“Das Dschihad-System” – eine Rezension von Tilman Nagel

Der Sezession-Autor und freie Publizist Manfred Kleine-Hartlage hat für sein Buch Das Dschihad-System. Wie der Islam...

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

funk­tio­niert den Rit­ter­schlag eines renom­mier­ten Rezen­sen­ten erhal­ten: Til­man Nagel war bis 2007 Pro­fes­sor für Ara­bi­s­tik und Islam­wis­sen­schaft an der Uni­ver­si­tät Göt­tin­gen und hat für sein Fach Stan­dard­wer­ke ver­faßt (unter ande­rem die viel­dis­ku­tier­te Bio­gra­phie Moham­med – Leben und Legen­de, Göt­tin­gen 2008).

Sei­ne Rezen­si­on des Buchs von Klei­ne-Hart­la­ge ist von den ihm eigent­lich zugäng­li­chen gro­ßen Zei­tun­gen nicht ver­öf­fent­licht wor­den. Wir brin­gen Sie anbei im pdf-For­mat und als Fließtext.

Nun die Rezension:

Unter der Über­schrift “Was den Dschi­had aus­lös­te” ver­öf­fent­lich­te die FAZ am 26. Novem­ber 2011 (S. L22) eine von Micha­el Bor­gol­te ver­faß­te Bespre­chung des Buches Hei­li­ger Krieg. Eine neue Geschich­te der Kreuz­zü­ge des bri­ti­schen His­to­ri­kers Jona­than Phil­lips. Die­ser habe, so lesen wir, neue in eng­li­scher Über­set­zung zugäng­lich gewor­de­ne mus­li­mi­sche Quel­len her­an­zie­hen kön­nen, unter ande­rem einen Trak­tat des Scha­ria­ge­lehr­ten as-Sul­a­mi aus dem Jah­re 1105/6. Die­ser in Damas­kus geschrie­be­ne Trak­tat habe eine Auf­for­de­rung zum Dschi­had ent­hal­ten, jedoch kaum Reso­nanz gefun­den. „Es waren erst die mili­tä­ri­schen Erobe­run­gen im Zei­chen des Kreu­zes, die um die Mit­te des zwölf­ten Jahr­hun­derts den mili­tä­ri­schen Dschi­had auf mus­li­mi­scher Sei­te aus­lös­ten“, faßt der Rezen­sent Phil­lips’ Behaup­tun­gen zusammen.

So ein­fach ist das: Da man das umfang­rei­che Mate­ri­al, das den Dschi­had als ein unaus­son­der­ba­res Ele­ment isla­mi­schen Selbst­ver­ständ­nis­ses und isla­mi­scher Herr­schaft seit der Ver­trei­bung Moham­meds aus Mek­ka im Jah­re 622 belegt, nicht lesen kann, hat es den Dschi­had vor 1105/6 nicht gege­ben, und folg­lich müs­sen, da er angeb­lich in jenem Jahr zum ers­ten Mal erör­tert wur­de, und zwar in Damas­kus, die Kreuz­fah­rer an ihm schuld sein. Eine im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes tol­le Geschichtswissenschaft!

Daß es auch anders, seri­ös, geht, zeigt Man­fred Klei­ne-Hart­la­ge in sei­nem Buch Das Dschi­had­sys­tem. Wie der Islam funk­tio­niert, einem Buch frei­lich, des­sen Ergeb­nis­se in unse­rem von poli­ti­scher Kor­rekt­heit gekne­bel­ten Geis­tes­le­ben nur noch von den weni­gen Vor­ur­teils­frei­en zur Kennt­nis genom­men und gewür­digt wer­den dürf­ten. Der Autor, ein Sozi­al­wis­sen­schaft­ler, betrach­tet das Phä­no­men „Dschi­had“ nicht von reli­gi­ons­ge­schicht­li­cher War­te aus, son­dern ergrün­det des­sen Ver­wur­ze­lung in den „kul­tu­rel­len Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten“ des Islams bzw. der Mus­li­me – und stößt dadurch zu höchst bemer­kens­wer­ten, aus­führ­lich und über­zeu­gend dar­ge­leg­ten Ein­sich­ten vor.

