Der Korporationsball verstößt gegen die Menschenrechte

Für die aktuelle Ausgabe der österreichischen Zeitschrift Neue Ordnung habe ich eine kleine "Schimpftirade" über mein Vaterland geschrieben.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Dabei han­delt es sich natür­lich um eine Züch­ti­gung aus Lie­be. Wobei ich manch­mal im Zwei­fel bin, wie­viel Sub­stanz sich aus die­sem heil­lo­sen Pal­la­watsch noch her­aus­klop­fen läßt.

In Deutsch­land blickt man mit­un­ter mit Weh­mut dar­auf, was im angeb­lich “felix Aus­tria” noch an unge­bro­che­ner Tra­di­ti­ons­pfle­ge mög­lich ist. Aber in dem­sel­ben Maße, in dem die 2. Repu­blik ins Sta­di­um der Alters­de­menz – und ‑deka­denz tritt, ändert sich auch das rapide.

In mei­ner “Tira­de” schrei­be ich:

Dabei wer­den Gra­de an Grunz­dumm­heit, Nie­der­tracht und Gif­tig­keit erreicht, die man sich in der Bun­des­re­pu­blik, wo die Ver­ve schon längst in klap­pern­de, ritua­lis­ti­sche Rou­ti­ne ver­pufft ist, kaum vor­stel­len kann.

Wo ich in Deutsch­land noch imstan­de bin, die Lage eini­ger­ma­ßen sach­lich zu kom­men­tie­ren, bin ich in Öster­reich bei­nah sprach­los vor Zorn. Ja, Deutsch­land wird vor unse­ren Augen plan­mä­ßig „abge­schafft“ und abge­wrackt, und das ist schon schlimm genug, denn wenn Deutsch­land fällt, fährt auch sein Wurm­fort­satz Öster­reich, ja Euro­pa selbst den Orkus hin­ab. Ganz West­eu­ro­pa befin­det sich heu­te in einem rapi­den Pro­zeß der kul­tu­rel­len, demo­gra­phi­schen, wirt­schaft­li­chen, ter­ri­to­ria­len Ent­eig­nung . Was hier aufs Spiel gesetzt wird, kön­nen wir wohl noch gar nicht ermessen.

Aber wenn ich die­sel­be Abbruchs­ar­beit in Öster­reich, der patria mia, am Wer­ke sehe, emp­fin­de ich nur mehr einen tie­fen, wil­den Schmerz und einen unbän­di­ge Wut auf die unver­zeih­li­che Idio­tie und Fahr­läs­sig­keit, mit der mein Land an die Wand gefah­ren wird.

Kaum hat das neue Jahr begon­nen, fin­det mein Urteil wie­der reich­lich Bestä­ti­gung. Am ein­schnei­dends­ten war wohl die Mel­dung, daß die öster­rei­chi­sche UNESCO-Kom­mis­si­on sämt­li­che (!) Wie­ner Tra­di­ti­ons­bäl­le “aus dem Ver­zeich­nis des imma­te­ri­el­len Kul­tur­er­bes in Öster­reich gestri­chen” hat.  Dem ging die media­le Skan­da­li­sie­rung des all­jähr­li­chen, 1952 begrün­de­ten Kor­po­ra­ti­ons­balls vor­aus, der, für man­chen bun­des­deut­schen Zeit­ge­nos­sen unfaß­bar, seit vier Jahr­zehn­ten in der Wie­ner Hof­burg statt­fin­det. Die­ses Jahr wird es zum Abschieds­wal­zer kom­men, denn auf lin­ken Druck ent­schloß sich die Geschäfts­lei­tung der Hof­burg, den Ball künf­tig aus ihrem Haus zu verbannen.

Beson­ders her­vor­ge­tan hat sich in der Kam­pa­gne eine in Öster­reich wohl­be­kann­te lin­ke “pres­su­re group”, die sich trick­rei­cher­wei­se  “SOS Mit­mensch” nennt, und nach eige­nen Anga­ben “laut­stark und tat­kräf­tig für die Durch­set­zung der Men­schen­rech­te” und die “Gleich­be­rech­ti­gung und Chan­cen­gleich­heit aller Men­schen” ein­setzt. Mit ande­ren Wor­ten, es han­delt sich hier um eine wei­te­res links­ra­di­ka­les Dampf­wal­zen­kom­man­do der glo­ba­lis­ti­schen Ideo­lo­gie, das rein affek­ti­ve Appel­le an die “Mensch­lich­keit” und den Holo­caust dazu benutzt, um die Bestän­de der eige­nen Kul­tur ein­zu­plät­ten und für sich selbst poli­ti­sche Machträu­me zu erpressen.

