23. Januar 2012

Der Korporationsball verstößt gegen die Menschenrechte

Martin Lichtmesz

Für die aktuelle Ausgabe der österreichischen Zeitschrift Neue Ordnung habe ich eine kleine "Schimpftirade" über mein Vaterland geschrieben. Dabei handelt es sich natürlich um eine Züchtigung aus Liebe. Wobei ich manchmal im Zweifel bin, wieviel Substanz sich aus diesem heillosen Pallawatsch noch herausklopfen läßt.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

In Deutschland blickt man mitunter mit Wehmut darauf, was im angeblich "felix Austria" noch an ungebrochener Traditionspflege möglich ist. Aber in demselben Maße, in dem die 2. Republik ins Stadium der Altersdemenz - und -dekadenz tritt, ändert sich auch das rapide.

In meiner "Tirade" schreibe ich:

Dabei werden Grade an Grunzdummheit, Niedertracht und Giftigkeit erreicht, die man sich in der Bundesrepublik, wo die Verve schon längst in klappernde, ritualistische Routine verpufft ist, kaum vorstellen kann.

Wo ich in Deutschland noch imstande bin, die Lage einigermaßen sachlich zu kommentieren, bin ich in Österreich beinah sprachlos vor Zorn. Ja, Deutschland wird vor unseren Augen planmäßig „abgeschafft“ und abgewrackt, und das ist schon schlimm genug, denn wenn Deutschland fällt, fährt auch sein Wurmfortsatz Österreich, ja Europa selbst den Orkus hinab. Ganz Westeuropa befindet sich heute in einem rapiden Prozeß der kulturellen, demographischen, wirtschaftlichen, territorialen Enteignung . Was hier aufs Spiel gesetzt wird, können wir wohl noch gar nicht ermessen.

Aber wenn ich dieselbe Abbruchsarbeit in Österreich, der patria mia, am Werke sehe, empfinde ich nur mehr einen tiefen, wilden Schmerz und einen unbändige Wut auf die unverzeihliche Idiotie und Fahrlässigkeit, mit der mein Land an die Wand gefahren wird.

Kaum hat das neue Jahr begonnen, findet mein Urteil wieder reichlich Bestätigung. Am einschneidendsten war wohl die Meldung, daß die österreichische UNESCO-Kommission sämtliche (!) Wiener Traditionsbälle "aus dem Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes in Österreich gestrichen" hat.  Dem ging die mediale Skandalisierung des alljährlichen, 1952 begründeten Korporationsballs voraus, der, für manchen bundesdeutschen Zeitgenossen unfaßbar, seit vier Jahrzehnten in der Wiener Hofburg stattfindet. Dieses Jahr wird es zum Abschiedswalzer kommen, denn auf linken Druck entschloß sich die Geschäftsleitung der Hofburg, den Ball künftig aus ihrem Haus zu verbannen.

Besonders hervorgetan hat sich in der Kampagne eine in Österreich wohlbekannte linke "pressure group", die sich trickreicherweise  "SOS Mitmensch" nennt, und nach eigenen Angaben "lautstark und tatkräftig für die Durchsetzung der Menschenrechte" und die "Gleichberechtigung und Chancengleichheit aller Menschen" einsetzt. Mit anderen Worten, es handelt sich hier um eine weiteres linksradikales Dampfwalzenkommando der globalistischen Ideologie, das rein affektive Appelle an die "Menschlichkeit" und den Holocaust dazu benutzt, um die Bestände der eigenen Kultur einzuplätten und für sich selbst politische Machträume zu erpressen.

Die Schamlosigkeit, mit der diese Gruppen vorgehen, zeigt sich etwa in dem demagogischen Bemühen, den diesjährigen Veranstaltungstermin zu skandalisieren, weil er auf den 27. Januar fällt. Nun werden sich einige Leser ratlos am Kopf kratzen.  Zu wem es also noch nicht durchgedrungen ist: dieser Tag wird seit einigen Jahren als internationaler "Gedenktag" des Jahrestags der Befreiung von Auschwitz hochgeschrieben. (Böse Zungen nennen ihn auch gerne den "Sankt Holocaust".) "SOS Mitmensch" und andere stellten dieses rein zufällige Veranstaltungsdatum als eine Art maliziöses Sakrileg hin, das sich erst recht die Rechten und Konservativen nicht leisten dürften.  Das Vorgehen der Gruppe ist ein weiteres schönes Beispiel dafür, wie die Holocaust-Karte ausgespielt wird, um Andersdenkende in die Knie zu zwingen und die eigene Sache in eine quasi priesterlich-unangreifbare Aura zu hüllen.

