “rechts” kom­men­tie­ren darf: Wei­bel scheint davon aus­zu­ge­hen, daß “Oppo­si­ti­on und Sub­ver­si­on” per se und für alle Zei­ten auf der Sei­te der Lin­ken stün­den, mit dem “Faschis­mus” als eben­so ewi­gem Gegen­spie­ler. Aber der Grund, wes­halb einst “wider­stän­di­ge” Opas wie Hes­sel nur mehr zahn­lo­se Seich­tig­kei­ten von sich geben, die allen­falls als Beru­hi­gungs­schnul­ler für ein ein­schlä­gi­ges Publi­kum die­nen, ist eben der, daß das Oppo­si­tio­nel­le und Sub­ver­si­ve inzwi­schen nahe­zu voll­stän­dig nach Rechts gewan­dert ist.

Und das eben genau des­halb, weil die Lin­ke heu­te trotz ihrer Selbst­täu­schun­gen und ‑insze­nie­run­gen, denen Wei­bel offen­bar zum Teil noch auf­sitzt, zur unent­behr­li­chen Stüt­ze des Sys­tems gewor­den. Da kann sie noch so sehr gegen den “Kapi­ta­lis­mus” oder “Neo­li­be­ra­lis­mus” oder “Glo­ba­lis­mus” wet­tern, sie wird kei­ne Zäh­ne im Mund bekom­men, weil sie im Grun­de auf sehr ähn­li­chen bis iden­ti­schen Prä­mis­sen auf­baut. Man kann durch­aus sagen, – wie es der mar­xis­ti­sche Dich­ter Pier Pao­lo Paso­li­ni übri­gens schon in den Sieb­zi­ger Jah­ren düs­ter ahn­te -, daß die Lin­ke die will­fäh­ri­ge Dampf­wal­ze spielt, die dem Finanz- und Kon­sum­ka­pi­ta­lis­mus die Bahn frei plät­tet, zum Teil, ohne ihre Kom­pli­zen­schaft zu bemerken.

Zu die­ser kom­ple­xen Fra­ge – der Kern­iden­ti­tät von Libe­ra­lis­mus und Sozia­lis­mus – emp­feh­le ich, ach was: befeh­le ich den exzel­len­ten Kapla­ken-Band mei­nes Kol­le­gen Man­fred Klei­ne-Hart­la­ge zu lesen. “Neue Welt­ord­nung” – Zukunfts­plan oder Ver­schwö­rungs­theo­rie?  hat­te auf mich eine Wir­kung wie die rote Pil­le aus Matrix. Denn die Lin­ke und der Neo­li­be­ra­lis­mus haben den­sel­ben Feind, wes­halb sie inein­an­der grei­fen wie zwei Zahn­rä­der ein- und der­sel­ben Maschine:

Sozia­le Struk­tu­ren, die etwas mit Soli­da­ri­tät zu tun haben: intak­te Fami­li­en, intak­te Völ­ker, auch intak­te Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten, sind die natür­li­chen Angriffs­zie­le der neo­li­be­ra­len Ideologie.

An die­ser Stel­le wird kla­rer, war­um im Medi­en­main­stream allen­falls lin­ke Intel­lek­tu­el­le wie Hes­sel Beach­tung fin­den und nie­mals “rech­te”: eben des­we­gen, weil sie so leicht absor­bier­bar sind, und ihre Kri­tik, wie Wei­bel rich­tig sagt, das Sys­tem noch stabilisiert.

Wei­bel weiter:

Heu­te ist das Den­ken nur dar­auf aus­ge­rich­tet, das Sys­tem zu sta­bi­li­sie­ren. Man darf die Bank X nicht bank­rott gehen las­sen, denn sonst wür­de das Sys­tem implo­die­ren. Jede Idee, die das Sys­tem in Fra­ge stellt, wird gna­den­los gelöscht – nicht nur in Chi­na und Russ­land, son­dern auch in west­li­chen Demo­kra­tien. Und es wer­den immer nur Ver­spre­chun­gen oder Ver­trä­ge gemacht, die bei Bedarf gebro­chen oder auf­ge­löst wer­den. Die EU ist so zu einer Abkür­zung für Euphe­mis­mus gewor­den, d.h. Kri­sen schön­zu­re­den und schön­zu­fär­ben. Aber die Ret­tungs­schir­me rei­chen dann doch nicht. Es ent­steht der Ein­druck, dass kei­ner mehr Herr der Lage ist. War­um? Weil es ein Kom­pe­tenz­pro­blem gibt. Wir leben in einer über­for­der­ten Gesell­schaft. In einem offe­nen, demo­kra­ti­schen Sys­tem wer­den auf­grund vor­han­de­ner Kom­pe­ten­zen Ent­schei­dun­gen getrof­fen, die ratio­nal begründ­bar sind. In geschlos­se­nen, auto­ri­tä­ren Sys­te­men ist Kom­pe­tenz ver­nich­tet wor­den, daher wer­den Ent­schei­dun­gen unbe­grün­det, d.h. will­kür­lich, sub­jek­tiv, eben auto­ri­tär durch­ge­setzt. Ein Sym­ptom für sol­che auto­ri­tä­ren Sys­te­me sind zu vie­le Hier­ar­chien, zu vie­le Office-Poli­tics, zu vie­le Mee­tings. Die heu­ti­ge Gesell­schaft macht Mit­bür­ger zu Mit­läu­fern. Die­se pro­fi­tie­ren vom Sys­tem, und daher die­nen sie dem Sys­tem. Der Preis ist die Aus­gren­zung und das Ent­ste­hen neu­er Feind­bil­der, die zur Ver­nich­tung von Tei­len der Gesell­schaft führen.

Hier ist ihm in bei­nah jedem Satz zuzu­stim­men. Aber erkennt er auch, daß es eben alles ande­re als die lin­ken sys­tem­kri­ti­schen Gedan­ken und ihre Den­ker sind, die heu­te in den west­li­chen Demo­kra­tien “gna­den­los gelöscht” werden?

Rich­tig, gera­de­zu bren­nend inter­es­sant wird es aber hier:

Das Pro­blem ist: Je län­ger es dau­ert, bis das Sys­tem implo­diert, des­to höher sind die Kos­ten. Die Armut wird stei­gen, damit steigt in der Gesell­schaft das Kon­flikt­po­ten­ti­al. Den­ken wir doch nur an die Atten­ta­te in Nor­we­gen und Lüt­tich. Man kann es sich ein­fach machen und sagen: Anders Bre­vik und Nor­di­ne Amra­ni sind geis­tes­kran­ke Indi­vi­du­en. Aber die­se Atten­tä­ter nah­men Ten­den­zen, Slo­gans, Gedan­ken­gut auf. Bre­vik hat ein Mani­fest mit 1500 Sei­ten geschrie­ben. Und durch ihre psy­chi­sche Kon­di­ti­on wur­de die­ses Gedan­ken­gut ver­zerrt. Amra­ni und Bre­vik hät­ten es aber nicht ver­zer­ren kön­nen, wenn nicht etwas zum Ver­zer­ren da gewe­sen wäre. Jetzt ver­sucht man, Men­schen wie Bre­vik zu iso­lie­ren – und über­sieht, dass das Patho­lo­gi­sche nicht in ihnen, son­dern in der Gesell­schaft ist. Sie sind nur das Fie­ber­ther­mo­me­ter. Wenn wir nicht bald eine Lösung fin­den, wer­den sol­che Atten­ta­te zuneh­men. Und das wäre für mich ein Sym­ptom für die sich abzeich­nen­de Insta­bi­li­tät des Systems.

Zu Wort für Wort exakt dem­sel­ben Ergeb­nis (wenn auch ver­mut­lich mit ande­ren Begrün­dun­gen) bin ich in mei­ner Ana­ly­se des Fal­les Brei­vik gekom­men, die als Bonus in der eben in der Edi­ti­on Antai­os erschie­nen Samm­lung von Auf­sät­zen des Blog­gers “Fjor­d­man” Peder Jen­sen nach­zu­le­sen ist.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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