Die Scham­lo­sig­keit, mit der die­se Grup­pen vor­ge­hen, zeigt sich etwa in dem dem­ago­gi­schen Bemü­hen, den dies­jäh­ri­gen Ver­an­stal­tungs­ter­min zu skan­da­li­sie­ren, weil er auf den 27. Janu­ar fällt. Nun wer­den sich eini­ge Leser rat­los am Kopf krat­zen.  Zu wem es also noch nicht durch­ge­drun­gen ist: die­ser Tag wird seit eini­gen Jah­ren als inter­na­tio­na­ler “Gedenk­tag” des Jah­res­tags der Befrei­ung von Ausch­witz hoch­ge­schrie­ben. (Böse Zun­gen nen­nen ihn auch ger­ne den “Sankt Holo­caust”.) “SOS Mit­mensch” und ande­re stell­ten die­ses rein zufäl­li­ge Ver­an­stal­tungs­da­tum als eine Art mali­ziö­ses Sakri­leg hin, das sich erst recht die Rech­ten und Kon­ser­va­ti­ven nicht leis­ten dürf­ten.  Das Vor­ge­hen der Grup­pe ist ein wei­te­res schö­nes Bei­spiel dafür, wie die Holo­caust-Kar­te aus­ge­spielt wird, um Anders­den­ken­de in die Knie zu zwin­gen und die eige­ne Sache in eine qua­si pries­ter­lich-unan­greif­ba­re Aura zu hüllen.

Der Kor­po­ra­ti­ons­ball wird schon seit lan­gen von der Lin­ken bekämpft, und nun kam der gro­ße Durch­bruch. Schüt­zen­hil­fe bekam die Kam­pa­gne von der Nobel­preis­trä­ge­rin Elfrie­de Jeli­nek, die nun bizar­r­er­wei­se ihre Lie­be zur öster­rei­chi­schen Nati­on entdeckt:

Ich sehe die­se Auf­wer­tung einer skan­da­lö­sen Ver­an­stal­tung, die nicht zuletzt auch dem anti­fa­schis­ti­schen Ver­fas­sungs­auf­trag Hohn spricht, als eine Ver­un­glimp­fung Öster­reichs an. Ein dekla­riert deutsch­na­tio­na­ler Ball kann im Übri­gen nie­mals Öster­reich zu irgend­wel­chen Ehren gerei­chen, er soll­te, wenn über­haupt, in das deut­sche (‘und heu­te gehört uns Deutsch­land und mor­gen die gan­ze Welt’) Welt­kul­tur­er­be ein­flie­ßen. So sehen das sicher auch die Teil­neh­me­rin­nen und Teil­neh­mer die­ses Bal­les. Sie wol­len Deut­sche sein und ver­ach­ten die öster­rei­chi­sche Nation.

Test

Aus­ge­rech­net Elfrie­de Jeli­nek macht sich Sor­gen um die “Ver­un­glimp­fung Öster­reichs”! Mar­tin Mose­bach hat sie ein­mal als einen der “dümms­ten Men­schen der west­li­chen Hemi­sphä­re” bezeich­net. Das fand ich sehr lus­tig, aber ich betei­li­ge mich im All­ge­mei­nen eher ungern am Jeli­nek-Bashing. Ich emp­fin­de für die­se Frau eher Mit­leid, sogar eine gewis­se Sym­pa­thie für ihre Mischung aus Offen­heit und Ver­wund­bar­keit. Sie bekennt sich selbst offen dazu, im kli­ni­schen Sin­ne “psy­chisch gestört” und ein “Zom­bie” zu sein: “Ich lebe nicht.” Das ver­wun­dert einen nicht. Die meis­ten ihrer Bücher sind blei­er­ne, mau­se­to­te Wort- und Kopf­wüs­ten, an denen das ein­zi­ge, das eini­ger­ma­ßen leben­dig ist, die destruk­ti­ve, abtö­ten­de Ener­gie ist.