Mit dem Begriff der „kul­tu­rel­len Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten“ ver­schafft sich Klei­ne-Hart­la­ge einen Argu­men­ta­ti­ons­spiel­raum gegen die all­fäl­li­gen Ein­wän­de der Poli­tisch-Kor­rek­ten: Den Islam gibt es gar nicht, man muß alles viel dif­fe­ren­zier­ter sehen usw. Unter den „kul­tu­rel­len Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten“ ver­steht der Autor alles das, was „die Wirk­lich­keits­auf­fas­sung und die Wer­te­vor­stel­lun­gen der meis­ten Mus­li­me maß­geb­lich bestimmt“, die Ange­hö­ri­gen ihrer Gemein­schaft zusam­men­schmie­det und gegen die Nicht­mus­li­me abgrenzt. Die Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten des Islams sind so beschaf­fen, daß „der Islam als Sys­tem nicht nur erhal­ten bleibt, son­dern sich aus­brei­tet“ (S. 43). Gewiß sei­en inner­halb die­ser Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten sehr unter­schied­li­che Denk­wei­sen mög­lich, die­se aber kön­nen „nicht der impli­zi­ten Logik des Islams zuwi­der­lau­fen“ (S. 55). In der Tat, inner­halb der Scha­ria kann man bei­spiels­wei­se eine Argu­men­ta­ti­on auf­bau­en, die es einem Her­an­wach­sen­den ver­wehrt, sich ohne Erlaub­nis des Vaters einer den Kampf für die Belan­ge des Islams pfle­gen­den Gemein­schaft anzuschließen.

Es läßt sich die­ser Argu­men­ta­ti­on jedoch leicht eine ande­re, eben­falls de lege artis auf­ge­bau­te ent­ge­gen­set­zen, die einen sol­chen Schritt ohne wei­te­res gut­heißt, indem sie auf den der väter­li­chen Gewalt über­ge­ord­ne­ten Gesichts­punkt der Inter­es­sen des Islams ver­weist. Eines aber ist auf kei­nen Fall mög­lich, näm­lich auf die Scha­ria die Aus­sa­ge zu stüt­zen, Gewalt zur Aus­brei­tung des Islams sei unzulässig.

Die spe­zi­fisch isla­mi­schen „kul­tu­rel­len Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten“, die, wie Klei­ne-Hart­la­ge detail­reich aus­führt, deut­lich von den christ­li­chen unter­schie­den sind, erge­ben sich aus dem Koran, des­sen Bot­schaft den Mus­li­men von Kind­heit an ein­ge­häm­mert wird. Dies geschieht in einer Inten­si­tät, die sich der heu­ti­ge Euro­pä­er kaum vor­stel­len kann. Selbst bei gefirm­ten oder kon­fir­mier­ten Chris­ten trifft man in der Regel auf eine nahe­zu völ­li­ge Unkennt­nis der Bibel. Den meis­ten Mus­li­men sind hin­ge­gen bei vie­len Gele­gen­hei­ten des Lebens Wort des Korans prä­sent und flie­ßen in Äuße­run­gen ein, ohne daß sie sich die­sen Umstand in jedem Ein­zel­fall bewußt machten.

Wie ist nun die theo­lo­gi­sche Tie­fen­struk­tur beschaf­fen, die jene Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten trägt? Klei­ne-Hart­la­ge ermit­telt sie aus dem Koran, den er in der auch von Kon­ver­ti­ten emp­foh­le­nen Über­set­zung von Hen­ning benutzt. Der theo­lo­gi­sche Gehalt der mek­ka­ni­schen Suren, denen sich der Autor zunächst zuwen­det, ist denk­bar schlicht: Allah ist der all­wis­sen­de, all­mäch­ti­ge, alles in jedem Augen­blick len­ken­de Schöp­fer und somit die ein­zi­ge exis­tie­ren­de Gott­heit; Moham­med ist des­sen Gesand­ter, er über­bringt Allahs authen­ti­sches Wort.