Der Korporationsball wird schon seit langen von der Linken bekämpft, und nun kam der große Durchbruch. Schützenhilfe bekam die Kampagne von der Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, die nun bizarrerweise ihre Liebe zur österreichischen Nation entdeckt:

Ich sehe diese Aufwertung einer skandalösen Veranstaltung, die nicht zuletzt auch dem antifaschistischen Verfassungsauftrag Hohn spricht, als eine Verunglimpfung Österreichs an. Ein deklariert deutschnationaler Ball kann im Übrigen niemals Österreich zu irgendwelchen Ehren gereichen, er sollte, wenn überhaupt, in das deutsche ('und heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt') Weltkulturerbe einfließen. So sehen das sicher auch die Teilnehmerinnen und Teilnehmer dieses Balles. Sie wollen Deutsche sein und verachten die österreichische Nation.

Test

Ausgerechnet Elfriede Jelinek macht sich Sorgen um die "Verunglimpfung Österreichs"! Martin Mosebach hat sie einmal als einen der "dümmsten Menschen der westlichen Hemisphäre" bezeichnet. Das fand ich sehr lustig, aber ich beteilige mich im Allgemeinen eher ungern am Jelinek-Bashing. Ich empfinde für diese Frau eher Mitleid, sogar eine gewisse Sympathie für ihre Mischung aus Offenheit und Verwundbarkeit. Sie bekennt sich selbst offen dazu, im klinischen Sinne "psychisch gestört" und ein "Zombie" zu sein: "Ich lebe nicht." Das verwundert einen nicht. Die meisten ihrer Bücher sind bleierne, mausetote Wort- und Kopfwüsten, an denen das einzige, das einigermaßen lebendig ist, die destruktive, abtötende Energie ist.

Jelineks Erklärung gehörte jedenfalls bereits zur erweiterten Offensive der Kampagne. Man hatte nämlich entdeckt, daß die österreichische UNESCO-Kommission es gewagt hatte, den Korporationsball in der Liste des "immateriellen Weltkulturerbes" des Landes zu führen. Jelinek forderte das Rollen der Köpfe des UNESCO-Komitees, die natürlich sofort klein beigaben, und ihr Soll noch beflissen übererfüllten, indem sie sicherheitshalber die"gesamte Liste der Wiener Traditionsbälle per sofort aus dem Verzeichnis" entfernten, wie die Kommissions-Präsidentin Eva Nowotny erklärte. Wohl aus Angst, daß das immer noch nicht genüge, gab Nowotny anschließend im Stil der sozialistischen Selbstkritik Bekenntnisse zu Protokoll, die keiner von ihr verlangt hatte, die aber immerhin deutlich zeigen, wohin der Hase läuft.

"Eine Eintragung in das Verzeichnis müsse grundsätzlich auch mit den Grundwerten und Grundprinzipien der UNESCO im Einklang stehen", referiert die Netzseite des ORF, und zitiert Nowotny wörtlich: „wobei Toleranz und Respekt vor anderen Kulturen und Wertschätzung kultureller Diversität besondere Priorität haben.“ Das ist eine ideologische, im Kern kulturfeindliche Hülsen- und Phrasensprache, die auf den ersten Blick völlig unsinnig wirkt: denn inwiefern bitte soll denn nun "Toleranz und Respekt vor anderen Kulturen" durch den Korporationsball infrage gestellt sein?

Und wenn "kulturelle Diversität" derart "besondere Prioriät" haben und erhöhte "Wertschätzung" erfahren soll, warum darf es denn dann keine Korporationsbälle in der Hofburg geben? Tragen die etwa nicht zur "Vielfalt" bei? Sind die etwa nicht etwas "Kulturelles"? Wenn "Toleranz" ein so großer Wert ist, warum kann man dann als Linker keine Veranstaltungen tolerieren, die vorzugsweise von Nicht-Linken besucht werden? Wenn "Respekt" ein so großer Wert ist, warum hält man es für nötig, diese Veranstaltungen und ihre Besucher so hemmungslos zu diffamieren und zu ächten, anstelle ihre abweichende Meinung und ihr andersgeartetes Milieu zu respektieren? Und, um auf "SOS Mitmensch" zurückzukommen, was zum Teufel hat eigentlich die "Durchsetzung der Menschenrechte" mit der Absetzung des Korporationsballes zu tun?