Jelin­eks Erklä­rung gehör­te jeden­falls bereits zur erwei­ter­ten Offen­si­ve der Kam­pa­gne. Man hat­te näm­lich ent­deckt, daß die öster­rei­chi­sche UNESCO-Kom­mis­si­on es gewagt hat­te, den Kor­po­ra­ti­ons­ball in der Lis­te des “imma­te­ri­el­len Welt­kul­tur­er­bes” des Lan­des zu füh­ren. Jeli­nek for­der­te das Rol­len der Köp­fe des UNESCO-Komi­tees, die natür­lich sofort klein bei­ga­ben, und ihr Soll noch beflis­sen über­erfüll­ten, indem sie sicher­heits­hal­ber die“gesam­te Lis­te der Wie­ner Tra­di­ti­ons­bäl­le per sofort aus dem Ver­zeich­nis” ent­fern­ten, wie die Kom­mis­si­ons-Prä­si­den­tin Eva Nowotny erklär­te. Wohl aus Angst, daß das immer noch nicht genü­ge, gab Nowotny anschlie­ßend im Stil der sozia­lis­ti­schen Selbst­kri­tik Bekennt­nis­se zu Pro­to­koll, die kei­ner von ihr ver­langt hat­te, die aber immer­hin deut­lich zei­gen, wohin der Hase läuft.

“Eine Ein­tra­gung in das Ver­zeich­nis müs­se grund­sätz­lich auch mit den Grund­wer­ten und Grund­prin­zi­pi­en der UNESCO im Ein­klang ste­hen”, refe­riert die Netz­sei­te des ORF, und zitiert Nowotny wört­lich: „wobei Tole­ranz und Respekt vor ande­ren Kul­tu­ren und Wert­schät­zung kul­tu­rel­ler Diver­si­tät beson­de­re Prio­ri­tät haben.“ Das ist eine ideo­lo­gi­sche, im Kern kul­tur­feind­li­che Hül­sen- und Phra­sen­spra­che, die auf den ers­ten Blick völ­lig unsin­nig wirkt: denn inwie­fern bit­te soll denn nun “Tole­ranz und Respekt vor ande­ren Kul­tu­ren” durch den Kor­po­ra­ti­ons­ball infra­ge gestellt sein?

Und wenn “kul­tu­rel­le Diver­si­tät” der­art “beson­de­re Prio­ri­ät” haben und erhöh­te “Wert­schät­zung” erfah­ren soll, war­um darf es denn dann kei­ne Kor­po­ra­ti­ons­bäl­le in der Hof­burg geben? Tra­gen die etwa nicht zur “Viel­falt” bei? Sind die etwa nicht etwas “Kul­tu­rel­les”? Wenn “Tole­ranz” ein so gro­ßer Wert ist, war­um kann man dann als Lin­ker kei­ne Ver­an­stal­tun­gen tole­rie­ren, die vor­zugs­wei­se von Nicht-Lin­ken besucht wer­den? Wenn “Respekt” ein so gro­ßer Wert ist, war­um hält man es für nötig, die­se Ver­an­stal­tun­gen und ihre Besu­cher so hem­mungs­los zu dif­fa­mie­ren und zu äch­ten, anstel­le ihre abwei­chen­de Mei­nung und ihr anders­ge­ar­te­tes Milieu zu respek­tie­ren? Und, um auf “SOS Mit­mensch” zurück­zu­kom­men, was zum Teu­fel hat eigent­lich die “Durch­set­zung der Men­schen­rech­te” mit der Abset­zung des Kor­po­ra­ti­ons­bal­les zu tun?