Wer an Allah glaubt, wird nach dem Gericht in das Para­dies ein­zie­hen; den ande­ren ist die Höl­le berei­tet, har­te Stra­fen tref­fen sie aber auch schon im Dies­seits. Im übri­gen gilt das Stre­ben nach irdi­schen Gütern als ver­werf­lich; was der ein­zel­ne errei­chen kann, ist ohne­hin durch Allah vor­her­be­stimmt. Enge Zir­kel­schlüs­se sol­len die Wahr­heit die­ser Aus­sa­gen bezeu­gen: Die Schöp­fung erfolgt, weil es Allah als den all­wei­sen Schöp­fer gibt, und des­we­gen erfolgt die Schöp­fung; der Koran ist Allahs unver­mit­tel­te Rede, weil er von uner­reich­ba­rer sprach­li­cher Schön­heit gekenn­zeich­net ist, und daher ist er Allahs unver­mit­tel­te Rede. Daß Wahr­heit sich an inner­welt­li­chen Kri­te­ri­en, bei­spiels­wei­se geschicht­li­chen Fak­ten, bewäh­ren muß, die jeder­mann, gera­de auch dem Nicht­mus­lim, ein­leuch­ten müs­sen, ist ein Moham­med unbe­kann­ter Gedanke.

Wer die­se Zir­kel­schlüs­se nicht akzep­tiert, dem wer­den schwe­re irdi­sche und jen­sei­ti­ge Stra­fen ange­droht. Die Angst, die Moham­med sei­nen Zuhö­rern ein­zu­ja­gen sucht, ist in mek­ka­ni­scher Zeit das wesent­li­che Mit­tel sei­ner Mis­sio­nie­rung. In Medi­na kom­men die Andro­hung und der Ein­satz von Gewalt hin­zu: der „Dschi­had“, die „Anstren­gung auf dem Wege Got­tes“, die im Koran als der bewaff­ne­te Kampf gegen Nicht­mus­li­me ver­stan­den wird. Er ist nicht nur gerecht­fer­tigt, son­dern wird von Allah sogar gefor­dert, weil letz­te­re ent­we­der dem Allah ver­haß­ten Göt­zen­dienst anhän­gen oder, wie etwa die Juden und Chris­ten, sich zu einer absicht­lich „ver­fälsch­ten“ Fas­sung der gött­li­chen Bot­schaft bekennen.

Die Grenz­zie­hung gegen sol­che „Schrift­be­sit­zer“ ist ein Grund­ele­ment der im Koran pro­pa­gier­ten Gläu­big­keit der Mus­li­me; Sie­ge im Kampf gegen Juden und Chris­ten oder gegen die Hei­den wer­den als zusätz­li­che Wahr­heits­be­wei­se der Bot­schaft des Korans her­aus­ge­stri­chen, die es in Mek­ka noch nicht hat­te geben kön­nen. Aus die­ser im Waf­fen­ein­satz unter Beweis gestell­ten Wahr­heit der Got­tes­re­de resul­tiert die Pflicht des absoluten

Gehor­sams gegen „Allah und sei­nen Gesand­ten“, und zwar in allen nur denk­ba­ren Lebens­si­tua­tio­nen, wie denn der Koran nach Moham­meds Vor­stel­lung sämt­li­che Aspek­te des Daseins des Men­schen klar dar­legt (Sure 16, 89) und die­ses somit zur Gän­ze gott­ge­ge­be­nen Nor­men unterwirft.

Ein wesent­li­cher Zug der isla­mi­schen „kul­tu­rel­len Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten“ besteht also in der Über­zeu­gung, der Islam sei sämt­li­chen mög­li­chen Daseins­ord­nun­gen über­le­gen, da er dank sei­ner angeb­li­chen unmit­tel­ba­ren Her­kunft von Allah wahr sei und des­we­gen auch nicht in einer von gleich zu gleich geführ­ten intel­lek­tu­el­len Aus­ein­an­der­set­zung – etwa mit dem heu­ti­gen Chris­ten­tum oder dem Säku­la­ris­mus – argu­men­ta­tiv bekräf­tigt wer­den müs­se, ja, dank sei­ner Her­kunft auch gar nicht auf die­se Wei­se bekräf­tigt wer­den kön­ne. Anders­gläu­bi­gen bleibt nichts wei­ter, als sich zu ihm zu bekeh­ren oder sich in die unauf­halt­sa­me Macht­über­nah­me der Ver­fech­ter der gött­li­chen Wahr­heit zu schi­cken und sich mit einem infe­rio­ren Rang min­de­ren Rechts zufrie­den zu geben. Mit wel­chen Mit­teln der Dschi­had, die Macht­über­nah­me, betrie­ben wird, ist eine zweit­ran­gi­ge Fra­ge. Es gibt kein Mit­tel, das von isla­mi­scher War­te aus als ver­werf­lich zu äch­ten wäre; zu beden­ken ist ledig­lich, ob es in der jeweils obwal­ten­den Situa­ti­on oppor­tun ist oder der Aus­brei­tung des Islams hin­der­lich sein könn­te. Die struk­tu­rel­le Frie­dens­un­fä­hig­keit (S. 132) ist ein Wesens­merk­mal der der isla­mi­schen „kul­tu­rel­len Selbstverständlichkeiten“.