Des Rätsels Lösung ist natürlich, daß es sich bei Nowotnys Erklärungen um ein reines "Newspeak" handelt, dessen wahre Bedeutung man nicht oft genug klarstellen kann. Die Kampagne gegen den Korporationsball zeigt deutlich, daß "Toleranz", "Respekt" und die berüchtigte "Vielfalt" ("Diversität", "Diversity", "Buntheit" usw.) nichts anderes als Codewörter sind, deren ideologischer Sinngehalt darauf abzielt, die Kultur des Eigenen und die eigene Kultur anrüchig zu machen, zu fragmentieren und zu relativieren, letzten Endes gänzlich zu zerstören. Die "Vielfalt" ist eine Einbahnstraße, denn sie wird nur in eine Richtung verlangt, sie dient als Werkzeug der Dekonstruktion.  Ein Traditionsball ist in dieser Ideologie deswegen nicht tragbar, eben weil er traditionsbewußt ist und eine spezifische kulturelle Tradition trägt.  Die Salamitaktik der Linken, die heute lediglich der pathologische Vollstrecker des kulturellen Selbsthasses ist, zielt darauf ab, jegliches Traditionsbewußtsein überhaupt als "rechtsextrem", "antisemitisch", "rassistisch" und so weiter zu diffamieren, um ihm damit das Rückgrat zu brechen.

Die Suggestivkraft dieses Newspeaks und die Macht seiner Schlagwörter zeigt sich auch daran, daß es sich niemand leisten kann, sich seinem Druck zu entziehen. Sie bleiben der unhinterfragbare Kontext, vor dem alle Dinge diskutiert und beurteilt werden, der quasi religiös aufgeladene "Frame", der der Linken ihren entscheidenden Feldvorteil verschafft. So erklärte der Vorsitzende des Ballausschusses, Udo Guggenbichler, allen Ernstes der WKR-Ball werde heuer "im Zeichen von Demokratie und Menschenrechten stehen". Ist das nun Strategie, Blindheit oder Anbiederung? Oder schwarzer Humor? Auf die Dauer werden diese Kotaus nichts nützen: diese Begriffe sind in der festen Hand des Gegners, der eine schier unbegrenzte Definitionshoheit besitzt.

Denn wieso um alles in der Welt soll man nun einen Ball unter das "Zeichen von Demokratie und Menschenrechten" stellen? Etwa, um ihm damit höhere Weihen zu verleihen? Um nordkoreaartig den Enthusiasmus der Teilnehmer zu steigern? Um zu signalisieren, daß sie alle gute Menschen sind? Was soll/muß man heute noch alles unter das "Zeichen von Demokratie und Menschenrechten" stellen? Opern- und Burgtheateraufführungen, Sängerknabenkonzerte und Lippizanershows, Christkindlmärkte, Schönbrunnführungen, Fußballspiele, Heurigenbesuche, Fiakerfahrten, Schifahren und Schnitzelessen "unter dem Zeichen von Demokratie und Menschenrechten"?

Zum Abschluß, quasi als Nachtisch, muß ich noch etwas unterbringen, das als ein weiterer Beleg für die von mir postulierte "Grunzdummheit" der austriakischen Bewältigungspolitik gelten mag. Auch das ein Gradmesser für die Fäulnis des Geschichtsbewußtseins und der Allgemeinbildung in diesem Land, auf derem Mist dann Szenen wie die oben geschilderten gedeihen. Aber festhalten, es spottet wirklich jeglicher Beschreibung. Also: im "Abendjournal" des ORF, also im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, war neulich der Satz zu hören:

Dollfuß hat ja im März 1933 die Demokratie beendet und ließ dann jeden Versuch, den Anschluß an Hitlerdeutschland zu verhindern, niederschlagen.

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Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.


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