Des Rät­sels Lösung ist natür­lich, daß es sich bei Nowotnys Erklä­run­gen um ein rei­nes “New­speak” han­delt, des­sen wah­re Bedeu­tung man nicht oft genug klar­stel­len kann. Die Kam­pa­gne gegen den Kor­po­ra­ti­ons­ball zeigt deut­lich, daß “Tole­ranz”, “Respekt” und die berüch­tig­te “Viel­falt” (“Diver­si­tät”, “Diver­si­ty”, “Bunt­heit” usw.) nichts ande­res als Code­wör­ter sind, deren ideo­lo­gi­scher Sinn­ge­halt dar­auf abzielt, die Kul­tur des Eige­nen und die eige­ne Kul­tur anrü­chig zu machen, zu frag­men­tie­ren und zu rela­ti­vie­ren, letz­ten Endes gänz­lich zu zer­stö­ren. Die “Viel­falt” ist eine Ein­bahn­stra­ße, denn sie wird nur in eine Rich­tung ver­langt, sie dient als Werk­zeug der Dekon­struk­ti­on.  Ein Tra­di­ti­ons­ball ist in die­ser Ideo­lo­gie des­we­gen nicht trag­bar, eben weil er tra­di­ti­ons­be­wußt ist und eine spe­zi­fi­sche kul­tu­rel­le Tra­di­ti­on trägt.  Die Sala­mi­tak­tik der Lin­ken, die heu­te ledig­lich der patho­lo­gi­sche Voll­stre­cker des kul­tu­rel­len Selbst­has­ses ist, zielt dar­auf ab, jeg­li­ches Tra­di­ti­ons­be­wußt­sein über­haupt als “rechts­ex­trem”, “anti­se­mi­tisch”, “ras­sis­tisch” und so wei­ter zu dif­fa­mie­ren, um ihm damit das Rück­grat zu brechen.

Die Sug­ges­tiv­kraft die­ses New­speaks und die Macht sei­ner Schlag­wör­ter zeigt sich auch dar­an, daß es sich nie­mand leis­ten kann, sich sei­nem Druck zu ent­zie­hen. Sie blei­ben der unhin­ter­frag­ba­re Kon­text, vor dem alle Din­ge dis­ku­tiert und beur­teilt wer­den, der qua­si reli­gi­ös auf­ge­la­de­ne “Frame”, der der Lin­ken ihren ent­schei­den­den Feld­vor­teil ver­schafft. So erklär­te der Vor­sit­zen­de des Ball­aus­schus­ses, Udo Gug­gen­bich­ler, allen Erns­tes der WKR-Ball wer­de heu­er “im Zei­chen von Demo­kra­tie und Men­schen­rech­ten ste­hen”. Ist das nun Stra­te­gie, Blind­heit oder Anbie­de­rung? Oder schwar­zer Humor? Auf die Dau­er wer­den die­se Kot­aus nichts nüt­zen: die­se Begrif­fe sind in der fes­ten Hand des Geg­ners, der eine schier unbe­grenz­te Defi­ni­ti­ons­ho­heit besitzt.

Denn wie­so um alles in der Welt soll man nun einen Ball unter das “Zei­chen von Demo­kra­tie und Men­schen­rech­ten” stel­len? Etwa, um ihm damit höhe­re Wei­hen zu ver­lei­hen? Um nord­ko­reaar­tig den Enthu­si­as­mus der Teil­neh­mer zu stei­gern? Um zu signa­li­sie­ren, daß sie alle gute Men­schen sind? Was soll/muß man heu­te noch alles unter das “Zei­chen von Demo­kra­tie und Men­schen­rech­ten” stel­len? Opern- und Burg­thea­ter­auf­füh­run­gen, Sän­ger­kna­ben­kon­zer­te und Lip­piza­ner­shows, Christ­kindl­märk­te, Schön­brunn­füh­run­gen, Fuß­ball­spie­le, Heu­ri­gen­be­su­che, Fia­ker­fahr­ten, Schi­fah­ren und Schnit­zel­es­sen “unter dem Zei­chen von Demo­kra­tie und Menschenrechten”?

Zum Abschluß, qua­si als Nach­tisch, muß ich noch etwas unter­brin­gen, das als ein wei­te­rer Beleg für die von mir pos­tu­lier­te “Grunz­dumm­heit” der aus­tria­ki­schen Bewäl­ti­gungs­po­li­tik gel­ten mag. Auch das ein Grad­mes­ser für die Fäul­nis des Geschichts­be­wußt­seins und der All­ge­mein­bil­dung in die­sem Land, auf derem Mist dann Sze­nen wie die oben geschil­der­ten gedei­hen. Aber fest­hal­ten, es spot­tet wirk­lich jeg­li­cher Beschrei­bung. Also: im “Abend­jour­nal” des ORF, also im öffent­lich-recht­li­chen Rund­funk, war neu­lich der Satz zu hören:

Dol­lfuß hat ja im März 1933 die Demo­kra­tie been­det und ließ dann jeden Ver­such, den Anschluß an Hit­ler­deutsch­land zu ver­hin­dern, niederschlagen.

Test

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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