16. Januar 2012

Liebe Mely Kiyak!

von Ellen Kositza / 0 Kommentare

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Liebe Mely Kiyak,
Ihre große Aufregung hat Ihnen einen wütenden Brief in die Feder diktiert, der eventuell schwer zustellbar sein dürfte. Er ist an den „lieben deutschen Nazi“ gerichtet. „Lieb“ mögen sie so ironisch gemeint haben wie den Ort der Veröffentlichung ihres Schreibens; diese Neonazis (die sie wohl meinen) lesen mit einiger Sicherheit nicht die Frankfurter Rundschau. Andererseits: Sie wollen offenkundig auch gar nicht jene Unansprechbaren ansprechen, sondern deren „Dulder“, quasi alle Restdeutschen.

Wir haben kapiert: Sie mögen die Nazis nicht. Sie fühlen sich mit dieser Antipathie quasi allein in dieser Republik, in der es nach ihrem Kenntnisstand „vortrefflich“ sein muß, „mit Neonazis zu sympathisieren“. Das erkennen sie daran, daß Sie, Mely, auf ihrem verloren-heroischen Außenseiterposten inmitten von „vom Moslemhass zerfressener Bildungsbürger“ leben, die mit ihren Talkshows und durch ihre Zeitungsschlagzeilen „eine einzige, Jahrzehnte andauernde Wellnesskur für rechten Geist und Gesinnung“ praktizieren.

Sie erkennen es weiter daran, daß es hierzulande „alltäglich“ sei, daß „Menschen, die nicht blond und blauäugig sind, angepöbelt und verprügelt werden“; daran, daß hier niemand „in Politik und Wirtschaft“ einen „Karriereknick“ zu befürchten hat wegen „Moslemhass und Ausländerfeindlichkeit“. Das liegt in Ihren Augen daran, daß das Barbarentum so „tief verwurzelt“ sei wie der Rassismus.

Gnadenreiches Wunder, daß ausgerechnet Sie, als weder blondes noch blauäugiges Fräulein mit türkischen Wurzeln in diesem Land der „Menschenhasser“ Kolumnen füllen dürfen! Stolz auf diese kaputte Republik mit seinem „scheinheiligen Gedenkminüteln“ wären Sie nur, wenn Sie eine Nazibraut“ wären, nur dann nämlich sähen Sie Grund, in diesen Zeiten „voller Stolz“ zu rufen: „Hey, Länder dieser Erde, schaut auf unsere Republik!“

Sie sind aber keine dieser Nazibräute, sondern nur eine arme, sich mit Stipendien und Theodor-Wolff-Preis und diversen Tätigkeiten für Zeitungen, Magazine und die Bundeszentrale für politische Bildung durchhangelnde Schreiberin.

Nur, um nochmal zu rekapitulieren, was Sie summa summarum fordern:
+ Köpfe müssen rollen.
+ Die Schulbücher müssen umgeschrieben werden (inwiefern genau eigentlich?).
+ Politiker sollen endlich, wenigstens einmal, „ausflippen“ gegen „Skinheads“ und „Krawattenträger“ und all jene Massen, die „rechtsextrem denken und links leben“ in diesem hassenswerten „freien Land für freie Nazis“.
+ Das deutsche Volk muß (noch einmal, jetzt gründlich) umerzogen werden.

Dies alles einmal umgesetzt: Wären Sie dann glücklich & zufrieden - zwischen all den rollenden Köpfen ihrer Mitbürger? Aber diese Frage überfordert Sie gewiß. Sie haben zunächst einmal Ihr Bestes getan, bleiben Sie bitte so klug, mutig und originell.

Mit besten Grüßen in Ihre hochinteressante Parallelwelt
Ihre Ellen Kositza
Test

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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