In sach­li­chem, ruhi­gem Ton, aber eben mit einem nüch­ter­nen Blick auf das vor allem im Koran Mit­ge­teil­te arbei­tet der Ver­fas­ser die­se Ergeb­nis­se her­aus. Er stellt die isla­mi­schen „kul­tu­rel­len Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten“ den christ­li­chen gegen­über und betrach­tet danach, wie sich das isla­mi­sche Welt- und Reli­gi­ons­ver­ständ­nis in der Scha­ria nie­der­schlägt und auf wel­che Wei­se die Isla­mi­sie­rung der Bevöl­ke­rung der durch Krieg erober­ten Welt­ge­gen­den gesi­chert wur­de. Erhel­lend sind Klei­ne-Hart­la­ges Aus­füh­run­gen über die Gegen­wart; das aggres­si­ve Domi­nanz­stre­ben bekun­det sich nach wie vor unge­bro­chen und bestimmt unter ande­rem das Ver­hält­nis zahl­lo­ser mus­li­mi­scher Ein­wan­de­rer zu den auf­neh­men­den nicht­is­la­mi­schen Län­dern und Kulturen.

Deren poli­ti­sche und media­le Eli­ten pfle­gen vor die­ser Tat­sa­che die Augen zu ver­schlie­ßen, ein Umstand, für den Klei­ne-Hart­la­ge bereits am Beginn sei­ner Unter­su­chun­gen plau­si­ble Erklä­run­gen fin­det, die weit über den Topos des „Wir als Deut­sche…“ hin­aus­ge­hen. Dem Domi­nanz­stre­ben des Islams, so lau­tet sein der Wirk­lich­keit ins Auge bli­cken­des Fazit, haben die euro­päi­schen Gesell­schaf­ten nichts ent­ge­gen­zu­set­zen, da ihren Eli­ten die hier­zu unent­behr­li­chen Ein­sich­ten und der uner­läß­li­che Über­le­bens­wil­le feh­len. Die­se Gesell­schaf­ten wer­den sich de fac­to von ihren Idea­len in dem Maße ent­fer­nen, „wie die Isla­mi­sie­rung vor­an­schrei­tet. Die euro­päi­schen Wer­te der Tole­ranz, des Ethos der Selbst­kri­tik, der Äch­tung der Gewalt, der Hei­li­gung des mensch­li­chen Lebens, des intel­lek­tu­el­len Zwei­fels, des refle­xi­ven Rechts, der Gleich­heit aller Men­schen – und nicht zuletzt die Fähig­keit zum selbst­iro­ni­schen Humor – wer­den mit­samt den Völ­kern, die das alles her­vor­ge­bracht haben, zuerst an den Rand gedrängt und dann erstickt wer­den“ (S. 288).

Klei­ne-Hart­la­ges Buch soll­te eine Pflicht­lek­tü­re der Ent­schei­dungs­trä­ger in der Innen‑, Rechts- und Bil­dungs­po­li­tik sein, und auch die zahl­rei­chen Isla­m­ex­per­ten des inter­re­li­giö­sen Dia­logs soll­ten ihre reflex­ar­ti­ge Empö­rung hint­an­stel­len und das Buch sorg­fäl­tig durch­ar­bei­ten, damit ihnen däm­mert, was sie eigent­lich tun. Daß dies ver­geb­li­che Hoff­nun­gen sind, weiß der Rezen­sent. Um so mehr aber dankt er dem Ver­fas­ser für die geleis­te­te Arbeit und für den Mut, sei­ne Erkennt­nis­se ohne Selbst­zen­sur zu Papier zu brin­gen. Unge­hört wer­den sei­ne Aus­sa­gen nicht verhallen.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

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